Unterlehberg, Mascha:  Wenn wir lächeln

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Der erste Büchertisch meines Blogs orientiert sich an einem Lesungsabend der Leipziger Buchmesse 2025 mit dem Titel „Beste erste Bücher“ und wurde vom Podcast Duo Linn Penelope Micklitz und Josef Braun moderiert. In deren Podcast „Wasser und Buch“ war eine der Autorinnen des Abends zudem zu Gast. Mascha Unterlehberg hat bei ihnen ihren Debütroman „Wenn wir lächeln“, erschienen 2025 im Dumont Verlag, vorgestellt. Unterlehberg hat Literaturwissenschaften und Kunstgeschichte studiert und hat an verschiedenen deutschsprachigen Theatern gearbeitet bevor sie nun ihren ersten Roman veröffentlicht hat. Ihr Roman hat viel Aufmerksamkeit erfahren und dies ist für mich nachvollziehbar. Ihr Text präsentiert eine innige Freundschaftsgeschichte, schildert das Aufwachsen zweier junger Frauen, die dabei immer wieder zwischen Zärtlichkeit und Wut schwanken. Schon die Eingangssequenz macht deutlich, dass dieses Buch mit Fallhöhen jeglicher Art ein ästhetisches Spiel betreiben wird. Jara steht an einer Eisenbahnbrücke und weiß um das Verschwinden ihrer Freundin Anto, die wohl von einer Brücke gesprungen sein könnte.

„Sie wäre nicht gesprungen, wenn sie geglaubt hätte, dass sie das nicht überlebt. Anto, und es hat gedauert, bis ich das begriffen habe, geht zwar oft an ihre Grenzen, aber selten darüber hinaus. Zumindest kenne ich sie so.“

Unterlehberg, Mascha: Wenn wir lächeln, Dumont Verlag 2025, S.48.

Schon diese Zeilen offenbaren, dass sich Unterlehberg ihren Figuren intensiv widmet. Anto und Jara finden in tiefer Freundschaft zueinander, wie Jara als Erzählerin in Rückblenden erzählt. Sie sind bereit gemeinsam Mutproben zu erleben, gewähren der jeweils anderen immer etwas Einblick in ihr Leben. Allerdings ist Jara offener, ihr Familienleben wird sichtbar, während Antos Mutter vor allem durch Abwesenheit glänzt. Aufgrund dieser Konstellation muss Jara erkennen, dass sie nie in alle Geheimnisse Antos eindringen konnte. Somit liegt in dieser weiblichen Freundschaftsgeschichte immer eine Tragik. Wir als Leserschaft wissen ebenfalls nicht mehr, da wir nur Jaras Perspektive kennenlernen. Anto ist trotzdem immer eine treibende Kraft, animiert Jara zu bestimmten Handlungen. Die Geschichte zeigt sich in kurzen Sequenzen, geht immer wieder in pointierte Rückblenden über, die aber eine jugendliche Naivität in sich transportieren. Dem Roman gelingt es aber auch hier Fallhöhen zu inszenieren, lässt die Figuren kluge Sätze formulieren, macht aber deutlich, dass hinter allem immer eine jugendliche Unsicherheit stehen bleiben muss. Das Verschwinden von Anto ist ein zentrales Narrativ, denn dadurch wird die Freundschaftsgeschichte auch zu einer Frage nach dem Warum und wie viel Verantwortung im Verhältnis der beiden liegen könnte. Anto und Jara durchleben Phasen, die man sicherlich aus eigenen Freundschaften kennt. Unterschiedliche Vorstellungen der Freizeitplanungen, die erste Liebe, eine Entfremdung, weil Jara einen Freund hat. Nichts davon erscheint als ein solch belastendes Momentum, dass es Anto zu einem radikalen Schritt bewegen würde. Trotzdem sind die beiden Figuren immer Getriebene, zum einen im Heranwachsen, zum anderen in der Ungeduld diese Phase schnell zu überstehen. Dies unterstreicht Unterlehberg ästhetisch durch kurze Sätze, Dialoge ohne klassische Anführungszeichen, die auch hier eine Fallhöhe zwischen Nähe und Dringlichkeit sowie Distanz durch die Perspektive ausspielt.

„Auf einmal bin ich so wütend, dass es mich selbst überrascht. Wütend, weil ich hier stehe und mein Herz schlagen höre, fünfhundert Meter Luftlinie von meinem Bett entfernt, und dass die Angst vielleicht auch noch berechtigt ist, mir immer und überall eingehämmert wurde, seit ich denken kann. Dass das Verhalten von diesen Mann, der sich nicht umgesehen hat, mir außerdem gezeigt hat, wie es ist nachts unterwegs zu sein, ohne ständig mit allem rechnen zu müssen.“

Unterlehberg, Mascha: Wenn wir lächeln, Dumont Verlag 2025, S.157.

