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Während eines Gangs über die Leipziger Buchmesse im vergangenen Jahr habe ich beim österreichischen Czernin Verlag ein Buch des Schriftstellers David Schalko entdeckt, welches mich sofort an andere Texte der Popliteratur erinnert hat. Schalko ist sicherlich vielen als Regisseur und Drehbuchautor von erfolgreichen Serien, wie unter anderem „Braunschlag“ bekannt. Allerdings hat er auch schon einige Bücher veröffentlicht und diese zeichnen sich ebenso wie seine Fernseharbeiten durch einen scharfen Blick auf gesellschaftliche Milieus aus. Ich hatte bisher noch kein Buch dieses Autors gelesen und fand diesen Titel nun passend für meinen popliterarischen Schwerpunkt. Man kann durchaus Parallelen zum Roman „Soloalbum“ von Benjamin von Stuckrad-Barre ziehen, wenn der Roman auch in eine andere Richtung tendiert. Soloalbum ist erstmals 1998 erschienen.
„Gegen 3 Uhr erinnert das Ganze an einen All-inclusive-Club in Hammamet. Einmal im Jahr wird hier die Sau rausgelassen. Schlechte Drinks, schlechte Musik, schlechte Anmachen für schlechten Sex. Und natürlich Paul, der erneut in die Apfelstrudelvitrine kotzt, um sich endgültig Lokalverbot einzuhandeln.“
Schalko, David: Frühstück in Helsinki, Czernin Verlag 2006, S.74.
Vielleicht macht diese Textstelle deutlich, warum ich sofort stilistische Parallelen beim Lesen gezogen habe. Der Roman „Frühstück in Helsinki“ ist im Czernin Verlag erschienen und erzählt aus der Ich-Perspektive die Geschichte eines Mannes, wahrscheinlich am Ende der Zwanziger, der auf sein Liebesleben zurückblickt. Ausgangspunkt seiner Gedankenströme und der Ordnung seiner Erinnerungen ist, dass er seine aktuelle Freundin nicht zum Flughafen bringt, und er überlegt, was dies über ihn und seine Beziehung aussagt. Er springt nun zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her, und geht auf seine sexuellen Erfahrungen und Enttäuschungen ein. Diese Darstellung endet in einem Mix aus Beobachtungen des eigenen Lebens und popkulturellen Versatzstücken. Zentral ist im gesamten Roman die Figur der ehemaligen Freundin Nina. Sie ist Vergleichsbild aller anderen Frauen in seinem Leben und zugleich die Projektionsfläche eines unerfüllten Wunsches. Der Erzähler kreist um sie in Obsessionen, und zugleich entdeckt er, dass in ihm auch eine Angst vor dem Älterwerden um sich greift. Zudem muss er sich die Frage stellen, ob er der Schuldige am Scheitern all seiner Beziehungen ist.
Die Stilistik von Schalko ist ganz klar durch die Popliteratur geprägt. Kurze, pointierte Sätze mit ironischen Kommentaren bilden Alltagsbeobachtungen und Medienreferenzen ab. Die Wahrnehmung des Erzählers wird durch die Marken- und Konsumwelt mitgeprägt.
„Seit 10 Jahren läutet in meinem Kopf ein Telefon und keiner geht ran. Dieses Läuten treibt mich von einer Frau zur nächsten, von einem Job zum anderen. Es lässt mich ruhelos umherirren. Atemlos rase ich durch mein Leben, wie durch die Menge der Berühmtheiten. Doch ich konnte den Apparat nicht finden. Seit 10 Jahren suche ich jemanden, der rangeht. Seit 10 Jahren suche ich denjenigen, der anruft. Seit 10 Jahren suche ich Nina.“
Schalko, David: Frühstück in Helsinki, Czernin Verlag 2006, S.16.
Die zentrale Figur dieses Romans und die Sehnsucht des Erzählers sind in dieser Textstelle greifbar. Analog zu Stuckrad-Barres Roman „Soloalbum“ wird eine Ex-Freundin zur Sehnsuchtsfigur, wobei bei Schalko eine Obsession vom Erzähler Besitz ergreift. Schalkos Sprachstil kommt oft lakonisch daher, um dann wieder dichte, poetische und melancholische Passagen zu bieten. Somit wird in diesem Text nicht nur Oberflächenästhetik geliefert, sondern es ergeben sich emotional tiefe Sequenzen. Assoziativ werden Erinnerungen und Beobachtungen miteinander verschaltet. Das fragmentarische Erzählen ist konstitutiv für den Text, denn es geht auch darum, das eigene Leben zu ergründen und zu einem fertigen Puzzle zusammenzusetzen. Schalkos Erzähler tastet sich durch seine Frauenbeziehungen. Immer wieder widerspricht er sich und seinen damaligen Entscheidungen, ironisiert Vergangenes. Sehnsucht ist in diesem Roman das zentrale Motiv und richtet sich nicht nur auf Vergangenes, sondern idealisiert auch ein anderes Ich. Der Erzähler leidet nämlich nicht nur am unerfüllten Wunsch einer funktionierenden Liebesbeziehung, sondern auch daran, keinen konkreten Wunsch an das eigene Leben zu haben. Interessant finde ich, dass Schalkos Buch ein anderes Frauenbild transportiert. Grundsätzlich ergibt sich ein ambivalentes Bild. Auch hier sieht der Erzähler Frauen als Projektionsflächen männlicher Fantasie. Doch Schalko dreht dies nochmals weiter, denn sein Erzähler erkennt die eigene Unzulänglichkeit und dass sich diese auch in seinem falschen Frauenbild ausdrückt. Aus meiner Sicht ist hier eine erste Veränderung zum archivierten Frauenbild der Popliteratur der 90er Jahre erkennbar.
„Vor 10 Jahren habe ich aufgehört, ehrlich zu mir selbst zu sein. Vor 10 Jahren habe ich aufgehört, nein zu sagen. Wann habe ich das letzte Mal etwas in Angriff genommen, das nur für sich selbst bestimmt war. Ohne Zweck. Ob Held oder einfach nur das fixe Bild von einem anderen Leben, bekannt aus Film, Funk und Fernsehen. Fototapeten, die vor den Augen flimmerten.“
Schalko, David: Frühstück in Helsinki, Czernin Verlag 2006, S.155.
In diesem Zitat wird deutlich, dass der Erzähler über den Roman hinweg eine Entwicklung bei der Selbstanalyse durchmacht. Er sieht sich auch als jemanden, der sich von Bildern unserer Medien- und Konsumwelt hat treiben lassen. Schlussendlich muss er erkennen, dass diese Projektionsflächen allesamt nicht das wahre Leben wiedergeben. Im Gegensatz zu „Soloalbum“ haben wir hier einen melancholischeren Erzähler, der sich stärker mit sich selbst und seinem Verhalten auseinandersetzt. Trotzdem ist auch in diesem Buch nur die männliche Perspektive dominant. Mir gefällt an diesem Buch die authentische Darstellung der Orientierungslosigkeit des Erzählers und wie seine Sehnsüchte über den Roman dekonstruiert und verstanden werden. Der assoziative Stil ermüdet allerdings über die Dauer des Buches und kann mich nicht immer fesseln. Die Nebenfiguren bleiben allesamt blass und nehmen dem Buch dadurch eine gewisse Lebendigkeit. Insgesamt überwiegen jedoch der Witz und die kluge Dekonstruktion des Erzählers und machen dieses Buch zu einem Lesevergnügen.
Fazit:
Dieses Buch habe ich für meinen Popliteraturschwerpunkt erstmals gelesen, und der Ton sowie der Stil David Schalkos gefallen mir und werden mich zu weiteren Büchern des Autors führen. Das Buch ist deutlich von vorherigen popliterarischen Texten geprägt und ich finde den Vergleich mit Stuckrad-Barre interessant für die Auseinandersetzung mit Schalkos Text. Die zentralen Themen des Romans, Sehnsucht und Angst vor dem Älterwerden, können sicherlich viele nachempfinden, und zugleich macht der Roman dies mit seiner Melancholie und seinem Witz erträglicher. Atmosphäre und Sprache sind äußerst gelungen und gefallen beim Lesen. Leichte Schwächen entstehen durch den assoziativen Stil, der über den gesamten Text ermüden kann. Das Buch entlässt einen mit spannenden Gedankengängen und einer gewinnbringenden Melancholie.
Werbung aus Liebe zum Buch
Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧
Titel: Frühstück in Helsinki
ISBN: 978-3-7076-0868-7
