Kuhn, Christian: Nordseedunkel – Rezension

Kurzweiliger Ausflug nach Norderney

Ich mag Lovelybooks Leserunden, weil man ganz schnell verschiedenste Lesermeinungen erhält und sich auch austauschen kann. Meine letzte Leserunde war dann doppelt passend, denn ich habe die Möglichkeit erhalten „Nordseedunkel“ von Christian Kuhn zu lesen. Dies ist der zweite Teil einer Reihe, deren ersten Band Nordseedämmerung ich schon auf dem Blog besprochen habe. Kuhn hat einen Faible für die Nordsee und so darf man sich bei seinen Romanen auf tolle Beschreibungen der Handlungsorte freuen. Dieses Mal wird Ermittler Tobias Velten als privater Ermittler tätig. Kümmerte er sich im ersten Band noch um einen Maulwurf, geht es nun um einen Entführungsfall. Felicitas Toben, Tochter einer reichen Unternehmerfamilie, wurde entführt und Velten soll den Fall lösen. Dabei stellen sich viele Geheimnisse in seinen Weg und er muss auch Fragen nach Schein und Wirklichkeit nachspüren.

Mein Eindruck vom Buch:

Wie schon beim ersten Roman von Christian Kuhn erwartet die Leserschaft solide Krimiunterhaltung. Mir gefällt es, dass er auch in diesem Teil an Tobias Velten und seinem Charakter als eigenwilliger Ermittler festhält. Habe ich im ersten Teil noch die Tiefe bei der Figur Velten vermisst, erhält dessen rätselhafter Lebensweg nun weitere Andeutungen und dies steigert die Spannung auf den nächsten Teil der Reihe. Man wird äußerst schnell in die Handlung hineingezogen und diese baut sich konsequent auf. Hilfreich ist hierbei die Beobachtungsgabe des Autors, sodass wir als Leser dem Ermittler folgen und auch beginnen seine Hinweise zu deuten. Ich stelle selbst gerne Vermutungen an und dieser Krimi lässt mir hierfür die nötige Gelegenheit.

Es war schwierig, einen klaren Gedanken zu fassen.

Kuhn, Christian: Nordseedunkel, S.319 Heyne Verlag 1. Auflage 2021.

Ich würde mir an einigen Stellen etwas mehr Tiefe auch in den Dialogen wünschen, so könnten die Figuren sich einander noch mehr Raum geben und auch die Themen des Romans würden sich besser entfalten. Ein Vorteil der knappen Darstellungsweise ist allerdings, dass die privaten Ermittleraspekte nicht die Handlung überlagern, sondern sich der Roman auf die Handlung konzentriert. Der knappe Stil sorgt auch dafür, dass Hinweise und mögliche Motive knapp präsentiert werden. Zudem werden auch Perspektivwechsel mit dem Opfer genutzt, um die Dramatik der Entführung zu unterstützen. Neben dem flüssigen Schreibstil machen auch die Beschreibungen von Norderney Spaß. Wie schon beim ersten Teil hätte das Buch noch die ein oder andere Seite mehr vertragen.

Als Fazit halte ich fest, dass ich auch den zweiten Teil der Reihe um Tobias Velten gerne gelesen habe. Es ist eine entspannte und kurzweilige Lektüre. Ich würde mich freuen, wenn die Reihe weiter fortgesetzt werden würde. Die Ermittlerfigur von Tobias Velten bietet auf jeden Fall noch einiges an Potenzial. Mit diesem Krimi kann man einige Tage auf der Lesecouch verbringen und dank der tollen Beschreibungen macht man dabei auch noch Urlaub in Norderney.

Wertung: 🐧🐧🐧1/2🐧

Unbezahlte Werbung mit Rezensionsexemplar (Lovelybooks Leserunde)

Christian Kuhn:

Nordseedunkel

Heyne Verlag

ISBN: 978-3-453-44117-0

Preis: 10,99€

Christian Kuhn: North Sea Darkness. Heyne Verlag (Paperback, Thriller & Crime) (randomhouse.de)

Nam-Joo, Cho: Kim Jiyoung, geboren 1982 – Rezension

Dokument eines Lebens in Unfreiheit

Bei meinem letzten großen Hugendubel Einkauf konnten sich meine ehemaligen Kolleg*Innen vollends austoben und haben mich vollbepackt aus dem Laden gehen lassen. Einer der Tipps war das Buch „Kim Jiyoung, geboren 1982“, dass ein Bestseller in Südkorea war und im Anschluss die Welt erobert hat. Nam-Joo Cho war als Drehbuchautorin tätig, ihr Roman hat sich mittlerweile über 2 Millionen Mal verkauft und wurde verfilmt. Sie schildert darin das Leben der Mitdreißigerin Kim Jiyoung. Sie ist verheiratet und kümmert sich um ihre kleine Tochter als eine Psychose auftritt. In dieser nimmt sie verschiedenste Persönlichkeiten an. Sie beginnt eine Therapie und ihr Psychiater erzählt uns daraufhin ihre Lebensgeschichte, dominiert von Sexismus und starren Rollenbildern.

Mein Eindruck vom Buch:

Auch dieses Buch hat natürlich Erwartungen geweckt, doch da ich schon die ein oder andere Rezension gelesen hatte, konnte ich diese schon einordnenNam-Joo Cho hat einen dokumentarischen Stil für ihren Roman gewählt. Die Erzählung des Lebens wird durch den Psychiater unterstützt, der bestimmte Einschätzungen mit Fakten und Quellenangaben untermauert. In ihrer Heimat hat das Buch die „MeToo“ Debatten beeinflusst. Dabei ist das was wir hier zu lesen bekommen nichts, was wir einzig und allein einer südkoreanischen Gesellschaft zuordnen können. Kim Jiyoung wächst in einer Familie auf, in welcher der Bruder immer bevorzugt wird. Die Ausbildungssituation für Frauen ist deutlich schlechter als für Männer. Sexistische Bemerkungen begleiten den weiblichen Alltag, die Kindererziehung ist klar der Frau zugeordnet. All diese Dinge sind uns auch in Europa bekannt. Immer wieder kommt Ermutigung auf, wenn sich einer der Lebensgefährten als Unterstützer zu erweisen scheint. Diese Hoffnungsschimmer halten jedoch nie lange genug an, um Kim beim Überwinden der nächsten Barriere zu unterstützen. Auch in Südkorea soll offiziell Gleichberechtigung herrschen, doch der reale Alltag spiegelt dies nicht wieder.

Ich werde also darauf achten müssen, eine unverheiratete Frau einzustellen.

Nam-Joo, Cho: Kim Jiyoung, geboren 1982, S.207 Kiepenheuer und Witsch Verlag 2. Auflage 2021.

Dieses Zitat des Psychotherapeuten macht aus meiner Sicht einen gewichtigen Punkt in der Betrachtung der behandelten Themen aus. Der Therapeut wirkt über weite Teile des Romans als verständnisvoll, trotzdem möchte er in seiner eigenen Praxis darauf achten, dass der Mutterschutz sich nicht nachteilig auf ihn auswirkt. Genau diese Art des Umgangs ist aber ebenfalls eine Wurzel für das von Kim Jiyoung gelebte Leben. Kim selbst realisiert die Ungerechtigkeiten nicht immer. Doch es fehlt nicht an Deutlichkeit, dies geschieht seitens der Autorin durch Nennung einer faktenbasierten Quelle. Durch diese Darstellung drückt sich das Ausmaß aus und Kim wird so zu einem Beispielfall in dem sich allgemeine Zustände ausdrücken.

Der Roman erzählt dieses Leben in Zeitabschnitten und stellt uns in diesem Zeitraum auch die Veränderungen Südkoreas hin zu einer kapitalistischen Gesellschaft vor.

Kein Weg für Einzelkämpfer*Innen

Der Roman zeigt auf, dass unsere Strukturen in der Arbeitswelt und der Familie Frauen immer noch strukturell benachteiligen. Männerphantasien werden im Roman deutlich, drücken sich aber nie explizit aus. Dies kann man dem Roman nachteilig auslegen, doch ich sehe gerade darin die Stärke. Es muss nicht immer erst das Äußerste geschehen, schon die Hintergründe sind entscheidend, um Benachteiligungen deutlich zu machen. In den Darstellungen der Arbeitswelt wird sichtbar, dass auch einzelne handelnde Personen es nicht schaffen werden, dieses Umfeld zu ändern. Es braucht größere Anstrengungen. Das den Roman durchziehende Gefühl der Unfreiheit ist gleichzeitig der kausale Grund für die psychischen Probleme der Hauptfigur. Dabei deutet die Darstellung des Psychotherapeuten nicht daraufhin, dass diese Therapie ihr schlussendlich helfen könnte.

Mein Fazit dieses Werkes ist, dass es viele dieser Romane braucht, die einem immer wieder den Spiegel vorhalten. Natürlich lernen wir aus dieser Lektüre nichts, was uns nicht schon bekannt sein sollte. Festzuhalten ist jedoch, dass sich noch nichts geändert hat. Der dokumentarische Stil und der Plot der Psychotherapie sind mir bisher unbekannte Umgangsweisen mit diesem Thema. Der Roman kombiniert sein Thema kunstvoll mit dieser Konstruktion und wird auf diesem Wege zu einem Dokument eines Lebens in gelebter Unfreiheit. Mir hat das Buch auf jeden Fall gefallen. Dem Buch gelingt es aufgrund seiner Stilistik aber nicht mich emotional zu packen, weshalb ich in meiner Gesamteinschätzung hinter höchsten Werten zurückbleibe. Trotzdem ist es ein wichtiges Buch zum Thema Gleichberechtigung und Benachteiligung von Frauen und findet zurecht eine große Leserschaft.

Wertung: 🐧🐧🐧1/2🐧

Unbezahlte Werbung aus Liebe zum Buch

Nam-Joo Cho:

Kim Jiyoung, geboren 1982

Kiepenheuer und Witsch

ISBN: 978-3-462-05328-9

Preis: 18,00€

Kim Jiyoung, geboren 1982 – Nam-Joo Cho | Kiepenheuer & Witsch (kiwi-verlag.de)

Hall, Sarah: Die Töchter des Nordens – Rezension

In der Hoffnung auf ein anderes Leben …

In der Verlagsvorschau des Penguin Verlages bin ich auf meinen heutigen Buchtipp aufmerksam geworden. Ein Roman, der an Margaret Atwood erinnert und von der Times als einer der 100 besten Bücher des Jahrzehnts im Erscheinungsjahr 2007 bezeichnet wurde. Die britische Schriftstellerin Sarah Hall verbindet in ihrem Werk feministische Themen mit Naturbeschreibungen. Nach einer Umweltkatastrophe und einer damit verbundenen Wirtschaftskrise hat Großbritannien kein demokratisches politisches System mehr. Diktatorisch wird versucht den Herausforderungen zu begegnen. Eine Maßnahme ist, dass Frauen nur noch in Ausnahmefällen Kinder kriegen sollen. Dieser Gesellschaft und ihren Doktrinen entflieht eine junge Frau und macht sich auf den Weg zu einer Farm, die als Aussteigersiedlung von Frauen betrieben wird. Auf dieser Farm geht es darum, sich gegenüber der Außenwelt zu behaupten, sich aber auch im dortigen Machtgefüge zu beweisen.

Mein Eindruck vom Buch:

Durch die Ankündigung in der Verlagsvorschau hat dieses Buch natürlich auch Erwartungen geweckt. Nach meiner Lektüre muss ich leider sagen, dass diese nicht erfüllt werden konnten. Der Roman entführt uns in eine dystopische Welt nach einer Umweltkatastrophe. Großbritannien hat keine demokratische Regierung mehr, die Reorganisation ist nicht gelungen. Die Protagonistin, nur Schwester genannt, muss in einer Fabrik für Turbinen arbeiten und zu Hause wartet eine Ehe, die nicht mehr von der anfänglichen Liebe getragen wird. Um die Geburten zu kontrollieren, bekommen Frauen Spiralen eingesetzt, jeglicher Kritik oder aufkommendem Widerstand wird mit Gewalt entgegen getreten. Die Protagonistin kann dies nicht mehr aushalten und flüchtet auf eine Farm. Dort hat sich eine Gruppe von Frauen niedergelassen und lebt abgeschieden vom mächtigen System.

Ich erkenne diese Regierung nicht als die rechtmäßige an.

Hall, Sarah: Die Töchter des Nordens, S.252 Penguin Verlag 1. Auflage 2021.

Der Roman wird in Passagen aus einer Strafakte erzählt, welche das Geständnis der Protagonistin darstellen. Die Akte wird als nicht vollständig dargestellt, wobei die Zuschreibungen wie „vollständig wiederhergestellt“ aus meiner Sicht auch immer zum jeweiligen körperlichen und seelischen Zustand der Hauptfigur passen könnten. Ihre Flucht ist mit der Hoffnung auf ein besseres und vor allem auch anderes Leben verbunden. Während ihr das System keine Entfaltung zu bieten scheint, hofft sie diese in der Frauengesellschaft zu bekommen. Die sprachliche Gestaltung des Textes setzt auf eine Metaphorik, die Gewalt, Krieg und Machtkämpfe transportiert. Die Flucht wird mit der nötigen Drastik dargestellt. Die Frauen haben sich auf der Farm jedoch ebenfalls in einem System organisiert, welches von Machtstrukturen gezeichnet ist. Die ersten Tage wird die Protagonistin auch dort Opfer von Gewalt und Folter. Nach den Regeln dient dies dazu, herauszufinden, ob sie eine Gefahr darstellt und dem harten Leben auf der Farm gewachsen ist. Für mich machen sich in dieser Darstellung leider keine richtigen Gegensätze zum System in den Städten deutlich. Natürlich versorgen sich die Frauen autark, das Leben ist stärker an den natürlichen Ressourcen orientiert, aber es wird nicht deutlich worin die Alternative besteht. Frauen haben auch in dieser organisierten Struktur kein gänzliches Recht auf Selbstbestimmung. Einige führen Liebesbeziehungen mit einer Männeraussteigerkommune, dürfen diese aber nicht mit auf die Farm bringen.

…basiert schlussendlich auch der Wunsch nach Konflikt

Die Machtspiele werden seitens Sarah Hall gut dargestellt, ergeben aus meiner Sicht aber auch nicht an allen Stellen Sinn. Leerstellen kann der Roman durch seine Erzählstruktur in unvollständigen Akten übergehen, trotzdem fehlte mir an der ein oder anderen Stelle der Hintergrund bestimmter Verhaltensweisen. Die Botschaft des Buches ist, dass in den Bemühungen um ein besseres oder anderes Leben, natürlich auch immer Konflikte bestehen. Auch in alternativen Gesellschaftsformen werden sich Machtstrukturen herausbilden. Auch die als Utopie herbeigesehnte Farm kann brutal und schroff sein. Zielgerichtet verläuft der Roman auf ein Ende zu, welches Entscheidungen herbeiführen soll.

Mein Fazit nach diesem Roman ist, dass so mancher Werbespruch auf einem Buchcover, dem Werk mehr aufbürdet, als das es ihm marketingtechnisch hilft. Die Protagonistin ist durchaus mit der nötigen Tiefe versehen und das Setting des Romans beeindruckt. Allerdings kann die erzählte Handlung damit nicht mithalten, zu viele Handlungsweisen bleiben für mich in ihrer Motivation unklar. Das Buch macht dystopisch deutlich, dass die Selbstbestimmung über den eigenen Körper eines der wichtigsten Grundrechte ist. Weiteres Potenzial über Gleichberechtigung und Freiheit nachzudenken, wird aus meiner Sicht verschenkt. Einem Vergleich mit Margaret Atwood kann der Roman aus meiner Sicht nicht standhalten. Wer solche Bücher jedoch mag, wird auch bei Sarah Hall sicherlich nicht enttäuscht werden.

Wertung: 🐧🐧🐧

Unbezahlte Werbung aus Liebe zum Buch

Sarah Hall:

Die Töchter des Nordens

Penguin Verlag

ISBN: 978-3-328-60101-2

Preis: 20,00€

Die Töchter des Nordens | Presseportal (penguinrandomhouse.de)

Becker, Esther: Wie die Gorillas – Rezension

Gesuchte Richtung Erwachsensein

Nachdem ich mit einem Sachbuch-Input in mein neuestes Leseprojekt gestartet bin, standen im Anschluss Romane auf dem Programm. Einen Tipp habe ich Bookstagram entnommen. Esther Becker ist Dramatikerin, Performerin und nun mit ihrem Debütroman im Verbrecher Verlag auch Schriftstellerin. In ihrem Roman „Wie die Gorillas“ begleiten wir drei Freundinnen auf ihrem Weg in die Welt der Erwachsenen. Dabei erleben sie auf unterschiedliche Art und Weise, welcher Druck auf jungen Menschen, aber vor allem insbesondere Frauen lastet. Wie in einer Art Collage verdichten sich die verschiedenen Erfahrungen zu einem Gesamtbild der Barrieren, welche sich jungen Frauen in den Weg stellen.

Mein Eindruck vom Buch:

Der Debütroman von Esther Becker zeigt auf etwas mehr als 150 Seiten so viele unterschiedliche Situationen, in denen die gesellschaftliche Macht von Männern und die oftmals reduzierte Rolle von Frauen zeigen. Die Stärke des Romans ist dabei mit welcher sprachlichen Leichtigkeit wir durch diese Erlebnisse geführt werden. Becker gelingt es die Szenen so darzustellen, dass sie einem direkt deutlich machen, welche Probleme die drei Protagonistinnen erleiden ohne das die Figuren in Schockstarre verfallen. Für mich ist dieses Buch das Beispiel für einen gelungenen Collagenroman. Becker sammelt Erlebnisse unter dem thematischen Aspekt des Heranwachsens junger Frauen. Schnell wird deutlich, wie diese von ihrem gesellschaftlichen Umfeld eingeschränkt werden. Die Überwachung durch die Eltern, Blicke und Erwartungen von Männern bremsen sie immer wieder aus und stellen sie vor Entscheidungen.

Schnitt, sage ich

Becker, Esther: Wie die Gorillas, S.254 Verbrecher Verlag 1. Auflage 2021.

