Serienkritik: Der Pass

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Während der Darmstädter Krimitage 2026 stand ein Abend unter dem Motto „Grenzüberschreitungen“, damit sind Grenzüberschreitungen von Landesgrenzen als auch von Moral und Gewalt jedweder Art gemeint. Bei der Vorbereitung auf diesen Abend habe ich mich an eine Serie erinnert, deren erste Staffel mich begeistert hat, die ich aber anschließend nicht weitergelesen habe. Ich rede dabei von „Der Pass“ einer deutschsprachigen Sky-Produktion, die mittlerweile drei Staffeln umfasst und heute unter anderem bei Netflix zum Streamen verfügbar ist.

Die Serie nutzt den Grenzraum der Alpen nicht bloß als Kulisse, sondern als dramaturgisches Prinzip: Ermittlungen verlaufen zwischen Zuständigkeiten, Mentalitäten und Rechtssystemen. Im Zentrum stehen zwei Ermittler aus unterschiedlichen Systemen: die deutsche Kommissarin Ellie Stocker (gespielt von Julia Jentsch) und der österreichische Ermittler Gedeon Winter (Nicholas Ofczarek). Ihre Zusammenarbeit entsteht aus einem Mordfund auf der Grenze in Staffel 1. Besonders unterschiedliche Polizeitraditionen und Kommunikationsstile sind ein Motor der Handlung und offenbaren auch Bruchlinien zwischen den beiden Hauptfiguren. Während Stocker Ordnung, Kontrolle und Empathie verkörpert, bewegt sich Winter oft im Zwielicht zwischen Professionalität und Selbstzerstörung. 

Die erste Staffel folgt einer Mordserie, die bewusst inszenierte Botschaften enthält. Der/Die Täter:In weist vermeintlich auf moralische Verfehlungen von Personen hin. Dadurch werden die Ermittler gezwungen, sich in ein psychologisches Duell zu begeben. Der Spannungsbogen baut sich sukzessive auf und die mythische Atmosphäre der Alpen wird mit tollen Bildern dazu genutzt, das Setting gekonnt in diesen Verlauf einzuplanen. Ellie wirkt schockiert darüber, wie die Morde ihren eigenen moralischen Kompass entziehen und dass es wenig Hinweise auf mögliche weitere Opfer gibt und damit einen Entzug von Sicherheit bedeutet. Der sogenannte „Krampusmörder“ arbeitet gezielt auf einen Showdown hin, in dem auch Elli in seinen Fokus rückt. Es kommt somit auch zu einer Belastung für Gedeon Winter, die diesen auffordert, die eigene Vergangenheit als Hindernis beiseitezuschieben.

Die zweite Staffel weitet den Fokus, stellt einen Täter in den Mittelpunkt, der abartige Neigungen in Gewalt umsetzt und sich dabei hinter einem machtvollen Familiennetzwerk verstecken kann. Alexander Gössen (Dominic Marcus Singer) erlebt eine Ablehnung, die zu seinem ersten Mord an einer Anhalterin führt. Da die Getötete aus Deutschland stammt, arbeitet die Salzburger Polizei wieder mit den deutschen Ermittler:Innen zusammen. Da Elli Stocker noch unter den Erfahrungen in der Gewalt des Krampusmörders leidet, rückt die junge Ermittlerin Yela Antic (Franziska von Harsdorf) nach. Sie rückt dem Täter gefährlich nahe und wird erschossen. Monate später greift Elli wieder in die Ermittlungen ein und erkennt Spuren, die durchaus auf einen psychisch kranken Täter und die Familie Gössen verweisen. Allerdings vollzieht diese Staffel auch einen Bruch, in dem sie an der moralischen Haltung von Gedeon zweifeln lässt. Die Staffel nutzt diese Tiefe der Figuren für eine emotionale und spannende Story. 

