Rammstedt, tilmann: Der Kaiser von China – Rezension

Eine imaginäre Familienreise mit Sogcharakter

Es gibt Bücher, die werden einen ein ganzes Leben lang begleiten, weil sie einen unglaublich begeistert haben, weil sie so zeitlos sind, dass man sie immer wieder lesen kann oder man besondere Lesemomente mit ihnen verknüpft. Eines dieser Bücher ist für mich Tilmann Rammstedt „Der Kaiser von China“.

Manchmal ist es die Erinnerung an dieses Buch, die mich wieder zum Lesen motiviert oder wie nun auch zum Schreiben einer Rezension.

Was macht dieses Buch für mich so besonders?

Tilmann Rammstedt bringt mich mit dieser irren Geschichte über einen jungen Mann, der seiner Familie von einer imaginären Reise mit dem Großvater durch China berichtet, an ganz vielen Stellen zum Schmunzeln und richtig zum Lachen. Das Buch hat beim Lesen sofort einen Sogcharakter entwickelt und mich damit auch in seinen Bann gezogen. Geschafft hat es dies, in dem es eine ganz andere Art Reiseroman ist. Schließlich wird hier nicht von einer realen Reise berichtet, sondern die Hauptfigur imaginiert eine Reise.

Um was geht es ?

Hintergrund der Reise ist, dass Keith das kürzeste Streichholz gezogen hat und somit von seinen Geschwistern dazu auserkoren wird, mit dem Großvater eine Reise zu unternehmen. Allerdings ist Keith daran wenig interessiert, schließlich ist er mit Franziska liiert, die vorher wohl auch mit dem Großvater zusammen war. Mit dieser hat er das gesamte Reisegeld im Casino verloren und schickt seinen Großvater deshalb alleine auf Reisen. Von Schamgefühl durchaus geplagt, möchte Keith gegenüber seinen Geschwistern den Schein wahren und beginnt fiktive Postkarten von einer gemeinsamen Reise mit dem Großvater nach China zu berichten.

Mein Eindruck vom Buch

Auch wenn die gesamte Konstellation etwas absurd anmutet, es ist genau das Momentum, aus dem der Roman seine heiter-melancholische Art schöpft. Als der Großvater kurz darauf stirbt, ist es für Keith fast nicht mehr möglich die Wahrheit zu erzählen. Während der Großvater in Deutschland reist, sitzt Keith unter seinem Schreibtisch und erfindet gemeinsame Reiseerlebnisse im fremden und weit entfernten China.

Mich reizt diese Konstruktion einer modernen Lügengeschichte, die Fiktion und Realität miteinander verschränkt und auch absurde Szenen spielend leicht integriert. China baut sich Keith nach Reiseführern und eigenen Vorstellungen zusammen und lässt seinen Großvater in den Postkarten als einen lebensfrohen und mutigen Mann erscheinen. Unterstützt wird das bei mir entstehende Bild des Großvaters durch eine meiner Lieblingsszenen. In dieser berichtet Keith von einer Erinnerung und einem Friedhofsbesuch mit dem Großvater, bei dem dieser die Gräber abgeht und es jedes Mal vonnöten sieht darauf aufmerksam zu machen, dass die Personen jünger gestorben sein. Es mutet makaber an, zeigt aber für mich vor allem, dass die von Keith geschilderte Person sein Leben schätzt und gleichzeitig sicherlich nicht zu den einfühlsamsten Menschen zählt. Ich musste an dieser Stelle auch aufgrund der Erzählweise herzhaft lachen und diese Stimmung transportiert der Roman über seine gesamte Länge.

In seinen Erzählungen über den Großvater drückt sich auch die Zuneigung aus, welche die Beiden durchaus auch zueinander verspüren und das Keith seinen Großvater schätzt. Selten habe ich eine raffiniertere Form der erinnernden Wertschätzung gelesen. Nicht nur deshalb greife ich immer wieder auf diesen Roman zurück, wenn ich mal wieder etwas Heiteres lesen möchte, was zudem nicht nur plumpe Witze macht, sondern einen intelligenten Witz in sich trägt.

