Wetherall-Grujic, Ana: Blutsschwestern

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Bei den Darmstädter Krimitagen 2026 war Ana Wetherall-Grujic mit ihrem bei Kremayr und Scheriau erschienenen Roman „Blutsschwestern“ zu Gast. Ich habe die Autorin schon 2025 bei der Leipziger Buchmesse erleben dürfen und der Ton des Romans hat mich bereits bei der ersten Lesung begeistert. Die österreichische Autorin liefert einen ungewöhnlichen Krimi als Debütroman, für den sie den Glauser Krimidebütpreis erhalten hat. Diese Geschichte  führt von Wien über den Balkan und gibt den Blick auf eine Schwesterngeschichte frei, die im Schatten der Mafia steht. Wetherall-Grujic erzählt von Gewalt, Loyalität und weiblichem Kampf.

Der Roman beginnt in Wien, als Liljana ihre Schwester Sanja um Hilfe bittet. Sie ist schwer verletzt, da sie ihren Freund übel zugerichtet hat. Um dieser gewalttätigen Beziehung zu entfliehen, hat sie ihren Freund, um sich zu verteidigen, getötet. Deshalb entscheiden die beiden Schwestern, in ihre Heimat nach Serbien zu reisen. Sanja wird durch diese Ereignisse mitten aus ihrem erfolgreichen Leben gerissen. Doch die Flucht vor der Justiz wird zu einem höchst gefährlichen Roadtrip. Die beiden Schwestern geraten in Serbien inmitten eines Bandenkrieges zweier  Mafiaclans. Die Clans stehen sich seit Jahren feindlich gegenüber und der Zwist hat seine Ursache ebenfalls in einer Tragödie. Sanja und Liljana geraten durch Zufall hinein, können sich diesem Konflikt aber irgendwann nicht mehr entziehen und sollen entscheiden, auf welche Seite sie sich stellen. Die Grenzen zwischen Täter und Opfer verschwimmen. Die Geschichte beginnt somit, Fragen von Loyalität, Rache und Moral zu den Hauptaspekten des Buches zu machen.

Die Spannung dieses Romans entsteht durch die verschiedenen Krisensituationen und dass es nie eine Möglichkeit gibt, diesen zu entgehen. Mit hohem Tempo geht es durch die Story und es wird ebenfalls  nicht mit Blut und Gewalt gespart. Dieses Buch möchte eine raue Welt zeigen und verknüpft Roadtrip, Krimi und Familiengeschichte. Dies alles schildert Wetherall-Grujic mit feinem literarischen Gespür und einer Sprache mit intensiver Wirkung. Die beiden Schwestern sind unterschiedliche Persönlichkeiten. Sanja ist eine erfolgreiche, unabhängige Frau und hat sich von ihrer Vergangenheit etwas entfernt. Sie versucht bei der Reise, die kontrollierte größere Schwester zu geben, muss aber erkennen, dass sie nicht immer eine strategische Lösung finden kann, sondern auch emotionale, intuitive Entscheidungen zum Leben gehören. Sie ist allerdings bereit, diese Risiken zum Schutz ihrer Schwester einzugehen.

„Ich habe danach oft überlegt, warum ich nicht früher gegangen bin, als er mich zum ersten Mal geschlagen hat. Früher dachte ich, wenn mich jemand schlägt, würde ich sofort abhauen. Aber als er mich geohrfeigt hat, war es spät.“

Wetherall-Grujic, Ana: Blutsschwestern, Kremayr Scheriau 2025, S.74.

Liljana ist das emotionale Gegenstück,  wie auch dieses Zitat zu ihrem Umgang mit der erlebten Gewalt zeigt. Ihr Leben ist von Gewalt und Unsicherheit geprägt. Sie reagiert auch deshalb oftmals intuitiv und muss anschließend mit den Konsequenzen ihres Handelns klarkommen. Für mich ist sie die Figur, die Auswirkungen von Gewalt sichtbar macht und zugleich eine sich entwickelnde Figur, die für sich selbst einstehen muss. Die beiden Schwestern nähern sich während des Roadtrips an. Sie müssen alte Konflikte bereinigen und die ihnen aus den letzten Jahren unbekannten Verletzungen verarbeiten. Die Zweckgemeinschaft wird zu einem tiefen Bündnis, und so ist dieser Roman auch die fokussierte Schilderung einer zwischenmenschlichen  Beziehung. Dies alles in einen Roadtrip verpackt, habe sich so noch nie gelesen. Ebenfalls mitverhandelt werden noch Migrationserfahrungen und die Situation in der Heimat der beiden Schwestern, die weiterhin stark von Kriminalität geprägt ist. Der Roadtrip ist auch ein Prozess der Auseinandersetzung mit Herkunft und Schwesternschaft. Die Mafia ist in diesem Roman besonders, denn die Clanführerinnen sind Frauen, sodass hier gängige Rollenbilder unterlaufen werden. Sie unterscheiden sich nicht in der Brutalität. Zentral sind in  diesem Roman verschiedene Gewalterfahrungen von Frauen. Liljana erfährt häusliche Gewalt, doch  der Roman stellt die Frage: Was passiert, wenn diese sich wehren? Gewalt ist hier nicht nur Ursache, sondern auch Reaktion. Dadurch erhalten die Frauen im Roman eine aktive Rolle. Zudem rückt die Schwesterngeschichte Solidarität unter Frauen in den Fokus. Insgesamt ist das Buch eine Kritik an patriarchalen Strukturen und versucht Frauen dabei zu zeigen, wie sie sich ihre Selbstbestimmung erkämpfen.

Fazit:

Ana Wetherall-Grujic hat ein beeindruckendes Debüt geschrieben, welches sich nicht mit Genreklischees greifen lässt. In diesem literarischen Krimi werden ernste Themen in eine dynamische Roadtripgeschichte gepackt. Die sprachliche Intensität zieht einen in den Bann und die emotionale Beziehung der Schwestern ist toll beschrieben. Die sich in der Distanz wandelnde Beziehung und der Kampf um Selbstbestimmung machen diesen Krimi qualitativ aus. Gekoppelt an die ungewöhnliche Clanstruktur sind die unterlaufenen Rollenbilder Ausdruck einer gut verarbeiteten Kritik an patriarchalen Machtstrukturen. Für mich auf jeden Fall ein starker Roman.

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Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧

Titel: Die Blutsschwestern

ISBN: 978-3-218-01430-4

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