Hettche, Thomas: Herzfaden – Rezension

Viele würden ihn fragen, beginnt er, weshalb er kein richtiges Theater mehr machen wolle. Aber ihm sei klar geworden, dass Puppentheater noch mehr Theater sei als Menschentheater. Marionetten seien die ehrlicheren Schauspieler. Sie ließen sich nicht verführen, und die Freude sei eine nahere, unschuldigere Freude.

Hettche, Thomas: Herzfaden, S.158 Kiepenheuer und Witsch 2020

Mit diesem Zitat ist das Thema von Thomas Hettches Roman „Herzfaden“ benannt, es geht um Marionettentheater. Genauer gesagt erzählt der Roman die Geschichte der Augsburger Puppenkiste, dem bekanntesten Puppentheater Deutschlands. Auch ich habe als Kind „Urmel aus dem Eis“ oder „Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“ im Fernsehen gesehen und habe mich daran erfreut. Diese Erinnerungen ruft der Roman hervor und allein weil die Geschichte jenes Theaters erzählt wird, dass ich in der Kindheit so gerne gesehen habe, musste ich den Roman lesen.

Um was geht es?

Hannelore Oehmichen (Spitzname Hatü) erzählt ihre Familiengeschichte einem jungen Mädchen. Die Geschichte ist geprägt von der Gründung des Marionettentheaters Augsburger Puppenkiste und der damit verbundenen leidenschaftlichen Arbeit. Inmitten der Kriegswirren zunächst als Familientheater gestartet, entwickelt sich das Puppentheater zu einem Ort der Hoffnung. Vater und Tochter bringen eine gemeinsame Leidenschaft ein, wobei Hatü unterstützt von jungen Kolleg*Innen eine mutige Ausrichtung bei den dargebotenen Stoffen fordert. Das Setting des Romans sorgt dafür, dass wir die Entwicklung des Theaters erzählt bekommen und dies vor dem Hintergrund der schwierigen Verhältnisse der Nachkriegszeit.

Mein Eindruck vom Buch

Die Idee zum Roman entstand bei Thomas Hettche mit der Frage, wie wohl eine Kindheit im Nationalsozialismus ausgesehen habe. Hannelore Oehmichen und ihre Familiengeschichte sind interessanter Stoff zu diesem thematischen Aspekt. Hatü, wie sie genannt wird, wächst inmitten der NS-Zeit und den Nachkriegsjahren heran, übernimmt früh Verantwortung und teilt die Puppenleidenschaft des Vaters.

Mit dem eingangs erwähnten Zitat zeigt sich für mich, was Hettche am Puppentheater fasziniert. Es geht um die Besonderheit des Puppentheaters in einer Zeit der Schuld. Dies wird auch in den Aufbau des Romans integriert. Ein Mädchen reist mit ihrem Vater zur Augsburger Puppenkiste. Sie hält sich für zu alt solchen Kinderkram, bis sie auf magische Weise die Marionetten und ihre Erfinderin Hatü trifft. Märchenhaft fügt sich die kindliche Naivität in den Text, ohne dabei verklärend zu wirken. Das Reinheitsmotiv der Kindheit ist Triebmotor der Erzählung. Denn es sind die idealisierten Ziele der jungen Theatermacherin Hatü und ihrer Freunde, welche die Stückauswahl stark beeinflussen. Die Grausamkeiten der Diktatur sind schließlich mit Kriegsende nicht einfach verschwunden und Transparenz über Täterstrukturen fehlt. Auch deshalb ist das Textzitat zentral, denn Puppen können nicht verführt werden. Walter Oehmichen glaubt sogar, dass sie die besseren Schauspieler sind, denn sie besitzen den Herzfaden. Jener unsichtbare Faden weist, losgelöst vom Puppenspieler, von der Marionette ins Publikum hinein.

Über zwei Jahrzehnte wird uns die Familiengeschichte und damit auch die Geschichte des Theaters erzählt. Wir erfahren von den künstlerischen Diskussionen und der Erfolgsgeschichte der Fernsehstücke. Und genau an diese erinnere natürlich auch ich mich. Deshalb sind die berühmten Figuren Urmel und Jim Knopf schnell vor meinem lesenden Auge und dies nicht nur weil es tolle Illustrationen im Buch gibt. Aus heutiger Sicht scheint es schier unvorstellbar, wie eine solche Erfolgsgeschichte mitten aus den Kriegswirren heraus entstehen konnte. Dieser Ausnahmesituation stellt der Roman auf wunderschöne Art und Weise die Leidenschaft der Theatermacher und die märchenhafte Kraft des Puppentheaters entgegen. Man lernt viel über die Art des Puppenschnitzens und des Puppenspiels.

Thomas Hettche ist als Autor selbst Theatermacher, indem er die Erzählsituation marionettengleich arrangiert. Er hält die Fäden in der Hand und lässt den Roman lautstark Werbung für das Schaffen von Illusionen machen. Als positives Beispiel für die Notwendigkeit, gibt Hettche den eigenen Romanstoff an: Die Geschichte der Augsburger Puppenkiste. Nicht nur für Nostalgiker ein toller Lesetipp!

Thomas Hettche:

Herzfaden

Kiepenheuer und Witsch

ISBN: 978-3-462-05256-5

Preis: 24,00€

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