Seghers, Jan: Der Solist – Rezension

Ein Einzelgänger in neuem Nest

Die Kommissar Marthaler Romane von Jan Seghers erfreuen sich großer Beliebtheit unter Krimifans und haben sogar den Weg als Verfilmungen ins deutsche TV gefunden. Ich bin ebenfalls großer Fan dieser Reihe und muss sie irgendwann auf diesem Blog auch mal vorstellen. Heute soll es aber um den neusten Roman des Autors gehen, mit dem Titel „Der Solist“. In diesem werden Fakten rund um den Fall Anis Amri mit fiktiven Ereignissen verbunden. Die neue Hauptfigur ist nur durch ihren Nachnamen Neuhaus benannt und wird nach Berlin in die Sondereinheit Terrorabwehr geschickt. Dort soll er helfen einen Mord aufzuklären, welcher womöglich antisemitischen Hintergrund hat und Verdachtsmomente eines Terroranschlages aufweist.

Mein Eindruck vom Buch:

Mit „Der Solist“ startet Jan Seghers eine neue Krimireihe, zumindest deutet dies das Ende dieses Romans äußerst deutlich an. Seghers verwebt reale Ereignisse in seinen Roman hinein und nutzt die Gedanken seiner Leserschaft zu diesen realen Hintergründen als Spannungselement. Auch bei mir hat dies gut funktioniert. Über Anis Amri und die Versäumnisse deutscher Behörden haben sicherlich viele durch die mediale Berichterstattung gehört und Seghers knüpft daran an. Neuhaus wird nicht nur wegen seiner Qualität nach Berlin entsandt, sondern vor allem auch als Sonderermittler, der herausfinden soll, was intern schief gelaufen ist. Passender als mit dem Wort „Solist“ könnte Seghers seine Hauptfigur nicht bezeichnen. Zum einen ergibt sich sein Einzelgängertum durch die geheimen internen Ermittlungen, zum anderen entspricht dies seiner Arbeitsweise und seinem Charakter. Neuhaus gibt sich unnahbar, wobei die ihm zugeteilte Kollegin Suna-Marie in der Lage ist, seine harte Schale zu durchbrechen. Ihr beginnt er zu vertrauen und im Gegenzug weist ihn  die türkischstämmige Ermittlerin in die Geheimnisse Berlins ein.

Schon bald nach dem ersten Opfer gibt es ein zweites und wieder gibt es Hinweise auf den Fall Anis Amri. Schwierig ist es jedoch die Gemeinsamkeiten der Opfer herauszustellen. Erschwert werden die Ermittlungen durch den Druck, der auf den Behörden lastet. Im September ist Bundestagswahl und eine aufstrebende rechtsgerichtete Partei nutzt die mediale Aufmerksamkeit durch die Mordfälle.

Spannend inszenierte Ermittlungsarbeit

Fokus des schmalen Romans ist die Ermittlungsarbeit und vor allem der Schwerpunkt auf dem Ermittler Neuhaus. Wir folgen ihm bei seinen Nachfragen bei den jeweiligen Zeugen, erfahren wie er die Akten studiert und wie er den Kolleg*Innen Informationen entlockt. Seghers lässt die Figuren erzählen, der Roman hat große Dialoganteile. Dabei wird die Kommunikation auf das Nötigste konzentriert, sodass mit kurzen Dialogen viele Informationen weitergegeben werden. Diese verbinden sich dann im Kopf mit Sachen, die man über Anis Amri in irgendeinem Medium gelesen hat.

Neuhaus und Suna-Marie unterhalten sich aber auch über die Polizeiarbeit und geben so Einblick in einen Alltag, der allerdings durchaus eigenwillige Aspekte zeigt. Neuhaus zeichnet ein äußerst negatives Bild des Polizeiapparats. Der Roman verknüpft viele Punkte miteinander und geht mir an der ein oder anderen Stelle auch einen Schritt zu weit. Trotzdem lese ich einen äußerst gelungenen Krimi, dessen sprachliche Präzision so gut ist, dass man das Buch in einem Sog durchlesen möchte. Spannung, gute Recherche und der Fokus auf die Figurendialoge machen diesen Krimi aus.

Und Neuhaus wandte den Blick vom Goldenen Adler ab und sah in den Mond, unter dem ein Schwarm Wildgänse gen Süden flog.

Seghers, Jan: Der Solis, S.230 Rowohlt Verlag 2021.

Über diesen letzten Satz freue ich mich, denn zuvor wird deutlich, dass Jan Seghers mit seiner Figur weitermachen möchte. Der Krimi gibt Hinweise, dass es lohnenswert sein wird sich mit Neuhaus und seiner familiären Vergangenheit weiter auseinanderzusetzen. Mich fasziniert diese Ermittlerfigur und so ziehe ich ein positives Fazit zur Lektüre. Jan Seghers beweist erneut, dass er zu den führenden Krimiautoren hierzulande gehört. Spannung trifft auf solide Hintergrundrecherche, gesellschaftliche Relevanz und sprachliche Klasse. Ich habe deshalb einen guten Thriller gelesen, der aufgreift, dass wir uns mit Rechtstendenzen in der Gesellschaft beschäftigen müssen. Für alle Seghers-Fans ein Muss und wer den Autor neu entdecken möchte und gerne anspruchsvollere Krimis liest, die auch gut unterhalten, der sollte ebenfalls zugreifen.

Wertung: 🐧🐧🐧🐧

Unbezahlte Werbung aus Liebe zum Buch

Jan Seghers:

Der Solist

Rowohlt Verlag

ISBN: 978-3-498-05848-7

Preis: 20,00€

Der Solist – Jan Seghers | Rowohlt

Busse, Tanja: Das Sterben der anderen – Rezension

Das Artensterben ernst nehmen

Heute ist Weltumwelttag, ein Tag, an dem wir uns alle an die Schönheit der Natur erinnern sollten, ein Tag an dem wir unseren Lebensmitteln besonderen Respekt entgegen bringen sollten. Ein Tag an dem wir uns nochmals deutlich machen sollten, dass wir dankbar für das Leben auf diesem Planeten sein sollten, aber deshalb auch seine Grenzen respektieren müssen.

All das sind Dinge, die in meinem Leben lange Zeit keine Rolle gespielt haben. Aufgewachsen in einer Welt des Überflusses habe ich mir darüber wenig Gedanken gemacht. Erst durch Veranstaltungen, Kontakt zu Naturschützern und vor allem durchs Lesen habe ich begonnen mich für den Naturschutz zu interessieren. Ein besonderes Buch aus dem Jahr 2019 möchte ich heute auf meinem Blog vorstellen. Ein Buch, dass bei meinem zweiten Hobby dazu geführt hat, dass ich mich politisch nun im Umweltbereich engagiere. Geschrieben hat dieses Buch Tanja Busse, die in „Das Sterben der anderen“ eine eindrückliche Botschaft aussendet: Wir müssen etwas für den Artenschutz machen und so darf es nicht weitergehen. Anschaulich erklärt die Autorin, wie lange das Problem ignoriert wurde, wie bedrohlich die Situation ist und berichtet von erfolgreichen Projekten, aber auch den Problemen unserer politischen Rahmenbedingungen.

