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Bei meiner Vorstellung popliterarischer Romane greife ich auf Lektüren meiner Studienzeit zurück. In einem Seminar habe ich mich damals bewusst für Rocko Schamoni mit seinem bei Rowohlt erschienenen Buch „Sternstunden der Bedeutungslosigkeit“ entschieden und mich mit der Stilistik des Buches beschäftigt.
Rocko Schamoni, bürgerlich Tobias Albrecht, gehört seit den 1980er-Jahren zu den bekannten Persönlichkeiten der deutschen Pop- und Gegenkultur. Bekannt wurde er zunächst als Musiker, Performer und Mitglied des Hamburger Künstlerkollektivs Studio Braun, dem zum Beispiel auch Heinz Strunk angehört.
In seinen Romanen verarbeitet er durchaus autobiografische Erfahrungen und gesellschaftliche Beobachtungen mit beißender Ironie. Großen Erfolg feierte Schamoni mit seinem Roman „Dorfpunks“, der sich allerdings vom hier präsentierten Roman inhaltlich unterscheidet. „Sternstunden der Bedeutungslosigkeit“ erinnert in seiner Machart an Erzählsituationen, wie man sie aus der Popliteratur kennt. Der Fokus liegt auf dem Leben der Figur Michael Sonntag, seiner Identitätssuche und zugleich gesellschaftlicher Kommentierung.
„Liebe besteht bei den meisten Menschen nach ein paar Jahren zu fünfzig Prozent aus Gewohnheit und zu fünfzig Prozent aus Feigheit. Ich will nicht sagen, dass es nicht auch andere Paare gäbe, Paare, die sich sehen, schätzen, achten, gegenseitig voranbringen, die sich lieben. Aber der größte Liebeszerstörer ist das, was die meisten Menschen die Liebe nennen, oder?“
Schamoni, Rocko: Sternstunden der Bedeutungslosigkeit, Rowohlt Verlag 2010, S.19.
Mit diesem Zitat wird ein Tonfall deutlich, den der Roman an vielen Stellen wählt. Michael Sonntag ist eine Figur, die mit dem eigenen Leben hadert und zugleich mit kritischem Blick auf die Gesellschaft schaut. Er ist nach seinem Kunststudium orientierungslos und hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Er distanziert sich von Kunst, kann deren Funktion und Relevanz für die Gesellschaft nicht greifen. Seine Tage bestehen aus Kneipenbesuchen und viel Alkohol und einer nicht gefüllten Sehnsucht nach einer Frau aus der Nachbarschaft. Er besucht psychotherapeutische Sitzungen, und doch ist all das Geschilderte vor allem ein Warten, dass sein Leben endlich richtig startet. Schamoni hat eine Figur entworfen, die sich im dauerhaften Schwebezustand befindet. Die Sehnsucht nach der Nachbarin sorgt in langsamen Schritten dafür, dass er tätig wird, nur um dann auch hier wieder eine Enttäuschung zu erleben, die vor allem an der mangelnden eigenen Handlungsentschlossenheit und Entscheidung liegt. Mit einer Tätigkeit als Rowdy einer Band versucht er, seiner Situation zu entfliehen, muss aber erkennen, dass auch diese Flucht nicht zu einem Start seines Lebens führt. In den Schilderungen der ihn umgebenden Konsumwelt zeigen sich Parallelen zur Popliteratur, die in den 90er Jahren einen Höhepunkt erlebt hat. Schamoni wählt ebenfalls eine von Ironie geprägte Darstellung seiner Hauptfigur, die sich zugleich männlich inszeniert und Frauen vor allem in ihrer Rolle als Lustobjekt betrachtet. Zugleich entdeckt man durchaus eine gewisse Tiefe, die dabei vor allem offenbart, dass diese Figur einsam ist.
„Die, die keinen Tag haben, weil sie nicht arbeiten wollen oder können, warten die ganze Zeit auf die Nacht, denn sie ist der Markt der Möglichkeiten. Der Tag ist der langweilige Ehegatte der Nacht.“
Schamoni, Rocko: Sternstunden der Bedeutungslosigkeit, Rowohlt Verlag 2010, S.133.
