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Ishiguro, Kazuo: Klara und die Sonne – Rezension

Die Mutter musterte mich einen Moment lang. Dann sagte sie: „Das muss großartig sein. Nichts zu vermissen. Sich nicht nach etwas zu zurückzusehnen. Nicht ständig zurückzuschauen. Dann ist alles o viel …“.

Ishiguro, Kazuo: Klara und die Sonne, S.108 Blessing 2021.

In seinem neuesten Roman zeigt sich Literaturnobelpreisträger Kazuo Ishiguro wieder als präziser Beobachter unserer Gegenwart. Eine künstliche Freundin begleitet in diesem das Teenagermädchen Josie durch ihren Alltag und beugt damit auch möglichen Gefühlen der Einsamkeit vor. Es geht um Ängste und menschliches Zusammenleben und dies wird aus der Perspektive der künstlichen Intelligenz erzählt. Durch diesen distanzierenden Blick spüren wir mit der technischen Freundin menschlichen Emotionen nach. Josie scheint schwer erkrankt und so hat der Roman auch dramatische Elemente, da die Künstliche Intelligenz versucht sie zu retten. Intensiv werden Ängste von Verlust und Einsamkeit beleuchtet und zeigen die Möglichkeiten künstlicher Intelligenz auf Abhilfe zu schaffen. Der nüchterne Erzählstil hat mir aufgrund dieser Hintergründe gut gefallen und die Geschichte bietet viele interessante Aspekte, die in Kombination spannende Unterhaltung bieten.

Um was geht es?

Die künstliche Intelligenz Klara ist als Gefährtin für Jugendliche entwickelt und hofft auf eine Familie, die ihr eine Heimat bieten wird. Als sich Josie mit ihrer Mutter für sie entscheidet, glaubt sie sich am Ziel. Jedoch muss sie relativ schnell erkennen, dass es schwierig ist das menschliche Wesen zu ergründen. Josie scheint schwer erkrankt und der Umgang der Familie damit zeigt das im menschlichen Verhalten auch Enttäuschungen lauern.

Mein Eindruck vom Buch

Kazuo Ishiguro wagt in seinem neuen Roman einen Blick auf mögliche Zukunftsperspektiven und behandelt sogleich ein wichtiges Thema unserer Zeit: Einsamkeit. Jeder weiß um die psychischen Probleme, die Einsamkeit hervorruft. In Großbritannien beschäftigt sich sogar ein Ministerium damit. Die Erzählperspektive des Romans bietet die Möglichkeit von außen auf menschliches Verhalten zu blicken. Wie die künstliche Intelligenz Klara spüren wir menschlichen Emotionen nach. Ich störe mich überhaupt nicht am kindlich wirkenden Tonfall von Klara, sondern halte genau diese Perspektive für einen Kunstgriff. Klara lernt zwar über ihre programmierten Algorithmen stetig dazu und doch kann sie nie alles sogleich komplett reflektieren.

Die Mutter wittert in der lernwilligen Künstlichen Freundin die Chance, dass diese ihr vielleicht auch die Tochter ersetzen könnte, falls diese sterben würde. Auch hier würde Klara eine Ersatzfunktion erhalten und Einsamkeit vorbeugen. Die Jugendlichen in dieser Zukunftswelt leiden unter stetigem Optimierungsdruck und werden ebenfalls künstlich optimiert. Nicht-optimierte Freunde stellen Risiken dar, weshalb die technischen Begleiter eine noch wichtigere Funktion haben.

Glaubst du an das menschliche Herz? Ich meine natürlich nicht einfach das Organ, sondern spreche im poetischen Sinn. Das Herz des Menschen. Glaubst du, dass es so etwas gibt? Etwas, das jedes Individuum besonders und einmalig macht? Aber nehmen wir einfach mal an, dass es so ist. Meinst du dann nicht, dass du nicht nur ihre Eigenheiten erfassen müsstest, sondern ihr tiefstes Inneres, um Josie wirklich zu lernen. Müsstest du nicht lernen, was ihr Herz ist?

Ishiguro, Kazuo: Klara und die Sonne, S.251 Blessing 2021.

Dieses Zitat zeigt auf, wie sich das Verhalten von Klara gegenüber menschlichem Verhalten spiegelt. In der Mutter sind Zweifel vorhanden, ob ihre Ersatzgedanken richtig sind, ob es überhaupt möglich ist. Für Klara gibt es hierzu keine richtige Einschätzungsmöglichkeit. Es geht also auch um die Differenz von Technik und Menschen. Ishiguro markiert den alten Traum mit Maschinen Menschen zu ersetzen, ohne dass dies den Roman überlagert oder überdramatisiert. Vielmehr zeigt sich zwischen Mensch und Technik eine funktionelle Wechselbeziehung.

Handlungstreiber ist auch die mysteriöse Krankheit, welche Josie befallen hat und Klara möchte ihr als Gefährtin mit ihren Möglichkeiten und ihrem Wissen helfen. Die Kombination dieser Krankengeschichte mit klugem Zukunftsroman bietet spannende Unterhaltung. Aus meiner Sicht ist Ishiguro ein wunderbar zu lesender Roman gelungen.

Werbung aus Liebe zum Buch

Kazuo Ishiguro:

Klara und die Sonne

Blessing

ISBN: 9783896676931

Preis: 24,00€

Kazuo Ishiguro: Klara und die Sonne (Buch) – bei Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH