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Der Frühling ist zumindest nach dem Kalender gestartet, auch wenn dies beim Wetter noch nicht immer angekommen ist. Ich möchte aber auf meinem Blog schon in diese Jahreszeit starten und mein nächster Büchertisch soll Lesetipps versammeln, mit denen ich Frühlingsgefühle verbinde und die für Euch passende Lektüre sein könnten. Starten möchte ich diesen Büchertisch mit einem Buch, welches diese Jahreszeit im Titel trägt. „Frühling“ von Ali Smith ist 2021 im Luchterhand Verlag erschienen und Teil eines Jahreszeiten-Zyklus, welchen die Autorin geschrieben hat. Smith ist eine der bedeutendsten zeitgenössischen Stimmen der britischen Gegenwartsliteratur. Wer ihre Bücher kennt, weiß um ihre Experimentierfreude, die intertextuellen Bezüge und eine Orientierung an politischen Themen, an denen sie sensibel und kritisch arbeitet. Dadurch ist sie eine Chronistin unserer Gegenwart geworden. „Frühling“ ist Teil des Jahreszeiten-Quartetts und eigentlich nach „Herbst“ und „Winter“ der dritte Band, wobei sie nicht in Reihe gelesen werden müssen. In „Winter“ geht es um familiäre und gesellschaftliche Kälte, „Herbst“ hatte sich zuvor direkt mit dem Brexit-Referendum und seinen gesellschaftlichen Auswirkungen beschäftigt. „Frühling“ nutzt diese Jahreszeit symbolisch, um im Roman Bewegung und Erneuerung zu verarbeiten.
„Die Wahrheit ist ein Trotzdem.“
Smith, Ali: Frühling, Luchterhand Verlag 2021, S.16.
In diesem Buch werden zunächst lose erscheinende Handlungsstränge miteinander verknüpft. Im Zentrum des Romans steht Richard, ein älterer Fernsehregisseur, der den Tod einer geliebten Kollegin verarbeiten muss. Sie war eine Seelenverwandte und stand ihm mit ihrer Kreativität als Drehbuchschreiberin durchgehend zur Seite. Seine Trauer lässt ihn in eine Orientierungslosigkeit treiben und einen Zug nehmen, der ihn in den Norden Großbritanniens bringen soll. Parallel dazu erzählt Smith von Britt, die in einem Abschiebezentrum für Flüchtlinge arbeitet. Ihre Arbeit ist eine Abarbeitung von Routinen, die persönliche Schicksale nicht zur Grundlage hat und deshalb für ein moralisches Abstumpfen sorgt. Risse in ihrem Selbstverständnis zeigen sich in ihrem Verhältnis zu ihrem Freund. Ali Smith erzählt in drei Teilen von diesen Perspektiven. Im ersten Teil steht Richard mit seiner Sinnkrise im Fokus, im anschließenden Teil geht es um Brit. Im dritten Teil werden diese Stränge dann zusammengeführt, in welchem Smith eine märchenhafte Dimension einführt. Sie treffen auf ein junges Mädchen, welches scheinbar mühelos Grenzen überschreiten kann und in die Menschen eindringt und sie zu einem Verhalten hinführt, welches moralisch besser zu sein scheint. Durch das Mädchen kommt Bewegung in festgefahrene Situationen und sie schafft es ebenfalls, Richard und Britt provokant aus ihrer Lethargie, ihren Krisensituationen herauszulocken. Somit ändert sich der Tonfall des Romans und betont im dritten Teil Hoffnung und Möglichkeiten für positive Entwicklungen. Insgesamt beleuchtet Smith in ihrem Roman aktuelle gesellschaftliche Realität und verdichtet durch die unterschiedlichen Perspektiven. Jeder Teil des Buches startet mit einem vielstimmigen Choral. Stimmenfragmente geben direkten Einblick in unsere Gesellschaft und sind für jeden Teil des Romans eine programmatische Eröffnung. Im ersten Teil geht es um die Wahrnehmung von Medien und die Zersplitterung und das schwindende Vertrauensverhältnis zu klassischen Medien werden angedeutet. Der zweite Teil offenbart den in unserer Gesellschaft aufkeimenden Rassismus. Der dritte Choral ist kürzer, direkter in der Ansprache und markiert den Riss zwischen Menschen, die sich enttäuscht von der liberalen Demokratie abgewendet haben und nun mit Hass auf Menschen blicken, die dieses System stützen. Bewusst wird all dies fragmentarisch und assoziativ verarbeitet. Die Geschichte rund um Richard und Britt präsentiert zwei Perspektiven unserer Gesellschaft, die direkt mit diesen Themen konfrontiert sind. Richard kann aufgrund seiner Trauer nicht tief in die Debatte eindringen, und doch reflektiert er seine Arbeit und überlegt, inwieweit seine behandelten Themen Relevanz erzeugen und wie er seinen Stoff findet. Smith durchbricht in den Perspektiven Zeit, da immer wieder Rückblenden eingearbeitet sind. Der Text ist deshalb ein literarisches Gewebe, welches sich mit einer prägenden Sprache in seine Leserschaft einschreibt. Ich habe viele Textstellen markiert, die ich klug und für sich stehend gelungen finde. Unsicher bin ich, ob sich diese klugen Textstellen in diesem Gewebe zu einem für mich nachvollziehbaren Ganzen zusammensetzen.
