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Winkler, Philipp: Creep – Rezension

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In den vergangenen Wochen war es äußerst ruhig auf diesem Blog und dies hatte vor allem damit zu tun, dass ich mich mal wieder mit dem Blog beschäftigt habe. Vor allem habe ich mich mit der Art auseinandergesetzt, wie wir in Deutschland kulturelle und politische Debatten führen. Dies wird sich auch auf meinem Blog auswirken, doch zunächst möchte ich noch die Posts nachholen, welche ich Euch bezüglich Literaturm schuldig geblieben bin.

Beginnen wir heute mit Philipp Winkler und seinem neuesten Roman „Creep“ erschienen im Aufbau Verlag. Hierzu möchte ich voranstellen, dass ich bisher alle Werke Winklers gelesen habe und seine Art des Schreibens schätze, gerade weil er mir immer wieder Personenkreise nahe bringt, die ich sonst nie kennenlernen würde. Auch in seinem neuesten Roman hat er sich bei den Protagonisten wieder dafür entschieden Menschen zu nehmen, die wir eher am Rande unserer Gesellschaft einordnen würden.

Um was geht es ?

In diesem Roman werden uns Fanni und Junya als Protagonist*Innen vorgestellt, die beide den größten Teil ihrer Lebenszeit im Web und hier im Darknet verbringen. Fanni arbeitet für eine Firme, die auf dem Marktbereich der Überwachungstechnologie tätig ist. Ihre Aufgabe besteht darin Überwachungsvideos zu überprüfen. Das stetige Videoschauen sorgt dafür, dass sie Bindungen zu den Szenerien aufbaut, wie es beispielhaft an einer Familie aufgezeigt wird. Außerhalb ihrer Tätigkeit sehnt sie sich nicht nach sozialen Kontakten, sondern meidet diese sogar. Junya hat sein Zimmer seit 20 Jahren nicht verlassen, seine Verpflegung wird von seiner schwerkranken Mutter geleistet. Er selbst ist total traumatisiert von Mobbingerlebnissen aus seiner Schulzeit. Das stetige Verbleiben in Web und Darknet sorgt auch dafür, dass Junya und Fanni abstumpfen, moralisch und sozial betrachtet.

Während die Naumanns den Esstisch für das Frühstück decken, schiebt Fanni die Tastatur bis auf den Standfuß ihres Primärmonitors, um Platz für die Rationsbeutel zu schaffen.

Winkler, Philipp: Creep, 2022, Aufbau Verlag, S.7.

In diesem ersten Satz ist das Verhältnis von Fanni und Familie Neumann sogleich Thema. Sie blickt auf das Innerste der Familie und zugleich verspüren wir in diesem beobachtenden Blick eine Authentizität, größer als in der realen Welt von Fanni, da sie so abgekoppelt lebt. Winkler spielt in seinem neuesten Roman mit solchen Gegensätzen und ihm gelingt es, dass die Figuren, die am Rande der Gesellschaft zu stehen scheinen, unmittelbar in den Fokus rücken. Allerdings erwartet Winkler in all seinen Büchern, dass man sich auf seine Kunstgriffe einlässt und nicht anders ist es auch bei Creep. Winkler integriert neben IT-Sprache auch Elemente der japanischen Kultur und prägt damit die Rollen von Fanni und Junya. Ästhetisch ist dies gelungen, für die Lesenden ist es allerdings eine Herausforderung. Der Eindruck, dass die Protagonist*Innen sich nicht mehr im realen Leben bewegen, sondern sich auf die digitale Welt fokussieren und somit auch eine gewisse gesellschaftliche Entfremdung stattfindet, wird ebenfalls mit diesen ästhetischen Mitteln gestützt. Innerhalb der Bewegungen im Darknet brechen die Figuren in das Leben anderer Menschen ein, Fanni auf dem Wege der Beobachtung von Überwachungsvideos. Dies gleicht einem Einbruch in der realen Welt, auch wenn dies schwerer zu greifen ist. In ihrer Fokussierung auf das Familienleben der Neumanns drückt sich in Fanni zudem noch eine Sehnsucht nach einem anderen Leben aus. Allerdings führt dies nicht dazu, dass sich in ihrem Handeln irgendetwas ändert.

Kryptische Gegenfigur

Ihr gegenüber steht die Figur Junya. Er ist seit seiner Kindheit mit Traumata belegt, da er in der Schule oftmals gedemütigt wurde. Die erlebte Gewalt sorgt dafür, dass er sich nicht mehr am Tage auf die Straße traut. Die aufgestaute Wut, der damit verbundene Hass, sucht sich aber einen Kanal und so ist Junya als maskierter Mann in der Nacht unterwegs. Er bricht maskiert tatsächlich in Wohnungen ein und geht brutal mit einem Hammer auf schlafende Anwohner*Innen los. Während Fanni nur beobachtend in Leben eindringt, bahnt sich bei Junya eine extreme Gewalt den Weg. Festgehalten wird dies in Videos, die dann ebenfalls den Weg ins Darknet finden. Dieses krasse Handeln sorgt für Distanz zur Figur Junya. Betrachtet man die beiden Figuren, so gleichen sie sich nur darin, dass sie in das Leben anderer Menschen einbringen und dies macht sie zu „Creepers“. Ansonsten verbinden sich die beiden Geschichten bei mir leider nicht. Dies ist aus meiner Sicht eine der Schwächen des Buches. Die ästhetischen gelungenen Ekelszenerien sind wie bei den vergangenen Winkler Büchern wieder ein literarisches Highlight, können aber die handlungsarme Story und die Konstruktion nicht über den gesamten Text tragen. Der Roman gibt einen spannenden Blick auf eine sich möglicherweise anbahnende digital basierende Parallelgesellschaft und reiht sich mit diesem Fokus in Winklers Werk ein.

Wie bewerte ich das Buch ?

Aus meiner Sicht ist dies Winklers bisher schwächstes Werk und dies liegt vor allem daran, dass die Storys der beiden Protagonist*Innen sich nicht miteinander verbinden. Das gewählte Thema ist mit den dunklen Abzweigungen der digitalen Welt und der damit in Bezug gesetzten psychosozialen Entwicklung spannend, aber das Buch macht aus meiner Sicht daraus zu wenig. Aufgrund des Daseins als „Creepers“ muss sich das Buch vor allem auf eine beobachtende Perspektive zurückziehen, dies leuchtet auch ein, sorgt aber natürlich auch für eine ärmere Handlung. Die gewählte Sprache hat eine nachvollziehbare ästhetische Funktion und erfüllt diese auch gelungen, erschwert aber dem Lesenden das Nachvollziehen des Textes. So kann mich dieser Roman in seiner Gesamtheit nicht gänzlich überzeugen.

Infos zum Buch

Werbung aus Liebe zum Buch

Wertung: 🐧🐧🐧

Philipp Winkler:

Creep

ISBN: 978-30351037253

Preis: 22,00€

https://www.aufbau-verlage.de/aufbau/creep/978-3-351-03725-3

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