Tilmann Rammstedt ist Bachmann-Preisträger 2008 und schon sein damaliger Auftritt begeisterte mich, später durfte ich den Autor auch noch im Rahmen meines Studiums persönlich kennenlernen und bin seitdem begeisterter Leser all seiner Bücher. Seine Bücher haben einen frischen, manchmal nachdenklichen, mich immer wieder begeisternden Tonfall.

Wer einen komischen Roman sucht, der mit seiner melancholischen Art für gute Laune sorgt, der kann an diesem Buch nicht vorbei. Deshalb meine klare Empfehlung, greift zu diesem Buch, es wird Euch hoffentlich genauso viel Freude bereiten wie mir.

Wertung: 🐧🐧🐧🐧 🐧

Unbezahlte Werbung aus Liebe zum Buch

Tilmann Rammstedt:

Der Kaiser von China

Dumont Buchverlag

ISBN: 978-3-8321-8074-4

Preis: 17,00€

Der Kaiser von China – (Tilman Rammstedt) – 978-3-8321-8074-4 | DuMont Buchverlag (dumont-buchverlag.de)

Seghers, Jan: Der Solist – Rezension

Ein Einzelgänger in neuem Nest

Die Kommissar Marthaler Romane von Jan Seghers erfreuen sich großer Beliebtheit unter Krimifans und haben sogar den Weg als Verfilmungen ins deutsche TV gefunden. Ich bin ebenfalls großer Fan dieser Reihe und muss sie irgendwann auf diesem Blog auch mal vorstellen. Heute soll es aber um den neusten Roman des Autors gehen, mit dem Titel „Der Solist“. In diesem werden Fakten rund um den Fall Anis Amri mit fiktiven Ereignissen verbunden. Die neue Hauptfigur ist nur durch ihren Nachnamen Neuhaus benannt und wird nach Berlin in die Sondereinheit Terrorabwehr geschickt. Dort soll er helfen einen Mord aufzuklären, welcher womöglich antisemitischen Hintergrund hat und Verdachtsmomente eines Terroranschlages aufweist.

Mein Eindruck vom Buch:

Mit „Der Solist“ startet Jan Seghers eine neue Krimireihe, zumindest deutet dies das Ende dieses Romans äußerst deutlich an. Seghers verwebt reale Ereignisse in seinen Roman hinein und nutzt die Gedanken seiner Leserschaft zu diesen realen Hintergründen als Spannungselement. Auch bei mir hat dies gut funktioniert. Über Anis Amri und die Versäumnisse deutscher Behörden haben sicherlich viele durch die mediale Berichterstattung gehört und Seghers knüpft daran an. Neuhaus wird nicht nur wegen seiner Qualität nach Berlin entsandt, sondern vor allem auch als Sonderermittler, der herausfinden soll, was intern schief gelaufen ist. Passender als mit dem Wort „Solist“ könnte Seghers seine Hauptfigur nicht bezeichnen. Zum einen ergibt sich sein Einzelgängertum durch die geheimen internen Ermittlungen, zum anderen entspricht dies seiner Arbeitsweise und seinem Charakter. Neuhaus gibt sich unnahbar, wobei die ihm zugeteilte Kollegin Suna-Marie in der Lage ist, seine harte Schale zu durchbrechen. Ihr beginnt er zu vertrauen und im Gegenzug weist ihn  die türkischstämmige Ermittlerin in die Geheimnisse Berlins ein.

Schon bald nach dem ersten Opfer gibt es ein zweites und wieder gibt es Hinweise auf den Fall Anis Amri. Schwierig ist es jedoch die Gemeinsamkeiten der Opfer herauszustellen. Erschwert werden die Ermittlungen durch den Druck, der auf den Behörden lastet. Im September ist Bundestagswahl und eine aufstrebende rechtsgerichtete Partei nutzt die mediale Aufmerksamkeit durch die Mordfälle.

