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Winkler, Philipp: Carnival – Rezension

Entführung in eine andere Kultur

„HOOL“ hatte mich förmlich umgehauen, mit seiner brachialen Sprache und wie Philipp Winkler mit seinem Sujet umgeht hat mich wirklich beeindruckt. Ganz einfach, weil man solche Texte in deutscher Sprache vielleicht sonst nur von Clemens Meyer kennt. Beim neueren Werk „Carnival“ ist dies nicht in gleichem Maße geschehen. Live erleben konnte ich Winkler inmitten der Corona-Pandemie beim Literaturfestival Stromern in Frankfurt. Hier wurde auch erläutert, aus welchem Anlass das Werk zustande kam. Der Aufbau Verlag feierte sein 75-jähriges Jubiläum und Winkler war einer der Autoren, der zu diesem Anlass um einen erzählerischen Text gebeten wurde.

Winkler versteht seinen Text selbst als eine Art Nachruf auf die Jahrmarktkultur, die uns in der Form vergangener Jahrzehnte heute schon fremd erscheinen. Und so entführt uns der Autor in die nicht mehr ganz so funkelnde Kirmeswelt.

Um was geht es ?

Philipp Winkler präsentiert uns eine eingeschworene „Kirmes-Gruppe“ und alle Facetten ihres Zusammenlebens, so wird eine Hochzeit und auch ein Todesfall geschildert. Grundsätzlich reflektiert der Roman dabei auch, dass es sich um eine bedrohte, ausgegrenzte Welt handelt, die ihren öffentlichen Raum in unserer Gesellschaft aufgrund ausbleibender Besucher*Innen immer schwieriger behaupten kann.

Mein Eindruck vom Buch

In verschiedenen Rezensionen wurde immer wieder negativ bemerkt, dass wir vermehrt klischeehafte Personen präsentiert bekommen. Ich bin ehrlich, dies stößt mir nicht auf. Grundsätzlich glaube ich, dass ich gar nicht in der Lage bin zu beurteilen, was an diesen Personen vielleicht nur Klischees betrifft, oder wo ich Figurentiefe erfassen kann. Letzteres ist zudem nicht der Ansatz dieses kurzen Erzählwerkes. Star der Geschichte ist definitiv die sprachliche Umsetzung und die Vielfalt der dargestellten Figuren. Mit Vielfalt meine ich in diesem Zusammenhang, dass man die Welt der „Grobiane“, als auch jene der Frauen kennenlernt, die sich innerhalb dieser fahrenden Gruppe um ihre Familie kümmern. Winkler versucht diese Welt nicht zu verklären, kann aber eine Romantisierung nicht gänzlich vermeiden. Mich fasziniert die dargestellte Welt vor allem, weil sie mir so fremd erscheint. Natürlich besucht man Jahrmärkte, betrachtet die dort arbeitenden Menschen aber einzig und allein in ihrer Funktion als Dienstleister. Erst die Corona-Pandemie hat mir gezeigt, dass auch diese Veranstaltungen etwas sind, dass fehlt. Winkler benötigt keine Handlung, er stellt dar, beleuchtet Absurdes und verleiht dem Ganzen durchaus eine magische Referenz, gleich den dargebotenen Kunststücken. Genutzt wird dabei eine ganz besondere Sprache, die Winkler „Kzirms“ nennt und die beim Lesen durchaus anstrengend wirken kann. Doch wie sonst, soll eine Welt beschrieben werden, die mit normalen Begrifflichkeiten noch mehr ausgegrenzt würde. Die Schilderungen der Hochzeit, sowie der Beerdigung haben mich tatsächlich aufgrund der dargestellten Tradition in ihren Bann gezogen. Es ist schon berührend wie Menschen, die sich teilweise auch auf der Flucht vor dem Gesetz befinden, sich in dieser aus der Gesellschaft ausgegrenzten Gruppe wieder einfinden möchten. Auch wenn natürlich genau in diesen Momenten die romantische Darstellung die Überhand gewinnt.

Ob es wirklich so ist, dass die heutigen Unterhaltungstechniken uns alle so sehr in Beschlag nehmen, dass wir deshalb immer weniger Jahrmärkte besuchen, will ich nicht beurteilen. Aber ich werde direkt angesprochen, als jemand der durch Abwesenheit die dargestellte Welt bedroht und diesen Kniff finde ich gelungen. Denn so bin ich gezwungen, darüber nachzudenken und schon lasse ich mich als Außenstehender in die dargestellte Welt hineinziehen.

Zusammenfassend kann ich diesen schmalen Band allen empfehlen, die gerne in eine fremd wirkende Welt eintauchen möchten und auch ihren Spaß am Absurden haben. Wer meine Rezensionen verfolgt weiß, dass ich definitiv zu diesem Leserkreis gehöre. Trotzdem gibt es von mir für dieses Buch keine ganz hohe Wertung, denn dafür fehlen mir einfach die besonderen Momente.

