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Am heutigen Tag habe ich Euch mit dem Bessunger Buchladen eine meiner liebsten Einkaufsmöglichkeiten vorgestellt. In meiner Vorstellung der Buchhandlung habe ich auch die Expertise des Teams rund um Inhaberin Judith Kautz gelobt und möchte Euch deshalb auch an Tipps aus der Buchhandlung teilhaben lassen. Ans Herz hat mir Judith den Roman „Es gibt einen Gott, und ihr ist langweilig“ von Christian Schulte-Loh, mittlerweile im Taschenbuch bei Droemer Knaur erhältlich, gelegt. Der Kabarettist hat mit diesem Buch 2023 sein literarisches Debüt gegeben, in welchem er sich kritisch mit einer konsumorientierten Gesellschaft auseinandersetzt.
„Gott existierte und die Menschheit machte erst mal Kassensturz.“
Schulte-Loh, Christian: Es gibt einen Gott, und ihr ist langweilig, Droemer Knaur 2025, S.59.
Der Roman beginnt damit, dass der Beweis erbracht wird, dass Gott tatsächlich existiert. Offenbart wird dies in einer Fernsehübertragung durch Jürgen Prassnik, der ebenso mitteilt, dass Gott von den Menschen enttäuscht ist. Diese würden alles nur dem Geld unterordnen, doch Gott Singu möchte, dass sie stattdessen kreativ sein sollen, um sie dadurch auch zu unterhalten. Mit dieser Aussage wird die Weltbevölkerung konfrontiert und sie sorgt für Verunsicherung. Der Roman wirft dann seinen Fokus auf den obdachlosen Jazzmusiker Adam Fein. Adam ist täglich in einem Café zu Gast, wo er auf die Kellnerin Sara trifft, die in ihrer Freizeit gerne Geschichten schreibt und Schriftstellerin werden möchte. Adam möchte eigentlich nur in Ruhe und Abgeschiedenheit leben und hat den kapitalistischen Grundlagen der Gesellschaft entsagt. Ohne den Druck des täglichen Arbeitslebens möchte er die Freiheit nutzen, um zwanglos künstlerisch tätig zu sein. Die neuen Entwicklungen lassen Adam zum Leiter einer Kunstakademie werden, die Menschen helfen soll, mit ihrer künstlerischen Tätigkeit Gott zu unterhalten. In der Akademie finden sich talentierte und ehemalige Künstler:Innen aber auch kulturferne Bürger:Innen, die nun das Ziel der Zufriedenstellung Gottes verfolgen.
Die beiden Hauptfiguren sind gute Träger von gesellschaftlichen Gedanken. Adam ist darauf bedacht, sich der Hetze des Lebens zu entziehen, und ist nach den gesellschaftlichen Entwicklungen zunächst wenig an diesen interessiert. Als er für die Leitung der Kunstakademie vorgeschlagen wird, erkennt er, wie viele Menschen inzwischen nach Kreativität streben, dies aber nicht zwingend mit Leidenschaft machen, sondern Kreativität als Ware für die Besänftigung Gottes sehen. Er ist hin- und hergerissen, ob er die Verantwortung für die Kunstakademie übernehmen soll, hat sicherlich auch Zweifel am jetzt entstandenen Warencharakter der Kreativität. Es ist Sara, die ihn dazu bringt, die Stelle anzunehmen. Sie ist eine Symbolfigur für die Barrieren der materiellen Welt und ist urplötzlich eine Schriftstellerin, die Anerkennung erfährt. Sara hat also die sich bietende Chance genutzt und hat damit ihrem Leben einen neuen Sinn verliehen. Trotzdem gibt es immer wieder Szenen, in denen sich die Figuren auch nach ihrem alten Leben zu sehnen scheinen.
