„Pixeltänzer“ begeistert mit humorvoller Schilderung der Start-Up Arbeitswelt ohne ins Lächerliche zu kippen. Die Gedankenwelt der Hauptfigur ist äußerst unterhaltsam und dem Handlungsstrang über das expressionistische Tänzerpaar folgt man gebannt. Der Roman bietet eine gelungene Komposition, die Raum zum Nachdenken über die Kreativindustrie eröffnet.

Berit Glanz war mit ihrem Roman „Pixeltänzer“ Teil des Leseabends „Qualitätskontrolle“ im Frankfurter Literaturhaus am 20.01.2020. Schon vorher hatte der Roman meine Aufmerksamkeit geweckt. Das Start-Up Setting interessierte mich. Beim Besuch der Frankfurter Buchmesse konnte ich Glanz dann bei einer ersten kleinen Lesung mit Interview erleben und so sorgte dies alles insgesamt dafür, dass ich „Pixeltänzer“ lesen wollte.

Um was geht es?

Elisabeth, von allen nur Beta genannt, ist Teil eines Start-Up Unternehmens. In dieser Welt ist Kreativität und Flexibilität Arbeitsgrundlage, wobei dies niemand richtig zu reflektieren scheint. Beta öffnet durch eine App eine weitere Handlungsebene. In dieser App wird Beta zufällig mit Chatpartnern verbunden. Ein Nutzer arbeitet mit Symbolen, die bei Beta Interesse hervorrufen. Bei der Recherche über die Symbole stößt sie auf ein expressionistisches Künstlerpaar aus den Zwanzigerjahren. Der Kampf dieses Paares gegen die Zwänge ihrer Zeit sorgt bei Beta für ein Nachdenken über das eigene Leben.

Meine Einschätzung zum Buch

Das Lesen des Roman lässt einen über die dargestellte Welt der Start-Up Unternehmen und den Alltag all der Kreativen und Flexiblen schmunzeln. Auch bei der Lesung im Literaturhaus sorgen diese Szenerien für Lacher. Doch bei mir beginnen bei diesem Roman auch andere Gedanken im Kopf zu kreisen, welche sich mit den Arbeitsbedingungen ernsthaft auseinandersetzen. Die Frage nach der Notwendigkeit bestimmter Arbeitsstrukturen im Gegensatz zu gewünschten Flexibilitäten sorgt auch dafür, dass Arbeit immer mehr Raum in unserem Leben einnimmt. Bezahlung ist demzufolge auch nicht mehr primär an geleistete Arbeitszeit, sondern an die Ergebnisse gekoppelt. Der von David Graeber geprägte Begriff der Bullshit-Jobs kommt mir in den Kopf und die Frage ob der Wunsch nach kreativer und flexibler Arbeit nicht auch für eine Unterordnung sorgt, deren Folge soziale und ökonomische Schwächen sind. Doch kommen wir zurück zum Roman.

Hier wird bei der Protagonistin Beta auch ein Denkprozess in Gang gesetzt. Auch sie beginnt zu hinterfragen, ob ihr Job ihr wirklich große Freiheiten bietet, oder man sich nicht vielmehr einem neuen Marktprozedere mit anderen Strukturen unterordnet. Berit Glanz setzt die selbstverstandenen Kreativen der Start-Up-Szene in Kontrast zu einem expressionistischen Künstlerpaar. Beta interessiert sich für diese Tänzer aufgrund einer App, die sie zufällig mit einem Account verbindet, der Symbole verwendet die eben auf jenes Künstlerpaar verweisen. Die Recherche gleicht einem sich immer weiter vergrößernden Schneeball und bildet damit in der Funktion für die Handlung auch das Verlieren in der Vielseitigkeit der Digitalen Welt ab. Die Handlungsebenen verschränken sich ineinander und treiben die Figurenentwicklung von Beta voran. Meine eigenen Gedanken lösen sich etwas von der Romanwelt, aber auch jene zeigt Vor- und Nachteile der Start-Up-Arbeitswelt.

Der Einblick in die Künstlerszene eröffnet eine mir unbekanntere Welt und mich faszinieren die Ansätze der Künstler und die zeithistorischen Bedingungen. Es ist immer wieder erstaunlich wie es Romanen gelingt, Parallelen erkennen zu lassen.

Der Text richtet sich an Leser*Innen Deutscher Gegenwartsliteratur und ist durch seine Ausgestaltung auch für Kunstinteressierte geeignet. Ebenso gewinnt man einen neuen Blick auf die moderne Arbeitswelt. Der Roman ist schön zu lesen, glänzt mit leichtem Tonfall und der humorvollen Schilderung von Arbeitsprozessen und -strukturen. Durch die Handlungsebene des Künstlerpaares stößt eine kritische Ebene hinzu. Glanz hat gut recherchiert und die Verknüpfung der Stränge bringt die Frage nach dem Verständnis von Kunst noch hinzu. Wie viel Auswirkung hat Kunst auf die Gesellschaft, wie sehr benötigen wir sie vielleicht auch für gesellschaftliche Entwicklung. In Corona-Zeiten ist auch dies etwas über das es sich lohnt mehr als nur ein paar Sekunden nachzudenken.

Mir hat der Roman sehr gut gefallen und Glanz gewährte im Literaturhaus interessante Einblicke in ihr Schreiben.

Coververwendung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Berit Glanz:

Pixeltänzer

Schöffling Verlag

ISBN: 978-3-89561-192-6

Preis: 20,00€

https://www.schoeffling.de/buecher/berit-glanz/pixelt%C3%A4nzer

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