Mein Eindruck vom Buch:

Schon nach meinen einleitenden Worten wird jedem klar sein, dass mich dieses Buch beeindruckt hat. Ausgangspunkt der Arbeit ist die Frage „Mama, was ist das für ein Geräusch?“, von Tanja Busses Sohn, weil er noch nie eine Heuschrecke zirpen gehört hat. Es entsteht ein Alarmgefühl, da man den nachkommenden Generationen nicht erklären möchte, warum es so und so viele Tiere nicht mehr geben wird. Die Autorin beginnt zu recherchieren und berichtet davon, wie lange die Probleme der Biodiversität ignoriert wurden. Als Problem wird dabei vor allem unsere Art des Wirtschaftens identifiziert. Ebenfalls keine neue Erkenntnis, aber je öfter man über die Ignoranz der Wissenschaftler liest, desto erschreckender blickt man auf die Vergangenheit zurück.

Beeindruckt haben mich ihre Schilderungen über den Entomologischen Verein Krefeld, der mit Beobachtungen über das Insektensterben die Welt wachrüttelte, aber gegen viele Hindernisse antreten musste. Als „Hobbybeobachter“ verunglimpft, wollte ihre beeindruckende Studie über das Sterben der Arten nicht jeder ernst nehmen. Nur die „wahre Wissenschaft“ könne hier Antworten liefern und tat es dann im Anschluss auch. Der Anstoß waren jedoch die Entomologen aus Krefeld und mittlerweile sollte uns allen bewusst werden, dass wir Zeugen eines Massensterbens sind.

Reise durch die Herausforderungen

Busse bereist die Republik, führt Gespräche und sucht vor allem nicht irgendwelche Einzelschuldigen, sondern die Verantwortung in unserem Zusammenleben, unseren gesellschaftlichen Strukturen und unserem politischen System. Sie kritisiert Medien für ihre Berichterstattung, die lange Zeit das Problem nicht ernst genommen haben und auch keinen Raum für positive Beispiele für Maßnahmen für den Klimaschutz oder die Biodiversität bieten. Tanja Busse gibt Landwirten die Möglichkeit, sich in ihrem Buch zu erklären. Deutlich wird der Druck auf die Lebensmittelproduktion, da wir als Konsumenten uns auch nicht an regionale Verfügbarkeiten gewöhnen wollen und auch das Fleisch immer schön günstig sein soll. Zudem weist sie die Schwächen von Subventionssystemen nach, die vor allem große landwirtschaftliche Betriebe bevorzugen, den mangelnden Schutz für Biobauern und macht deutlich, dass Naturschutzverbände und Landwirtschaft gemeinsam agieren müssen, um etwas zu erreichen.  

Der Schutz, den unser Rechtssystem ihnen gewährt, muss so weit reichen wie die Gefährdung, die wir ihnen zumuten.

Busse, Tanja: Das Sterben der anderen, S.374 Blessing Verlag 1. Auflage 2019.

Dieses Zitat vom Ende des Buches geht darauf ein, dass wir in unserer Art des Lebens sehr wenig Rücksicht auf die Rechte anderer Arten nehmen. Tanja Busse plädiert dafür, dass wir endlich begreifen, dass durch das Sterben der „Anderen“ auch unser eigenes Biosystem bedroht ist. Wir können nicht weiter ohne Rücksicht auf dieses Massensterben leben und müssen uns vom Gedanken lösen, dass wir die Natur domestizieren und kontrollieren können. Wir stehen nicht über unserer Umwelt, sondern sind Teil eines gesamten Biosystems. Es braucht eine Gesellschaft die bereit ist, solidarisch die Herausforderungen der Zukunft zu gestalten und auch so zu finanzieren, dass wir nicht mehr auf Kosten anderer leben. Es geht um den Naturschutz weltweit und nicht nur hierzulande und dabei sollten wir niemanden abhängen. Die Lösungen sollten nicht genmanipulierte Ernährungsvorhaben sein, sondern eine Rückbesinnung darauf, dass wir auf eine funktionierende Natur angewiesen sind.

Mein Fazit dieses Buches ist, dass ich ein Sachbuch gelesen habe, dass verständlich und eindrucksvoll über das Sterben der Arten berichtet. Die Autorin hat gut recherchiert, umfassende Quellenangaben machen weitere Lektüren möglich. Stärke ist ganz klar, dass sie uns alle zur Verantwortung aufruft und nicht einzelne Schuldige sucht. Es ist zu simpel nur Landwirtschaft oder Politik für schuldig zu erklären, sondern wir alle müssen mit unserem Verhalten helfen. Eine Patentlösung bietet sie nicht an, räumt aber auch mit dem Urteil auf, nur hier vor Ort könne man nichts bewegen. Nein, genau in kommunalen Lösungen kann ein Zukunftsweg liegen. All dies wird anhand von Beispiel und eigenen Recherchen untermauert und so entsteht ein Sachbuch zum Mitdenken und Mitwirken und genau solche Bücher bereichern den Sachbuchmarkt.

Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧

Unbezahlte Werbung aus Liebe zum Buch

Tanja Busse:

Das Sterben der anderen

Blessing Verlag

ISBN: 978-3-89667-592-7

Preis: 18,00€

Tanja Busse: Das Sterben der anderen. Blessing Verlag (Paperback ) (penguinrandomhouse.de)

Hermann, Judith: Daheim – Rezension

Melancholisch die Facetten des Lebens betrachten

Von Judith Hermann habe ich bisher nur zwei Geschichten aus ihrem bekannten Erzählungsband „Sommerhaus später“ gelesen, da mich die Themen ihrer Bücher nie besonders angesprochen haben. Mit ihrem neuen Roman „Daheim“ war sie für den diesjährigen Leipziger Buchpreis nominiert und auch aufgrund der vielen positiven Besprechungen hat dieses Buch den Weg zu mir gefunden. In diesem Werk erzählt Hermann in melancholischen Tönen von einer Frau, die im Norden versucht einen Neuanfang zu starten. Es geht um Erinnerungen und den Mut sich auf neue Dinge einzulassen und dies in einer Welt, die zu bruchstückhaft erscheint, um ein neues Heimatgefühl zu erzeugen. Meine erste längere Erfahrung mit Hermann hat mich zunächst aufgefordert, sich auf den Schreibstil einzulassen und sprachlich bietet das Buch durchaus besondere Highlights. Etwas unklarer blieb für mich die Frage, was ich mit dem Plot anfangen soll und so habe ich mir für diese Rezension auch ein Gespräch mit der Autorin im Deutschlandfunk angehört.