Wertung: 🐧🐧🐧🐧

Unbezahlte Werbung aus Liebe zum Buch

Philipp Winkler:

Carnival

Aufbau Verlag

ISBN: 978-3-351-03828-1

Preis: 14,00€

Carnival (aufbauverlag.de)

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Winkler, Philipp: HOOL – Rezension

Ausgrenzungen mit Gewaltfantasien

Was für ein Debütroman, dass muss man ehrlich sagen, wenn man diese Geschichte über den Hooligan Heiko gelesen hat. Philipp Winkler hat mit seinem Erstling zurecht den Aspekte Literaturpreis gewonnen. Meine Begeisterung hat auch nichts damit zu tun, dass ich Fußballfan bin. Denn wer glaubt, es geht in diesem Buch um das runde Leder, ist an der falschen Adresse. Es geht gezielt um Hooligans und dies sind Personen, die bei öffentlichen Veranstaltungen durch Randale und gezielte gewaltbereite Übergriffe auffallen. Oft davon gehört und doch nie ernsthaft damit auseinandergesetzt, begegne ich dem Roman deshalb zunächst auch abweisend. Will ich wirklich von einer Welt lesen, die durch Gewalt geprägt ist? Doch der Roman versucht nicht zu bewerten, sondern auszustellen und in dieser Art der Darstellung liegt dann auch das Können des Autors.

Um was geht es ?

Heiko bewegt sich inmitten einer Hooligan-Gruppe und hat somit zum Hobby, dass man sich zum Prügeln verabredet. Man vereinbart Treffen und einem Wettkampf gleich wird sich miteinander gemessen. In verschiedenen Strängen bekommen wir dann noch seine Familiengeschichte erzählt.

Mein Eindruck vom Buch

Also sicherlich ist dies kein Roman für jedermann, zu hart und brutal erscheint die dargestellte Welt, die sich an einigen Stellen auch jeglicher Nachvollziehbarkeit entzieht. Mich hat dieses Buch aufgewühlt, aber auch gebannt. Hauptfigur Heiko ist aus der Zeit gefallen, nicht aus unserer, sondern der Zeit seiner Freunde. Während jeder sich um ihn weiterentwickelte, bleibt er in einer Gruppe verhaftet, die ihm Halt zu bieten scheint. Die gebrochene Familiengeschichte hat ihn schnell zum Außenseiter werden lassen. Zugehörigkeit entsteht durch die Identifikation mit seinem Fußballverein Hannover 96, der schlussendlich jedoch nur Vehikel dafür ist, sich mit einer Gruppe gegen andere zu behaupten, unabhängig von sportlichen Resultaten des Vereins. Man findet diese Figur nie sympathisch, aber man versucht sie zu ergründen und möchte sie nicht so einfach aufgeben. Nicht vielen Romanen gelingt es, bei mir einen solchen Eindruck zu hinterlassen. Die ungezügelte Brutalität bei den Prügeleien schreckt durchaus ab, auch wenn es einen ungeschriebenen Codex zu geben scheint. Referenzen an „Fight Club“ werden deutlich und doch ist dies nochmals eine ganz besondere andere Welt. Das Absurde und Abstoßende wird von Winkler durch den Roman getragen, bis zu einem Tiger der in einer Grube gehalten wird. Denn Heiko hat auch noch Kontakt zu Armin, der illegale Tierwettkämpfe organisiert. Dies alles begeistert mich in der Darstellung und ich kann mich an diesen Eigenartigkeiten erfreuen. Die Verknüpfung der unterschiedlichen Zeitebenen gelingt Winkler spielend und so stört nichts und man folgt dem Erzählten. Man möchte diesem sonderbaren Leben einfach gerne länger folgen.

Die Sprache zeigt sich als den Figuren angemessen und erweitert die Figuren in ihrer Tiefe, ein Talent, dass nicht allen Autoren gegeben ist. Winkler zögert nicht die hohe Sprache zu verweigern und sich auf seine Figuren einzulassen. Auch wenn Heiko an allem zweifelt, sind es die Worte der Figur und nicht jene des beobachtenden Autors. An diesen Stellen entsteht fast Zuneigung, die jedoch ganz schnell wieder eingerissen wird. Und so hält der Roman die Waage zwischen Verstehen und Entsetzen über das Geschilderte. Die kurze, aber doch deutliche Sprache gibt dem Roman zudem an den richtigen Stellen das gewisse Erzähltempo.

Zusammenfassend kann ich dieses Buch allen empfehlen, die gerne den etwas härteren Tonfall in der Literatur mögen und sich für Außenseitergeschichten interessieren. Dieser Roman fesselt einen auf eine ganz besondere Art und Weise und es ist ein wunderbares Debüt.

Wertung: 🐧🐧🐧🐧

Unbezahlte Werbung aus Liebe zum Buch

Philipp Winkler:

Hool

Aufbau Verlag

ISBN: 978-3-7466-3395-4

Preis: 12,00€

Hool (aufbau-verlag.de)