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Travnicek, Cornelia: Feenstaub – Rezension

Manchmal sagt man später „Alles ging so schnell, ich weiß gar nicht, wie das passiert ist“, obwohl man ganz genau weiß, was geschehen ist, weil man es mit eigenen Augen gesehen hat – es ist nur so, dass man sich weigert, daran zu glauben.

Travnicek, Cornelia: Feenstaub, S.36 Picus Verlag 2020

Mit diesem Zitat verbinde ich den Rahmen meines Nachdenkens über dieses wunderbare Buch. Cornelia Travnicek wandelt die, uns allen bekannte, Geschichte von Peter Pan ab. Dabei wird nicht mit Anspielungen auf das große Vorbild gespart. Der Fokus liegt jedoch auf der Zerrissenheit der Situation dreier Straßenjungen, die wie Peter Pan nicht erwachsen werden sollen. Sie verweigern sich somit dem natürlichen Vorgang des Heranwachsens. Travnicek gelingt das Kunststück den berühmten Vorgänger in einen zeitgenössischen Kontext einzuordnen, ohne dem Vorbild Schaden zuzufügen.

Um was geht es?

Drei junge Straßendiebe wohnen auf einer von Nebel umhüllten Insel, fernab der städtischen Gesellschaft, in die sie nur in ihrer Rolle als stehlender Täter eindringen. Sie sind aus uns unbekannten Heimatländern geflohen und in die Fänge des Menschenhändlers Krakadzil geraten. Für diesen müssen sie stehlen und erhalten als Lohn einen äußerst geringen Beuteanteil. Reicht die Beute dem Peiniger nicht, so werden sie mit Gewalt bestraft. Ihnen ist verboten erwachsen zu werden. Sie sollen klein und wendig und natürlich auch strafunmündig bleiben. Um dieses Leben auszuhalten greifen die Jungen auf eine Droge zurück, der sie den Namen Feenstaub geben. Der Erzähler Petru scheint eines Tages eine Chance auf einen Ausweg zu erhalten. Er lernt das Mädchen Marja kennen und deren Familie deutet an ihn mühelos integrieren zu können. Doch können die Leerstellen der eigenen Familiengeschichte so schnell gefüllt werden und gibt es für Jungen wie ihn überhaupt einen Ausweg?

Mein Eindruck vom Buch

Der Roman schafft es spielend leicht seinen Fokus einzustellen und zwar auf die Frage ob die drei Jungen überhaupt erwachsen werden sollten. Wir blicken auf Kinder, die nicht Teil unserer eigenen Erfahrungen sind, die in Kriminalität gezwungen werden. Für sie bedeutet dies Sicherheit und ein Herauswachsen aus dieser Situation wäre mit großer Unsicherheit verbunden. Wohin sollen Jungen streben, die doch für den Rest unsichtbar sind, die  von niemandem vermisst werden?

Während der Feenstaub bei Peter Pan dazu dient, dass man fliegen kann, wird er hier in eine Droge umgedeutet, welche ein Leben ertragbar machen sollen. Dies ist ein passendes Beispiel dafür, wie Travnicek den Ausgangsstoff verarbeitet. Sie interessiert sich für das Dunkle, Unbekannte und stellt die Zerrissenheit ewiger Kindheit aus. Statt nach Nimmerland entführt uns dieser Roman ins Niemandsland. Die Jungen leben auf einer Insel inmitten unter uns, werden aber nicht wahrgenommen. Wir wissen um sie aus Berichten, haben sie vielleicht auch schon mit eigenen Augen gesehen, schieben diese Eindrücke aber weg aus unserem Wahrnehmungsfeld. Dies alles ist in eine magisch poetische Sprache verpackt, die auf den Widerspruch lyrischer Sprachmomente und der harten erlebten Realität der Straßenkinder setzt. Platz für diese Wirkung und den Raum zum Nachdenken signalisiert auch die Gestaltung des Romans. Jede Seite fasst nur so viel Wörter, wie für die Entfaltung der sprachlichen Kraft benötigt werden. Der weiße Raum der Seiten fordert uns auf sich dem Gelesenen zu stellen.

Mit dem Kennenlernen des Mädchen Marja scheint sich für einen der Jungen ein Hoffnungsschimmer zu ergeben. Es wirkt mühelos, wie die Familie des Mädchens den jungen Erzähler Petru in das eigene Familienbild integriert. Aber reicht eine Andeutung von Normalität um die Leerstellen der eigenen Familiengeschichte zu füllen? Marja wird real greifbar und lässt ihn die Welt der erträumten Meerjungfrauen verlassen. Sie wird für ihn zu einem Menschen, dem er Zuneigung entgegen bringen kann. Weil mich dies so berührt, habe ich passend zum Buch auch ein Meerjungfrauenlesezeichen gebastelt. Diese Geschichte eines Heranwachsenden berührt mich, weil sie Schmerz und Hoffnung ineinander verwebt, Märchenmotive immer wieder die Aussicht auf Glück aufkeimen lassen. Mit den kurzen hoch poetischen Sätzen entstand bei mir ein Lesesog, der mich den Roman in einem Stück beenden ließ. Cornelia Travnicek beweist die Aktualität des Märchens, die auch die zeitgenössische reale Welt erschließbar macht. Es war sicherlich nicht der letzte Roman dieser Autorin, der den Weg in mein Bücherregal gefunden hat.

Cornelia Travnicek:

Feenstaub

Picus Verlag

ISBN: 978-3-7117-2090-0

Preis: 22,00€