Zabel, Rick: On the Road

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Einer meiner Radsporthelden in meinen jungen Lebensjahren war Erik Zabel, und ich weiß noch, wie stolz ich auf meine Autogrammkarte von ihm war. Diese Begeisterung für Zabel hat natürlich abgenommen, als er sein Doping gestanden hat, vor allem weil er bei seinem ersten Geständnis nicht ganz ehrlich war. Umso wichtiger war für mich die nachfolgende Fahrergeneration mit André Greipel, Marcel Kittel oder Tony Martin, die meine Lust auf Radsport ohne Dopingseuche wieder wecken konnte. Spannend an dieser Generation war ein weiterer Name: Rick Zabel. Der Sohn meines Kindheitshelden hatte sich ebenso wie sein Vater für eine Karriere als Radsportler entschieden und offenbarte sogleich, dass er ein ganz anderer Typ ist. Er stand bereits früh im öffentlichen Interesse, musste sich aber zugleich von einem der erfolgreichsten deutschen Radsportler aller Zeiten emanzipieren. Seine aktive Laufbahn führte ihn unter anderem zu den Teams BMC Racing, Katusha-Alpecin, Israel Start-Up Nation und später Israel-Premier Tech. Er war selbst nie ein Siegfahrer und gerade diese Perspektive macht sein Buch „On the Road“ interessant. Das Buch erschien 2025 bei Kiepenheuer und Witsch. Zabel folgt grundsätzlich seiner eigenen Lebensgeschichte, aber es geht auch um die Suche nach der Motivation für den Radsport und weshalb es sich lohnt, täglich aufs Rad zu steigen.

„Vielleicht verstehst du nach der Lektüre des Buches ein wenig besser, was so viele Menschen am Radsport begeistert.“

Zabel, Rick: On the Road, Kiepenheuer und Witsch 2025, S.15.

In diesem Zitat zeigt sich die Intention seines Buches. Der Einstieg führt in Rick Zabels Kindheit. Der Radsport ist in seiner Familie allgegenwärtig. Sein Vater Erik gewinnt Etappen bei der Tour de France, sammelt Grüne Trikots und zählt über Jahre zu den bekanntesten deutschen Sportlern. Rick wächst somit in einer Welt auf, in der Trainingslager, Rennen und Medien immer schon eine Rolle spielen. Er ist dabei, wenn der Vater das Grüne Trikot in Paris überreicht bekommt, und muss zugleich damit leben, dass der Vater ihn nicht bei allen Nachwuchsrennen begleiten kann, da er selbst unterwegs ist.

Bereits in jungen Jahren entscheidet nicht ausschließlich die Begabung, sondern vor allem die Bereitschaft, enorme Trainingsumfänge zu absolvieren und den eigenen Alltag vollständig dem Sport unterzuordnen. Rick Zabel hat hierfür nicht immer den vollen Fokus, woraus sich auch Konflikte mit dem eigenen Vater speisen. Eine wichtige Bezugsperson ist in dieser Zeit der Opa. Rückblickend bedauert er, zu einigen liebgewonnenen Kollegen heute keinen Kontakt mehr zu haben.

Zabel beschreibt anschließend den Wechsel vom hoffnungsvollen Nachwuchsfahrer in die gnadenlose Realität des internationalen Pelotons. Hier begegnet er einer Welt, in der jeder Fahrer außergewöhnlich talentiert ist und dennoch nur wenige tatsächlich Rennen gewinnen können. Zabel startet durch beim Team BMC, damals das beste Team der Welt, und muss lernen, mit Glamour und Geld umzugehen. Der Titel „On the Road“ hat eine doppelte Bedeutung. Einerseits verweist er auf die Straße als sportliche Bühne, andererseits auf das Leben eines ständig Reisenden. Hotels, Flughäfen, Trainingslager und Transfers bestimmen den Alltag. Zabel beschreibt, wie sich der Jahresrhythmus vollständig nach Rennkalendern richtet. Das nachfolgende Zitat gibt in die Beurteilung der eigenen Leistungen einen guten Einblick.

„Das letzte Mal die Tour der Leiden, die Höllentour. Die meisten Fahrer im Radsportzirkus haben eine ambivalente Einstellung zur Tour de France. Sie lieben und sie hassen sie. Die Faszination dieser einst als Werbeveranstaltung für ein Fahrradmagazin gestarteten Rundfahrt ist schwer zu beschreiben. Als Fahrer möchte man unbedingt dabei sein, und wenn das gelungen ist, steht man stolz am Start und ist einfach nur glücklich. Dann ertönt der Startschuss und ab diesem Moment wird die Tour für die meisten von uns zu einem Überlebenskampf.“

Zabel, Rick: On the Road, Kiepenheuer und Witsch 2025, S.184.