„Was wäre, wenn wir statt die Grenze teilt diese Länder sagen würden: Die Grenze verbindet diese Länder. Die Grenze hält diese beiden echt interessanten verschiedenen Länder zusammen. Was, wenn wir Grenzübergänge einrichten würden, in denen man, hör zu, wenn man drübergeht, selbst doppelt möglich werden würde.“
Smith, Ali: Frühling, Luchterhand Verlag 2021, S.184.
Smith setzt der gesellschaftlichen Realität eine Dimension hinzu, die märchenhafte Anspielungen hat. Britt und Richard lernen ein Mädchen kennen, welches eine schier übernatürliche Präsenz entwickelt. Das Mädchen schafft es, eine Reinigung in Britts Abschiebeheim zu erzielen und damit einen ersten Schritt hin zu mehr Menschlichkeit. Richard wird durch das Aufeinandertreffen aus seiner Melancholie herausgeholt. Britt erkennt im Mädchen eine Chance auf Besserung und sieht in ihr eine Person, die ihr helfen kann, aus der eigenen unzufriedenen Lebenssituation auszubrechen. Richard verkörpert eine melancholische Rückschau, die mit ihrer Perspektive der Realität keine Energie mitgeben kann, Britt hat sich in der moralisch ambivalenten Gegenwart unzufrieden abgefunden. Mit dem Mädchen kommt Bewegung, es unterläuft Autoritäten und entzieht sich jedweder Verantwortungsübernahme. In ihm bündeln sich Hoffnung und Widerstand, und damit wird es Symbol für die Kraft und Wirkung von Erneuerung.
„Es war ein Mann auf einem Bahnsteig. Es gab keine Geschichte. Nur dass es doch eine gibt. Irgendeine blöde Geschichte gibt es immer.“
Smith, Ali: Frühling, Luchterhand Verlag 2021, S.22.
Für mich reflektiert dieses Buch stetig das Erzählen und seine Funktionen. Geschichten sind keine abgeschlossenen Gebilde, sie sind bei Ali Smith organische Prozesse, in denen Narrative stetig hinterfragt und überschrieben werden und dabei zwischen Realismus und Magie wandeln. Smith kennt die literarischen Traditionen, und so ist ihr Werk auch ein literarisches Spiel. In dieses schreiben sich wichtige Themen unserer Gegenwart ein und zeigen eine Welt auf, die versucht, sich abzuschotten, und dabei eigene moralische Werte opfert und Gewissheiten eines liberalen Systems abschreibt. Aufgrund dieser Themen erwartet man einen Text, der schwer lesbar ist, doch mit ihrer kühnen Stilistik gelingt Smith ein Text, den man gerne liest. Das Buch fordert jedoch zu einer aktiven Lektüre heraus. Der Handlungsstrang um Richard ist allerdings besser ausgearbeitet. Seinen Emotionen kann ich nachspüren, bei Britt gelingt mir dies nicht. Vielleicht liegt der Grund dafür in ihrer Charakteranlage, denn Britt versucht, sich ihren Gefühlen zu entziehen, wirkt aufgrund ihres Umgangs mit ihrem Job oberflächlich. Positiver sind die Vielstimmigkeit und die sprachliche Qualität, die mir beim Lesen Spaß gemacht haben. Ich bin deshalb in meinem Urteil zu diesem Buch gespalten. Die märchenhafte Ebene hat sicherlich eine wichtige Funktion und stellt dem harten Realismus unserer Zeit Hoffnung entgegen. Mich kann jedoch die Kraft dieses Märchennarrativs nicht so erreichen, dass ich die Hoffnungsgefühle gleichwertig gewichten kann, wie die starken Teile des Romans, mit denen die Ambivalenzen und Gefahren unserer Gegenwart aufgedeckt werden.
Fazit:
Dieses Buch war meine erste Lektüre von Ali Smith und ich werde den gesamten Jahreszeitenzyklus lesen. Ich stimme den Kritiken zu, welche ihre Art zu schreiben loben. Die Sprache des Buches dringt in mich ein, bietet viele starke Textstellen, die gekonnt und ästhetisch gelungen unsere Gesellschaft mit ihren Herausforderungen erfassen. Die choralen Einstiege und die Ansprache der Leserschaft sind starke Textpassagen. Die Figur Richard mit ihrer Melancholie packt mich und ich mag, dass sich der Roman gegen einfache Zuschreibungen wendet. Ali Smith gelingt es mit ihrem Buch, Möglichkeiten von Literatur auszuloten und damit poetische Kraft zu entfalten. Bei meiner Lektüre gelingt dies aber nicht durch das gesamte Buch. Die märchenhaften Elemente bleiben mir zu vage, die Geschichte von Britt verdichtet sich bei mir nicht mit jener von Richard. Ich hätte von letzterer Figur weiterhin gerne gelesen, die Zusammenführung der Stränge geht aber nicht auf. Trotzdem hat dieses Buch hervorragende Passagen, weshalb ich es durchaus als Lektüre empfehle, aber mitgebe, dass hier nicht die Handlung punktet, sondern die sprachliche Qualität.
Werbung aus Liebe zum Buch
Wertung: 🐧🐧🐧🐧
Titel: Frühling
ISBN: 978-3-630-87580-4
https://www.penguin.de/buecher/ali-smith-fruehling/buch/9783630875804