Spannend inszenierte Ermittlungsarbeit

Fokus des schmalen Romans ist die Ermittlungsarbeit und vor allem der Schwerpunkt auf dem Ermittler Neuhaus. Wir folgen ihm bei seinen Nachfragen bei den jeweiligen Zeugen, erfahren wie er die Akten studiert und wie er den Kolleg*Innen Informationen entlockt. Seghers lässt die Figuren erzählen, der Roman hat große Dialoganteile. Dabei wird die Kommunikation auf das Nötigste konzentriert, sodass mit kurzen Dialogen viele Informationen weitergegeben werden. Diese verbinden sich dann im Kopf mit Sachen, die man über Anis Amri in irgendeinem Medium gelesen hat.

Neuhaus und Suna-Marie unterhalten sich aber auch über die Polizeiarbeit und geben so Einblick in einen Alltag, der allerdings durchaus eigenwillige Aspekte zeigt. Neuhaus zeichnet ein äußerst negatives Bild des Polizeiapparats. Der Roman verknüpft viele Punkte miteinander und geht mir an der ein oder anderen Stelle auch einen Schritt zu weit. Trotzdem lese ich einen äußerst gelungenen Krimi, dessen sprachliche Präzision so gut ist, dass man das Buch in einem Sog durchlesen möchte. Spannung, gute Recherche und der Fokus auf die Figurendialoge machen diesen Krimi aus.

Und Neuhaus wandte den Blick vom Goldenen Adler ab und sah in den Mond, unter dem ein Schwarm Wildgänse gen Süden flog.

Seghers, Jan: Der Solis, S.230 Rowohlt Verlag 2021.

Über diesen letzten Satz freue ich mich, denn zuvor wird deutlich, dass Jan Seghers mit seiner Figur weitermachen möchte. Der Krimi gibt Hinweise, dass es lohnenswert sein wird sich mit Neuhaus und seiner familiären Vergangenheit weiter auseinanderzusetzen. Mich fasziniert diese Ermittlerfigur und so ziehe ich ein positives Fazit zur Lektüre. Jan Seghers beweist erneut, dass er zu den führenden Krimiautoren hierzulande gehört. Spannung trifft auf solide Hintergrundrecherche, gesellschaftliche Relevanz und sprachliche Klasse. Ich habe deshalb einen guten Thriller gelesen, der aufgreift, dass wir uns mit Rechtstendenzen in der Gesellschaft beschäftigen müssen. Für alle Seghers-Fans ein Muss und wer den Autor neu entdecken möchte und gerne anspruchsvollere Krimis liest, die auch gut unterhalten, der sollte ebenfalls zugreifen.

Wertung: 🐧🐧🐧🐧

Unbezahlte Werbung aus Liebe zum Buch

Jan Seghers:

Der Solist

Rowohlt Verlag

ISBN: 978-3-498-05848-7

Preis: 20,00€

Der Solist – Jan Seghers | Rowohlt

Busse, Tanja: Das Sterben der anderen – Rezension

Das Artensterben ernst nehmen

Heute ist Weltumwelttag, ein Tag, an dem wir uns alle an die Schönheit der Natur erinnern sollten, ein Tag an dem wir unseren Lebensmitteln besonderen Respekt entgegen bringen sollten. Ein Tag an dem wir uns nochmals deutlich machen sollten, dass wir dankbar für das Leben auf diesem Planeten sein sollten, aber deshalb auch seine Grenzen respektieren müssen.

