Schneider, Anna: Grenzfall – Ihr Grab in den Fluten

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Im Jahr 2026 ist Anna Schneider bei den Darmstädter Krimitagen mit ihrer Reihe „Grenzfall“ zu Gast. Ich durfte die Autorin als Moderator mit ihrem sechsten Band und dem Titel „Ihr Grab in den Fluten“, der frisch im Januar im S. Fischer Verlag erschienen ist, begrüßen. Auffallend ist zunächst, dass dieser sechste Band sich von den vorherigen Bänden zeitlich etwas absetzt und damit wieder eigenständiger wirkt.

„Die Strömung reißt die Leute einfach nach unten, die können nicht einmal mehr um Hilfe rufen. Es geht einfach alles viel zu schnell. Und es war so düster draußen, niemand würde überhaupt merken, wenn jemand abgetrieben wird.“

Schneider, Anna: Grenzfall – Ihr Grab in den Fluten, S. Fischer Verlag 2026, S.119.

Mit diesen Worten beschreibt eine Rettungskraft, in welche katastrophale Wetterlage uns die Autorin mit ihrem neuesten Band entführt. Sintflutartige Regenfälle bedrohen die deutsch-österreichische Grenzregion, wobei die deutsche Seite davon deutlich extremer betroffen ist. Der andauernde Regen lässt Flüsse über die Ufer treten und ganze Täler versinken im Wasser. Alexa Jahn und Florian Huber sind somit vor allem als Koordinatoren von Einsätzen der Rettungskräfte gefragt. Unzählige Menschen gelten als vermisst und diese Meldungen werden durch die Polizei koordiniert aufgenommen. Die Rettungskräfte und die beiden Ermittler arbeiten jedoch durchgehend an ihrer Belastungsgrenze. Ein Hinweis lässt Alexa Jahn nicht los, und als das Unwetter nachlässt, macht sie sich auf den Weg zu einem Hof, bei dem sie Antworten zu Vermissten erhofft. Doch dieser Weg führt sie zu einem Toten in einer abgelegenen Schlucht. Schnell zeigt sich, dass dieser Tote kein Opfer der Naturkatastrophe geworden ist. Nutzt hier ein Täter vielleicht das entstandene Wetterchaos? Parallel hierzu ermittelt Bernhard Krammer im Falle von sechs verschwundenen Jugendlichen. Die Eltern können jedoch keine Angaben zum Ziel des Ausflugs der Truppe machen, sie wissen nur, dass sie keinerlei Meldung erhalten. Krammer beginnt zu ermitteln und stößt auf einen vermeintlichen Stalker in den Reihen der Jugendlichen. Doch dieser soll zeitgleich seinem ehemaligen Opfer auf einen Wanderurlaub gefolgt sein. Der Weg führt ihn in die deutsche Katastrophenregion. Dort freut sich Alexa Jahn auf eine mögliche Unterstützung aus Österreich in der angespannten Situation.

„So viele Jahre war alles gutgegangen. Doch nun würde mein Geheimnis auffliegen, dessen war ich sicher. Die Flut würde ans Licht spülen, was zuvor verborgen geblieben war.“

Schneider, Anna: Grenzfall – Ihr Grab in den Fluten, S. Fischer Verlag 2026, S.30.

