Becker, Esther: Wie die Gorillas – Rezension

Gesuchte Richtung Erwachsensein

Nachdem ich mit einem Sachbuch-Input in mein neuestes Leseprojekt gestartet bin, standen im Anschluss Romane auf dem Programm. Einen Tipp habe ich Bookstagram entnommen. Esther Becker ist Dramatikerin, Performerin und nun mit ihrem Debütroman im Verbrecher Verlag auch Schriftstellerin. In ihrem Roman „Wie die Gorillas“ begleiten wir drei Freundinnen auf ihrem Weg in die Welt der Erwachsenen. Dabei erleben sie auf unterschiedliche Art und Weise, welcher Druck auf jungen Menschen, aber vor allem insbesondere Frauen lastet. Wie in einer Art Collage verdichten sich die verschiedenen Erfahrungen zu einem Gesamtbild der Barrieren, welche sich jungen Frauen in den Weg stellen.

Mein Eindruck vom Buch:

Der Debütroman von Esther Becker zeigt auf etwas mehr als 150 Seiten so viele unterschiedliche Situationen, in denen die gesellschaftliche Macht von Männern und die oftmals reduzierte Rolle von Frauen zeigen. Die Stärke des Romans ist dabei mit welcher sprachlichen Leichtigkeit wir durch diese Erlebnisse geführt werden. Becker gelingt es die Szenen so darzustellen, dass sie einem direkt deutlich machen, welche Probleme die drei Protagonistinnen erleiden ohne das die Figuren in Schockstarre verfallen. Für mich ist dieses Buch das Beispiel für einen gelungenen Collagenroman. Becker sammelt Erlebnisse unter dem thematischen Aspekt des Heranwachsens junger Frauen. Schnell wird deutlich, wie diese von ihrem gesellschaftlichen Umfeld eingeschränkt werden. Die Überwachung durch die Eltern, Blicke und Erwartungen von Männern bremsen sie immer wieder aus und stellen sie vor Entscheidungen.

Schnitt, sage ich

Becker, Esther: Wie die Gorillas, S.254 Verbrecher Verlag 1. Auflage 2021.

Dieser letzte Satz passt zur Stilistik des Romans. Mit rasantem Tempo, einer Kamerafahrt gleich, durchfahren wir das Leben der namenlosen Erzählerin, sowie ihrer Freundinnen Olga und Svenja. Kurze Dialoge stärken die Lebendigkeit, stützen aber auch das angeschlagene, jedoch absolut passende Erzähltempo. Die Erlebnisse berichten von den Problemen des Sportunterrichts, der schwierigen Wahl des passenden Studiums, den Avancen von Männern und die Schwierigkeit sich gegen Rollenbilder durchzusetzen. Die drei jungen Frauen sind in ihrem Umgang mit den Hindernissen durchaus unterschiedlich. Während die namenlose Ich-Erzählerin immer wieder an den eigenen Wegen zu scheitern scheint, berichtet sie doch mit einer nüchternen, aber reflektierten Art, von den Erlebnissen ihrer Freundinnen. Olga scheint schon früh zu erkennen, dass sie aus der elterlichen Obhut ausbrechen will und Svenja möchte unbedingt Schauspielerin werden. Der Roman reflektiert die vorherrschenden Rollenbilder, zeigt aber auch, wie sehr den jungen Frauen auf ihrem Weg eine freie Entscheidung nicht zusteht, da sich sonst andere Wege nicht offenbaren würden.

Frauenbiografien, die sich als Puzzle zusammensetzen

Trotz dieser Themen verliert der Roman an keiner Stelle Witz oder seine emotionale Wirkung. Die Ungeheuerlichkeiten des Alltags verlieren nie ihren bedrohlichen Charakter und einem Puzzle gleich, setzen sich die Teile zu Biografien zusammen. Wie Gorillas hinter einem Käfig fühlen sich die Protagonistinnen und für den Vater der Erzählerin stellt sich eine bedrohliche Frage: Was passiert, wenn aus seinem Mädchen eine Frau wird. In dieser Frage zeigt sich auch eine Angst des Vaters, die sich durchaus den Bedrohungen für junge Frauen bewusst ist, ohne darauf jedoch angemessen zu reagieren.

Außerdem macht der Roman deutlich, dass es auch um körperliche Selbstbestimmung, Körperpflege oder den Frauenkörper als Objekt auf der Theaterbühne geht. All dies wird in diesem schmalen Buch zur Entfaltung gebracht. Die tolle Beobachtungsgabe der Autorin lässt sie treffende Sprachbilder schaffen, die mit wenigen Worten eine mich packende Wucht entwickeln. Der Roman wächst über die verschiedenen Schilderungen heran und baut sich konsequent bis zum Ende wie ein Filmquerschnitt durch eine Frauenbiographie auf.

Mein Fazit nach diesem Roman ist, dass ich schöne Lesemomente mit diesem Werk hatte und den drei Protagonistinnen durchaus noch weiteren Seiten gefolgt wäre. Der Roman widmet sich nicht nur dem Lebensweg junger Frauen, sondern reflektiert allgemein das Erwachsenenwerden. Motiviert durch die Botschaft, den eigenen Weg selbst bestimmen zu können, erkennt man schnell, dass dies die gesellschaftlichen Konventionen nicht immer zulassen. Durch die collagenartige Komposition erhält der Roman Tempo, ohne dabei den roten Faden zu verlieren und sorgt auf diesem Wege für eine unterhaltsame und beeindruckende Lektüre.

Wertung: 🐧🐧🐧🐧

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Esther Becker:

Wie die Gorillas

Verbrecher Verlag

ISBN: 9783957324702

Preis: 19,00€

Verbrecher Verlag – gute Bücher