Mein Eindruck vom Buch:

Das Lob in den deutschen Feuilletons war groß und stellte immer auch die sprachliche Qualität heraus, aber auch, dass Hermann nun den passenden Stoff für ihren melancholischen Tonfall gefunden habe. Die Szenerie des Buches zeigt uns eine Frau, Mitte/Ende 40, die an der norddeutschen Küste einen Neuanfang wagt. Nach dem Auszug der Tochter trennt sie sich von ihrem Mann und fängt im Norden in der Gaststätte ihre Bruders als Kellnerin an. Die Figuren des Romans sind allesamt eigen, bleiben auch beim Lesen unnahbar. Es ist ihr Auftreten und Handeln, dass für sie spricht. Die Handlung verschränkt aus meiner Sicht verschiedene Aspekte. Zum einen die Erinnerungen an ein Leben, dass einer klassischen Familiensituation entspricht und die Erinnerungen an das Leben vor der Ehe und den Möglichkeiten sich zu entfalten. Zum anderen die neue Situation an der norddeutschen Küste und die Tochter, die sich meist nur über die Angabe von GPS Daten meldet und somit auch ein Freiheitsgefühl symbolisiert. Diese Aspekte werden ohne Wertungen nebeneinander gestellt und sind damit auch das Abbild eines Lebens und all seinen Facetten. Unterstützt wird jene Wirkung auch durch die Lücken in den Figurenbeziehungen, nicht alles wird auserzählt, sondern man muss sich als Leser*In mit diesen Lücken auseinandersetzen.

Begeisterung durch Sprache und Motive

Mich hat diese Auseinandersetzung nicht packen können, die Figuren blieben mir zu mysteriös, sodass ich mich nicht mit ihnen auseinandersetzen wollte. Sei es die Erzählerin, der Bauer Arild mit dem sie eine Affäre hat oder Nike, die Freundin des Bruders, alles bleibt vage. Da dies aus meiner Sicht Grundintention des Buches ist, kann und will ich dies der Machart des Romans nicht vorwerfen. Es ist sicherlich Geschmackssache, wenn ich mit dieser Art der Darstellung kein Lesevergnügen verbinde. Begeistert hat mich der Roman somit weniger mit seinem Plot und seinen Figuren sondern mit der sprachlichen Gestaltung und immer wiederkehrenden Motiven. Zu nennen wäre hier zunächst das Motiv der Kiste. Zunächst als Zauberkiste auftauchend, da sie als junge Frau von einem Zauberer als Assistenz angefragt wird, dann nochmals als Maderfalle und als Kindheitstrauma von Nike. In diesem Motiv zeigt sich für mich die oftmalige Beschränktheit des eigenen Lebens. In der Überlegung diese Stelle beim Zauberer anzunehmen zeigt sich auch die Wahl sein Leben zu führen. Entspricht sie dem Wunsch des Zauberers erhält sie die Möglichkeit die Welt zu bereisen, gleichzeitig assistiert sie beim Trick mit dem Zersägen einer Kiste und das Legen in diese Kiste ist zugleich wieder einschränkend. Das Abwägen zwischen Möglichkeiten durchziehen das Buch. Immer wieder erinnert sie sich an das vorherige Leben, in dem die klassischen Familienrollen eingenommen wurden. An der Küste sind es Arild und seine Schwester, welche die Erzählerin auffordern sich auf Neues einzulassen. Nie wird sprachlich der Erinnerung oder dem Jetzt der Vorteil zugesprochen.

Dieser Roman zeigt uns eigene Figuren auf dem Land, die trotz ihrer Eigenheiten zueinander finden und eine Gemeinschaft entstehen lassen. Jene funktioniert ganz anders als die der Erzählerin bekannte Familie. Die Stärke des Buches sind die sprachlichen Bilder, die in der zu schildernden einfachen Szenerie sprachliche Schönheit herausstellen.

Dann beuge ich mich vor, atme ein und mache die Falle auf.

Hermann, Judith: Daheim, S.189 S.Fischer Verlag 3. Auflage 2021.

So ähnlich wie dieses Zitat funktioniert der Roman, man muss sich auf ihn und seine Stimmung einlassen, die Lücken akzeptieren, die mysteriösen Figuren begreifen und so in die norddeutsche Landschaft eintauchen. Lässt man sich auf die Stilistik der Autorin ein, wird man sich an diesem Buch begeistern können. Ich kann nachvollziehen, warum dieser Roman gelobt wird, da er seine Themen mit sprachlicher Ästhetik verbindet und Hermann einen passenden melancholischen Tonfall anbietet.

Mein Fazit ist keine überschwängliche Leseempfehlung, denn auch bei mir haben nicht alle Aspekte des Romans Interesse geweckt. Herauszustellen ist die präzise Sprache, die wirklich ohne Wertungen auskommt. Die Szenen lassen Bilder im Kopf entstehen, die aber leider oftmals in Leerstellen laufen. Ich halte Hermann für eine tolle Autorin und so empfehle ich dieses Buch allen Leseratten, die sich an melancholischer Sprache und einem mysteriös daherkommenden Umfeld erfreuen und gehaltvolle Gegenwartsliteratur schätzen. Bei mir verbleibt ein durchwachsener Eindruck, der aber vielleicht auch ein Zweites Lesen notwendig macht.

Wertung: 🐧🐧🐧1/2🐧

Unbezahlte Werbung aus Liebe zum Buch

Judith Hermann:

Daheim

S. Fischer Verlag

ISBN: 978-3-10-397035-7

Preis: 21,00€

Daheim – Judith Hermann | S. Fischer Verlage

Halliday, Lisa: Asymmetrie – Rezension

Das Verweben von Erlebtem und Fiktion

Über dieses Buch ist nach seinem Erscheinen viel gesprochen worden. Die amerikanische Schriftstellerin Lisa Halliday verarbeitet in ihrem Roman „Asymmetrie“ ihre Beziehung zum großen amerikanischen Romancier Philip Roth. Dieser reale Hintergrund hat für einen Hype um dieses Buch gesorgt, welches in drei Teilen auch noch die Geschichte eines muslimischen Mannes erzählt, der mehrere Tage am Londoner Flughafen Heathrow festsitzt. Ich hatte mir das Buch in meiner Challenge #12für2021 vorgenommen und komme nun endlich dazu, es auch auf meinem Blog zu besprechen.

