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Gilda Sahebi habe ich bis zur Frankfurter Buchmesse 2025 überhaupt nicht auf dem Schirm gehabt. Während der Messe durfte ich sie dann gemeinsam mit der Schriftstellerin Martina Clavadetscher bei einer Diskussion zum Thema „Bubbles“ erleben und ihre Thesen fand ich äußerst interessant. Direkt im Anschluss habe ich mir dann ihr 2025 bei S.Fischer erschienenes Buch „Verbinden statt spalten“ gekauft. Sahebi ist im Alter von einem Jahr nach Deutschland gekommen, studierte Humanmedizin und Politikwissenschaften. Sie arbeitet als Journalistin und ist gefragte Expertin für den Nahen Osten und arbeitet fokussiert zum Thema Menschenrechte. Ihr Buch setzt genau da an, wo Debatten in unserer Gesellschaft laut erscheinen, man den Eindruck hat, dass unsere Gesellschaft durch scharfe Trennlinien durchzogen ist. Ähnlich wie der Soziologe Steffen Mau widmet sie sich der Frage, ob diese Trennungen wirklich so einschneidend sind. Allerdings widmet sie sich den Spaltungsnarrativen und nimmt diese auseinander.
„Je mehr Gefühle ein Thema potenziell hervorruft, je mehr es mit >>gut<< oder >>böse<< verbunden wird, umso stärker lässt es sich politisch missbrauchen.“
Sahebi, Gilda: Verbinden statt spalten, S. Fischer Verlag 2025, S.177.
Dieses Zitat offenbart schon, dass Sahebi sich der Funktionsweise von Spaltungserzählungen widmet. Ihr Buch ist darauf ausgerichtet durch Aufzeigen der Funktionsweisen dafür zu werben, sich diesen Funktionen zu widersetzen. Sahebi will dafür plädieren sich mehr dem Gemeinsamen statt dem Trennenden hinzuwenden. Grundthese ist somit, dass Gesellschaft eben nicht durch unumstößliche Gegensätze geprägt sind, dieser Eindruck wird nur durch Narrative erzeugt, die eine verzerrte Wahrnehmung befeuern. Hierfür muss man zunächst verstehen, dass unsere gesellschaftlichen Debatten nie nur faktenbasiert geführt werden können. Sahebi untermauert dies, in dem sie an verschiedenen Beispielen zeigt, dass bei vielen Themen keine einheitlichen Definitionen gegeben werden. Gerechtigkeitsfragen oder Fragen der Moral können nicht nur sachlich fundiert geführt werden, sondern haben immer eine Gefühlsebene. Dieser Tatsache sind sich Polarisierungsunternehmer bewusst, Kräfte aller politischen Couleur versuchen deshalb die Gefühlsebene in den Vordergrund zu stellen und damit Verhärtung in den Fokus rücken. Sahebi zeigt an vielen Beispielen, dass wenn Gruppierungen oder Menschen eine Story kontrollieren, dann können sie Reaktionsmuster gesteuert werden können. Dies schildert sie in einem Dreischritt, der zunächst an ausgewählten Narrativen die Spaltungserzählung identifiziert, dann aufzeigt, dass es auch in diesen Narrativen unterdrückte verbindende Elemente findet und abschließend auffordert sich dieser Gemeinsamkeiten zu bedienen.
„Es liegt an jedem einzelnen Menschen, sich zu entscheiden, nicht beim Polarisierungsspiel der Mächtigen – in Medien, Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Social Media, überall – mitmachen zu wollen. Dazu gehört der Wille zur Differenzierung. Der Wille, sich eine der wichtigsten aller Fragen zu stellen: Was, wenn ich Unrecht habe?“
Sahebi, Gilda: Verbinden statt spalten, S. Fischer Verlag 2025, S.232.
Dieses Zitat enthält die zentrale Aufforderung, doch Sahebi verheimlicht nicht, dass es kein einfacher Weg ist. Bei vielen Themen fällt es uns schwer Gemeinsamkeiten in den Vordergrund zu stellen, zu viele persönliche Erfahrungen haben uns geprägt. Sahebi findet aber immer wieder Aspekte, denen wir uns stellen müssen um das Gemeinsame zu erkennen. Krisen zeigen eigentlich, dass wir zusammen stehen können und einander helfen. Im Alltag zeigen unter anderem Nachbarschaftshilfen oder ehrenamtliches Engagement in kleineren Kommunen was gemeinsam möglich ist. Sahebi fordert uns auf, dass wir uns dieser Ressource bewusst werden. Sahebi verneint keine Konflikte, es gibt natürlich Ungerechtigkeiten oder Identitätsfragen die nicht geklärt sind und die sich nicht für alle Beteiligten so einfach auflösen werden. Die Debatten darüber sollen geführt werden, aber in dem man sich diesen ehrlich stellt und reale Interessen transparent macht, kann eine Aushandlung überhaupt nur funktionieren. Doch der grassierende Populismus möchte keine Transparenz, er möchte klare Seitenbildungen und wird damit immer eine konkrete Auseinandersetzung mit Problemen unter Berücksichtigung aller Aspekte verhindern. Für mich sind diese Ansätze keine neuen Ideen, doch ich habe dies noch nie so fundiert herausgearbeitet gelesen. Während meines Politikstudiums habe ich mich viel mit Fragen von Freund- und Feindkonstruktionen in der Politik auseinandergesetzt. In meiner ehrenamtlichen politischen Aktivität habe ich oftmals klare Kante gefordert und dabei sicherlich manchen möglichen Kompromiss zugedeckt. Doch über die Jahre habe ich versucht Chancen für Kompromisse zu ermöglichen, musste aber feststellen, dass immer mehr Menschen sich in ihren jeweiligen Weltbildern verlieren. Hier finde ich Sahebi besonders stark, denn sie attestiert dies nicht nur den Extremen und dies würde ich anhand meiner Erfahrungen unterschreiben.
„Einer der wichtigsten Gründe für eine verzerrte Wahrnehmung der Welt ist aber die Neigung des menschlichen Gehirns, negative Informationen wie Kletten an sich zu binden und positive Erfahrungen wie Teflon abzuweisen.“
Sahebi, Gilda: Verbinden statt spalten, S. Fischer Verlag 2025, S.219.
Mit diesen Worten muss sich jeder persönlich auseinandersetzen und bewusst sein, dass wir uns nicht immer dem Negativen hingeben dürfen. Ich denke daran immer wieder, wenn ich auf unsere Medienlandschaft blicke. Viel zu selten wird über positive Aspekte unseres Zusammenlebens gesprochen, bei politischen Entscheidungen die Konfrontation in den Fokus gerückt. Sahebis Zielsetzung ist es zunächst, dass ihr Buch erreicht, dass wir unsere eigenen Verhaltensweisen hinterfragen und gegebenenfalls anpassen. Jeder muss bereit sein sich den verführerischen Narrativen zu widersetzen und die Bereitschaft mitbringen sich auf den Austausch mit einem Gegenüber einzulassen. Nach diesem ersten Schritt können wir dann Begegnungsplattformen nutzen, lokale Kooperationen für gemeinschaftliches Handeln stärken oder über politische Probleme diskutieren, ohne daraus identitätspolitische Konflikte zu machen. Nur weil sich jemand für Naturschutz engagiert, muss diese Person nicht alle Programmpunkte progressiver Parteien teilen, eine Person, die aufgrund negativer Erfahrungen mit Migranten bestimmte Positionen konservativer Parteien (abgesehen von pauschalen Abschiebungen oder etwas in dieser Richtung) in der Migration teilt ist nicht gleich mit Rechtsextremisten gleichzusetzen. Wir können unser Zusammenleben verbessern, wenn wir nicht nur darauf setzen, immer die eigenen Ideen umzusetzen und nur nach Bestätigung unseres Weltbildes streben. Gerade das Gegenteil, das Überraschende an Erfahrungen sollte unser Leben ausmachen und dabei helfen das Gemeinsame zu entdecken. Natürlich sind Sahebis Argumentationen mit vielen Forderungen verbunden, doch ihr Argumentationsaufbau ist gelungen. Sie untermauert ihre Thesen sowohl soziologisch, als auch mit nachvollziehbaren narrativen Beispielen, ohne zu pauschalisieren.
Fazit:
Gilda Sahebis Buch ist kein Handbuch für viele unserer gesellschaftlichen Probleme, sondern eine Analyse des Rahmens unseres Zusammenlebens. Wir dürfen von diesem Buch nicht erwarten, dass wir nun direkte Handlungsempfehlungen geben können. Vielmehr zwingt uns dieses Buch, anhand der geschilderten Thesen eigene Erfahrungen gegebenenfalls neu einzuordnen. Die Gliederung des Buches macht es gut lesbar und ist deshalb ein Buch für welches kein Fachwissen Voraussetzung ist. Sahebis Buch fordert uns auf an der Demokratie und unserer Gesellschaft zu arbeiten, die von uns allen daran zu tragende Verantwortung wahrzunehmen. Für mich ist dieses Buch ein wunderbarer Aufruf, der auch allen politisch Handelnden nochmals verdeutlichen sollte wie man lebendige aber auch ehrliche Diskussionen führt und damit Kompromisse erleichtert. Zugleich sollte uns allen bewusst sein, dass Fragen unseres Zusammenlebens sachliche Diskussion brauchen, aber Emotionen immer eine Rolle spielen. Letztere Erkenntnis macht dieses Buch alleine zu einem lesenswerten Ereignis.
Werbung aus Liebe zum Buch
Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧🐧
Titel: Verbinden statt spalten
ISBN: 978-3-10-397715-8
https://www.fischerverlage.de/buch/gilda-sahebi-verbinden-statt-spalten-9783103977158
