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Ein letztes Sachbuch im Monat Januar, welches sich mit den aktuellen Herausforderungen unserer Demokratie beschäftigt, möchte ich kurz vor dem Monatswechsel vorstellen. Andrea Römmele, Professorin für Politische Kommunikation an der Hertie School in Berlin, hat es geschrieben. „Demokratie neu denken: Szenarien unserer Welt von morgen“ ist 2024 im Campus Verlag erschienen und widmet sich verschiedenen Szenarien für unsere Zukunft. Römmele zählt zu den bekanntesten Stimmen in aktuellen Diskussionen um demokratische Krisen. Mit ihrem Buch möchte sie ausgewählte Trends analysieren und mögliche Lösungsansätze für Gesellschaft und politisch Handelnde vorstellen. Ihr geht es somit nicht nur darum, Symptome darzustellen, sondern sie möchte Lösungsstrategien ableiten.
„Die Zukunft vorab zu imaginieren, rüstet uns. Denn eines ist nicht zu leugnen: Die Welt ändert sich. Das hat sie immer getan. Aber sie tut es derzeit mit nie gesehener Beschleunigung und Wucht.“
Römmele, Andrea: Demokratie neu denken, Campus Verlag 2024, S.15.
Mit diesem Zitat sind wir bei der betrachteten Ausgangssituation. Gut finde ich, dass Römmele schon zu Beginn deutlich macht, dass wir in unserem Zusammenleben immer mit Transformation in Kontakt geraten sind und in der Vergangenheit bereits Veränderungen gemeistert haben. Das Buch ist um die fünf von Römmele identifizierten Megatrends „Digitalisierung und Künstliche Intelligenz, Urbanisierung, Demografischer Wandel und Migration, Klimawandel und Globalisierung“ aufgebaut. Zu jedem dieser Trends präsentiert die Autorin zunächst eine Analyse und geht auf Entwicklungen des jeweiligen Trends ein. Anschließend entwirft sie fiktive Zukunftsszenarien, die unsere Welt in einer Zukunft in mehr als zehn Jahren präsentieren. Hierbei wählt sie zum einen eine positive Sicht und zum anderen eine negative. Mit dieser Struktur drückt sich im Buch aus, dass die Autorin bei diesen Megatrends überzeugt ist, dass wir uns an einer Art Kipppunkt befinden, bei dem eine Richtungsentscheidung zu treffen ist. Grundthese des Buches ist, dass wir alle an unserer demokratischen Gesellschaft mitwirken müssen und Demokratie einem stetigen Wandel unterworfen sein muss. Systeme überleben bei Römmele nur, wenn sie sich als wandlungs- und entwicklungsfähig zeigen. Die fünf Megatrends sind uns allesamt nicht erst seit Kurzem bekannt, und doch haben wir uns der damit verbundenen Herausforderungen noch nicht in der entsprechenden Qualität angenommen. Wir brauchen somit Veränderungen in der Art und Weise, wie wir im demokratischen System Probleme diskutieren. Wir dürfen uns nicht auf kurzfristige Partikularinteressen fixieren, müssen der Wissenschaft Raum einräumen, unsere Diskussionen mitzugestalten. Wir müssen uns von einem Fokus auf das eigene Selbst lösen und unsere Gemeinschaft wieder stärker in den Mittelpunkt stellen. Mit diesen Grundannahmen spricht die Autorin sicherlich vielen ihrer Leserschaft aus der Seele und fordert per se nichts Falsches.
„Auch im Austausch zwischen Wählern und Gewählten müssen zwingend Fakten im Mittelpunkt stehen. Bürgerinnen und Bürger müssen über das Angebot politischer Parteien informiert sein. Sie brauchen zwar keine allumfassende Information – Emotionen und Narrative spielen bei der Vermittlung eine große und wichtige Rolle- aber wer wählt, muss eine fundierte Wahlentscheidung treffen können. Und anders herum müssen Parteien auch die Interessen, Forderungen und Belange der Bürgerinnen und Bürger kennen. Das gehört zum Fundament der Demokratie.“
Römmele, Andrea: Demokratie neu denken, Campus Verlag 2024, S.34.
Um diesem Zitat gerecht zu werden, müssen wir unser aller kreative und innovative Kraft verstärkt auf die Zukunft ausrichten. Nur auf diese Weise können wir über kurzfristige Krisenbewältigungen hinausdenken. Notwendig sind hierfür politische Bildung und Diskussionsplattformen. Wir müssen nach Römmele die Möglichkeiten, sich zu beteiligen, stärken. Insgesamt sind die Barrieren für die Teilhabe an politischen Prozessen wohl noch zu groß. Im digitalen Raum brauchen wir zudem klare Regeln, müssen dafür sorgen, dass Desinformationen eingedämmt werden können. In ihren Beispielen bleibt Römmele aber aus meiner Sicht zu vage. Ihre identifizierten Megatrends bieten aus meiner Sicht keine Neuerungen, was allerdings daran liegt, dass sie auch klarstellt, dass wir auf diese schon länger hätten reagieren müssen. Ihre fiktiven Zukunftsbeispiele, welche die entscheidenden Weichen markieren sollen, sind aus meiner Sicht äußerst simpel und an manchen Stellen zu wenig mit Fakten hinterlegt. Dafür, dass ein größeres Vertrauen in die Wissenschaft eingefordert wird, fehlt hier die nötige qualitative Tiefe. Zudem wird der Weg zu dem geschilderten fiktiven politischen Szenario mit geringen Handlungsempfehlungen versehen.
„Aber die Politik sollte sich im Idealfall nicht erst um Probleme kümmern, wenn sie eintreten – es geht darum, diese Probleme im Vorfeld mit der Unterstützung der Wissenschaft zu antizipieren und Szenarien für den Eintrittsfall zu durchdenken und parat zu haben. Kurz gesagt: Es geht darum, hinter den Ball zu kommen: von der Gegenwarts- in die Zukunftsorientierung.“
Römmele, Andrea: Demokratie neu denken, Campus Verlag 2024, S.200.
Der zentrale Vorschlag des Buches besteht darin, dass wir uns von einer Zukunftsangst hin zu etwas mehr Mut bewegen, mögliche Risiken als Chancen betrachten und vor allem gemeinsam optimistischer in die Zukunft blicken. Hierzu ist ein neuer Politikstil vonnöten, und an dieser Stelle ist das Buch aus meiner Sicht ebenfalls mutig in seinen Forderungen. Es wird klar benannt, dass wir Politiker:Innen brauchen, die nicht nur an Macht und Positionen interessiert sind. Eine mögliche Wahlzeitbegrenzung müsste dadurch entschärft werden, dass sie auch anschließend nicht nur in Lobbyistenjobs wechseln. Wir benötigen insgesamt eine andere Form der politischen Vermittlung, und in dieser Forderung gleicht das Buch vielen der Bücher, welche ich in diesem Monat gelesen habe. Römmele weiß, dass es hierfür kein leichtes Rezept gibt und viele ihrer Ideen Zeit benötigen.
Fazit:
Die Stärke des Buches liegt deutlich in seinem zukunftsorientierten Ansatz, wobei das Buch für mich argumentativ hinter Büchern anderer Transformationsforscher wie z.B. Maja Göpel zurückbleibt. Nochmals auf die fünf entschiedenen Megatrends hingewiesen zu werden, schadet nicht, die gewählte Struktur mit fiktiven Zukunftsentwürfen löst aber das Versprechen eines neuen demokratischen Denkens nicht gänzlich ein. Für mich ist die optimistische Grundstimmung des Buches nicht immer ansteckend, sondern wirkt an einigen Stellen zu naiv. Trotzdem bietet dieses Buch spannende Einblicke und ist vor allem mit seinen Forderungen an den politischen Betrieb mutig. Ich finde, dass die Lektüre des Buches einen leicht zugänglichen Blick auf Herausforderungen unserer Zeit und damit auch einen guten Einstieg für politisch Interessierte bietet.
Werbung aus Liebe zum Buch
Wertung: 🐧🐧🐧🐧
Titel: Demokratie neu denken
ISBN: 978-3-593-51790-2
