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An der Inspektor-Takeda-Reihe von Henrik Siebold schätze ich neben ihren toll ausgearbeiteten Ermittlerfiguren und dem Spiel mit kulturellen Unterschieden, dass sie sich in ihren Krimiplots gezielt gesellschaftlich relevanten Themen widmet. Der fünfte Band „Inspektor Takeda und die stille Schuld“ erschien 2021 im Aufbau Verlag und setzt sich mit dem gesellschaftlich wichtigen Thema Pflege auseinander. Damit geht auch dieser Band über eine klassische Krimihandlung hinaus und betont die besondere Atmosphäre der Reihe.
In einer Hamburger Seniorenresidenz bricht ein Feuer aus, welches den acht Bewohner:Innen den Tod bringt. Die Ermittlungen der Brandinspektoren zeigen schnell, dass es sich um Brandstiftung handelt. Dies bringt Claudia Harms und Kenjiro Takeda ins Spiel. Der einzige Zeuge ist stumm, da es sich dabei um einen Pflegeroboter handelt. Die Ermittlungen rund um die Seniorenresidenz gestalten sich schwierig, da die Heimleitung sich nicht kooperativ zeigt. Als bei einem weiteren Brand in einem Privathaushalt ebenfalls ein Pflegeroboter beteiligt ist, entsteht ein neuer Verdacht. Die beiden Kommissare beginnen in der Entwicklungsfirma zu ermitteln und versuchen zu ergründen, ob ein mögliches Motiv bei den Robotern zu finden ist. Vielleicht stecken hinter den Anschlägen verärgerte Pflegekräfte, oder ist es vielleicht sogar möglich, dass die Maschine selbst den Mord begangen hat?
„Die alten Menschen, um die ich, um die wir uns kümmern, sind im letzten Abschnitt ihres Lebens angekommen. Sie sind Eltern, Großeltern, vielleicht Urgroßeltern. Sie haben gearbeitet, geliebt, sind vielleicht verlassen worden, sind verwitwet, haben wieder geheiratet. Sie haben in ihrem Leben etwas vollbracht, auf das sie stolz sein können, haben bestimmt auch schwere Stunden verlebt, sie sind gestürzt und wieder aufgestanden … So oder so, sie haben zu dem beigetragen, was uns alle verbindet. Diese Stadt, dieses Land. Und dann fällt uns nichts Besseres ein, als sie in ihren letzten Jahren einer Maschine zu überlassen? Wie kalt muss eine Gesellschaft sein, die so etwas tut?“
Siebold, Henrik: Inspektor Takeda und die stille Schuld, Aufbau Verlag 2021, S.177.
Dieses Zitat zeigt, welche Themen diesen Roman durchdringen. Es geht um ethische Dilemmata bei der Pflege unserer älteren Menschen. Der demografische Wandel lässt diese Zahl steigen und zugleich steigen Pflegekosten und es gibt nicht ausreichend Personal. Somit spielen technische Entwicklungen wie Pflegeroboter durchaus eine Rolle. Moderne Pflegeformen können hier Abhilfe schaffen, doch würden diese auch die menschlichen Sehnsüchte älterer Menschen befriedigen. Beim Lesen des Romans beginnt man, über unseren Umgang mit den älteren Menschen nachzudenken. Die Krimihandlung nimmt uns mit in ein Geflecht verschiedener Interessen, die auch die ökonomischen Ziele von Beteiligten entlarven. Henrik Siebold nimmt sich viel Zeit, diese Diskurse auszubreiten. Die Schilderungen der Pflegeroboter und ihrer Einsatzmöglichkeiten wirken gut recherchiert. In der Realität werden bereits erste Tests durchgeführt und somit ist dieser Roman nah an unserem Zeitgeist. Bisher sind Pflegeroboter vor allem Ergänzungen, die dabei helfen sollen, die hohe Belastung von Pflegekräften zu senken. Allerdings gibt es Ideen, die darüber hinausgehen, und damit stellt sich die Frage, wie groß unser Vertrauen in die Technik ist. Mir gefällt, wie der Roman mit diesem Thema umgeht: Nie wird ein Weg verteufelt, die differenzierte Auseinandersetzung ist mehr als gelungen.
„Es gibt Leute, die behaupten, dass die junge Generation sich nicht festlegen will, weil ja immer noch etwas Besseres um die Ecke kommen könnte. Die ertrinken lieber im Meer der Möglichkeiten, als sich für eine Sache zu entscheiden.“
Siebold, Henrik: Inspektor Takeda und die stille Schuld, Aufbau Verlag 2021, S.80.
Gekonnt nutzt Siebold solche Zitate doppeldeutig, denn es könnte auch eine Beschreibung der Situation der beiden Ermittler:Innen sein. Beim letzten gemeinsamen Einsatz in Japan sind sie sich auch körperlich nähergekommen, doch der Versuch einer gemeinsamen Beziehung scheint gescheitert. Die daraus entstehende persönliche Spannung ist ein treibender Effekt dieses Romans. Es wird offensichtlich, dass der nach Ruhe strebende japanische Jazzliebhaber und die durchaus impulsive Deutsche ihr gemeinsames Zusammenleben nicht organisieren konnten, aber auch beide keine klare Entscheidung treffen. Diese Beziehungsebene bereichert den Roman, ohne den Krimiplot zu überlagern. Zugleich ist dieses Zitat auch eine Beschreibung einer gesellschaftlichen Beobachtung und ich liebe die Reihe für solch beiläufige Bemerkungen. An diesem Band schätze ich die vielen Wendungen in den Ermittlungen. Statt auf Action wird wieder auf klassische Ermittlungsarbeit gesetzt, und diese ist eine Stärke dieser Reihe.
Fazit:
Nachdem mir der Vorgängerband nicht ganz so gut gefallen hatte, ist dieser Roman wieder Krimispitzenklasse. Ich mag die intelligenten Plots und dass es Henrik Siebold wiederholt gelingt, sich gesellschaftlichen Themen zu widmen und diese in all ihren Facetten in seinen Romanen darzustellen. Genau dieser Aspekt macht eine Krimireihe für mich zu einem literarischen Ereignis. Die beiden sympathischen ermittelnden Hauptfiguren sind ebenfalls mit Liebe zum Detail ausgearbeitet und die persönliche Beziehungsebene erhält genau den richtigen Anteil Raum im Buch. In diesem Band gefällt mir die Thematik besonders und ich habe die spannende Frage „Wozu ist Technik fähig?“ auch als eine Frage nach Vertrauen in Technologie wahrgenommen. Der Roman ist spannend bis zum Schluss und ist mit seiner ausdifferenzierten Auseinandersetzung eine respektvolle Betrachtung von Pflegeherausforderungen in unserer Gesellschaft. Von mir gibt es wieder eine Höchstwertung.
Werbung aus Liebe zum Buch
Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧🐧
Titel: Inspektor Takeda und die stille Schuld
ISBN: 978-3-7466-3718-1
