Ditlevsen, Tove: Kopenhagen-Trilogie – Rezension

Wunderbare Wiederentdeckung

Ich gebe zu, bisher habe ich Karl Ove Knausgard oder Annie Ernaux nicht gelesen und so beeindruckt mich Tove Ditlevsen vielleicht auch deshalb so stark. Erstmals liegt die Kopenhagen-Trilogie der dänischen Schriftstellerin komplett auf Deutsch vor. In diesen drei Büchern zeigt uns Ditlevsen das biographisch geprägte Aufwachsen in einer dänischen Arbeiterfamilie und wie die Sprache schon als Kind zu einem Ort der Sehnsucht wird. Über die Kindheit und Jugend bekommen wir erzählt, wie die junge Schriftstellerin versucht einen Platz zu finden, inmitten all der Erwartungshaltungen von ihr selbst und ihrem Umfeld.

Im ersten Band wird die Kindheit erzählt, das schwierige Verhältnis zur Mutter erhält Raum und der schon früh bestehende Wunsch Schriftstellerin zu werden. Dies wird jedoch seitens der Eltern nicht positiv aufgenommen, sondern auch für ein „Mädchen“ als ausweglos bezeichnet.

Im zweiten Band geht es um die Zeit nach ihrem Schulabschluss und beschreibt ihren Weg ins Arbeitsleben. Der Weg zur Schriftstellerin scheint zunächst verbaut, aber die junge Tove gibt diesen Traum nicht auf.

Der dritte Band liefert dann die Lebensphase, in welcher sich Tove Ditlevsen weiter in Abhängigkeit von ihren Männern begibt und dem Druck Ehefrau, Mutter und den Traum der Schriftstellerin nicht mehr gewachsen ist. Der Ausweg drückt sich in einer Medikamentenabhängigkeit aus. Allen drei Bänden bleibt eine wunderbare Sprache.

Mein Eindruck vom Buch:

Mich haben diese drei Bücher wirklich beeindruckt, denn diese Ich-Erzählung findet für das geschilderte Leben eine so feinfühlige und doch auch mit drastischer Wucht wirkende Sprache, dass es mir wirklich schwer fällt dies zu beschreiben. Trotz der Erzählhaltung aus der ersten Person ist die Erzählstimme in der Lage auch den distanzierten Blick auf das eigene Ich frei zu machen. An einigen Stellen spürt man die Last, die auf die Dichterin drückt und doch nimmt sie keine unreflektierte Opferrolle ein. In dieser Art des Erzählens drückt sich auch eine Kraft aus, die gegen die Schranken des Lebens aufbegehren möchte. Gleichzeitig sucht die Hauptfigur auch jede Spur von Lebensfreude und so erhalten wir ein Lebensporträt, dass für jeden greifbar ist, da sich Freud und Leid fast spielerisch abzuwechseln scheinen.

Ein literarischer Glücksfall

Der erste Band hat mich dabei am stärksten emotional gepackt. Fast nüchtern wirken die Familienstrukturen, welche ihrem Bruder ganz andere Rechte einräumen und für das junge Mädchen doch so bedrückend sein müssen. Wie Ditlevsen die gesellschaftliche Akzeptanz dieses Rollenbildes markiert und gleichzeitig sich selbst als aufgeweckt darstellt, ist ein literarischer Glücksfall. Sprachlich werden dichte Bilder geschaffen, die lyrisch Emotionen hervorrufen, jedoch kunstvoll in die Romanprosa verwebt werden. Die Mutter stellt sich in einigen Szenen durchaus auch als Kämpferin für ihre Tochter, nur um in anderen Szenen wieder in die Rolle der Hausfrau zu wechseln, die nur schwerlich Nähe zur jungen Tove aufbaut. Der Vater scheint einen Zugang zu seiner Tochter über die Liebe zur Literatur zu finden und doch baut sich auch hier nie eine spürbare Nähe auf. Neben diesen familiären Beziehungen ist der erste Teil auch ein Blick in ein Dänemark vor Beginn des Zweiten Weltkrieges und herrschende soziale Verhältnisse. Das dies der Protagonistin und ihrer Entwicklung nicht den Platz streitig macht sondern in eine flüssige Wechselbeziehung aufgeht, ist ebenfalls ästhetisch wunderbar gelöst.

Ich lese in meinem Poesiealbum, während die Nacht an meinem Fenster vorbeiwandert, und ohne, dass ich es weiß, sinkt meine Kindheit leise auf den Grund der Erinnerungen, dieser Seelenbibliothek, aus der ich bis an mein Lebensende Wissen und Erfahrungen schöpfen werde.

Ditlevsen, Tove: Kindheit, S.115 Aufbau Verlag 1. Auflage 2021.

Ich weiß gar nicht, ob ich mehr schreiben muss, nach diesem großartigen Zitat. Nicht nur die Bilder die geschaffen werden beeindrucken mich, sondern das eine kindliche Perspektive spürbar ist, diese sich aber auch mit einer unglaublichen Weisheit verbindet. Diese Qualität durchzieht das gesamte Buch und lässt einen immer wieder Sätze lesen, die man einfach nur herausschreiben will und eigentlich an die eigenen vier Wände hängen muss.