Mein Eindruck vom Buch:

Der Hype um diesen Roman hatte mich ein Werk erwarten lassen, dass in seiner sprachlichen Darstellung durchaus das ein oder andere Highlight setzt, doch dies habe ich nicht vorgefunden. In den meisten Rezensionen wird vor allem nach einem Schlüsselroman über Philip Roth gesorgt, doch auch dies leistet der Roman nicht. Wir bekommen die Geschichte der Mitzwanzigerin Alice erzählt, die in einer bekannten amerikanischen Literaturagentur arbeitet und in dieser Ezra Blazer betreut. Blazer ist klar als Roth erkennbar, da auch thematisiert wird, dass er immer wieder als Literaturnobelpreisträger gehandelt wird, ohne diesen Preis jemals zu erhalten. Doch Schwerpunkt des Romans ist die Frage nach der Darstellung von Literatur. Der erste Teil behandelt die Beziehung der jungen Frau zum älteren Schriftsteller, der auch als eine Art literarischer Mentor erscheint. Thematisiert werden aber auch entstehende Abhängigkeiten, die finanzielle zwischen dem reichen Schriftsteller und der nicht viel verdienenden Alice und jene des älteren Mannes, der mit Einkäufen versorgt wird. Blazer gefällt sich offensichtlich in der Rolle des Gönners und hier findet mir bei Alice zu wenig Reflektion statt, weshalb ich diese Figur nicht wirklich mögen will.

Woraus schöpft Fiktion ?

Mit der Frage nach den Erfahrungen, die man im Schreiben verarbeitet beschäftigen sich die Beiden aber auch. Es steht die Frage im Raum, ob sich eine junge Frau sich in die Erfahrungswelt eines muslimischen Mannes versetzen kann. Der erste Teil des Romans antwortet auf diese Frage mit seiner Geschichte und sieht die verarbeiteten Erfahrungen in einer Autofiktion, die reale Erlebnisse verarbeitet.

Der zweite Teil greift die Frage auf und erzählt uns genau das Geforderte. Ein junger Muslim wird auf dem Flughafen London Heathrow festgehalten und dies vor allem aufgrund seiner Herkunft. Es wird über die eigene Herkunft berichtet, Kriegserfahrungen und als Leser*In hat man doch im Kopf, dass man dies nur erzählt bekommt, weil Alice oder Ezra sich dieser Geschichte angenommen haben. Für mich zeigt sich hier auch die Asymmetrie von gesellschaftlichen Debatten, denn diese Geschichten, direkt erzählt von Migrant*Innen haben lange in der Literatur gefehlt. Durch die Einbindung in den mittleren Part wird aber auch der Kontrast zur Erfahrungswelt der weißen New Yorker Mittelschicht deutlich. Der Flughafen als Ort der Festsetzung zeigt sich als die Transferstation unserer Reisen und damit auch als Sinnbild für unsere gesellschaftliche Entwicklung. Mir persönlich hat dieser Teil des Romans am besten gefallen, da er wirklich viel miteinander verwebt.

Sind sie dabei?

Halliday, Lisa: Asymmetrie, S.310 Hanser Verlag 1. Auflage 2018.

Dieses Zitat vom Ende des Romans ist Teil einer Radiosendung, in der Ezra Blazer interviewt wird, nachdem er nun endlich den Literaturnobelpreis erhalten hat. Warum es diese Entwicklung braucht ist mir nicht ganz schlüssig, vielleicht ist es auch eine Hommage an Philip Roth, dem dies nicht vergönnt war. In diesem Interview wird deutlich, dass Blazer sich der Monogamie verweigern will und das ihn das Verlassen geliebter Frauen für kurze Momente depressiv mache. Die Frauen erscheinen hier als wichtiges Momentum für das Schreiben dieses Autors. Es wird deutlich, dass Blazer sein Schreiben im Aufeinandertreffen von Fiktion und Erlebtem sieht, was im gesamten Roman durch seine Komposition auch von Lisa Halliday gespiegelt wird.

Mein Fazit nach diesem Roman ist, dass ich den Hype für übertrieben halte. Das Buch greift die spannende Frage der Authentizität von Literatur auf, bleibt hier aber für mich zu oberflächlich, was in der Tratschradiosendung am Ende des Romans gipfelt. Ein Roman, den ich nicht gelesen hätte, wenn ich nicht nur nach Rezensionen gegangen, sondern zuvor darin gelesen hätte. Wer sich für das Liebesleben von Philip Roth, dessen Beschreiben von Liebesbeziehungen ich schon in seinen Romanen überdrüssig war, der wird hier natürlich seine Freude finden.

Wertung: 🐧🐧1/2🐧

Unbezahlte Werbung aus Liebe zum Buch

Lisa Halliday:

Asymmetrie

btb Verlag

ISBN: 978-3-442-71958-7

Preis: 11,00€

Lisa Halliday: Asymmetrie. btb Verlag (Taschenbuch) (penguinrandomhouse.de)

Böhm, Anna: Die Tierpolizei Band 1 – Rezension

Humorvolle Detektivgeschichte

Heute ist Internationaler Kindertag und auch ich möchte an diesem Tag  teilnehmen, in dem ich heute zwei tolle Kinderbücher vorstelle. Beide wurden mir von ehemaligen Kolleginnen empfohlen und wie fast immer haben sie meinen Geschmack getroffen. Das mir die neue Reihe von Anna Böhm empfohlen würde, musste mir eigentlich nach der Begeisterung für „Emmi und Einschwein“ klar sein. Und ich habe richtig Spaß beim Lesen des ersten Bandes von „Die Tierpolizei“ gehabt. Katzenbärin Flopson muss ihren verschwundenen Freund den Streifentenrek Tjerk suchen und lernt dabei das Leben der Stadttiere kennen. Mit viel Humor bildet sich eine tierisch mutige Truppe und begibt sich auf ein spannendes Abenteuer.

Mein Eindruck vom Buch:

Die Katzenbärin Flopson und der Streifentenrek Tjerk leben bei Frau Huppenschuh und genießen ein bequemes Haustierleben. Flopson ist großer Krimifan und als der Freund verschwindet ist klar, dass sie etwas unternehmen muss. Erste Hinweise deuten auf eine Entführung hin und so verlässt sie die Wohnung, um die Suche zu beginnen. Bei diesem Weg trifft sie Stadttiere und muss feststellen, dass sich diese nur ungern helfen. Doch Flopson gelingt es aufzuzeigen, dass darin auch viele Vorteile bestehen.

Tierische Krimifans ermitteln

Zudem kann sie ihre Erfahrungen als Krimifan gut einbringen und hilft die Ermittlungsmethoden festzulegen. Ihr schließen sich Fridolin das Zwergpony, Melli die Blaumeise und Jack der Teddyhamster an. Gerade letzterer ist äußerst lustig, weil er gerne mürrisch Hilfe verweigert, man aber schnell erkennt, dass er sich über die neuen Freunde freut. Fridolin übernimmt die Rolle des naiven Tieres und insgesamt ergänzen sich die Tiere zu einer tollen Gemeinschaft. Viel Humor, aber auch Spannung bei der Suche machen das Buch aus meiner Sicht zu einem richtig schönen Lesevergnügen.

