Schröder, Steffen : Der ewige Tanz

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Auf der Leipziger Buchmesse 2025 habe ich Steffen Schröder mit seinem Roman „Der ewige Tanz“ auf der Literaturbühne der Öffentlich-Rechtlichen erleben dürfen und das Buch hat Eindruck hinterlassen. Schröder kannte ich bis dato nur als Schauspieler aus der Krimireihe „SOKO Leipzig“, sein Schriftstellerdasein war mir unbekannt. Dabei hat er zuvor schon Romane veröffentlicht und unter anderem in „Planck oder Als das Licht seine Leichtigkeit verlor“ sein Interesse an historischen Stoffen gezeigt. Er verbindet in diesem Werk ebenso wie in seinem Roman „Der ewige Tanz“ eine historische Biografie mit Fiktion. Im 2025  zur Leipziger Buchmesse erschienenen Buch geht es um die Tänzerin Anita Berber, die eine berühmte Bühnenfigur der Weimarer Republik war.

„Ihr Tanz mit den Schleiern ist von so großer Leichtigkeit gewesen, das hat mich an einen Engel erinnert.“

Schröder, Steffen: Der ewige Tanz, Rowohlt Berlin 2025, S.107.

Der Roman beginnt mit der schwer erkrankten Anita Berber im Sommer 1928. Sie liegt in einem Krankenhaus und blickt auf ihr Leben zurück. In der Weimarer Republik  war sie eine gefeierte Ausdruckstänzerin und wurde zu einer Kunstikone dieser Goldenen Zwanziger. In den Rückblicken erfahren wir von einer schwierigen Kindheit, denn ihre Mutter war als Kabarettistin und Chansonsängerin tätig und brachte ihrer Tochter wenig Zuneigung und Herzlichkeit entgegen. Der Vater, ein Violinvirtuose, tritt vor allem in seiner Abwesenheit in Erscheinung. Berber wächst bei einer sie liebenden Großmutter auf. Ihr Aufstieg zur gefeierten Künstlerin brachte sie auch in Kontakt mit der Filmbranche und berühmten Zeitgenossen wie Marlene Dietrich oder Fritz Lang. Dies alles schildert der Text in fragmentarischen Rückblicken, die sich mit Szenen im Krankenhaus abwechseln. Dabei werden ebenso ihre zahlreichen Beziehungen und Skandale geschildert, die in erhöhtem Drogenkonsum enden. Beim Lesen fragt man sich, an welcher Stelle diese beeindruckende Künstlerin schlussendlich falsch abgebogen ist. Durch die episodenhafte Gestaltung entsteht nicht nur das Lebensbild einer Künstlerin, sondern auch ein Panorama der Zwanziger Jahre. Der ausdrucksvolle Tanz Anita Berbers steht hierbei für die künstlerische Freiheit und Grenzüberschreitungen, die aber schlussendlich auch körperliche Grenzen überschreiten.

„Du musst in den Schmerz hineingehen, spricht eine Stimme. Es schmerzt, es schmerzt so  sehr, dass sie fliehen will. In den Schmerz hineingehen, spricht die Stimme. Aber dann würde alles in ihr zusammenbrechen, dann zerfiel sie zu einem riesigen Scherbenhaufen. Dann würde da nur noch ein kleines, schmales Mädchen stehen, nackt.“

Schröder, Steffen: Der ewige Tanz, Rowohlt Berlin 2025, S.130.

Schröders Collagentechnik passt zu der von ihm geschilderten Figur Berber. Die starke Bühnenfigur überdeckt eine fragile Frau, die auch Enttäuschungen der Kindheit nie verarbeitet hat. Die Handlung verläuft nicht streng chronologisch, sondern setzt sich aus verschiedenen Sequenzen zu einem Ganzen zusammen. Wir sind dabei immer nah bei Berber und ihren Gedanken und erkennen deshalb den zerrissenen inneren Zustand dieser beeindruckenden Künstlerin. Auch wenn sich keine stringente Handlung ergibt, ist dieses fiktionale Porträt so wunderbar geschrieben, dass man in einen Lesesog kommt. Anita Berber ist eine ambivalente Figur bei Steffen Schröder. Sie wird als expressive Selbstdarstellerin sichtbar und doch erkennt man, dass die schwierige Beziehung zu ihren Eltern eine lebenslange Belastung war. Dazu kommen die nie glücklichen Beziehungen und der Drogenkonsum. Berber ist in diesem Text weder nur Opfer noch unglückliche Künstlerin, sondern wird über das Buch hinweg zu einer komplexen Persönlichkeit. Das geschilderte Leben ist ein permanenter Grenzgang zwischen Selbstinszenierung und Selbstzerstörung. Ihr Weg entgegen der gesellschaftlichen Normen mit ihrer künstlerischen Energie ist zugleich einer, der ihr körperliche Grenzen setzt.

„Am Ende spürte sie die große Freiheit in sich, die sie sonst so oft vermisste. Denn, das war das Herrliche am Tanz – man durfte sein, was und wer man wollte.“

Schröder, Steffen: Der ewige Tanz, Rowohlt Berlin 2025, S.48.

Tanzen ist für Anita Berber das entscheidende Momentum, und zugleich sind dies die Lebensphasen, in denen sie das Glück spürt. Schröder findet für diese Künstlerbiografie eine bildreiche, teils sinnliche Sprache. Er hat die Zeit fundiert recherchiert und schafft einen Text, den man leicht lesen kann und der trotzdem eine hohe Intensität bietet. Einem Tanz gleich wandelt dieser Roman durch die Zeitgeschichte. Berbers intensives und immer wieder von Enttäuschungen geprägtes Liebesleben trug zu ihrer Zerstörung bei. Zugleich ist dies alles eine stetige Suche nach Liebe und Anerkennung und muss dabei ohne Erfolg bleiben. Nur der Tanz ermöglicht Halt und die Möglichkeit, die eigene Identität stabil auszudrücken. Mich fasziniert diese Zeit und diese Frau, und Steffen Schröder hat dies wunderbar eingefangen.

Fazit:

Man stößt bei Messebesuchen immer wieder auf literarische Texte, die einen zunächst mit ihrem Thema interessieren und dann beim Lesen erster Textstellen einnehmen. Ähnlich erging es mir mit diesem Buch. Der Roman widmet sich dem fragmentarischen Porträt einer zerbrechlichen Künstlerin. Dies gelingt Steffen Schröder mit poetischer Kraft, die der Figur Anita Berber über den Romanverlauf stetig Tiefe verleiht. Man wünscht dieser Figur, dass sie abermals eine Wende schafft, obwohl der Roman mit dem Beginn im Krankenhaus das Ende schon vorwegnimmt. Berber ist eine schillernde Figur, die an unerfülltem Halt zerbricht und den körperlichen Grenzen ihrer exzessiven Kunstausdrucksweise. Insgesamt entsteht bei diesem Roman ein faszinierendes Epochenporträt. Ich wünsche diesem Buch weiterhin eine breite Leserschaft, da es ein Buch mit Sogcharakter ist.

Werbung aus Liebe zum Buch

Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧

Titel: Der ewige Tanz

ISBN: 978-3-7371-0204-9

Auch als Taschenbuch erhältlich

https://www.rowohlt.de/buch/steffen-schroeder-der-ewige-tanz-9783737102049

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