Schimmelbusch, Alexander: Karma

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Alexander Schimmelbusch ist mir bei der Frankfurter Buchmesse als Autor mit seinem Buch „Karma“ aufgefallen, weshalb ich dieses Buch nun heute vorstellen möchte. Sein Buch „Hochdeutschland“ war ein Bestseller und steht schon seit einiger Zeit auf meiner Leseliste, bisher habe ich es jedoch noch nicht geschafft, es zu lesen. Schimmelbusch wählt immer wieder kreative Perspektiven auf die Gegenwart. “Karma“ ist mittlerweile sein fünfter Roman und verlagert die Handlung in die Zukunft, beleuchtet allerdings verschiedene Fragen unserer Zeit. Der Roman spielt im Herbst des Jahres 2033 in einem fiktiven Brandenburg. Die dargestellte Welt ist von künstlicher Intelligenz und hochvernetzter Technologie geprägt. Dabei durchziehen den Roman aber auch skurrile Szenen, die aufgrund der Verlagerung in die Zukunft auch mögliche Ängste und Chancen abbilden, aber eben nicht direkt in unsere Gegenwart verweisen.

„Omen war Freudiana, eine Coaching-Plattform für Panikmanagement und Psychotherapie, deren virtuelle Analytikerin Diana als intime Vertraute aus dem Alltag von Millionen Deutschen bald nicht mehr wegzudenken war.“

Schimmelbusch, Alexander: Karma, Rowohlt Verlag 2024, S.17.

In diesem Zitat zeigt sich das wertvolle deutsche Technologieunternehmen Omen SE in seiner Bedeutung fürs Land. Dieses Unternehmen kontrolliert fast alles in Deutschland, und zwar von sozialen Netzwerken bis hin zu psychologischen Diensten, die sich auf die individuellen Lebensbereiche auswirken. Damit greift der Roman durchaus reale Aspekte der sich  machtvoll entwickelnden Tech-Konzerne unserer Zeit auf. Ökonomische Interessen durchdringen immer mehr Lebensbereiche. Omen SE ist in dieser Zukunftskonstellation  ein Akteur für gesellschaftliche Rahmen. Die führenden Köpfe dieses fiktiven Unternehmens werden im Rahmen einer Feierstunde in den Ruhestand verabschiedet. Nach einer langen Phase des Arbeitsdrucks kann nun eine Phase der Muße beginnen. Doch statt eines Lebens voller Ruhe am Auensee sind die dort gläsernen Smarthouses ein mikroskopischer Blick in ein Leben voller Verunsicherung. Die Handlung entfaltet sich in verschiedenen Strängen. Wir erfahren etwas über das Innenleben der ehemaligen Top-Manager, die indessen losgelöst von ihrem Job sich selbst finden müssen. Dabei denken sie über den Sinn des Lebens, die eigene Körperlichkeit und Lust und über das persönliche Glück nach. Dabei wird sichtbar, dass wir es mit einer Gesellschaft zu tun haben, die sich von tiefgründigen individuellen Aspekten verabschiedet hat und sich an gesellschaftlichen Rahmen orientiert. Die Nebenfiguren unterstützen diese Perspektiven und die Sehnsucht nach Individualität.

„Erda war das Flüstern, das Wogen, die Totalität der Perspektiven. Erda war die universale Konversation, simultan übersetzt in mehr als hundert Sprachen, deren Mission es war, die notwendigen Rahmenbedingungen für ihre eigene Evolution herzustellen und aufrechtzuerhalten. Erda war das Spiegelbild der Wirklichkeit, eine Rekonstruktion des Faktischen in einer nie zuvor erreichten Tiefe, eine interaktive Karte, die sich der Größe des natürlichen Imperiums annäherte, ein feines Wurzelgeflecht aus asymmetrischen, in sich gebrochenen Zahlenreihen.“

Schimmelbusch, Alexander: Karma, Rowohlt Verlag 2024, S. 39 f.