Michael Sonntag sucht den Exzess, berauscht sich an Situationen und muss dabei in jedem Moment erkennen, dass ihm seine Erfahrungen wenig Sinn bescheren. Trotzdem spricht er nachdenklich über die Nacht und ihre Bedeutung für das gesellschaftliche Leben. Die Kneipe ist in diesem Buch der Sammelort für all diejenigen, die noch auf der Suche sind oder vom Leben enttäuscht wurden, und in dieser Darstellung ist der Roman stark in seiner Zeitdiagnose und Gegenwärtigkeit. Schamoni zeigt, dass hinter unseren durch eine Konsumwelt geprägten Codes nur Leere besteht. Die ästhetischen Erlebnisse überdecken dies, doch bei Sonntag wird es ersichtlich. Die gewählte Sprache des Buches ist im Gegensatz zu Christian Kracht spröder und damit nah an ihrer Hauptfigur, die eben nicht distanziert erzählt, sondern inmitten der eigenen Erlebnisse. Sonntag hat durchaus absurde Einfälle, wie sich in einem Supermarkt einschließen zu lassen. Viele der gewählten Bilder sind zugleich komisch, als auch tragisch. Begreift man Sonntag zunächst als einen Antihelden, mit dem man Mitleid haben kann, muss man doch erkennen, dass er gerade im Umgang mit Frauen alles andere als sympathisch ist. Sonntag ist egozentrisch und erweist sich immer wieder als emotional unreif. Er verachtet sich aber auch selbst, führt dies aber nicht konsequent zu einer Lebensänderung fort. Stattdessen wählt er den einfachen Weg und münzt seinen Ärger in abwertende Kommentare für sein Umfeld um.
„Zu Tausenden gehen sie hier entlang, versunken in sich selbst und die Welt der Waren, die in sie einsickert und das Raster der Begehrlichkeiten massiert. Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit.“
Schamoni, Rocko: Sternstunden der Bedeutungslosigkeit, Rowohlt Verlag 2010, S.119.
Es sind solche Zitate, die diesen Roman stark machen. Allerdings durchzieht dieses Niveau den Roman nicht durchgehend. Für mich ist Michael Sonntag eine Figur, die an unserer Konsumgesellschaft und den in ihr evozierten Lebensbildern scheitert. Er entflieht dem Alltag und erzeugt einen verzerrten Blick auf die Welt und auf sich. Viele seiner alltäglichen Erfahrungen deutet er symbolisch und diese Symbolik wirkt nicht immer nachvollziehbar. Die permanente Selbstoptimierung unserer Zeit bedroht jemanden wie Sonntag, der nie begonnen hat, einen Entwicklungsschritt einzuleiten. Zugleich kann man sein Leben als symbolischen Beweis dafür lesen, dass all dies auch abgelehnt werden kann. Die moderne Orientierungslosigkeit ist gut getroffen, allerdings fehlt dem Buch an der ein oder anderen Stelle ein Spannungsmomentum. Trotz seines durchaus psychisch deprimierenden Inhalts erfreut der Roman mit seinem Humor und seinen gesellschaftlichen Analysen. Demgegenüber sind negativ Textstellen zu nennen, die sich in Spielerei verlieren oder abschweifen und keine narrativen Folgen haben. Problematisch ist zudem die Darstellung der Frauenfiguren, denn sie sind ausschließlich Projektionsfläche und vor allem rein stereoytp. Natürlich stützt dies den Eindruck des männlich unreifen Erzählers, ist aber auch ein Anzeichen für eine geringe kritische Reflexion von Männlichkeitsbildern. Sonntag ist allerdings nie der coole Verführer, sondern seine Passivität lässt auch die Kontakte mit Frauen einfach nur geschehen.
Fazit:
Bei diesem Roman handelt es sich um einen Text, der mich während meines Studiums vor allem angesprochen hat, weil er mir eine Orientierungslosigkeit zeigte, aus der man unbedingt entfliehen sollte. Gerade in meiner Studienphase war dies eine Motivation, eine solche eigene Situation nicht entstehen zu lassen. Stark ist dieser Roman in seiner Verknüpfung von inhaltlicher Leere und Konsum. Für mich ist dies ein Qualitätsmerkmal dieses popliterarischen Romans. Es geht in diesem Buch weniger um das Erzählen einer Geschichte als um die Ausstellung eines Zustandes. Allerdings verliert sich Schamoni im Gefallen am eigenen Tonfall, und so lesen wir immer wieder Szenen, welche den Fokus verlieren. Die Nebenfiguren sind reine Stereotypen und erfüllen, wenn überhaupt, nur symbolische Funktionen. Hier lässt der Roman Potenzial liegen. Für die Popliteratur ist dieses Buch in seiner Ausstellung unserer hüllenhaften Konsumwelt ein wichtiger Beitrag.
Werbung aus Liebe zum Buch
Wertung: 🐧🐧🐧🐧
Titel: Sternstunden der Bedeutungslosigkeit
Aktuell nur antiquarisch erhältlich
