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Der Radsport hat seit den 90er Jahren eine bewegte Geschichte hinter sich, die durch Skandale und große Dopingvergehen geprägt ist. Damit haben frühere Profis auch den heutigen Akteuren eine große Bürde mitgegeben, denn bei jeder starken Leistung werden sofort Verdächtigungen geäußert. Ich bin genau in dieser Zeitphase Fan der Sportart geworden und deshalb möchte ich mich bei meinem Radsport-Schwerpunkt auch mit Akteuren dieser Zeit beschäftigen. Im Covadonga Verlag ist 2020 das Buch „One-Way Ticket. Neun Leben auf zwei Rädern“ des Amerikaners Jonathan Vaughters erschienen.
Der US-Amerikaner war in den 1990er-Jahren selbst Radprofi und fuhr unter anderem für Crédit Agricole sowie das berüchtigte US-Postal-Team an der Seite von Lance Armstrong. Nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn wechselte er ins Management und gründete mit Slipstream Sports jenes Projekt, aus dem später das heutige WorldTour-Team EF Education-EasyPost hervorging. Vaughters hat sich entschieden, offensiv mit der eigenen Dopingvergangenheit als aktiver Fahrer umzugehen, und hat mit Ermittlungsbehörden zusammengearbeitet. Als Radsportfunktionär ist er ein energischer Kämpfer für einen sauberen Sport. Seine gemeinsam mit dem renommierten britischen Radsportjournalisten Jeremy Whittle verfasste Autobiografie „One-Way Ticket“ erzählt sowohl die aktive Karriere als auch den Weg zum Funktionär eines World-Tour-Teams.
„Ich konnte mir keinen rechten Reim darauf machen, was genau von mir erwartet wurde in diesem seltsamen Sport, in dem Selbstlosigkeit mit Umarmungen und Schulterklopfen belohnt wurde, Egoismus aber mit Verträgen, Erfolg, Ehrungen und Geld.“
Vaughters, Jonathan: One Way Ticket – Neun Leben auf zwei Rädern, Covadonga Verlag 2019, S.97.
Vaughters beschreibt sich als introvertierten Jugendlichen, der sich im Alltag häufig fehl am Platz fühlt und im Radfahren erstmals eine Ausdrucksform für sich entdeckt, in welcher er mit Wille und Disziplin vieles erreichen kann. Er erzählt, wie es ihm gelingt, als amerikanischer Profi den Sprung nach Europa zu schaffen und wie dies zugleich eine große Belastung darstellt. Ohne Sprachkenntnisse muss er sich auch einem Kulturwechsel stellen. Die Fahrer leben in billigen Hotels, teilen enge Zimmer, kämpfen mit Heimweh und finanziellen Sorgen und verbringen unzählige Stunden auf wenig befahrenen Straßen in Sorge um den nächsten Vertrag. Ernährung, Schlaf, Training, Körpergewicht und Regeneration bestimmen den gesamten Tagesablauf und fordern Opfer hinsichtlich Liebesbeziehungen und Freundschaften. Interessant ist außerdem die Beschreibung der Hierarchien innerhalb des Pelotons. Junge Fahrer müssen sich ihren Platz erst verdienen, übernehmen Hilfsdienste für etablierte Stars und lernen schnell, dass sportliche Leistung allein nicht genügt. Erfahrung, Beziehungen und Teamstrukturen entscheiden oft ebenso stark über Karrieren wie reine Leistungsfähigkeit. Hier zeigt sich auch sogleich, welche Netzwerkqualitäten Lance Armstrong hat und dass er sich durchweg als Alphatier inszeniert.
Schon in diesen frühen Kapiteln deutet sich zudem das zentrale Thema dieser Radsportanalyse an. Vaughters schildert nämlich, dass sich trotz maximalen Trainings immer größere Leistungsunterschiede ergeben. Fahrer, die zuvor auf ähnlichem Niveau wie er unterwegs waren, entwickeln sich plötzlich radikal und erringen stärkere Ergebnisse. Der Leser erkennt gemeinsam mit dem jungen Profi, dass im internationalen Radsport offenbar Regeln gelten, über die öffentlich niemand spricht.
Es folgt eine schonungslose Auseinandersetzung mit dem systematischen Doping im Profiradsport der 1990er und frühen 2000er Jahre. Vaughters beschreibt Doping nicht als Aneinanderreihung individueller moralischer Fehlentscheidungen, sondern als Bestandteil eines Systems, das junge Fahrer Schritt für Schritt vereinnahmte. Vaughters entscheidet sich schrittweise, Teil des Betrugssystems zu werden.
„Ich hatte genug davon, von einem Peloton abgeschlachtet zu werden, das offen über Doping sprach. Ich hatte genug davon, härter und intelligenter zu trainieren und trotzdem vernichtet zu werden.“
Vaughters, Jonathan: One Way Ticket – Neun Leben auf zwei Rädern, Covadonga Verlag 2019, S.164f..