Die Covergestaltung des Buches ist ebenfalls toll und dies zieht sich über die Illustrationen weiter und sorgt für einen wunderbaren Gesamteindruck. Empfohlen wird das Buch zum Lesen für Kinder ab 8 Jahren, aber man kann es sicherlich auch davor vorlesen. Die Textmenge ist passend für die Altersklasse und die Sprache ist gut zu lesen. Toll sind auch die Wortneuschöpfungen von Anna Böhm, wie zum Beispiel das Wort „Fußabdrückler“, was die tierischen Fußspuren treffend beschreibt. Dieser Schreibstil macht Anna Böhm aus meiner Sicht zu einer der besten Autor*Innen die wir aktuell in diesem Alterssegment haben. Die unterschiedlichen Stärken der Tiere kommen in der Geschichte zur Geltung und unterstützen damit die Idee des gemeinschaftlichen Zusammenhalts. Die Hinweise auf den verschwundenen Tjerk werden häppchenweise präsentiert und so kann man auch wunderbar miträtseln. So verbinden sich lehrreiche Ansätze der Geschichte mit Spaß am Lesen und dieser Detektivgeschichte.

Und schon steckte die Tierpolizei mitten in ihrem nächsten Abenteuer.

Anna Böhm: Die Tierpolizei. Kommissare mit Fell und Feder, S.215, Oetinger Verlag 2020.

Über diesen letzten Satz habe ich mich gefreut, denn er macht deutlich, dass diese Reihe weiter gehen wird. Anna Böhm ist eine witzige-spannende Tiergeschichte gelungen, welche ihre Leserschaft mit tollen Tierfiguren begeistert. Neben der unterhaltsamen Gestaltung ist die Geschichte auch noch lehrreich, in dem die Vorzüge des gegenseitigen Helfens und von Freundschaft deutlich werden. Auch für ältere Vorleser wird dieses Buch eine Freude sein. Ebenfalls schön ist, dass dieses Buch geschlechtsneutral zu einem tollen Leseabenteuer wird. Ich mache auf jeden Fall fleißig Werbung, dass man sich den Abenteuern der Tierpolizei widmet.

Wertung: 🐧🐧🐧🐧1/2🐧

Unbezahlte Werbung aus Liebe zum Buch

Anna Böhm:

Die Tierpolizei. Kommissare mit Fell und Feder.

Oetinger Verlag

ISBN: 978-3-7891-2123-4

Preis: 13,00€

Die Tierpolizei 1 | Verlagsgruppe Oetinger

Gehrmann/Spengler: Seepferdchen sind ausverkauft – Rezension

Freunde finden in der Zoohandlung

Heute ist Internationaler Kindertag und auch ich möchte an diesem Tag  teilnehmen, in dem ich heute zwei tolle Kinderbücher vorstelle. Beide wurden mir von ehemaligen Kolleginnen empfohlen und wie fast immer haben sie meinen Geschmack getroffen. Zunächst möchte ich das Bilderbuch „Seepferdchen sind ausverkauft“ von Katja Gehrmann und Constanze Spengler vorstellen. Das Buch der beiden Autorinnen, die auch als Illustratorinnen tätig sind, wurde mit dem Leipziger Lesekompass ausgezeichnet. In diesem Bilderbuch geht es um Mika, der gerne mit seinem Vater Freizeit verbringen würde, dieser aber leider arbeiten muss. Um die Zeit bis zum Ende der Arbeit zu überbrücken, muss sich Mika alleine beschäftigen. Um dieser Einsamkeit zu begegnen wünscht er sich ein Haustier und damit nimmt die Geschichte ihren Lauf.

Mein Eindruck vom Buch:

Dieses Bilderbuch ist wirklich herzallerliebst und passt vielleicht auch aktuell sehr gut in die Lebenssituation vieler Familien. In der Corona-Pandemie trifft das HomeOffice auf die häusliche Betreuung von Kindern und eine ähnliche Situation wird uns auch in diesem Bilderbuch präsentiert. Mika würde gerne mit seinem Vater an den Badesee fahren, doch dieser muss zunächst seine Arbeit beenden. Mika möchte den Vater aus diesem Grund in Ruhe arbeiten lassen, fühlt sich gleichzeitig aber auch einsam. Die Lösung scheint in der Anschaffung eines Haustieres zu liegen und hierfür gibt der Vater auch seine Erlaubnis.

Spielerisches Abenteuer

Man kann hier den Vater als jemand wahrnehmen, der sich nicht kümmern möchte, aber es wird auch deutlich, dass er überarbeitet wirkt. Wunderbar finde ich, wie sich Mika verhält und versucht den Vater in Ruhe arbeiten zu lassen. Der Besuch der Zoohandlung lässt Mika zunächst eine Maus kaufen und ab dann entstehen immer wieder Probleme, die Mika damit lösen möchte, sich ein weiteres Tier anzuschaffen. Bis zum Ende des Buches ist so ein wunderbarer Zoo im Haus entstanden. Natürlich darf auch ein Pinguin als Mitbewohner nicht fehlen, einzig die Seepferdchen sind nicht zu erwerben. Es ist total lustig, wie Mika versucht, es den Tieren bequem zu machen und entstandene Probleme mit neuen Bewohnern löst. Der Pinguin lehrt das Schwimmen, der Elefant versucht Höflichkeitsfloskeln durch Trompeten zu kontrollieren. Die Illustrationen unterstützen auch die tierischen Emotionen, mein Lieblingsbild ist Mika mit den Tieren gebannt vor dem Fernseher sitzend. Die Kombination aus Geschichte und Bildern sorgt für viele Lacher bei den kleinen Zuhörer*Innen. Die neuen Mitbewohner werden seitens des Vaters überhaupt nicht bemerkt. Als er am Ende bereit ist, mit zum Badesee zu fahren, ist er zwar sichtlich schockiert, aber da er tierlieb ist, dürfen die neuen Freunde von Mika im Haus bleiben.

Das Bilderbuch zeigt zum einen, dass es nicht einfach ist Kinder während der Arbeit zu betreuen und man von diesen Eigenverantwortung erwartet. Es zeigt sich aber auch, dass Haustiere nicht ganz so einfach zu halten sind. Das Ende des Buches versöhnt Vater und Sohn miteinander und deutet für mich auch daraufhin, dass Rücksichtnahme ein wichtiger Aspekt des Buches ist. Die spielerische Art wie diese Themen kombiniert werden ist passend für ein Vorleseabenteuer.

Gut, dass Papa Tiere so gern mag!

Gehrmann/Spengler: Seepferdchen sind ausverkauft, Moritz Verlag 4. Auflage 2020.

Dieser letzte Satz markiert das Happy End der Geschichte und in meinem Fazit kann ich auch nur eine klare Kaufempfehlung aussprechen. Man kann beim Vorlesen gut mit den Bildern arbeiten und die Geschichte wird bei den Kleinsten den ein oder anderen Lacher ergeben. Die Themen sind so aufbereitet, dass sie kindgerecht aufgenommen werden können. Ich empfehle das Buch zum Vorlesen ab 4 Jahren. Wer das Buch noch nicht hat, der sollte sich am heutigen Tag aber ein anderes Buch vornehmen und ich wünsche allen Eltern heute viel Spaß beim Vorlesen.