Die dritte Staffel fungiert als Abschluss und bilanziert die vorangegangenen Ereignisse und nimmt die Differenzen zwischen Gedeon und Elli erneut auf. Auf einer Passstraße zwischen Österreich und Deutschland wird einem Motorradfahrer das Genick gebrochen. Wenige Tage später wird eine Frau im Wald lebendigen Leibes verbrannt. Bei beiden Toten deutet die Inszenierung auf einen Serienmord hin. Gedeon Winter übernimmt die Ermittlungen. Zugleich ist der vorherige Fall immer noch nicht abgeschlossen und die Verantwortung der Familie Gössen für die Geschehnisse aus Staffel zwei nicht endgültig geklärt. Elli möchte den Tod der jungen Kollegin endgültig aufklären. Gekonnt werden die beiden Stränge miteinander verknüpft. Einige Verdächtige geraten in den Fokus, Reichsbürger und ein Satanistenkult tauchen auf, und doch scheint man dem Serienmörder nicht nahe zu kommen. Die Serie steigert sich auch in dieser dritten Staffel bis  zum Ende. Insgesamt greifen alle drei Staffeln brutale Taten auf und präsentieren existenzielle Tragödien.

Die beiden Ermittler stehen in einem ambivalenten Verhältnis zueinander. Beide sind keine Heldenfiguren, denn ihre Methoden und die persönlichen Abgründe prägen ihre Arbeit und legen unterschiedliche Moralvorstellungen frei. Winter ist intelligent und immer selbstzerstörerisch unterwegs. Er ist in seiner Arbeit zielorientiert, und doch kann man zu ihm niemals ein Vertrauen aufbauen. Seine deutsche Kollegin beginnt als Idealistin in Staffel Eins, doch die Geschehnisse verändern sie, lassen sie härter werden und nüchterner in ihren Handlungen. Sie weiß  nie genau, was sie von Winter halten soll. In manchen Situationen schätzt sie ihn, doch dann sieht sie in ihm auch wieder einen Gegenspieler. Julia Jentsch spielt Stocker mit einer gelungenen, kontrollierten Intensität und offenbart die inneren Konflikte. Bärenstark ist die Leistung von Nicholas Ofczarek, der Winter bedrohlich und verletzbar zeigt und diese undurchsichtige Figur wunderbar spielt. Diese Figurenbeziehung ist ein wichtiger Baustein der spannenden Serie und macht sie besonders sehenswert. Die dritte Staffel schließt viele Handlungsstränge und ist deshalb der passende Abschluss und beendet auch die persönlichen Konflikte. Durchgehend wird die Atmosphäre mit den passenden Landschaftsbildern verknüpft, immer wieder werden Räume als Bedrohung genutzt und stark von der Kamera eingefangen.

Die Serie steht erkennbar in der Tradition der nordischen  Serie „Die Brücke“ und hat doch einen ganz eigenen Ton. In „Der Pass“ geht es stärker um Moral und die Brutalität gesellschaftlicher Außenseiter, aber auch um zwei Ermittlerfiguren, die sich Fragen der Gerechtigkeit und Moral stellen müssen und unterschiedliche Antworten finden.

Fazit:

Diese Serie ist sicherlich eine der stärksten deutschsprachigen Serienproduktionen der letzten Jahre. In diesen drei Staffeln geht es neben der Klärung von Verbrechen auch um gesellschaftliche Missstände und menschliche Makel. Die Serie schafft es in den Staffeln Eins und Drei eine spannende Täterjagd zu präsentieren, in Staffel Zwei eine menschliche Tragödie innerhalb gesellschaftlicher Machtstrukturen. Alle drei Staffeln haben ihre eigenen Highlights und so entstand ein gelungenes Gesamtwerk. Die geschaffene Atmosphäre sorgt für düstere und mystische Bilder. Nicht nur die Handlungsstränge sind komplex, sondern auch die Hauptfiguren, die jedoch mit herausragender schauspielerischer Qualität gefüllt werden. Diese ambivalenten Figuren können die Serie über drei Staffeln tragen und machen diese Serie zu einem Ereignis.

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Bewertung: 🐧🐧🐧🐧🐧

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