Wieder arbeitet Anna Schneider mit den reihentypischen Einschüben, die meist auf die Täter:Innenperspektive verweisen. In diesem Roman sind es jedoch mehr Perspektiven, an denen sie uns teilhaben lässt, und damit lässt sie zu keiner Zeit Langeweile aufkommen. Wir haben zwei Fokusperspektiven aus Sicht der Ermittler. Doch dieses Mal wagt Schneider es zudem, uns in die Gruppe der Jugendlichen einzuladen. Sie berichtet immer wieder in kleinen Sequenzen über die Vermissten, die auf einer abgelegenen Alpenhütte ihr Abitur feiern wollen. Dort entsteht ein Kammerspiel zwischen enttäuschter Liebe und neuer Zuneigung, inmitten einer vom Strom abgekapselten Hütte. Alte Geheimnisse, wie im Zitat angedeutet,  beginnen zudem, sich ihren Weg zu bahnen. Es entsteht daraus ein hochspannendes Puzzle. Schneider beweist in diesem Roman eine hohe stilistische Qualität, indem sie verschiedenen Figuren  die passende Stimme verleiht. Grenzüberschreitungen sind in diesem Buch nicht nur geografischer Natur, sondern zeigen sich in der hohen Belastung der Rettungskräfte, den Ängsten der Jugendlichen, aber auch in den geschehenen Taten. Es bleibt für diese Reihe zu sagen, dass sie nichts für eine Leserschaft mit schwachen Nerven ist, dafür für Fans atemberaubender Spannung. Die Fallkonstruktionen sind komplex und doch wirkt alles real. Dies liegt an der fundierten Recherche, die sich in der Schilderung konzentrierter Ermittlerarbeit ausdrückt und sich in diesem Band nochmals in der toll geschilderten Arbeit der Katastrophenkräfte zeigt. Schneider beweist hierbei, dass sie auch die Gefühlslage dieser Kräfte einschätzen kann.

„Es ist brutal. Und qualvoll und erniedrigend. Es ist die denkbar schlimmste Form von psychischer und physischer Gewalt, die nur aus einem Grund heraus passiert: Weil ein Mann denkt, er dürfte sich einfach nehmen, was er will, und weil er in der Regel stark genug ist, eine Frau gefügig zu machen, zu kontrollieren. Gegen ihren Willen.“

Schneider, Anna: Grenzfall – Ihr Grab in den Fluten, S. Fischer Verlag 2026, S.153.

Die Ermittlungen deuten wieder einmal auf Männer als mögliche Täter hin und Schneider schafft es, die Ängste der Frauen intensiv zu beschreiben. Man beginnt mit den Figuren zu zittern und ist gebannt, zu erfahren, wie die einzelnen Handlungsstränge zusammenhängen und ob wir es mit einem männlichen Täter oder mehreren Täter:Innen zu tun haben. Das Rahmenchaos der Wetterkatastrophe verschärft die Drucksituation für alle. Alexa und Bernhard sind jedoch das energische Duo, welches diesem Druck standhalten kann. Die Kammerspielsituation auf der Hütte mit den Jugendlichen wird noch einmal durch die anspruchsvolle Koordinationsarbeit in der Polizeizentrale gespiegelt, und so fiebert man an jedem Handlungsort ebenfalls mit den Nebenfiguren. Die Alpenregion ist passend, um den Geschehnissen die richtige Atmosphäre zu geben. Insgesamt ist dieser Roman eine literarische Schilderung der Zerbrechlichkeit unserer bekannten Ordnung und deshalb für mich ein bärenstarker Krimi.

Fazit:

Dieser sechste Band der „Grenzland-Reihe“ ist ein  Highlight und ein hochspannender Krimi, den ich nur schwer aus der Hand legen konnte. Anna Schneider beweist mit den verschiedenen Perspektiven ein enormes Figurengespür und findet immer den richtigen Ton. Die Handlungsstränge laufen zielgerichtet zusammen und verweben sich ineinander. Der Roman läuft zum Ende hin auf einen spannenden Showdown zu. Die detaillierte Schilderung des Unwetters und seine Funktion als Motor der Geschichte machen diesen Roman besonders. Ich kann für diese Reihe eine klare Leseempfehlung aussprechen und möchte betonen, dass man diesen sechsten Band auch wieder unabhängig von den Vorgängerbänden lesen kann.

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Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧🐧

Titel: Grenzfall – Ihr Grab in den Fluten

ISBN: 978-3-596-71040-9

https://www.fischerverlage.de/buch/anna-schneider-grenzfall-ihr-grab-in-den-fluten-9783596710409

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