In diesem Zitat drückt sich die Erkenntnis aus, dass ohne EPO-Doping keine Möglichkeit auf eine längere sportliche Karriere besteht. Langsam verschieben sich moralische Grenzen und es zeigt sich, dass sich in der Radsport-Szene ein System entwickelt hat, in dem es mehr um Medizin als um reine Leistungsbereitschaft geht. Vaughters beschreibt den Einsatz von EPO inklusive der verwendeten Verschleierungsmethoden. Angst vor Entdeckung ist trotzdem stetiger Begleiter. Der Amerikaner sieht die Verantwortung für dieses System jedoch nicht nur bei den Fahrern, sondern in einem Geflecht aus Ärzten, sportlichen Leitungen, Betreuern und Sponsoren. Besonders interessant ist das angespannte Verhältnis zu Lance Armstrong. Die beiden Sportler kennen sich seit Anbeginn ihrer Karriere. Schon früh zeigt sich, dass Armstrong mit seinen Fähigkeiten in der Lage ist, ein Team hinter sich zu vereinen. Armstrongs Wille zum Erfolg lässt ihn alle moralischen Grenzen verschieben. Vaughters entscheidet sich jedoch, das Erfolgsteam US Postal früh zu verlassen. Zunächst sind hierfür ursächlich Zweifel am Dopingsystem, doch nach seinem Wechsel zum französischen Rennstall Crédit Agricole greift Vaughters erneut zu unlauteren Mitteln. Irgendwann beschleicht ihn jedoch das Gefühl, damit nicht weitermachen zu können. Nach Ende seiner aktiven Laufbahn wählt er den Weg, weiter im Radsportbusiness zu bleiben, und wird Teammanager.
„Es ist schwierig, den genauen Zeitpunkt festzumachen, an dem meine Unschuld zerbrach, denn es war eher eine Erkenntnis, die sich schleichend vollzog, als dass es einen bestimmten Moment gegeben hätte, in dem mir plötzlich alles klar wurde.“
Vaughters, Jonathan: One Way Ticket – Neun Leben auf zwei Rädern, Covadonga Verlag 2019, S.9.
Nach seinem Karriereende kommt es zudem zum finalen Bruch mit Armstrong. Letzterer versucht, seinen Ruf als unfehlbarer Champion zu erhalten, und nimmt hierbei auch keine Rücksicht. Vaughters stört sich an diesem Verhalten und entscheidet sich für eine Zusammenarbeit mit der amerikanischen Anti-Doping-Agentur. Für Vaughters ist dies die Konsequenz eines langen inneren Konfliktes. Es wird deutlich, dass dies mit enormem sozialem Druck der ehemaligen Kollegen begleitet wird. Vaughters entscheidet sich als Funktionär für einen Weg ohne Doping und es gelingt ihm, ein Vorkämpfer zu werden. Man erhält einen Einblick in die gesamte Welt eines Funktionärs, inklusive Sponsorensuche, Budgetplanung, Materialentwicklung und Medienarbeit. Durch diese weitere Karriereebene verdichtet sich dieses Buch zu einem ganzheitlichen Blick auf die Radsportwelt. Die Glaubwürdigkeit der Schilderungen ist durchaus hoch einzustufen. Natürlich ist das Buch ein subjektiver Blick auf die Radsportwelt, und in seiner Rolle als Reformator des Radsports erhöht sich Vaughters bestimmt an der ein oder anderen Stelle. Allerdings geht Vaughters der Gefahr aus dem Weg, sich im Nachhinein als Held zu stilisieren, sondern gibt bewusst eigene Schwächen auch im sozialen Umgang mit seinem Umfeld zu. Er verschleiert seine Dopingvergangenheit nicht, geht auch auf einen erneuten Rückfall in seiner aktiven Zeit ein. Deshalb begegnet man in diesem Buch keinem unfehlbaren Spitzensportler, sondern einem Menschen, der immer wieder mit Anforderungen kämpfen muss, welche der Sport an ihn stellt.
Fazit:
Insgesamt ist dieses Buch eine detaillierte Innenansicht der Radsportwelt. Die Zusammenarbeit mit dem Radsportjournalisten Jeremy Whittle hat dem Buch stilistisch gutgetan und es dominiert durchgehend ein reflektierter, sachlicher Ton. Spannend sind die Schilderungen der zwischenmenschlichen Beziehung zu Lance Armstrong, wobei man natürlich hier nur eine Seite erfährt. Richtig spannend ist die Darstellung, wie Doping zu einem täglichen Begleiter wurde, aber zugleich ein stetiges Angstgefühl mitbrachte. Weiteres Highlight sind die Erlebnisse aus der Welt als Teammanager und wie sich der Radsport insgesamt entwickelt hat. Es zeigen sich deutliche Unterschiede in der Qualität des sportlichen Umfelds von der Funktionärskarriere zum aktiven Sportlerleben. Wer sich für Radsport interessiert, wird an diesem Buch jedenfalls seine wahre Freude haben.
Werbung aus Liebe zum Buch
Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧
Titel: One-Way-Ticket. Neun Leben auf zwei Rädern
ISBN: 978-3-95726-044-4