In diesem Zitat zeigt sich die Stilistik dieses Textes und wie mit sprachlicher Präzision eine von Technologie geprägte Sprache zum einen Firmen und Entwicklungen diagnostiziert und zum anderen eine Lebenswirklichkeit in ihrer Kreativität und Verspieltheit einschränkt. Immer wieder eröffnet der Roman Reflexionsebenen, die eine mögliche politische Polarisierung, aber auch eine kulturelle Erschöpfung verdeutlichen. In manchen Textpassagen entsteht fast ein lyrischer Rhythmus. Jedwede emotionale Regung der Figuren wird aufgrund der verwendeten Sprache erdrückt und lässt Gefühle somit in den Hintergrund treten. An ihre Stelle treten Versuche der rationalen Analyse, denen es aber nicht gelingen kann, jedwede zwischenmenschliche Beziehung zu erfassen. Die dargestellte Welt kann man in gleichen Teilen als utopisch und in ihrem Gegensatz als dystopisch beschreiben. Bei mir überwiegt allerdings letzterer Eindruck, denn keine der Figuren wird für mich greifbar, in Erinnerung bleiben vor allem die Reflexionen über die Macht des Tech-Konzerns und darüber, wie sich die Wahrnehmung der Menschen verändert.

„Er dachte an den Ausdruck der Teilnahmslosigkeit, der völligen Unverbindlichkeit, mit dem Christiane ihn hinaus in den Wald geschubst hatte, als ob er gar nicht der Rede wäre. Wo nur entsprang dieser Strom aus Geringschätzung, der wie ein Wasserfall über ihm niederging an allen Tagen.“

Schimmelbusch, Alexander: Karma, Rowohlt Verlag 2024, S.278.

Dieses Zitat ist treffend für die im Roman agierenden Figuren und zeigt die Entfremdung sowie emotionale Lähmung. Die Tech-Konzerne haben in ihrer Ausgestaltung die Prägung der Menschen übernommen und lösen Individualität. Natürlich bringen diese Konzerne auch Vorteile für den menschlichen Alltag und vernetzen über Grenzen. Das hier gezeigte Leben sorgt mit den technologischen Algorithmen für Normierungen, die ausschließlich ökonomischen Interessen dienen. Die Figuren versuchen, Zwischenräume zu finden, in denen ihnen erlaubt wird, Sehnsüchten nachzugehen. „Karma“ ist ein gesellschaftsdiagnostischer Roman, da die Machtstrukturen von Tech-Konzernen und die damit verbundene gesellschaftliche Ausrichtung auf Konsum auch eine Gefahr unserer aktuellen Entwicklungen sind. Der Roman regt mit seiner Machart zum Nachdenken an und fordert mich beim Lesen zur Auseinandersetzung auf. Allerdings hat dies bei mir zu wenig Nachhall. Mir fehlt eine zusammenhängende Struktur. Die gewählten Perspektiven setzen sich collageartig zusammen und sind für mich in ihren Reflexionen mit zu vielen wiederholten Aspekten versetzt. Mir fehlt ein roter Faden und ein Beziehungsgeflecht zwischen den einzelnen Figuren, selbst wenn Oberflächlichkeit ausgestellt werden soll.

Fazit:

Sicherlich ist Alexander Schimmelbuschs Roman „Karma“ ein Werk mit guten Anlagen. Die präsentierte dystopisch-utopische Welt wirft einen kritischen Blick auf die Machtstrukturen einer von Tech-Konzernen geprägten Gesellschaft. Mir fehlt jedoch an einigen Stellen Tiefe, denn für mich darf der Roman zuvorderst nicht nur Oberflächlichkeit ausstellen. Die gesellschaftliche Erschöpfung hinsichtlich Kreativität und Emotionalität ist deutlich erkennbar, und doch setzt der Roman sein Potenzial nicht um. Die Figuren sollen Zerrissenheit nach ihrer aktiven Arbeitszeit aufzeigen, und gerade dafür sind die  oberflächlichen Figurenzüge nicht ausreichend. Man kann dieses Buch sicherlich als Ausgangspunkt für kritische Gedanken nehmen, aber ich nehme etwas zu wenig von dieser Lektüre mit. Sprachlich finde ich diesen Text äußerst gelungen und dies ist für mich das Highlight dieses Buches.

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Wertung: 🐧🐧🐧

Titel: Karma

ISBN: 978-3-498-00127-8

https://www.rowohlt.de/buch/alexander-schimmelbusch-karma-9783498001278

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