Stuckrad-Barre, Benjamin: Soloalbum

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Im Lesemonat April habe ich mir vorgenommen, Bücher vorzustellen, die ich während meines Germanistikstudiums gerne gelesen habe und die einen Anteil an meiner Faszination für deutschsprachige Gegenwartsliteratur tragen. Neben Christian Kracht ist einer der prägenden Autoren für die sogenannte Popliteratur Benjamin von Stuckrad-Barre. Bekannt wurde dieser zunächst als Journalist für die Musikzeitschrift „Rolling Stone“ und für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, bevor er dann 1998 seinen Debütroman „Soloalbum“ veröffentlichte. Sein Schreiben ist stark durch seine Erfahrungen im Musikjournalismus geprägt und begeistert sich für Popkultur und eine stilisierte Wahrnehmung von Gegenwart. Mit seinen Büchern gilt Stuckrad-Barre als ein Chronist unserer Zeit.

„Das ist natürlich gemein, aber zu mir ist die Welt ja auch nicht nett.“

Stuckrad-Barre, Benjamin von: Soloalbum, Kiepenheuer und Witsch 2009, S.110.

Mit diesem Zitat ist ein Grundtenor des Buches benannt. Der Roman erzählt von einem namenlosen Ich-Erzähler, der in der Medienbranche tätig ist und frisch von seiner Freundin Katharina verlassen wurde. Er taumelt durch seinen Alltag und flüchtet sich in verschiedene Partys, belanglose Begegnungen und zynische Kommentare zum Geschehen um ihn herum. Immer wieder versucht er den Verlust zu kompensieren und wird immer wieder von der Sehnsucht nach seiner Freundin übermannt und möchte sie gerne zurückgewinnen. Allerdings ringt sich der Erzähler nie zu einer Handlung durch, immer wieder stumpft er emotional ab und verweigert dadurch eine Kompensation der Trennung. Der Roman blickt durchgehend in ein Innenleben, welches von Selbstmitleid, Ironie, Verdrängung und obsessiven Gedankenschleifen durchzogen ist. Popmusik, Fernsehsendungen und Markenwelten dienen dem Eskapismus und können dem Erzähler nie Halt geben. Damit unterscheidet sich dieser Roman von anderen Texten der deutschsprachigen Literatur, in denen es vor allem um Tiefe in ihren Figuren ging. Benjamin von Stuckrad-Barre hat einen Protagonisten erschaffen, den man nur schwer mögen kann. Zu emotionslos  betrachtet er sein Leben und ist in seiner Beschreibung von Frauen von einem sexistischen Blick geprägt. Frauen dienen für den Erzähler nur als Projektionsfläche männlicher Bedürfnisse, allerdings durchbrochen von der Sehnsucht nach Katharina. Allerdings bleibt Letztere konturlos und nie wird ihre Perspektive dargestellt.

„Soloalben sind fast immer scheiße. Während der Zeit mit Katharina habe ich verschiedentlich an Soloprojekten gearbeitet. Die hießen Isabell, Susanne, Katinka zum Beispiel. Die liste ich heute mal auf, um auf andere Gedanken zu kommen. So Durchhaltegedanken: „Es geht doch auch anders, andere Mütter haben auch schöne Töchter und so.“

Stuckrad-Barre, Benjamin von: Soloalbum, Kiepenheuer und Witsch 2009, S.25.

In diesem Zitat zeigen sich die Haltung des Protagonisten und das einseitige Bild im erinnernden Blick auf die Beziehung. Es wird deutlich, dass der Ich-Erzähler diese nicht besonders gepflegt hat und nun vor allem etwas vermisst, was ihm gewisse Stabilität geboten hat, ohne, dass er diese aktiv geschätzt hat. Man kann diese Art Frauenbild als Teil der Archivierung von Lebenswelt sehen. Popliteratur schafft durch ihre Integration von popkulturellen Phänomenen wie Musik oder Markennamen ein Zeitarchiv. In  diesem Roman kann  man im transportierten Frauenbild ebenfalls eine Archivleistung sehen. Mit seinem Protagonisten gibt Stuckrad-Barre eine männerdominierte Medien- und Lebenswelt der 90er Jahre wider, in der weibliche Perspektiven nur marginalisiert zu sehen sind. Damit wird nicht nur eine individuelle Persönlichkeit geschildert, sondern der Roman zeichnet gesellschaftliche Strukturen nach. Natürlich kann man den Nihilismus der Hauptfigur stilistisch auch in die Nähe des Autors rücken, aber ich versuche mich nun etliche Jahre später mit dem Werk anders auseinanderzusetzen. Mir hat der Roman bei  meiner erstmaligen Lektüre aber vor allem wegen des zynischen Blicks auf den medialen Einfluss und die aufkeimende Oberflächlichkeit unserer Konsumwelt gefallen. Zugleich erinnert der Roman bei der erneuten Lektüre an die 90er Jahre, die damalige Musik, die erste Hochphase des Privatfernsehens und prägende Marken. Stuckrad-Barre verweigert sich stilistisch einer Tiefe, sondern schafft ein Zeitdokument der Oberfläche.