Wertung: 🐧🐧🐧🐧

Unbezahlte Werbung aus Liebe zum Buch

Katja Gehrmann und Constanze Spengler:

Seepferdchen sind ausverkauft

Moritz Verlag

ISBN: 9783895653919

Preis: 14,00€

Moritz Verlag | Seepferdchen sind ausverkauft | online kaufen

Beckerhoff, Florian: Nickel und Horn. Zwei Detektive mit Durchblick – Rezension

Freche und mutige tierische Detektive

In den vergangenen Wochen haben viele andere Sachen diesen Blog dominiert, Kinder- und Jugendbücher waren größtenteils Fehlanzeige. Gelesen haben ich und meine Lesepat*Innen aber trotzdem und nun möchte ich das Liegengebliebene nachholen. Heute mit einem meiner Lieblingsvorlesebücher der letzten Zeit. Florian Beckerhoff war mir schon als Unterhaltungs- und Drehbuchautor ein Begriff und ich finde dies merkt man seinem Kinderbuch auch an. Ein weitsichtiges Meerschweinchen und ein kurzsichtiger Papagei leben bei einem Detektiv im Ruhestand und helfen dem Nachbarjungen sein Hinterafrikanisches Pupsetier aufzufinden. Den Dialogen der Figuren merkt man die Vorprägung ihres Erschaffers an, denn sie haben alle ihren eigenen Ton. Neben mir hat dieses Buch noch Lesepate Paul mit seinem Papa gelesen und gibt ebenfalls seinen Eindruck ab.

Mein Eindruck vom Buch:

Ja es handelt sich um eines meiner Lieblingskinderbücher der letzten Zeit und in meiner Buchhändlerzeit habe ich es äußerst gerne verkauft. Der Erfolg des Buches zeigt sich auch daran, dass es mittlerweile zwei Nachfolgebände gibt. Ich habe mich ganz schnell in die beiden Hauptfiguren verliebt und das Buch auch äußerst gerne vorgelesen. Fantasievoll und mit einer gehörigen Portion Humor führt die Suche nach dem Pupsetier in ein spannendes Abenteuer. Dabei ist die Spannungskurve absolut passend für Kinder. Die Tiere können sprechen und haben ihre jeweiligen Eigenheiten, die zur Identifikation einladen. Der kurzsichtige Papagei Horn begeistert mit seinen spaßigen Äußerungen, Meerschweinchen Nickel ist etwas zurückhaltender, aber so ergänzen sich die Beiden auch toll. Mutig gehen sie ihre Suche an und bei den Dialogen merkt man Beckerhoff aus meiner Sicht die Drehbucherfahrung an. Schnell habe ich für die jeweiligen Tiere die passende Stimme zum Vorlesen gefunden.

Ergänzt wird die tolle Gesichte von Zeichnungen der wunderbaren Illustratorin Barbara Scholz, deren Bilder mich schon bei einigen Kinderbüchern begeistert haben. Die jeweiligen Kapitel haben eine gute Länge zum Vorlesen und bieten gute Möglichkeiten das Leseabenteuer zu unterbrechen. Trotzdem kommt man schnell wieder rein und dies ist bei einem Vorlesebuch das Wichtigste.  

Dieses Buch war wirklich spannend und die Dialoge der Figuren haben Paul richtig gut gefallen. Auch der Papa war mit diesem Buch zufrieden, denn es braucht Geschichten, die Abwechslung bieten und die Möglichkeit lassen, das Buch mit verschiedenen Stimmen zu lesen. Die Charaktere waren mutig, aber haben auch viel Spaß verbreitet und dies hat die Figuren liebenswert gemacht.

Vorstellung Lesepate Paul:

Paul ist sieben Jahre alt und liebt es vorgelesen zu bekommen, liest aber auch schon wissensdurstig selbst:

Paul mag Bücher mit leichten Spannungselementen und vor allem muss Spaß und Ulk dabei sein. Geschichten von Detektiven oder Piraten findet er klasse. Aktuell beginnt er mit den Was ist Was Junior Bänden sich Wissen anzueignen und liebt Experimentierbücher. Vorlesen ist vor allem zum Einschlafen immer eine gute Idee.

In meinem Fazit kann ich knapp bleiben. Dieses Leseabenteuer für Kinder ab 6 Jahren eignet sich super zum Vorlesen, für etwas ältere Selbstleser aufgrund der großen Schrift auch zum Selbstlesen. Die Geschichte ist einfach nur toll, Spaß, Spannung und mutige Tiercharaktere prägen „Nickel und Horn“ und so spreche ich eine absolute Leseempfehlung aus !

Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧

Unbezahlte Werbung aus Liebe zum Buch

Florian Beckerhoff und Barbara Scholz (Illustratorin):

Nickel und Horn. Zwei Detektive mit Durchblick

Thienemann Esslinger Verlag

ISBN: 978-3-522-18436-6

Preis: 13,00€

Nickel und Horn von Barbara Scholz | Thienemann-Esslinger Verlag

Ditlevsen, Tove: Kopenhagen-Trilogie – Rezension

Wunderbare Wiederentdeckung

Ich gebe zu, bisher habe ich Karl Ove Knausgard oder Annie Ernaux nicht gelesen und so beeindruckt mich Tove Ditlevsen vielleicht auch deshalb so stark. Erstmals liegt die Kopenhagen-Trilogie der dänischen Schriftstellerin komplett auf Deutsch vor. In diesen drei Büchern zeigt uns Ditlevsen das biographisch geprägte Aufwachsen in einer dänischen Arbeiterfamilie und wie die Sprache schon als Kind zu einem Ort der Sehnsucht wird. Über die Kindheit und Jugend bekommen wir erzählt, wie die junge Schriftstellerin versucht einen Platz zu finden, inmitten all der Erwartungshaltungen von ihr selbst und ihrem Umfeld.

Im ersten Band wird die Kindheit erzählt, das schwierige Verhältnis zur Mutter erhält Raum und der schon früh bestehende Wunsch Schriftstellerin zu werden. Dies wird jedoch seitens der Eltern nicht positiv aufgenommen, sondern auch für ein „Mädchen“ als ausweglos bezeichnet.

Im zweiten Band geht es um die Zeit nach ihrem Schulabschluss und beschreibt ihren Weg ins Arbeitsleben. Der Weg zur Schriftstellerin scheint zunächst verbaut, aber die junge Tove gibt diesen Traum nicht auf.

Der dritte Band liefert dann die Lebensphase, in welcher sich Tove Ditlevsen weiter in Abhängigkeit von ihren Männern begibt und dem Druck Ehefrau, Mutter und den Traum der Schriftstellerin nicht mehr gewachsen ist. Der Ausweg drückt sich in einer Medikamentenabhängigkeit aus. Allen drei Bänden bleibt eine wunderbare Sprache.