Im zweiten Band ändert sich der Tonfall leicht. Angepasst an das Leben der Hauptfigur verschwindet das träumerisch Naive etwas aus dem Roman, ohne jedoch die Ziele des eigenen Lebens aufzugeben. Wir erleben eine Tove, die sich von zu Hause entfernen möchte, das Neue am Leben entdecken will und doch auch in diesem zweiten Band die Grenzen des weiblichen Lebens erfahren muss. Da ihr nicht alle Türen offen zu stehen scheinen, wünscht sie sich zumindest einen Job in einem Büro. Doch Stellen werden gewechselt, es kommt immer wieder auch zu sexistischen Kommentaren, die aber als normal erscheinen in diesem Kopenhagen der 1930er Jahre. Sie lernt neue Freunde kennen und taucht in die Welt der Bars und des Tanzens ein. Der Kontakt zum männlichen Geschlecht bleibt zaghaft, aber vor allem kontrollierend. In der Sprache ist immer wieder die Balance zwischen mangelndem Selbstvertrauen und einem negativen Blick auf den eigenen Körper und dieser Bestimmtheit, die Tove und ihre Ansprüche an das eigene Leben prägen. Meine Bindung an diese junge Frau nimmt über diesen Band weiter zu. Die kurzen Gedichte in denen der Wunsch Schriftstellerin zu werden zum Ausdruck kommt, verändern sich ebenfalls, sind aber genauso bezaubernd wie zuvor. Der Wille sich sprachlich auszudrücken und der Glaube daran, dass diese Worte die eigenen vier Wände verlassen ist unbeirrt Antriebsgedanke. Wir lesen trotz der immer wieder auftauchenden Umstände die Lebensgeschichte einer starken Frau.

Heute Abend möchte ich damit allein sein, denn es gibt niemanden, der wirklich versteht, was für ein Wunder es für mich ist.

Ditlevsen, Tove: Jugend, S.154 Aufbau Verlag 1. Auflage 2021.

In diesem Zitat zeigt sich aus meiner Sicht die Kraft der jungen Frau. Sie ist gerührt von der Chance Schriftstellerin werden zu können, weiß aber das dieses Gefühl nicht transportiert werden kann. Zu viel Unverständnis begleitet ihren Weg, bringt sie aber nie davon ab.

Nochmals emotional mitgenommen hat mich dann Band drei mit dem Titel „Abhängigkeit“. Natürlich konzentriert sich der Text auf die entstehende Medikamentenabhängigkeit, jedoch finde ich auch, dass er sogleich die Abhängigkeit von den Männern im Leben der Protagonistin bezeichnet. Versuchte Tove in den beiden Vorgängerbüchern den Rollenbildern zu entfliehen und ihren Traum zu verwirklichen, scheint dieser im letzten Teil Realität zu werden. Sie kann veröffentlichen, erhält Lob für ihr Werk und doch ist da dieser gesellschaftliche Druck, auch die Rolle als Ehefrau und Mutter zu bewältigen. Die Trennung von ihren Ehemännern erfolgt immer sachlich und sie zeigt keinen Groll. Im Nachgang folgen aber auch immer wieder Momente der Erinnerung und des Vergleichs. Ehemann Carl ist es dann, der ihr erstmals Medikamente gibt und schnell ist sie vom berauschenden Gefühl begeistert. Die Heirat ist auch ihr Weg stetig an Medikamente zu kommen, die Abhängigkeit zu diesem Mann kulminiert im doppelten Verhältnis als Beschaffer und Verstärker der Medikamentenabhängigkeit. Ditlevsen findet für die Momente des Rausches und des Wunsches nach Nachschub bedrückende Worte, die trotzdem nüchtern die Situation der Abhängigkeit darstellen.

Sie stirbt nie ganz, solange ich lebe.

Ditlevsen, Tove: Abhängigkeit, S.176 Aufbau Verlag 1. Auflage 2021.

Mit diesem Zitat zeigt sich wie stark die Abhängigkeit an ihrem Inneren reißt und so schafft sie es diese Zerrissenheit über das Wissen der Abhängigkeit sich immer wieder mit dem Rausch und auch damit verbundenem künstlerischen Glück herzustellen. Tief lässt diese Autorin in ihre dunkelsten Momente blicken. Der letzte Teil beschließt die eingangs aufgezeigten Grenzen eines weiblichen Lebens und lässt sie in Verhältnissen der Abhängigkeit aufgehen.

Wow, einfach nur wow, muss ich nach der Lektüre dieser drei Bücher festhalten. Mich hat diese Trilogie umgeworfen, da die Bücher sprachlich so fein gearbeitet sind, dass es der Autorin gelingt viele Gefühle in wenigen Worten abzubilden. Drei schmale Bände, die mit ihrer dichten Sprache glänzen und ein Leben so sichtbar machen, dass man emotional gepackt wird. Man kann dem Aufbau Verlag nur danken, dass dieses Werk wiederentdeckt wurde. Tove Ditlevsen hat die Gabe komplexe Geschehnisse so in Sprache zu packen, dass sie eine breite Leserschaft anspricht und ästhetisch brilliert. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt etwas autobiographisches mit einer solchen Qualität gelesen habe. Lesen, einfach nur lesen !

Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧

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Tove Ditlevsen:

Kindheit

Aufbau Verlag

ISBN: 978-3-351-03868-7

Preis: 18,00€

Tove Ditlevsen:

Jugend

Aufbau Verlag

ISBN: 978-3-351-03869-4

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Tove Ditlevsen:

Abhängigkeit

Aufbau Verlag

ISBN: 978-3-351-03870-0

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Tove Ditlevsen ‒ Frauen erzählen Geschichten anders (aufbau-verlag.de)

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