„Gestern haben wir telefoniert. Mit WIR meine ich weiterhin (vielleicht sollte ich das mal lassen?) Katharina und mich. Es war einmal mehr der schlimmste Terror. Natürlich habe ich sie angerufen. Und noch ist sie höflich, zu mitleidig, um einfach aufzulegen. Wir seufzten beide. Und das dauerte. Ich wagte nicht aufzulegen, obschon ich ja merkte, daß es überhaupt gar keinen Zweck hatte, da ist nichts mehr zu holen, wird alles nur noch schlimmer.“

Stuckrad-Barre, Benjamin von: Soloalbum, Kiepenheuer und Witsch 2009, S.102.

In diesem Zitat zeigen sich sowohl der Narzissmus des Ich-Erzählers als auch seine gleichzeitig immer wieder aufkommende Schwäche, wenn es um die beendete Beziehung geht. Zugleich ist das Reflektionsniveau hoch. Die Trennung von Katharina ist keine komplexe Beziehungsanalyse wert, sondern wird im Roman zu einem persönlichen Kontrollverlust. Die Musik der britischen Band Oasis und weitere Popsongs werden zu emotionalen Markenpunkten, Fernsehsendungen dienen der Ablenkung, obwohl er genau dies gleichzeitig verabscheut. Konsum und die Teilnahme an Partys sind Ersatzhandlungen, deren Funktionieren jedoch nicht gelingt. Immer wieder wird die Ambivalenz des Erzählers und damit eine persönliche Schwäche sichtbar. Der Stil dieses Romans passt zu seiner Hauptfigur und schafft es, Popkultur mit innerem Erleben zu kombinieren. Der Protagonist möchte sich nicht entwickeln und ist somit Ausdruck einer durch Konsum geprägten, oberflächlichen und dadurch emotionslosen Welt. Die monotone Perspektive des Romans ist sowohl stilistisch wichtig als auch eine Schwäche aufgrund  der Eindimensionalität mit Blick auf eine zwischenmenschliche Beziehung. Insgesamt stelle ich die Bedeutung dieses literarischen Archivbilds über die genannten Schwächen.

Fazit:

Die erneute Lektüre dieses Buches hat dazu geführt, dass ich den Roman etwas schwächer einstufe und mich kritisch mit dem geschilderten Frauenbild auseinandersetze. Betrachtet man das Buch jedoch in seiner stilistischen Zielsetzung eines Zeitporträts, ist der zynische Machoblick des Protagonisten ebenfalls Archivbild. Stuckrad-Barre beschreibt die Kultur der 90er Jahre mit einem oberflächlichen Blick, der sinnbildlich für eine gesellschaftliche Entwicklung hin zu Konsum und weg von tiefen emotionalen Empfindungen ist. Immer noch gelingt es dem Roman bei seiner Lektüre, ein Lebensgefühl der 90er Jahre lebendig werden zu lassen, welches zugleich von unserer heutigen Zeit weit weg ist. Literatur ist hier ein Blick auf eine Medienwelt, der man vor allem durch eine radikale Nähe begegnet. Ich habe das Buch mit einem kritischen Blick gelesen und muss trotzdem die pointiert-zynische Perspektive  des Erzählers als ein Highlight einstufen. Seine Analyse von Gegenwartsphänomenen, auch in ihrer Boshaftigkeit, ist äußerst gelungen und verarbeitet damit essayistische Aspekte gelungen in einen Roman.

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Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧

Titel: Soloalbum

ISBN: 978-3-462-03496-7

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