All das sind Dinge, die in meinem Leben lange Zeit keine Rolle gespielt haben. Aufgewachsen in einer Welt des Überflusses habe ich mir darüber wenig Gedanken gemacht. Erst durch Veranstaltungen, Kontakt zu Naturschützern und vor allem durchs Lesen habe ich begonnen mich für den Naturschutz zu interessieren. Ein besonderes Buch aus dem Jahr 2019 möchte ich heute auf meinem Blog vorstellen. Ein Buch, dass bei meinem zweiten Hobby dazu geführt hat, dass ich mich politisch nun im Umweltbereich engagiere. Geschrieben hat dieses Buch Tanja Busse, die in „Das Sterben der anderen“ eine eindrückliche Botschaft aussendet: Wir müssen etwas für den Artenschutz machen und so darf es nicht weitergehen. Anschaulich erklärt die Autorin, wie lange das Problem ignoriert wurde, wie bedrohlich die Situation ist und berichtet von erfolgreichen Projekten, aber auch den Problemen unserer politischen Rahmenbedingungen.

Mein Eindruck vom Buch:

Schon nach meinen einleitenden Worten wird jedem klar sein, dass mich dieses Buch beeindruckt hat. Ausgangspunkt der Arbeit ist die Frage „Mama, was ist das für ein Geräusch?“, von Tanja Busses Sohn, weil er noch nie eine Heuschrecke zirpen gehört hat. Es entsteht ein Alarmgefühl, da man den nachkommenden Generationen nicht erklären möchte, warum es so und so viele Tiere nicht mehr geben wird. Die Autorin beginnt zu recherchieren und berichtet davon, wie lange die Probleme der Biodiversität ignoriert wurden. Als Problem wird dabei vor allem unsere Art des Wirtschaftens identifiziert. Ebenfalls keine neue Erkenntnis, aber je öfter man über die Ignoranz der Wissenschaftler liest, desto erschreckender blickt man auf die Vergangenheit zurück.

Beeindruckt haben mich ihre Schilderungen über den Entomologischen Verein Krefeld, der mit Beobachtungen über das Insektensterben die Welt wachrüttelte, aber gegen viele Hindernisse antreten musste. Als „Hobbybeobachter“ verunglimpft, wollte ihre beeindruckende Studie über das Sterben der Arten nicht jeder ernst nehmen. Nur die „wahre Wissenschaft“ könne hier Antworten liefern und tat es dann im Anschluss auch. Der Anstoß waren jedoch die Entomologen aus Krefeld und mittlerweile sollte uns allen bewusst werden, dass wir Zeugen eines Massensterbens sind.

Reise durch die Herausforderungen

Busse bereist die Republik, führt Gespräche und sucht vor allem nicht irgendwelche Einzelschuldigen, sondern die Verantwortung in unserem Zusammenleben, unseren gesellschaftlichen Strukturen und unserem politischen System. Sie kritisiert Medien für ihre Berichterstattung, die lange Zeit das Problem nicht ernst genommen haben und auch keinen Raum für positive Beispiele für Maßnahmen für den Klimaschutz oder die Biodiversität bieten. Tanja Busse gibt Landwirten die Möglichkeit, sich in ihrem Buch zu erklären. Deutlich wird der Druck auf die Lebensmittelproduktion, da wir als Konsumenten uns auch nicht an regionale Verfügbarkeiten gewöhnen wollen und auch das Fleisch immer schön günstig sein soll. Zudem weist sie die Schwächen von Subventionssystemen nach, die vor allem große landwirtschaftliche Betriebe bevorzugen, den mangelnden Schutz für Biobauern und macht deutlich, dass Naturschutzverbände und Landwirtschaft gemeinsam agieren müssen, um etwas zu erreichen.  

Der Schutz, den unser Rechtssystem ihnen gewährt, muss so weit reichen wie die Gefährdung, die wir ihnen zumuten.

Busse, Tanja: Das Sterben der anderen, S.374 Blessing Verlag 1. Auflage 2019.