Wäre der Roman eine Freundschaftsgeschichte, dann hätte er mit seinem Plot kein Alleinstellungsmerkmal. Diesen integriert sich der Text indem er das Patriarchat zu einem zentralen Thema macht. Die zwei Mädchen müssen nicht nur im Heranwachsen ihren Platz in der Welt suchen, sondern erkennen, dass sie als Frauen hier nicht über die gleichen Rechte und Chancen verfügen. Die Abwesenheit der Mütter ist ein Element, welches sichtbar macht, dass es den beiden Mädchen auch an Vorbildern fehlt. Immer wieder zeigt sich die Wut über die Dominanz der Männer, sei es während des Fußballtrainings oder im normalen Straßenalltag. Nie können die beiden Mädchen gänzlich sicher sein. Immer wieder werden an sie männlich vorgegebene Erwartungshaltungen gestellt, sind sie Opfer von Anmachen, müssen körperliche Bedrohungen verarbeiten. Ihre Mutproben und Fantasien sind deshalb auch Selbstermächtigung. Die Stärke des Buches liegt darin, wie die beiden jungen Mädchen versuchen sich zu widersetzen, eben nicht wie ihre Mütter abwesend in dieser patriarchalen Welt bleiben wollen. Sie müssen vieles verarbeiten, sind aber nie hilflos und werden mit ihrem Widerstand doch auch selbst zu einem Problem. Somit nutzt der Roman hier ebenfalls eine moralische Fallhöhe. Für mich ist dies wunderbar herausgearbeitet und hat dem Text eine Sogwirkung gegeben, der ich mich nicht entziehen konnte. Nur der Spielplatz ist immer wieder Ruheort und bietet die Chance zum Nachdenken, aber auch in diesen Raum brechen Männer ein.

„Unsere Namen stehen immer noch auf der Platte, mit rotem Edding für alle Zeiten dort festgehalten.“

Unterlehberg, Mascha: Wenn wir lächeln, Dumont Verlag 2025, S.183.

Ich mag diese Freundschaftsgeschichte und muss doch damit klar kommen, dass die Brückenszene ein zentrales Motiv des Romans ist. Es bleibt unklar, ob Anto gesprungen ist, oder nur verschwunden, was real passiert oder nur Jaras Gedankenwelt darstellt. Dieser Bruch wird in der Freundschaftsgeschichte immer wieder Thema. Jara glaubt zwischendurch, dass sie sich zu wenig gekümmert hat. Alle wichtigen Momente der gemeinsamen Zeit (Kennenlernen, erste Konflikte, Momente der liebevollen Nähe) finden sich im Text. Ich bin nah dran an diesen weiblichen Perspektiven und kann jede Form der Wut direkt nachvollziehen. Diese beiden Figuren wühlen auf, da sie sicherlich besonders sind und zugleich können sie als Symbolfiguren für das weibliche Heranwachsen taugen.  Dieses Buch ist aber kein Jugendrückblick der bei mir nostalgische Gefühle hervorruft, sondern eine eindringliche Schilderung einer Welt, die auch verstört und immer wieder Wut hervorruft. Ich bin wegen dieser ungewohnten Verarbeitung einer Heranwachsendengeschichte nur schwer von dieser Geschichte weggekommen und dies ist ein starkes Kompliment.

Fazit:

Mascha Unterlehberg hat einen fabelhaften Roman geschrieben. Ihre dichte Sprache präsentiert eine innige Freundschaftsgeschichte, die trotz ihres Coming-of-Age Hintergrundes viele relevante Aspekte zwischenmenschlicher Beziehungen behandelt. Das Buch erzeugt eine wunderbare Wirkung, da es nicht nur zwei junge Frauen und ihren Weg in die Welt schildert, sondern eindringlich aufzeigt, dass dieses Heranwachsen immer unter dem Vorzeichen einer patriarchalen Welt geschieht. Die Fallhöhen dieser Herausforderung namens Leben werden im Roman auf verschiedenen Ebenen und in der sprachlichen Stilistik inszeniert. Dieses Buch ist keines für ruhige entspannte Minuten, sondern es muss aufwühlen. Allerdings geschieht dies in diesem Werk auf eine künstlerisch ansprechende Art und Weise, weshalb ich eine klare Leseempfehlung ausspreche.

Werbung aus Liebe zum Buch

Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧

Titel: Wenn wir lächeln

ISBN: 978-3-7558-0036-1

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