„Er musste sich immer wieder vor Augen führen, dass er in diese Gesellschaft überhaupt nicht hineingepasst hatte, an ihr abgeprallt war. Er, der gescheiterte Künstler unter der Brücke. Und jetzt? Waren seine Talente plötzlich gefragt, und alle, die achtlos an ihm vorbeigegangen waren, wollten auf einmal so sein wie er. Denn was machte er in dieser neuen Welt? Er, der sich gar nicht hätte verändern müssen, weil er ja all das, was die Menschen jetzt werden wollten, schon immer gewesen war.“
Schulte-Loh, Christian: Es gibt einen Gott, und ihr ist langweilig, Droemer Knaur 2025, S.231.
Schulte-Lohs Roman bezieht seine Stärke vor allem aus Situationskomik und philosophischen gesellschaftlichen Betrachtungen, die mit feiner Ironie gewürzt sind. Es gibt durchaus skurril anmutende Zwischentöne, die aber durch ihren überraschenden Charakter die Leserschaft zum Nachdenken anregen. Der Aufbau des Romans ist episodisch, die Hintergründe zu den neuen Erkenntnissen zu Gott scheinen immer wieder durch, sorgen aber ebenfalls für eine Portion Spannung. Für mich schwebt im gesamten Roman die Frage durch den Text, ob es sich bei der Gotteserkenntnis doch nur um eine neue Geschäftsidee handelt und der Kapitalismus nur seine Währung wechselt. Der Roman verhandelt einen Antagonismus von Konsum und Kreativität und möchte der Frage nachgehen, ob ein der Ästhetik verschriebenes Leben ein besseres ist. Die Figuren suchen anhand der neuen Ausgangslage nochmals nach dem Sinn des Lebens und hinterfragen die vorherigen dominierenden Alltagsvorstellungen. Adam und Sara finden in ihrer Zuneigung zueinander zu einer identitätsstiftenden Aufgabe, und gerade dies stuft man beim Lesen als eine entscheidende Figurenentwicklung ein.
„Die hoch entwickelte Menschheit hatte ja im Prinzip alles, und selbst er, der im Grunde nichts mehr besaß, schleppte noch zu viel Zeug umher. Aber eine Sache fehlte eben allen: nämlich die Antwort auf die große Frage nach dem Sinn.“
Schulte-Loh, Christian: Es gibt einen Gott, und ihr ist langweilig, Droemer Knaur 2025, S.45.
Mit der Gottessymbolik wird die Frage der Bedeutung materieller Werte zentral, die Vorstellungen Gottes sind Grundlage einer utopischen Gesellschaftsvision und Gott ist das Werkzeug, um diese Gesellschaftskritik in eine Romanhandlung zu verpacken. Die leicht zugängliche Sprache ermöglicht ein gutes Folgen und Aufsaugen der verhandelten Blicklichter auf unsere menschliche Identität. Viele Stellen des Romans liefern scharfsinnige Gedanken, behalten aber eine Sicht darauf, die sich Ironie nicht verschließt.
Fazit:
Insgesamt handelt es sich um einen humorvollen Roman, der aber in seinen philosophischen Abschweifungen auch viele ernsthafte Aspekte in sich trägt. Die Figur des Jazzmusikers weist einen hohen Reflektionsgrad auf, wirkt deshalb dominant, ohne bewusst so auftreten zu müssen. Der Roman hinterfragt klug die Bedeutung unserer Wertesysteme und welchen Platz wir der Kreativität und damit auch dem Freiraum des Einzelnen einräumen. Insgesamt gesehen ist dies ein Fokus auf die menschliche Identität. Durch den satirischen Blick und Übertreibungen an der ein oder anderen Stelle ist das Buch nie belehrend, sondern lässt sich gut lesen, ohne dass man sich den klugen Gedanken verweigert. Eine leichte, kluge Lektüre ist selten zu finden, aber mit diesem Roman ist sie gelungen. Somit kann ich mich bei Judith Kautz vom Buchladen nur für diesen schönen Tipp bedanken.
Werbung aus Liebe zum Buch
Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧
Titel: Es gibt einen Gott, und ihr ist langweilig
ISBN: 978-3-426-30938-4