Mein Eindruck vom Buch:

Mich haben diese drei Bücher wirklich beeindruckt, denn diese Ich-Erzählung findet für das geschilderte Leben eine so feinfühlige und doch auch mit drastischer Wucht wirkende Sprache, dass es mir wirklich schwer fällt dies zu beschreiben. Trotz der Erzählhaltung aus der ersten Person ist die Erzählstimme in der Lage auch den distanzierten Blick auf das eigene Ich frei zu machen. An einigen Stellen spürt man die Last, die auf die Dichterin drückt und doch nimmt sie keine unreflektierte Opferrolle ein. In dieser Art des Erzählens drückt sich auch eine Kraft aus, die gegen die Schranken des Lebens aufbegehren möchte. Gleichzeitig sucht die Hauptfigur auch jede Spur von Lebensfreude und so erhalten wir ein Lebensporträt, dass für jeden greifbar ist, da sich Freud und Leid fast spielerisch abzuwechseln scheinen.

Ein literarischer Glücksfall

Der erste Band hat mich dabei am stärksten emotional gepackt. Fast nüchtern wirken die Familienstrukturen, welche ihrem Bruder ganz andere Rechte einräumen und für das junge Mädchen doch so bedrückend sein müssen. Wie Ditlevsen die gesellschaftliche Akzeptanz dieses Rollenbildes markiert und gleichzeitig sich selbst als aufgeweckt darstellt, ist ein literarischer Glücksfall. Sprachlich werden dichte Bilder geschaffen, die lyrisch Emotionen hervorrufen, jedoch kunstvoll in die Romanprosa verwebt werden. Die Mutter stellt sich in einigen Szenen durchaus auch als Kämpferin für ihre Tochter, nur um in anderen Szenen wieder in die Rolle der Hausfrau zu wechseln, die nur schwerlich Nähe zur jungen Tove aufbaut. Der Vater scheint einen Zugang zu seiner Tochter über die Liebe zur Literatur zu finden und doch baut sich auch hier nie eine spürbare Nähe auf. Neben diesen familiären Beziehungen ist der erste Teil auch ein Blick in ein Dänemark vor Beginn des Zweiten Weltkrieges und herrschende soziale Verhältnisse. Das dies der Protagonistin und ihrer Entwicklung nicht den Platz streitig macht sondern in eine flüssige Wechselbeziehung aufgeht, ist ebenfalls ästhetisch wunderbar gelöst.

Ich lese in meinem Poesiealbum, während die Nacht an meinem Fenster vorbeiwandert, und ohne, dass ich es weiß, sinkt meine Kindheit leise auf den Grund der Erinnerungen, dieser Seelenbibliothek, aus der ich bis an mein Lebensende Wissen und Erfahrungen schöpfen werde.

Ditlevsen, Tove: Kindheit, S.115 Aufbau Verlag 1. Auflage 2021.

Ich weiß gar nicht, ob ich mehr schreiben muss, nach diesem großartigen Zitat. Nicht nur die Bilder die geschaffen werden beeindrucken mich, sondern das eine kindliche Perspektive spürbar ist, diese sich aber auch mit einer unglaublichen Weisheit verbindet. Diese Qualität durchzieht das gesamte Buch und lässt einen immer wieder Sätze lesen, die man einfach nur herausschreiben will und eigentlich an die eigenen vier Wände hängen muss.

Im zweiten Band ändert sich der Tonfall leicht. Angepasst an das Leben der Hauptfigur verschwindet das träumerisch Naive etwas aus dem Roman, ohne jedoch die Ziele des eigenen Lebens aufzugeben. Wir erleben eine Tove, die sich von zu Hause entfernen möchte, das Neue am Leben entdecken will und doch auch in diesem zweiten Band die Grenzen des weiblichen Lebens erfahren muss. Da ihr nicht alle Türen offen zu stehen scheinen, wünscht sie sich zumindest einen Job in einem Büro. Doch Stellen werden gewechselt, es kommt immer wieder auch zu sexistischen Kommentaren, die aber als normal erscheinen in diesem Kopenhagen der 1930er Jahre. Sie lernt neue Freunde kennen und taucht in die Welt der Bars und des Tanzens ein. Der Kontakt zum männlichen Geschlecht bleibt zaghaft, aber vor allem kontrollierend. In der Sprache ist immer wieder die Balance zwischen mangelndem Selbstvertrauen und einem negativen Blick auf den eigenen Körper und dieser Bestimmtheit, die Tove und ihre Ansprüche an das eigene Leben prägen. Meine Bindung an diese junge Frau nimmt über diesen Band weiter zu. Die kurzen Gedichte in denen der Wunsch Schriftstellerin zu werden zum Ausdruck kommt, verändern sich ebenfalls, sind aber genauso bezaubernd wie zuvor. Der Wille sich sprachlich auszudrücken und der Glaube daran, dass diese Worte die eigenen vier Wände verlassen ist unbeirrt Antriebsgedanke. Wir lesen trotz der immer wieder auftauchenden Umstände die Lebensgeschichte einer starken Frau.

Heute Abend möchte ich damit allein sein, denn es gibt niemanden, der wirklich versteht, was für ein Wunder es für mich ist.

Ditlevsen, Tove: Jugend, S.154 Aufbau Verlag 1. Auflage 2021.

In diesem Zitat zeigt sich aus meiner Sicht die Kraft der jungen Frau. Sie ist gerührt von der Chance Schriftstellerin werden zu können, weiß aber das dieses Gefühl nicht transportiert werden kann. Zu viel Unverständnis begleitet ihren Weg, bringt sie aber nie davon ab.

Nochmals emotional mitgenommen hat mich dann Band drei mit dem Titel „Abhängigkeit“. Natürlich konzentriert sich der Text auf die entstehende Medikamentenabhängigkeit, jedoch finde ich auch, dass er sogleich die Abhängigkeit von den Männern im Leben der Protagonistin bezeichnet. Versuchte Tove in den beiden Vorgängerbüchern den Rollenbildern zu entfliehen und ihren Traum zu verwirklichen, scheint dieser im letzten Teil Realität zu werden. Sie kann veröffentlichen, erhält Lob für ihr Werk und doch ist da dieser gesellschaftliche Druck, auch die Rolle als Ehefrau und Mutter zu bewältigen. Die Trennung von ihren Ehemännern erfolgt immer sachlich und sie zeigt keinen Groll. Im Nachgang folgen aber auch immer wieder Momente der Erinnerung und des Vergleichs. Ehemann Carl ist es dann, der ihr erstmals Medikamente gibt und schnell ist sie vom berauschenden Gefühl begeistert. Die Heirat ist auch ihr Weg stetig an Medikamente zu kommen, die Abhängigkeit zu diesem Mann kulminiert im doppelten Verhältnis als Beschaffer und Verstärker der Medikamentenabhängigkeit. Ditlevsen findet für die Momente des Rausches und des Wunsches nach Nachschub bedrückende Worte, die trotzdem nüchtern die Situation der Abhängigkeit darstellen.

Sie stirbt nie ganz, solange ich lebe.

Ditlevsen, Tove: Abhängigkeit, S.176 Aufbau Verlag 1. Auflage 2021.

