Siebold, Henrik: Inspektor Takeda und der leise Tod

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Nach dem starken Reiheneinstieg mit einem herausragenden ersten Band war ich natürlich gespannt, ob die Reihe diese Qualität fortsetzen kann. 2017 ließ Siebold mit „Inspektor Takeda und der leise Tod“ einen zweiten, ebenfalls bei Aufbau erschienenen Band folgen. Erneut setzt die Reihe dabei auf das Erfolgsrezept des in Hamburg ermittelnden japanischen Kommissars und nimmt sich viel Raum für die Entwicklung der beiden ermittelnden Hauptfiguren, für mich ein großes Plus der Reihe. Kenjiro Takeda muss sich mit der rauen norddeutschen Art anfreunden und erkennt dabei immer mehr, dass sich dahinter auch Herzlichkeiten verbergen.

Im zweiten Fall muss er gemeinsam mit seiner Kollegin Claudia Harms in verschiedenen Milieus ermitteln. In Hamburgs HafenCity wird der IT-Unternehmer Markus Sassnitz überfahren aufgefunden. Sassnitz war ein gefeierter Risikounternehmer der Tech-Branche. Die Obduktion ergibt, dass Sassnitz zudem noch erstickt wurde, und diese Kombination von Todesursachen gibt erste Rätsel auf. Der Aufstieg von Sassnitz hat ihm sicherlich auch Feinde eingebracht, und so führen Hinweise in die IT-Branche und zu möglichen Konkurrenten. Eine weitere Spur führt jedoch in ein ganz anderes Milieu. Eine ehemalige Angestellte von Sassnitz, die in einer drogenverseuchten Wohnung haust, kommt ebenfalls als Täter:In infrage. Hier wird zudem noch im Fall eines ermordeten Kindes ermittelt, welches die Eltern möglicherweise im Rausch über den Balkon geworfen haben. Siebold spart nicht mit drastischen Fällen, und genau diese nüchterne Darstellung von Realität schätze ich ebenfalls an dieser Reihe. In den Fokus der Ermittlungen rückt zudem noch die Ehefrau von Sassnitz, die zugleich eine Anziehungskraft auf Takeda ausübt. Seine Kollegin beobachtet dieses Interesse von Beginn an kritisch und so gibt es hier Spannungen zwischen dem Ermittlerteam. Nach Prüfung der geschäftlichen Beziehungen von Sassnitz kommt der weitere Verdacht auf, dass er mit Drogen gehandelt haben könnte. Es ergibt sich ein schier undurchsichtiges Geflecht aus privaten und beruflichen Konflikten, die eine Vielzahl von Motiven möglich machen.

„Die Deutschen leben in einer Traumwelt. Uns anderen, uns Nichtdeutschen, juckt es in den Fingern, sie daraus zu wecken. Und zugleich möchten  wir nichts lieber,  als ebenfalls so süß zu träumen wie sie.“

Siebold, Henrik: Inspektor Takeda und der leise Tod, Aufbau Verlag 2017, S.165.

Gekonnt wird auch in diesem Band mit kulturellen Unterschieden gearbeitet, wie sich an diesem Zitat gut ablesen lässt. Ich schätze an dieser Reihe aber auch, dass sie uns als Deutschland immer wieder einen Spiegel vorhält. Wir meckern gerne über unsere Verhältnisse, setzt man diese aber in einen Vergleich, dann geht es uns viel besser, als wir dies empfinden. Takeda ist im zweiten Band nicht mehr der neue Exot, sondern hat sich mit dem Lösen des ersten Falles bereits Respekt erarbeitet. Ebenso beginnt er, sich heimisch zu fühlen und erste Alltagsrituale zu entwickeln. Auch der Kontakt zu japanischen Migranten in Hamburg wurde aufgenommen, sodass er auch ein Stück Heimat spüren kann. Bei all seiner Integration verliert er jedoch nie seinen durch die japanische Kultur geprägten Blick. Das mögliche Drogenmilieu schreckt den japanischen Ermittler nicht ab, zeigt ihm vor allem auf, dass es diese Strukturen weltweit gibt und sie sich nicht groß unterscheiden. Befremdlicher wirkt die Start-Up-Szenerie, in der es auch um Sassnitz als Influencer geht. Diese oftmals von starkem Schein geprägte Welt ist für das Ermittlerteam nicht immer gut einzuordnen. Es macht die beiden Figuren jedoch noch sympathischer, dass sie nicht sogleich alles durchdringen. Der wirtschaftliche Aufstieg von Sassnitz steht in Kontrast zu einer möglichen Affäre mit einer drogenabhängigen jungen Frau. Das letztere Milieu wird richtig genau beschrieben, ich kann förmlich die Wohnung, ihre Gerüche und den Zustand selbst sinnlich wahrnehmen, und deshalb empfinde ich den Tod des Babys auch als besonders drastisch. Gegensätze sind für diesen zweiten Band eine typische Eigenschaft. Die Lebenswelt des Opfers scheint mehrere Seiten zu haben, und dabei ist nie klar, ob seine Frau davon gewusst hat. Sie bleibt immer rätselhaft und ist gerade deshalb ein attraktiver Fixpunkt für Takeda. Allerdings läuft er Gefahr, dabei wesentliche Punkte zu übersehen. Aufgrund des komplexen Motivgeflechts ist ganz lange nicht klar, in welche Richtung die Ermittlungen die besten Chancen versprechen, und dies macht den Roman hochspannend. Passend hierzu steigert sich das Tempo stetig und die kurzen Kapitel lassen in einem den Wunsch hochsteigen, stetig weiterzulesen. Die Tiefe der geschilderten Figuren ist ebenfalls äußerst gelungen und macht diesen Krimi zu einem ganz besonderen Leseereignis. Das Ermittlerteam bleibt unterschiedlich, und doch treten die Eigenschaften der beiden immer mehr als wunderbare Ergänzung zum Vorschein. Takedas analytisch-reflektierende Art wird allerdings in diesem Band von Sassnitz’ Frau durchbrochen. Insgesamt verbindet sich klassische Ermittlungsarbeit mit einer intuitiven Menschenkenntnis.

Fazit:

Wenn ich beim ersten Band aus meiner Begeisterung schon fast nicht mehr herausgekommen bin, so muss ich dies für den zweiten Band noch deutlicher sagen: Dies ist einfach ein unfassbar guter Kriminalroman. Henrik Siebold weiß einfach, wie man einen spannenden Krimiplot konstruiert, der dazu führt, dass man dieses Buch einfach nicht weglegen möchte. In diesem Roman kommen noch exzellente Milieubeschreibungen hinzu, die einen direkt in die geschilderten Szenerien ziehen. Gepaart wird dies mit einem weiterhin wunderbaren Ermittlerteam, dessen menschliche Stärken und Schwächen in den Roman hineinragen, ohne den Krimi zu überlasten. Henrik Siebold hat wirklich eine bärenstarke Reihe entwickelt und diese ist ein Must-Read für alle Fans von guten Spannungsromanen.

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Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧🐧

Titel: Inspektor Takeda und der leise Tod

ISBN: 978-3-7466-3300-8

https://www.aufbau-verlage.de/aufbau-taschenbuch/inspektor-takeda-und-der-leise-tod/978-3-7466-3300-8

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