Den emotionalen Mittelpunkt des Buches bildet das Verhältnis zu Erik Zabel. Rick Zabel verschweigt an keiner Stelle, dass der Name seines Vaters Fluch und Segen zugleich war. Der Name öffnet Türen, doch das Verhältnis zum Vater hat zu Beginn mehr Tiefen als Höhen. Es fällt dem Sohn schwer, Tipps des Vaters anzunehmen, der Vater sieht beim Sohn nicht die richtige Einstellung, um erfolgreich zu sein. Diskussionen über Trainingsumfänge, und Rennstrategien ziehen sich durch seine gesamte Entwicklung. Rick Zabel beschreibt offen, dass mentale Gesundheit, soziale Beziehungen und Freude am Sport für ihn langfristig wichtiger wurden als die bedingungslose Jagd nach Erfolgen. Diese Haltung unterscheidet ihn von seinem Vater. 

Besonders plastisch beschreibt Zabel die Arbeit eines Helfers während großer Rundfahrten. Kilometerlang fährt er im Wind, beschafft Verpflegung, schützt den Kapitän vor Stürzen oder bringt ihn vor entscheidenden Anstiegen in die optimale Position. Für Zuschauer bleiben diese Leistungen meist unsichtbar. Zabel macht jedoch deutlich, dass ohne diese Arbeit kaum ein Tour-de-France-Sieger jemals das Gelbe Trikot erreichen würde. Interessant ist dabei, wie reflektiert er seinen eigenen sportlichen Wert einschätzt.Immer wieder unterbricht Zabel seine autobiografische Erzählung durch kleinere Exkurse über den Radsport selbst. Er erklärt Fachbegriffe, beschreibt taktische Besonderheiten oder erläutert ungeschriebene Gesetze des Pelotons. Diese eingeschobenen Informationskästen machen das Buch auch für Leserinnen und Leser zugänglich, die den Sport bislang nur oberflächlich kennen.

„Ich habe meine Laufbahn als Rennradprofi beendet, um nicht den Spaß  an  dem zu verlieren, was mir im Leben am meisten bedeutet hat. Ich war 13 Jahre Rennradprofi, aber ich bin seit mehr als 25 Jahren Radfahrer. Ich liebe fast alles, was mit dem Radsport zu tun hat. Um mir dieses Gefühl zu bewahren, musste ich meine Profikarriere aufgeben.“

Zabel, Rick: On the Road, Kiepenheuer und Witsch 2025, S.13.

Ein weiterer Schwerpunkt des Buches ist die Zeit nach dem Karriereende. Viele Profis erleben diesen Übergang als Identitätskrise. Zabel schildert diesen Prozess erstaunlich gelassen. Schon während seiner aktiven Laufbahn beginnt er, sich ein zweites berufliches Standbein aufzubauen. Podcasts, Social-Media-Arbeit, Fernsehkommentare und journalistische Formate entwickeln sich Schritt für Schritt zu einer neuen beruflichen Heimat. Bemerkenswert ist, dass Zabel diesen Wechsel nicht als Verlust beschreibt. Vielmehr gewinnt er nach eigener Darstellung die ursprüngliche Freude am Radfahren zurück. Der Ton dieses Buches ist stets nahbar, authentisch und hat eine unterhaltsame Frische. Natürlich kommt auch die Dopingvergangenheit des Radsports indirekt zur Sprache – schon aufgrund der Geschichte seines Vaters Erik Zabel und dessen öffentlichem Geständnis von 2007. Rick Zabel macht daraus jedoch nicht den Mittelpunkt seiner Erzählung. Dies kann man dem Buch als Schwäche auslegen, für mich ist es jedoch eine Stärke, da so kein Betroffenheitsessay entsteht. Durch die Ausgestaltung des Buches eignet es sich auch für eine Leserschaft, die sich noch nicht intensiv mit Radsport beschäftigt hat. Für manchen Radsportfan wird dies jedoch den Eindruck erwecken, dass einige Themen nur oberflächlich behandelt werden.

Fazit:

Mit „On the Road“ ist Rick Zabel ein bemerkenswert persönliches Buch gelungen. Statt spektakuläre Siege oder Skandale in den Mittelpunkt zu stellen, beschreibt Zabel den Alltag des Profiradsports, die Bedeutung von Teamarbeit, die Suche nach der eigenen Identität und die Freude am Rennradfahren.Besonders überzeugend sind seine Offenheit gegenüber den eigenen Grenzen sowie die differenzierte Schilderung des Verhältnisses zu seinem Vater Erik Zabel. Rick Zabel wird als eine moderne Version eines Radprofis sichtbar, der sich früh auf eine Karriere nach dem Sport festgelegt hat. Man darf sich auf jeden Fall auf die zukünftigen Projekte freuen und bis dahin diese Lektüre genießen. 

Werbung aus Liebe zum Buch

Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧

Titel: On the Road

ISBN: 978-3-462-00951-4

https://www.kiwi-verlag.de/buch/rick-zabel-on-the-road-9783462009514

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