Reuschenbach/Frenzel: Defekte Debatten

#bücherliebe #leseliebe #buchblogger #kulturblog #bookstagram #juliareuschenbach #korbinianfrenzel #suhrkamp #defektedebatten

Auf dieses Buch bin ich durch einen TV-Auftritt der Politikwissenschaftlerin Julia Reuschenbach bei Phoenix gekommen. Sie hat mir bei diesem Auftritt mit ihrer klar strukturierten Argumentation gefallen, und bei der Recherche zu ihr, bin ich dann auf dieses Buch gestoßen. Gemeinsam mit dem Radiojournalisten Korbinian Frenzel hat sie ein Buch zum Zustand gesellschaftlicher Debatten in unserem Land geschrieben. Für mich ist dies ein zentrales Thema mit Blick auf unsere demokratische Krise, die zu einem Aufstieg von Populisten führt. In einer Zeit großer gesellschaftlicher Herausforderungen ist es eminent wichtig, dass wir strukturiert und mit gewissen Regeln demokratischen Streit führen und dann zu Entscheidungen kommen. Blickt man jedoch auf die aktuelle politische Lage in unserem Land,scheint dies nur schwer möglich zu sein. Das Autorenteam plädiert deshalb dafür, dass wir wieder lernen, besser zu streiten. Für eine funktionierende Gesellschaftskultur ist es notwendig, dass respektvolle und konstruktive Debatten geführt werden. Das Buch ist 2024 im Suhrkamp Verlag erschienen und ich habe es mittlerweile zum zweiten Mal gelesen.

„Alternative Fakten haben leichtes Spiel, wo Unsicherheiten und Orientierungslosigkeit um sich greifen.“

Reuschenbach/Frenzel: Defekte Debatten, Suhrkamp Verlag 2024, S.155.

Mit diesen Worten verdeutlicht sich für mich nochmals, warum es so wichtig ist, dass wir uns mit der Funktionsweise von Debatten in unserem Land auseinandersetzen. Es hat sich während der Corona-Pandemie gezeigt, dass wir bei einem politischen Vorgehen anhand von Fakten, immer wieder damit rechnen müssen, dass sich diese verändern. Nur wenn dies transparent und ehrlich kommuniziert wird, kann gelernt werden, wie man mit wissenschaftlichen Studien umgeht. Ohne eine klare Kommunikation entsteht Unsicherheit, und diese nutzt der Populismus gekonnt für seine Zwecke. Man kann dies auch beim Thema Ukraine-Krieg beobachten. Ohne klare Kursaussagen, hier vor allem aufgrund der ehemaligen Nähe zu Russland, entsteht ein Nährboden, der die Situation des Krieges in ein anderes Licht rückt und dabei Fakten verdreht. Reuschenbachs und Frenzels Buch kann man in drei Teile gliedern. Zunächst widmen sich die beiden dem Status quo unserer Debattenkultur. Hier ist ihr Ausgangspunkt, dass sich in unseren aktuellen Debatten eine gesellschaftliche Überforderung zeigt. Uns fehlen geeignete Mittel der Moderation, bestehende Formate sind mit der Komplexität unserer Welt überfordert und zudem der Integration von Emotionalität nicht gewachsen. Stattdessen wird Lautstärke mit Vereinfachung zu einem gewählten Stilmittel, welches unsere Debattenkultur quasi vergiftet. Unsere gesellschaftlichen Debatten werden nicht anhand von Sachargumenten geführt, sondern zu schnell auf die Symbolebene verschoben, und damit verdrängen Identitäts- und Machtfragen die eigentliche Sachebene. Es ist hier jedoch zu einfach, die Schuld nur bei den Populisten zu suchen. Vielmehr übernehmen auch bereits etablierte Akteure populistische Debattenmuster. Diese Entwicklung kann man bei den Themen Klimawandel und Migration bei den Parteien CDU und SPD genau beobachten. Insgesamt finden sich jedoch bei allen Parteien diese Muster wieder. Dies führt insgesamt zu einer Verschärfung des gesellschaftlichen Tons und sprengt gemeinsame Diskussionsräume.

„Es geht dabei nicht um die Demokratie als Staatsform, sondern vor allem um ihr Funktionieren. Es sinkt das Vertrauen darin, dass Politik in der Lage ist, Probleme (trotz guten Willens und ernster Absichtserklärungen) wirklich zu lösen. Dass  Politik in der Lage ist, über Legislaturperioden hinweg vorausschauend im Sinne aller Generationen zu agieren, Wohlstand zu sichern, sozialen Ungleichheiten zu begegnen und Politik sozialverträglich zu gestalten.“

