Wenzel, Olivia: 1000 Serpentinen Angst – Rezension

„1000 Serpentinen Angst“ beeindruckt mit sprachlicher Klarheit und einer ergreifenden Darstellung von Alltagsrassismus. Konsequent komponiert ist der inszenierte Dialog der Protagonistin ein gelungener Tanz um die eigene Identität. Für mich ist dieser Roman eines der Jahreshighlights 2020!

Artikelserie „Erregungswelle“

Zorn, Wut, teils auch Beleidigungen sind heutzutage zu beobachtende Auswirkungen in gesellschaftlichen Debatten. Getrieben von Ungerechtigkeit oder Zurückweisungen eröffnet sich eine Empörungsspirale, welche die Debatte zu Problemen jedoch eher behindert, statt diese zu fördern. Zudem greifen rechts-gerichtete politische Parteien diese Grundstimmung gerne auf und beginnen Fakten gegen Meinungsmache auszuspielen. Die gefühlte gesellschaftliche „Erregungswelle“ spielt auch in Büchern eine wichtige Rolle. „Blacklivesmatter“ ist aktuell immer noch in aller Munde und es schockiert mich wie weit weg wir von einer gleichberechtigten Gesellschaft sind. In der Deutschen Literatur taucht das Thema immer wieder auf und doch habe ich noch immer nicht den richtig guten Ansatz gelesen. Mit „1000 Serpentinen Angst“ habe ich einen neuen Versuch gewagt, denn Olivia Wenzel wäre mit ihrem Debütroman auch Teil des Programms von „literaturm“ gewesen. Die Lektüre des Romans hat mich auf jeden Fall positiv umgehauen.

Um was geht es?

Eine schwarze, ostdeutsche und bisexuelle Frau erzählt aus ihrem Leben, wobei sie dieses vor allem auch versucht zu reflektieren. In einem inneren Dialog versucht sie ihre gesellschaftliche Rolle in einer von weißer Hautfarbe geprägten Gesellschaft zu definieren.

Mein Eindruck der Reihe

Schon die Erzählkonstellation kommt ungewöhnlich daher und doch kommen nie Zweifel auf, dass dies genau so erzählt werden muss. Die Hauptfigur stellt sich Fragen zu ihrem eigenen Leben und imaginiert daraus einen Dialog. Das Gegenüber versucht als ordnendes Element zu fungieren und nachzuhaken, wenn Aussagen unklar bleiben. Trotzdem gelingt es nie abschließende Antworten zu geben. Prägendes Element des Dialogs ist eine innere Wut, welche die Erzählerin antreibt. Diese resultiert aus Alltagsdiskriminierungen, die immer wieder dazu führen, dass sie aus der Mitte der Gesellschaft heraus gedrängt wird. Dabei sind es nicht die Emotionen, welche die Schilderungen vorprägen, sondern es ist die Rationalität der Schilderungen, die diesen einen großen Wert verleiht. Entgegengesetzt sind die Schilderungen von privaten Beziehungen, hier sind die Emotionen Hindernis für objektive Betrachtung.

Gegen Ende des Romans wechseln die Rollen im Dialog, nun versucht die innere Stimme Antworten auf Fragen der Erzählerin zu geben. Aber auch diese Wendung kann keine abschließenden Antworten auf die Identitätssuche geben. Die gefundene Erzählkonstruktion passt zur Dynamik von Selbstbetrachtungen und zudem wird die Bedeutung von Freunden und Familie deutlich.

Die Dialoge sind tiefsinnig und enthalten Sätze, die man am liebsten ausschneiden möchte. Olivia Wenzel gelingt eine beeindruckende Darstellung von Alltagsrassismus. Die Einfachheit bestimmter Aussagen lässt einen entsetzt zurück und zwar darüber, dass einfach anmutende Lösungen nicht umgesetzt werden. Der Titel ist das treffende Sprachbild, um die Funktion und die Themen des Dialogs zu beschreiben. Schlussendlich sind es eben jene Serpentinen der Angst, welche die Hauptfigur bremsen. Die Struktur des Romans geht bei mir komplett auf.

Olivia Wenzel:

1000 Serpentinen Angst

S. Fischer Verlag

ISBN: 978-3-10-397406-5

Preis: 21,00€

Coverabbildung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags

https://www.fischerverlage.de/buch/olivia-wenzel-1000-serpentinen-angst-9783103974065