Dieser letzte Satz passt zur Stilistik des Romans. Mit rasantem Tempo, einer Kamerafahrt gleich, durchfahren wir das Leben der namenlosen Erzählerin, sowie ihrer Freundinnen Olga und Svenja. Kurze Dialoge stärken die Lebendigkeit, stützen aber auch das angeschlagene, jedoch absolut passende Erzähltempo. Die Erlebnisse berichten von den Problemen des Sportunterrichts, der schwierigen Wahl des passenden Studiums, den Avancen von Männern und die Schwierigkeit sich gegen Rollenbilder durchzusetzen. Die drei jungen Frauen sind in ihrem Umgang mit den Hindernissen durchaus unterschiedlich. Während die namenlose Ich-Erzählerin immer wieder an den eigenen Wegen zu scheitern scheint, berichtet sie doch mit einer nüchternen, aber reflektierten Art, von den Erlebnissen ihrer Freundinnen. Olga scheint schon früh zu erkennen, dass sie aus der elterlichen Obhut ausbrechen will und Svenja möchte unbedingt Schauspielerin werden. Der Roman reflektiert die vorherrschenden Rollenbilder, zeigt aber auch, wie sehr den jungen Frauen auf ihrem Weg eine freie Entscheidung nicht zusteht, da sich sonst andere Wege nicht offenbaren würden.

Frauenbiografien, die sich als Puzzle zusammensetzen

Trotz dieser Themen verliert der Roman an keiner Stelle Witz oder seine emotionale Wirkung. Die Ungeheuerlichkeiten des Alltags verlieren nie ihren bedrohlichen Charakter und einem Puzzle gleich, setzen sich die Teile zu Biografien zusammen. Wie Gorillas hinter einem Käfig fühlen sich die Protagonistinnen und für den Vater der Erzählerin stellt sich eine bedrohliche Frage: Was passiert, wenn aus seinem Mädchen eine Frau wird. In dieser Frage zeigt sich auch eine Angst des Vaters, die sich durchaus den Bedrohungen für junge Frauen bewusst ist, ohne darauf jedoch angemessen zu reagieren.

Außerdem macht der Roman deutlich, dass es auch um körperliche Selbstbestimmung, Körperpflege oder den Frauenkörper als Objekt auf der Theaterbühne geht. All dies wird in diesem schmalen Buch zur Entfaltung gebracht. Die tolle Beobachtungsgabe der Autorin lässt sie treffende Sprachbilder schaffen, die mit wenigen Worten eine mich packende Wucht entwickeln. Der Roman wächst über die verschiedenen Schilderungen heran und baut sich konsequent bis zum Ende wie ein Filmquerschnitt durch eine Frauenbiographie auf.

Mein Fazit nach diesem Roman ist, dass ich schöne Lesemomente mit diesem Werk hatte und den drei Protagonistinnen durchaus noch weiteren Seiten gefolgt wäre. Der Roman widmet sich nicht nur dem Lebensweg junger Frauen, sondern reflektiert allgemein das Erwachsenenwerden. Motiviert durch die Botschaft, den eigenen Weg selbst bestimmen zu können, erkennt man schnell, dass dies die gesellschaftlichen Konventionen nicht immer zulassen. Durch die collagenartige Komposition erhält der Roman Tempo, ohne dabei den roten Faden zu verlieren und sorgt auf diesem Wege für eine unterhaltsame und beeindruckende Lektüre.

Wertung: 🐧🐧🐧🐧

Unbezahlte Werbung aus Liebe zum Buch

Esther Becker:

Wie die Gorillas

Verbrecher Verlag

ISBN: 9783957324702

Preis: 19,00€

Verbrecher Verlag – gute Bücher

Stokowski, Margarete: Untenrum frei – Rezension

Wir müssen obenrum frei werden

„Du verstehst also was wir meinen, ey Sascha sei mir nicht böse, aber ich glaube nicht, oder hast Du Dich wirklich mal ernsthaft mit Gleichberechtigung auseinandergesetzt“?

Eine klare Ansage einer Freundin, die dann natürlich auch noch deutlich machte, wie wenig ich in meinem Sprachgebrauch auf Denkmuster verzichte oder wie lange ich kaum Autorinnen gelesen habe, hat mir verdeutlicht, bei diesem Thema mache ich vor allem eines: Beiläufig mitreden.

Ok, also wenn ich mich gesellschaftlich für mehr Respekt einsetze, dann sollte ich mich wohl auch mit dem Thema Gleichberechtigung ernsthaft beschäftigen. Und so sitze ich nun zu Hause und lese fleißig. Ich kann es schon vorwegnehmen, vieles habe ich wohl vorher nicht so ganz auf dem Schirm gehabt. Also dann starten wir mal mit meinen neuen Thementagen „#Frauenpower“.

Die Unsicherheit, ob ich als Mann mich überhaupt mit dem Feminismus beschäftigen darf, ohne der Leidende unter mangelnder Gleichberechtigung zu sein, diese Unsicherheit hat mir Margarete Stokowski in ihrer Spiegel-Kolumne genommen.

Stokowski hat in ihrer Spiegel-Kolumne die Frage beantwortet „Wie kann ich als Mann Feminist sein?“ Wie können Männer Feministen sein? – Kolumne – DER SPIEGEL. Ich mag ihre Kolumnen und so war mir klar, wenn ich mich wirklich mit dem Thema beschäftigen möchte, dann sollte ich mit einem Essayband von ihr anfangen.

Es geht auch um die kleinen Dinge

Margarete Stokowski ist Kolumnistin und Autorin. In ihrem Essayband „Untenrum frei“ hält sie der Gesellschaft in sieben Kapiteln den sprichwörtlichen Spiegel vor. Ausgehend von persönlichen Erlebnissen führt sie uns durch herrschende Denkmuster. Von der Kindheit bis in die Erwachsenenwelt wird auf diesem Wege deutlich, wie weit wir doch von Gleichberechtigung entfernt sind. Dabei ist ihre Botschaft deutlich: „Wir können untenrum erst frei sein, wenn wir es auch obenrum sind“.

Mein Eindruck vom Buch:

„Feminismus“ ein Begriff, dem immer wieder auch mit negativer Rhetorik begegnet wird. Zuschreibungen wie „Das ist aber mal anders als bei Alice Schwarzer“ sollten nach der Lektüre von Stokowskis Buch der Vergangenheit angehören, denn darum darf es gar nicht gehen. Es gibt nicht den EINEN Feminismus, sondern es geht allen, die sich darunter sammeln vor allem darum Respekt einzufordern. Es ist auch nicht förderlich, wenn man versucht sich diesem Begriff zu entziehen, wenn man für die Rechte von Frauen eintritt, auch dies macht Stokowski deutlich. Mich nimmt das Buch relativ schnell in Beschlag. Sachlich aber trotzdem knallhart zeigen mir die Texte auch schnell auf, wo ich mich an der ein oder anderen Stelle einzureihen habe und der Kritik nicht entgehen kann. Dabei ist der Stil so, dass ich mir die Autorin bei einem geselligen Abend mit gesellschaftlichen Themen bestens vorstellen kann. Kein Dozieren, sondern einfach Erläuterungen mitten aus dem Leben. Wer diese Beschreibungen als nicht zutreffend einordnet, der reflektiert nicht.

Ich habe ans Aufstehen und ans Liegenbleiben geglaubt, an die Ruhe und den Sturm, und ich weiß nicht, was noch kommt und woran ich in meinem Leben noch glauben werde, aber sicher niemals ans Schweigen.

Stokowski, Margarete: Untenrum frei, S.230 Rowohlt 17. Auflage 2021.

Mit diesen Worten schließt Stokowski ihr Buch und treffender kann man eine Haltung nicht ausdrücken. Ich finde es toll, wie sie erklärt, dass man das Wort „eigentlich“ in manchen Gesprächen einfach durch „wirklich“ ersetzen sollte, einfach um nicht jede Äußerung weiterhin beiläufig zu akzeptieren und deutlicher entgegenzutreten. Feminismus dies macht schon das Vorwort deutlich, sind keine hysterischen Frauen, Feminismus bedeutet in erster Linie, dass alle Menschen die gleichen Freiheiten und Rechte genießen sollten. Schon in der Kindheit werden bestimmte Rollenmuster verfestigt und dies ohne Not. Als Leser*In werde ich dafür nicht angeklagt, sondern werde gebeten einfach mal darüber nachzudenken, warum wir Kinder bestimmten Farben und bestimmter Kleidung zuordnen. Beim letzten Möbelkauf erinnerte mich die Verkäuferin an diese Rollenklischees, als sie mir „männliche Farben“ empfiehlt.

Tipps aus Frauen- und Männermagazinen sind für mich als Nicht-Leser fast nicht als ernsthaft einzustufen, aber sie sind nun mal so gemeint. Dabei werde ich als Mann nicht zum Schuldigen erklärt, sondern nur aufgefordert Verhaltensmuster zu hinterfragen. Ebenso gilt dies natürlich auch für Frauen, die eben auch ohne Nachdenken solchen Tipps folgen möchten. All unsere Lebensbereiche sind Themen der Essays, natürlich auch Beziehungen, Flirten und Sex. Gerade in diesen Bereichen zeigt sich doch an vielen Stellen immer noch, wie Frauen auch zu Objekten degradiert werden und dies tatsächlich häufiger als Männer. Es ist unglaublich erfrischend, dass die Autorin auch dafür plädiert darüber offener zu sprechen, ohne jegliches Schamgefühl verlieren zu müssen. Auch diesem Thema schadet Sachlichkeit nicht.

Das Buch zeigt warum sich bestimmte Rollen auch schwer lösen lassen, dass die Mutterschaft eine Rolle bei der Benachteiligung spielt, dass es durchaus eine Rolle spielt, wer in den Medien die Chefposition inne hat und noch viel mehr. Sie will nicht mit wissenschaftlichen Aspekten punkten. Sie geht von den kleinen Dingen des Alltags aus und weist in diesen auf vorhandene, teil starre Rollenbinder hin. Mit dem Wissen darüber, könnte man sicherlich einiges bewegen, aber dies erfordert die Bereitschaft des gegenseitigen Respekts. Dabei spielt auch Sprache eine Rolle – es geht nicht darum „Sprachpolizei“ zu spielen, aber warum sagen wir „Karrierefrau“ und nicht „Karrieremann“. Mit solchen Beispielen ist das Buch gespickt und deshalb trotz des ernsten Themas nachvollziehbar, direkt und unterhaltsam zugleich.

Wirklich lesen und nicht nur eigentlich

Mein Fazit nach dieser Lektüre ist auf jeden Fall, dass ich einige Punkte noch nie bedacht habe und nach diesen Essays WIRKLICH an mir arbeiten muss. Nie wird man mich deshalb als Feminist bezeichnen können, aber darum geht es nicht. Es geht genau um das, was Stokowski im eingangs erwähnten Essay festhält. Wir sollten uns alle für körperliche Selbstbestimmung einsetzen und nicht darauf verlassen, dass uns irgendjemand Nachhilfeunterricht gibt. Etwas mehr nachgedacht über das eigene Verhalten und sich auch mal auf neue Betrachtungsweisen einlassen und schon wird der Respekt zunehmen. Ob daraus dann auch wirkliche Gleichberechtigung folgt, das haben allein wir als Gesellschaft in den Händen. Die Lektüre ist auf jeden Fall für jeden äußerst zu empfehlen, selten habe ich so einen Lesegenuss bei einem Thema empfunden, dass ich meist in den Seminarräumen der Universität verortet habe.

Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧

Unbezahlte Werbung aus Liebe zum Buch

Margarete Stokowski:

Untenrum frei

Rowohlt

ISBN: 978-3-499-63186-3

Preis: 12,00€

Untenrum frei – Margarete Stokowski | Rowohlt

Gewinnspiel Thementage Digitalisierung

Hallo Ihr Lieben,

meine Themenwoche Digitalisierung möchte ich mit meinem zweiten Gewinnspiel enden lassen. Ich verlose ein Exemplar des Buches „DAVE“ von Raphaela Edelbauer, dessen Rezension meine Themenwoche beendet. Die österreichische Autorin präsentiert in diesem Buch viele Fragen, die sich aus den Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz ergeben. Deshalb freue ich mich, wenn dieses Buch eine/n weitere/n Leser/in findet. Hier nochmals der Link zu meiner Rezension: https://www.erzaehlwas.de/edelbauer-raphaela-dave-rezension/

Um am Gewinnspiel teilzunehmen habt Ihr gar nicht viel zu tun. Beantwortet einfach die folgende Frage: Machen Euch die Entwicklungen zur Künstlichen Intelligenz eher Sorgen, oder überwiegen aus Eurer Sicht die technischen Vorteile?

Antwortet entweder hier auf dem Blog zu diesem Beitrag (zu finden unter der Überschrift des Beitrages bei Comments) oder in den sozialen Medien bei Instagram oder Facebook.  Das Gewinnspiel steht in keinem Zusammenhang mit Instagram und Facebook.

Teilnehmen könnt ihr bis 12.05.2021 um 20:00h. Alle danach eingehenden Kommentare werden nicht mehr berücksichtigt. Jede/r Teilnehmer/in landet in einem Lostopf und der/die Gewinner/in wird am 13.05.2021 um 18h ausgelost. Der/Die Gewinner/in wird im Anschluss von mir benachrichtigt und hat 48 Stunden Zeit sich zurückzumelden.

Ich freue mich auf Eure Kommentare und wünsche allen viel Glück!

Bleibt gesund Euer Sascha und sein Pinguin

Teilnahmebedingungen

Teilnahmeberechtigt sind natürliche Personen, die ihren Wohnsitz in Deutschland, Österreich oder der Schweiz und das 18. Lebensjahr vollendet haben. Der Gewinn ist ein Exemplar des Buches DAVE von Raphaela Edelbauer. Dies kann im Zeitraum 30.04. bis 12.05.2021 gewonnen werden, wenn ein Kommentar unter diesem Blogbeitrag oder bei Facebook oder Instagram erfolgt ist. Die Teilnahme ist bis 12.05.2021 20:00h möglich. Alle danach eingehenden Kommentare werden nicht mehr berücksichtigt. Ausgelost wird am 13.05.2021. Der/Die Gewinner/in hat im Anschluss 48 Stunden Zeit sich bei mir zu melden, ansonsten wird ein neuer Gewinner ausgelost.

Der Gewinn wird per Brief versendet. Es besteht kein Anspruch auf den Gewinn und eine Barauszahlung ist nicht möglich. Die Versandkosten werden von mir übernommen. Damit der Gewinn versendet werden kann, ist die Angabe einer Anschrift durch den/die Gewinner/in nötig, welche mir per Mail mitgeteilt werden kann. Diese wird selbstverständlich nicht an Dritte weitergegeben und nur für dieses Gewinnspiel verwendet.

Ihr erklärt Euch bereit, im Falle des Gewinns, den Namen auf dem Blog bekannt zu geben. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Edelbauer, Raphaela: DAVE – Rezension

„Na ja, im Utopiefall: Unendliche Intelligenz und die Kapazität alle Probleme zu lösen, und er – warum übrigens überhaupt er? Was ich meine, ist: Haben wir uns eigentlich auf eine Problemstellung geeinigt?“

„Er kann eben alle Fragen beantworten, das ist der Punkt. Zweifelst du an künstlicher Intelligenz?“

Edelbauer, Raphaela: DAVE, S.15 Klett-Cotta 2021.

Sollen wir uns auf die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz freuen, oder doch eher die Risiken in den Vordergrund rücken? Schlauer bin ich nach meinen Lektüren zum Thema nicht geworden. In meinem letzten Beitrag zu meinen Thementagen zur „Digitalisierung“ geht es um Raphaela Edelbauers Roman „DAVE“. In ihrem Roman geht es um die Programmierung einer künstlichen Intelligenz, für die ein menschliches Vorbild gesucht wird. All diejenigen die im Komplex arbeiten, scheinen von den Fähigkeiten der Technik überzeugt. Doch der Programmierer Syz entdeckt totalitär wirkende Strukturen, die der Idee einer durch Technik besseren Gesellschaft entgegen stehen. Ich habe diesen Roman in einer Lovelybooks Leserunde gelesen und nicht nur mir fiel der Einstieg in das Buch schwer. Allerdings wenn man sich auf den Sprachduktus und die komplexen Fragestellungen, die aufgeworfen werden, einlässt fesselt einen das Buch. Gekonnt werden Gegensätze aufgezeigt und eröffnen so die Diskussionsfläche zu meiner eingangs gestellten Frage. Ein anspruchsvoller Roman, auf dessen Herausforderungen es sich aber lohnt einzulassen.

Um was geht es?

Bei der Programmierung der Künstlichen Intelligenz DAVE geht es darum ein passendes menschliches Vorbild zu finden, dessen Verhaltens- und Denkmuster als Grundlage dienen könnten. Die Wahl fällt auf den Programmierer Syz, dessen Zweifel am Programm jedoch zunehmen und der nachdenkliche Fragen aufwirft. Zudem bedroht seine Arbeit die eigenen Erinnerungen und damit auch die zwischenmenschlichen Beziehungen. Ist DAVE die neue Zukunft, oder muss dafür zu viel riskiert werden?

Mein Eindruck vom Buch

Ich habe mich sehr gefreut, als ich für die Lovelybooks Leserunde ausgewählt wurde. Raphaela Edelbauer hat sich schon in ihrem vorherigen Roman als Beobachterin unserer Gegenwart erwiesen und dabei Blicke in die Zukunft gewagt. Bei „DAVE“ ist dies nicht anders und ich fand es schön, dass ich mich bei diesem komplexen Buch mit anderen Leser*Innen austauschen konnte. mit auf eine Reise in die Welt der Programmierer. In einem Zukunftsszenario entwickeln die Überlebenden einer Katastrophe die „große Lösung“. DAVE heißt die titelgebende Künstliche Intelligenz, welche die Zukunft der Menschheit prägen soll. Zu Beginn deuten sich die Vorteile dieser Lösung an. Die Stärke rationalen Denkens könnte sich durchsetzen und menschengemachte Katastrophen verhindern. Sofort denkt der Roman jedoch auch die Problematik des ewig andauernden Lernprozesses mit und das die Künstliche Intelligenz auch mit Neuem umgehen lernen muss.

Was sie fürchten, würde ich nicht als Kontrolle bezeichnen, sondern als Rationalität, als Verbannung des Irrationalen aus unserem Leben. Eine Maschine handelt gemäß den Gesetzen der Logik, davon können wir vieles lernen – es könnte eine vollkommen egalitäre Gesellschaft entstehen, das ist eine geschichtlich einmalige Chance, oder nicht?

Edelbauer, Raphaela: DAVE, S.238 Klett-Cotta 2021.

Wie im Zitat entwirft der Roman einen Dialog über die Fähigkeiten der Künstlichen Intelligenz und damit verbundener Risiken. Der Programmierer Syz soll als menschliche Vorlage dienen und seine Emotionen werden in den Computer implementiert. Durch diesen technischen Prozess werden aber auch die Gegensätze zwischen Mensch und Technik offenbart. Syz ist eine Figur, die nach Erkenntnis strebt und die Autorin nutzt seinen Drang, um immer wieder verschiedenste Spuren in ihrem Roman zu legen.

Manch einen werden die technischen Sprachmittel abschrecken, jedoch haben wir es mit einem Personalgefüge aus Programmierern zu tun, für die diese Sprache bezeichnend ist. Die philosophischen Einspieler zeigen Botschaften der Vergangenheit, die nachwirken, aber durch die neu produzierte K.I. verdrängt werden würden. Ich finde gerade diese Gegensätze zeigt Edelbauer sehr gut. Etwas stärker hätte für mich der Part sein können, der deutlich macht, dass der Mensch sich durchaus auch durch seine Emotionen auszeichnet.

So bleiben auch manche Fragen offen, was den Roman jedoch nie seine Spannungsaspekte verlieren lässt. Es ist kein leicht zu lesender Unterhaltungsroman, sondern ein Buch, das einen zur Mitarbeit zwingt. Ich möchte dieses Buch trotzdem weiterempfehlen, denn sein Thema ist bedeutsam. Wir müssen uns den zukünftigen technischen Möglichkeiten und daraus entstehenden Fragen stellen und genau diese zeigt Edelbauer in diesem Roman auf.

Unbezahlte Werbung mit Rezensionsexemplar

Raphaela Edelbauer:

DAVE

Klett-Cotta

ISBN: 978-3-608-96473-8

Preis: 25,00€

Klett-Cotta :: DAVE – Raphaela Edelbauer

McEwan, Ian: Maschinen wie ich – Rezension

Was mochte es bedeuten, wenn er behauptete, er würde nachdenken? Ging er entlegenere Datenbanken durch? Logikgatter, die kurz aufschwangen und sich wieder schlossen? Präzedenzfälle heraussuchen, vergleichen, dann zurückweisen oder abspeichern? Ohne Bewusstsein wäre es eher Datenverarbeitung als Denken!

McEwan, Ian: Maschinen wie ich, S.223 Diogenes 2019.

In diesem Zitat drückt sich aus, wie die Figuren im Roman „Maschinen wie ich“ versuchen, dass Verhältnis zwischen Mensch und Maschine einzuordnen. Ian McEwan entführt uns ins Großbritannien der 80er Jahre, welches sich als vormoderne Vergangenheit präsentiert. Ein Paar befindet sich auf der Suche nach der gemeinsamen Familienplanung und diese wird durch einen männlichen Androiden beeinflusst. Letzterer entwickelt sich nicht nach erwartbaren Mustern und beginnt dem Paar Geheimnisse zu entlocken und Verhaltensweisen zu reflektieren. Dies wird alles pointiert durch die Hauptfigur Charlie erzählt. Leider werden im Roman auch historisch veränderte Fakten und Theorien eingewoben, deren textliche Anwesenheit sich mir nicht erschließt. Sofern sie wichtiger Teil des inhaltlichen Aufbaus sind, so ist dieser Ansatz für mich gescheitert. Ian McEwan ist ein interessanter Autor, den ich auch nach dieser Lektüre weiterentdecken möchte, auch wenn mich dieser Roman nicht überzeugen konnte.

Um was geht es?

Charlie ist der Erzähler des Romans und präsentiert sich uns als Lebenskünstler, der das Herz der jungen Studentin Miranda erobert. Die Beiden leben zusammen mit dem Androiden Adam. Letzterer mischt sich in ihre Liebesgeschichte und verweigert die Rolle als stiller Zuschauer. Er ist es, der Miranda ihr dunkles Geheimnis entlocken möchte und das Paar dabei auch in moralische Konflikte verwickelt. Fraglich bleibt, ob der Android beginnt Emotionen zu entwickeln und auch moralische Gefühle offenbart.

Mein Eindruck vom Buch

Ian McEwan ist ein vielbesprochener britischer Literat und zählt zu den bekannten Autoren, die es für mich noch zu entdecken gilt. Meine erste komplette Lektüre eines seiner Werke ist hier ein eher schwacher Beginn. Mir wird nicht klar, was sich hinter der Bauweise des Romans verbirgt. Offen ist, warum es veränderte politische Hintergründe eines Großbritanniens der 80er Jahre braucht, um eine Liebesgeschichte unter Begleitung eines Androiden zu erzählen. Es macht durchaus Sinn, dass Charlie in seinen Erzählstil auch Fakten einbaut und diese gleich einer Datensammlung aneinanderreiht. Auf diese Weise rückt er dem so denkenden Androiden nach, warum diese aber verändert werden ist schleierhaft. Die erzählte Handlung ist eine solide Liebesgeschichte, die von einem kriminellen Geheimnis belastet wird. Android Adam wird zu einem Handlungstreiber, der versucht Geheimnisse die nicht kommuniziert werden, zu lüften.

Die Vernetzung wird so weit gehen, dass die individuellen Knotenpunkte der Subjektivität sich auflösen in einem Ozean von Gedanken, wofür das Internet nur ein kruder Vorläufer ist. Und da wir in den Köpfen aller leben werden, wird jede Verstellung unmöglich. Unsere Erzählungen kreisen nicht länger um endlose Missverständnisse. Unsere Literaturen verlieren ihren ungesunden Nährboden. Der lapidare Haiku, die stille, klare Wahrnehmung und Feier der Dinge, wie wir sind, wird die einzige noch notwendige Form sein.

McEwan, Ian: Maschinen wie ich, S.203 Diogenes 2019.

In diesem Zitat drückt sich die nüchterne Betrachtung des Androiden zur Literatur und der menschlichen Entwicklung aus. Er glaubt an die Überlegenheit der Technik und das diese menschliche Missverständnisse ausmerzen wird. In einer Welt ohne emotionale Handlungsmuster bräuchte es dann auch keine Literatur, in der uns bekannten Form. Wollte Ian McEwan mit seinem Roman auch gegen diese Textpassage anschreiben, so hätte es mehr Tiefe in Figuren und Geschichte geben müssen. So präsentiert sich uns ein wenig komplexer Roman mit einer durchaus durchschaubaren Handlung, denn auch die Schilderung von Mirandas Geheimnis erfolgt nur oberflächlich.

Adam bringt die Liebesbeziehung durch einen sexuellen Akt mit Miranda durcheinander und beichtet ihr zudem noch seine Liebe. Diese Handlungsweise des Androiden bringt Charlie dazu ihn genauer zu beobachten und ihm den Liebesakt mit Miranda zu untersagen. Von nun an wird der Android mit seinen Wesensänderungen aufmerksam beobachtet. Es wird deutlich, dass es auch darum geht, wie ähnlich die Androiden den Menschen werden können. Äußerlich scheint dies problemlos zu gelingen, doch die Frage nach moralischen Gefühlen und Emotionen kann nicht abschließend geklärt werden, da auch unklar bleibt, ob die Rationalität diese erledigt.

Dies alles verhandelt der Roman mit wenigen Überraschungen und so liest man dieses Werk fast beiläufig. Somit fand ich keinen großen Wurf eines Spitzenautoren vor, sondern nur einen passabel zu lesenden Roman. Dies wird mich aber nicht davon abhalten diesen Autor weiter zu entdecken.

Werbung aus Liebe zum Buch

Ian McEwan:

Maschinen wie ich

Diogenes

ISBN: 978-3-257-24560-8

Preis: 14,00€

Diogenes Verlag – Maschinen wie ich

Dziuk, Artur: Das Ting – Rezension

Jede Software hat Fehler. Damals musste man sich mit ihnen aussöhnen, denn Updates gab es kaum. Heute muss man nicht mit Fehlern leben. Programme werden ständig verbessert. Deshalb sind sie nie fertig. Sie befinden sich immer im Test, immer in einer Beta-Phase. Genau das macht das „Ting“ aus uns.

Dziuk, Artur: Das Ting, S.275 dtv 2021.

Eine App, die uns Entscheidungen abnimmt, unsere Gesundheit optimiert und uns stetig zu Selbstverbesserung antreibt. Der Traum vom perfekten Menschen oder doch eher ein Alptraum? Mit dieser Idee eines Navigationssystems für unser Leben werden wir im Debütroman von Artur Dziuk konfrontiert. Beim Lesen sorgt so manche Passage für Gruseleffekte, wenn man realisiert wie tief die technische Hilfe das Leben der Protagonisten durchdringt. Die Geschichte wird aus der Perspektive eben jener Protagonisten erzählt und bringt uns unterschiedliche Charaktere näher. Jede der vier Hauptfiguren geht anders mit den Möglichkeiten der Technik um und so ergeben sich auch nachdenkliche Momente. Der Roman ist spannend zu lesen, bietet auch dramatische Beziehungsmomente und ist eine gelungene kluge Unterhaltungslektüre.

Um was geht es?

Vier junge Menschen aus der IT-Branche gründen gemeinsam ein Start-Up und entwickeln eine App- Diese App, „Ting“ genannt, sammelt körperbezogene Daten und leitet daraus Handlungsempfehlungen ab. Als Testfiguren fungieren die vier Gründer selbst und müssen ab diesem Zeitpunkt erkennen, was die App mit ihnen und ihrem Leben macht. Ist ihre Entwicklung anhand dieser Erfahrungen wirklich die Chance auf ein besseres Leben?

Mein Eindruck vom Buch

Dieses Buch hat mich schon in der Verlagsvorschau neugierig gemacht und auch das Cover finde ich sehr ansprechend. Somit war klar, dass dieses Buch eine meiner Lektüren werden würde. Mit Beginn des Lesens wird man in die Handlung hineingezogen und begleitet einen der Gründer durch ein Assessment Center. Schnell verbinden sich über diese Drucksituation auch die vier Protagonisten miteinander und sehen in ihrem gemeinsamen Wirken eine Chance. Dabei bringen sie unterschiedliche Erwartungen mit und ordnen auch die technischen Risiken different ein. Daraus nimmt die Handlung auch Antriebskräfte. Verstärkt wird dies durch die vier Erzählperspektiven, welche uns die jeweiligen Figuren näher bringen.

Die vier Hauptfiguren wollen den Erfolg ihrer App und verpflichten sich deshalb in ihrer Funktion als Testpersonen alle Empfehlungen des „Ting“ umzusetzen. Sie versuchen ihr Privatleben mit ihren beruflichen Zielen zu vereinbaren, müssen jedoch erkennen, dass es statt einer Vereinbarung mehr einer Verschränkung gleicht. Wir alle kennen Fitness-Apps aus unserem Alltag und müssen diese als Vorreiter, der im Roman präsentierten App betrachten.

Die Auffassung, dass das Glück des Menschen von gesellschaftlichen Strukturen abhängig ist, ist aus der Mode gekommen. Ich klinge pathetisch aber letztendlich bedeutet diese Ideologie die Entmündigung des politischen Subjekts und damit den Tod der Politik. Wieso für gesellschaftliche Veränderungen kämpfen, wenn man selbst der einzige Feind ist […]“

Dziuk, Artur: Das Ting, S.226 dtv 2021.

Diese Passage drückt aus, dass es bei der Akzeptanz des „Ting“ auch um die Akzeptanz einer Ideologie geht. Man muss Dinge aufgeben, wenn man sich diesem Weg stellt. Mit der Weiterentwicklung der App nimmt auch die Handlung an Tempo auf. Die Konflikte für die Protagonisten nehmen zu und es wird immer schwieriger zu entscheiden, ob das „Ting“ eine Empfehlung ausspricht, oder es sich um ein ureigenstes inneres Gefühl handelt. Man liest das Buch wirklich schnell durch, da man sich auf Figuren und Handlung schnell einlässt. Der Roman stellt die App mit ihren Auswirkungen dar und nimmt keine klare Stellung ein. Als Leser setzt man sich mit den Figuren und der App auseinander und kommt so zu eigenen Erkenntnissen. Der flüssige Schreibstil und die überraschenden Momente machen den Roman zu einem wunderschönen Leseereignis, das unterhält und spannend ist.

Werbung aus Liebe zum Buch

Artur Dziuk:

Das Ting

dtv

ISBN: 978-3-423-23025-4

Preis: 10,90€

Das Ting von Artur Dziuk | dtv