Reuschenbach/Frenzel: Defekte Debatten, Suhrkamp Verlag 2024, S.27

Eine weitere Ursache für die erschwerte Debattenkultur liegt im politischen System und seinen aktuellen Ergebnissen. Reuschenbach und Frenzel finden aus meiner Sicht ein optimales Beispiel für Vertrauensverlust in unsere politisch Handelnden beim Thema Digitalisierung. Dieses Thema ist kein Streitthema unter den Parteien, jeder möchte hier Fortschritte erzielen, und dies schon seit Jahren, aber es kommt nicht zu spürbaren Fortschritten für die Bevölkerung. Immer noch herrscht ein Mangel in der Infrastruktur, in Behörden gibt es noch Faxgeräte und die Bürokratie nimmt stetig zu, statt ab. Politik, die bei einem Thema nicht vorankommt, wo es keine unterschiedlichen Meinungen im Parteienspektrum gibt, büßt automatisch an Vertrauen ein. Aus diesem Vertrauensverlust entsteht wiederum Nährboden für Populisten und für alternative Fakten. Begünstigt wird die Polarisierung zudem durch eine Medienlandschaft, in welcher die Klickrate und Quote vor einer differenzierten Analyse stehen. Die sozialen Medien mit ihrem Fokus auf Überschriften treiben unsere Medienlandschaften voran. Klickraten über Kommentare sind ökonomisch für die Medien wichtig, führen aber dazu, dass man bei journalistischen Formaten auf Emotionalisierung statt auf differenzierte Analyse setzt. Parteien instrumentalisieren hier ablesbare Konflikte, statt sich einer sachorientierten Lösung zu widmen. Ebenso gibt es auf politischer Ebene keine funktionierende Fehlerkultur, sondern diese wird entweder verschwiegen oder nur als Angriff auf den politischen Gegner genutzt. Der zweite Part des Buches widmet sich deshalb intensiv der Ursachenforschung und macht hierbei noch die zunehmende gesellschaftliche Individualisierung als Herausforderung aus. Es gibt immer weniger organisierte Gruppen, die einen Halt für gesellschaftliche Positionen geben. Die Kirchen und Gewerkschaften seien hier mit ihren zurückgehenden Mitgliederzahlen zu nennen. Immer mehr Menschen ziehen sich aus öffentlichen Debatten zurück. Grundsätzlich ist eine wesentliche Stärke des Buches, dass, den politischen Bereich ausgeklammert, nur wenig anklagende Momente zu finden sind. Dem Autorenteam geht es um eine fundierte, sachliche Darstellung, die auf mich in jedem Moment klar strukturiert und einleuchtend wirkt.

„Politik muss häufiger und besser erklärt werden, sonst tun es andere: jene, die suggerieren, mit pauschalen und einfachen Erklärungen ließen sich die großen Herausforderungen unserer Zeit regeln.“

Reuschenbach/Frenzel: Defekte Debatten, Suhrkamp Verlag 2024, S.237.

Im letzten Part des Buches geht es dann um konkrete Verbesserungsvorschläge für unsere Debattenkultur, und diese sind eng mit den gefundenen Ursachen verknüpft. Dabei widmet sich das Autorenteam verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen wie Bildung, Medien oder politischen Institutionen. Hier zeigt sich eine gezielte und sinnvolle Praxisorientierung, welche das Buch insgesamt abrundet. Streit in einer Demokratie ist essenziell, denn nur so kann man zu gemeinsamen Entscheidungen kommen. Gemeinsamkeiten können so überhaupt erst erkannt werden. Dadurch werden pauschale Feindbilder zurückgedrängt. Wir brauchen deshalb nach den beiden Autoren eine Stärkung der politischen und medialen Bildung, um komplexe Sachverhalte besser zu verstehen. Zudem müssen Formate der politischen Teilhabe gestärkt werden und hier muss sich auch die politische Kommunikation verbessern. Es muss weniger um Inszenierung gehen, die politischen Inhalte müssen wieder in den Fokus, statt noch ein Bild des Mittagessens des bayerischen Ministerpräsidenten. Entscheidungsprozesse müssen transparenter werden, um das Vertrauen in die Institutionen wieder zu erhöhen. Medien und Internetplattformen müssen mehr Verantwortung für Inhalte und durch sie ausgelöste Debatten übernehmen. Es geht dabei auch um die Abbildung von Meinungsvielfalt.

Fazit:

Ich muss zugeben, dass mich dieses Buch richtig gepackt und förmlich mit seiner klaren Struktur erschlagen hat, aber im positiven Sinne. Zunächst wird deutlich, wie uns Debatten erschöpfen und dass dies natürlich ebenfalls zum Rückzug ins Private führt. Wir sind also selbst Teil der Ursachen, und somit setzt dieses Buch auf eine breite, fundierte Analyse, die eben nicht nur eine Teilschuld in manchem Bereich in den Vordergrund schiebt. Mir ist kein Buch bekannt, in welchem die Ursachen für unsere verzerrte Debattenkultur so konzentriert zu lesen sind. Mich hat das Buch jedenfalls mit seiner Beschreibung des Zustands abgeholt und nachvollziehbare Ursachen geliefert. Die Forderung, die Kompromissbereitschaft zu erhöhen, wird mit klar formulierten Vorschlägen für Veränderungen der Rahmenbedingungen gekoppelt.  All dies ist leicht zu lesen und anschaulich an Beispielen beschrieben, sodass dieses Buch für jedermann verständlich ist. Ich kann zu dieser Lektüre nur raten und würde sie für Menschen, die sich politisch engagieren, sogar zur Pflichtlektüre machen.

Werbung aus Liebe zum Buch

Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧🐧

Titel: Defekte Debatten

ISBN: 978-3-518-47438-9

https://www.suhrkamp.de/buch/defekte-debatten-t-9783518474389

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert