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Ich bin seit Jahren begeisterter Radsportfan, angefangen natürlich mit den erfolgreichen Jahren des Teams Deutsche Telekom. Im Jahr 2007 musste ich dann einen emotionalen Tiefpunkt in meinem Fandasein verkraften, als dann auch Erik Zabel unter Tränen eingestand, gedopt zu haben. In Deutschland hat das systematische Doping dazu geführt, dass es zu einem Einbruch des öffentlichen Interesses und zu einem finanziellen Kollaps in der finanziellen Förderung kam. Ich mag diesen Sport ungebrochen, und doch war mir längere Zeit nicht klar, wem ich zukünftig die Daumen drücken werde und ob ich den Sportlern wieder genügend Vertrauen entgegenbringen könnte. Es ist für mich nicht relevant, welche Nationalität der Sportler hat, aber er muss mich mit seinem Fahrstil überzeugen können. Es gelang einem slowakischen Fahrer, mich mit seiner Art einzunehmen, denn ich mochte seinen extravaganten Jubel und die Vielfältigkeit in seinen Erfolgen und seine Fahrweise. Die Rede ist von Peter Sagan. Sagan wurde 1990 im slowakischen Zilina geboren und ist einer der erfolgreichsten Radprofis der letzten Jahre. Er war sowohl sprintstark, gewann das Grüne Trikot und konnte bei Klassikern Erfolge feiern. Da er mich begeisterte, stand seine Autobiografie sofort auf meiner Leseliste und ist somit nun Bestandteil meines kleinen Radsportschwerpunkts.
Autobiografien von Spitzensportler*Innen haben häufig ein klassisches Muster und folgen dem Sportler*Innenleben chronologisch. Peter Sagan wählt einen anderen Weg und stellt seine drei aufeinanderfolgenden Triumphe bei der Straßenweltmeisterschaft in den Mittelpunkt.
„Was ich zu sagen versuche, ist, dass ich Ihnen nicht meine Lebensgeschichte erzählen kann, weil mein Leben gerade stattfindet und sich jeden Tag ändert, ebenso wie das Ihre, ebenso wie das Leben aller Menschen.“
Sagan, Peter: Meine Welt, Piper Verlag 2018, S.28.
Peter Sagan schildert die Geschehnisse rund um seine drei größten Erfolge mit einem persönlichen Einblick. Sicherlich hat er journalistische Unterstützung erhalten, um seine Erinnerungen in eine strukturierte und zusammenhängende Form zu bringen, doch der Tonfall passt zu diesem erfolgreichen Radsportstar. Sagan galt schon früh als großes Talent, allerdings gab es in der Slowakei keine Radsportförderung, wie man sie aus den Topnationen Belgien, Frankreich oder z.B. Italien kennt. Er hat seinen finanziellen Erfolg nicht nur sportlichen Topleistungen, sondern seiner lockeren Art, seinem Humor und seiner spektakulären Fahrweise zu verdanken. Das Buch unterteilt sich in die drei Weltmeistertitel, angefangen mit jenem in Richmond 2015, und unterstreicht damit, dass für Sagan das Tragen des gestreiften Weltmeistertrikots eine besondere Ehre ist. In seinem Gewinn dieses Titels hat sich für Sagan all die Arbeit, die er in seine Karriere gesteckt hat, ausgezahlt. Er ordnet Episoden seiner Karriere den drei Titelgewinnen zu und gibt somit durchaus Einblick in seine Karriere. Die Dankbarkeit seiner Familie ihm gegenüber ist an vielen Stellen deutlich zu lesen. Es wird früh deutlich, wie wichtig das familiäre Umfeld mit seinem Bruder und dem fördernden Vater ist. Sagan widmet aber auch seinen jeweiligen Teams, seinem Manager und sportlichen Leitern Passagen, in denen deutlich wird, dass all seine Erfolge auf einer harten Teamarbeit basieren. Immer ist sich Sagan dabei bewusst, wie er seine Popularität ausgebaut hat und dass er hierfür auch mit seiner Art verantwortlich ist. Nicht immer fiel ihm diese öffentliche Rolle leicht, andererseits konnte er sehen, dass er damit der Radsportförderung in seinem Heimatland einen enormen Schub verleihen konnte.
„Auf diesen letzten Metern bereits zu wissen, dass ich gewinnen würde, beeinflusste die nächsten Minuten nachhaltig. Es ist überwältigend, wenn man erkennt, dass der neue Weltmeister sein wird, ohne an der Ziellinie einen Tigersprung zu machen oder auf die Auswertung des Zielfotos warten zu müssen und es dann erst von den Journalisten zu erfahren.“
Sagan, Peter: Meine Welt, Piper Verlag 2018, S.113.
An diesen Schilderungen erkennt man den Respekt vor dem Geleisteten und dass ihm der dreifache Gewinn des Weltmeistertitels in Folge mehr bedeutet als der Gewinn des Grünen Trikots bei der Tour de France oder ein Sieg bei den Frühjahrsklassikern. Doch bevor er diese großen Erfolge feiern konnte, musste er sich die ersten Meriten bei den Profis unter anderem im Team Liquigas erarbeiten. Für den jungen slowakischen Profi bedeutete dies neue Trainingsmethoden, eine neue Kultur und dass er sich beweisen musste. Es ist spannend zu sehen, dass Sagan sich nicht durchgehend als strahlenden Champion schildert. Vielmehr zweifelt er oft am möglichen eigenen Erfolg und dass Angst vor Verlust ebenfalls ein großes Thema ist. Sagan spricht über den Reisestress, Verletzungen und die Belastung durch Teamsponsoren und deren Erfolgszielsetzung. Sagan benennt Probleme in seiner Karriere, die er mit bestimmten Trainern oder Sportlichen Leitungen hatte. Er schildert den Mäzen Oleg Tinkoff mit all der Ambivalenz, welche diese Person ins Radsportbusiness getragen hat. Sagans Manager Giovanni Lombardi ist eine wichtige Bezugsperson, doch es zeigt sich auch, dass alle im „Team Sagan“ ihm folgen. Vorteile hat davon sicherlich auch sein Bruder Juraj, den er in seinen Teams meist als Profi mitbrachte. Man erfährt, wie Sagan seine Vorbereitung anpasste und welche Lieblingsrennen er hat. Mich haben hierbei die Schilderungen der Frühjahrsklassiker besonders beeindruckt. Man kann bei seinen Schilderungen förmlich mit ihm fahren und erkennt, wie schwer es ist, als Fahrer auf unterschiedlichem Terrain zu glänzen.
„Ich kann gar nicht sagen, wie schwierig es ist, nach 250 Kilometern auf einen Tempowechsel zu reagieren – etwa im Vergleich zu 150 Kilometern, was dem durchschnittlichen Beginn der Sprintphase bei einer Grand Tour näher kommt. Es ist wie eine andere Sportart.“
Sagan, Peter: Meine Welt, Piper Verlag 2018, S.18.
Peter Sagan gibt einen spannenden Einblick ins Renngeschehen, schildert Rennausgänge und wie er sich in deren finalen Entscheidungen positionierte. Wenn wir von außen oder im TV auf die Rennen blicken, sind wir fasziniert von der Geschwindigkeit, doch diese Faszination nimmt durch die Schilderungen Sagans zu. Der Slowake beschreibt die gefährlichen Positionskämpfe, welche psychologischen Spielchen angewandt werden und dass alle Entscheidungen immer auch taktischer Natur sind. All dies muss innerhalb weniger Sekunden geschehen und unterstreicht all den Druck, den die Topfahrer verspüren. Sagan schildert, dass auf all dies auch Wetter, Straßenbelag und das Verhalten einzelner Konkurrenten großen Einfluss haben. Für mich ist bei der Lektüre deutlich geworden, wie der kleinste Fehler über Sieg oder Niederlage entscheidet. Insgesamt versprüht das Buch Authentizität und bringt einen extravaganten Sportler näher, der nicht umsonst eine große Bedeutung für die Popularität seines Sports hatte und noch hat. Sicherlich kann die sprunghafte Schilderung die Leserschaft an der ein oder anderen Stelle verwirren und manche Karriereabschnitte geraten kürzer, trotzdem überwiegt für mich die Besonderheit dieser nahen Schilderungen von Rennszenen, die ich so bisher noch nicht gelesen habe. Etwas blass bleibt Sagan, wenn es um Konflikte innerhalb des Fahrerfelds oder um das Thema Doping geht. Andererseits ist er mit seiner Fahrweise und der Transparenz zu Dopingproben eines der Gesichter, welche halfen, dem Radsport wieder ein besseres Image zu verleihen.
Fazit:
Mit dieser Biografie hat Peter Sagan seinen besonderen Platz in meinem Radsportherz nochmals untermauert. Sagan schreibt nicht ausgehend vom Karriereende, sondern mitten aus seiner Karriere. Die Komplexität des modernen Radsports zeigt sich anhand der veränderten Trainingsbedingungen und des stetig ansteigenden Drucks auf die Fahrer. Im Buch finden sich ehrliche Gedanken über den eigenen Weg zum Erfolg, und zugleich zeigt sich die Coolness, die man von ihm auch während der Rennen kennt. Sagan weiß um die eigenen Stärken, ist sich aber auch nicht zu schade, uns Einblick in Selbstzweifel zu geben. Für mich ist dieses Buch eine lesenswerte Lektüre für alle Radsportfans und zeigt einen Sportler, der ein Gesicht des Aufbruchs dieser Sportart nach den dunklen Dopingjahren war.
Werbung aus Liebe zum Buch
Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧
Titel: Meine Welt
ISBN: 978-3-492-40635-2