Mit diesem Zitat zeigt sich wie stark die Abhängigkeit an ihrem Inneren reißt und so schafft sie es diese Zerrissenheit über das Wissen der Abhängigkeit sich immer wieder mit dem Rausch und auch damit verbundenem künstlerischen Glück herzustellen. Tief lässt diese Autorin in ihre dunkelsten Momente blicken. Der letzte Teil beschließt die eingangs aufgezeigten Grenzen eines weiblichen Lebens und lässt sie in Verhältnissen der Abhängigkeit aufgehen.

Wow, einfach nur wow, muss ich nach der Lektüre dieser drei Bücher festhalten. Mich hat diese Trilogie umgeworfen, da die Bücher sprachlich so fein gearbeitet sind, dass es der Autorin gelingt viele Gefühle in wenigen Worten abzubilden. Drei schmale Bände, die mit ihrer dichten Sprache glänzen und ein Leben so sichtbar machen, dass man emotional gepackt wird. Man kann dem Aufbau Verlag nur danken, dass dieses Werk wiederentdeckt wurde. Tove Ditlevsen hat die Gabe komplexe Geschehnisse so in Sprache zu packen, dass sie eine breite Leserschaft anspricht und ästhetisch brilliert. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt etwas autobiographisches mit einer solchen Qualität gelesen habe. Lesen, einfach nur lesen !

Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧

Unbezahlte Werbung aus Liebe zum Buch

Tove Ditlevsen:

Kindheit

Aufbau Verlag

ISBN: 978-3-351-03868-7

Preis: 18,00€

Tove Ditlevsen:

Jugend

Aufbau Verlag

ISBN: 978-3-351-03869-4

Preis: 18,00€

Tove Ditlevsen:

Abhängigkeit

Aufbau Verlag

ISBN: 978-3-351-03870-0

Preis: 18,00€

Tove Ditlevsen ‒ Frauen erzählen Geschichten anders (aufbau-verlag.de)

Baltscheit/Weikert: Der kleine Esel Liebernicht – Rezension

Das Glück auf dem Land finden

In den vergangenen Wochen haben viele andere Sachen diesen Blog dominiert, Kinder- und Jugendbücher waren größtenteils Fehlanzeige. Gelesen haben ich und meine Lesepat*Innen aber trotzdem und nun möchte ich das Liegengebliebene nachholen. Beginnen möchte ich mit einem Bilderbuch eines meiner Lieblingsautoren, nämlich Martin Baltscheit, einem Autoren der ganz viele unterschiedliche Medien nutzt.  

Als lustiges Bilderbuch angekündigt, zeigt die Lektüre doch, dass viel ernste Themen behandelt werden. Hauptfigur ist der störrische Esel „Liebernicht“, der zusammen mit tierischen Freunden auf einem Bauernhof lebt. In diesem Band müssen sie sich einer neueren Hofbesitzerin erwehren. Neben mir hat das Buch auch Lesepatin Lennja (3 Jahre alt) mit ihrer Mama gelesen und teilt ihren Eindruck mit.

Mein Eindruck vom Buch:

Was soll ich sagen, zunächst hat mich die Lektüre etwas ratlos zurückgelassen, weil ich mir nicht sicher war, ob ich die behandelten Themen so in einem Bilderbuch untergebracht sehen möchte. Die alte Bäuerin stirbt und dies wird im Buch mit einem Verlassen des Hofes dargestellt. Die neue Besitzerin interessiert sich nicht für die Hoftiere und möchte alles schnell verkaufen, so auch die Tiere an die nächste Fleischerei. Die Eselin des Hofes ist allerdings schwanger und der Nachwuchs ändert das Leben auf dem Hof.

Es geht um Darstellung von Gegensätzen, das Nichtschätzen des Landlebens durch eine Karrierefrau und im Gegenzug das Nichtverständnis der Tiere für eine solche Haltung. Die Geburt des Nachwuchses mit Namen „Liebernicht“ sorgt dann für ein Umdenken und bringt damit noch den Wert eines neuen Lebens als Aspekt ein.

Das sind wirklich schwere Themen für Kleinkinder. Martin Baltscheit versucht dies mit den Illustrationen von Claudia Weikert weniger schreckhaft zu erzählen. Jedoch sind wirklich viele Anspielungen zu entdecken, die Kinder nur schwer erfassen werden. Die tierischen Figuren sind sicherlich das Highlight und deren Naivität sorgt auch für Identifikationspotenzial. Da mit Fragen der Zuhörer*Innen zu rechnen ist, geht vielleicht an der ein oder anderen Stelle auch das Humorpotenzial etwas verloren.

Lennja musste einige Fragen stellen, um das Gehörte besser zu verstehen. Die vielen Sprech- und Gedankenblasen machen das Verfolgen des Buches auch nicht immer so einfach. Nicht jede Textbotschaft konnte sie deshalb richtig verstehen und auch die Figuren waren nicht immer leicht zu erkennen. Toll sind natürlich die Tiere auf dem Bauernhof und so kann man das Buch auch lesen, ohne alle Botschaften zu erfassen.

Vorstellung Lesepatin Lennja:

Lennja ist drei Jahre alt und liebt es vorgelesen zu bekommen:

Welche Bücher Lennja am liebsten hat, kann sie gar nicht genau sagen. Sie mag Bücher bei denen man etwas lernen kann und es etwas zu entdecken gibt. Wenn sie im Moment ein bestimmtes Buch mag, dann müssen Mama und Papa es gefühlt 1000 Mal vorlesen und wenn sie es schon gut kennt, dann spricht sie auch gerne mit. Und wenn Mama und Papa mal nicht zusehen, dann erzählt sie gerne anhand der Bilder in ihren Büchern auch eigene Geschichten. Woher wir das wissen? Naja so ganz unbeobachtet ist man doch nie …

In meinem Fazit halte ich fest, dass mit dem warmherzigen Ende Potenzial für eine Fortführung mit der neuen Hauptfigur „Liebernicht“ angelegt ist. Die besprochenen Thematiken sind in ihrer Wahrnehmung sicherlich auch abhängig von den Kindern. Schön ist der bekannte Baltscheit Wortwitz, der aber auch Anspielungen bereithält, die vielmehr an die Vorleser*Innen gerichtet sind. Deshalb kann ich dieses Buch nicht uneingeschränkt empfehlen, da ich die Thematiken etwas zu früh finde.

Wertung: 🐧🐧🐧

Unbezahlte Werbung aus Liebe zum Buch

Martin Baltscheit und Claudia Weikert (Illustratorin):

Der kleine Esel Liebernicht

Loewe Verlag

ISBN: 978-3-7432-0731-8

Preis: 14,00€

Der kleine Esel Liebernicht: Witziges Bilderbuch zum Vorlesen für Kinder ab 4 Jahre von Martin Baltscheit | 978-3-7432-0731-8 | Loewe Verlag (loewe-verlag.de)