Dieses Zitat vom Ende des Buches geht darauf ein, dass wir in unserer Art des Lebens sehr wenig Rücksicht auf die Rechte anderer Arten nehmen. Tanja Busse plädiert dafür, dass wir endlich begreifen, dass durch das Sterben der „Anderen“ auch unser eigenes Biosystem bedroht ist. Wir können nicht weiter ohne Rücksicht auf dieses Massensterben leben und müssen uns vom Gedanken lösen, dass wir die Natur domestizieren und kontrollieren können. Wir stehen nicht über unserer Umwelt, sondern sind Teil eines gesamten Biosystems. Es braucht eine Gesellschaft die bereit ist, solidarisch die Herausforderungen der Zukunft zu gestalten und auch so zu finanzieren, dass wir nicht mehr auf Kosten anderer leben. Es geht um den Naturschutz weltweit und nicht nur hierzulande und dabei sollten wir niemanden abhängen. Die Lösungen sollten nicht genmanipulierte Ernährungsvorhaben sein, sondern eine Rückbesinnung darauf, dass wir auf eine funktionierende Natur angewiesen sind.

Mein Fazit dieses Buches ist, dass ich ein Sachbuch gelesen habe, dass verständlich und eindrucksvoll über das Sterben der Arten berichtet. Die Autorin hat gut recherchiert, umfassende Quellenangaben machen weitere Lektüren möglich. Stärke ist ganz klar, dass sie uns alle zur Verantwortung aufruft und nicht einzelne Schuldige sucht. Es ist zu simpel nur Landwirtschaft oder Politik für schuldig zu erklären, sondern wir alle müssen mit unserem Verhalten helfen. Eine Patentlösung bietet sie nicht an, räumt aber auch mit dem Urteil auf, nur hier vor Ort könne man nichts bewegen. Nein, genau in kommunalen Lösungen kann ein Zukunftsweg liegen. All dies wird anhand von Beispiel und eigenen Recherchen untermauert und so entsteht ein Sachbuch zum Mitdenken und Mitwirken und genau solche Bücher bereichern den Sachbuchmarkt.

Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧

Unbezahlte Werbung aus Liebe zum Buch

Tanja Busse:

Das Sterben der anderen

Blessing Verlag

ISBN: 978-3-89667-592-7

Preis: 18,00€

Tanja Busse: Das Sterben der anderen. Blessing Verlag (Paperback ) (penguinrandomhouse.de)

Hermann, Judith: Daheim – Rezension

Melancholisch die Facetten des Lebens betrachten

Von Judith Hermann habe ich bisher nur zwei Geschichten aus ihrem bekannten Erzählungsband „Sommerhaus später“ gelesen, da mich die Themen ihrer Bücher nie besonders angesprochen haben. Mit ihrem neuen Roman „Daheim“ war sie für den diesjährigen Leipziger Buchpreis nominiert und auch aufgrund der vielen positiven Besprechungen hat dieses Buch den Weg zu mir gefunden. In diesem Werk erzählt Hermann in melancholischen Tönen von einer Frau, die im Norden versucht einen Neuanfang zu starten. Es geht um Erinnerungen und den Mut sich auf neue Dinge einzulassen und dies in einer Welt, die zu bruchstückhaft erscheint, um ein neues Heimatgefühl zu erzeugen. Meine erste längere Erfahrung mit Hermann hat mich zunächst aufgefordert, sich auf den Schreibstil einzulassen und sprachlich bietet das Buch durchaus besondere Highlights. Etwas unklarer blieb für mich die Frage, was ich mit dem Plot anfangen soll und so habe ich mir für diese Rezension auch ein Gespräch mit der Autorin im Deutschlandfunk angehört.

Mein Eindruck vom Buch:

Das Lob in den deutschen Feuilletons war groß und stellte immer auch die sprachliche Qualität heraus, aber auch, dass Hermann nun den passenden Stoff für ihren melancholischen Tonfall gefunden habe. Die Szenerie des Buches zeigt uns eine Frau, Mitte/Ende 40, die an der norddeutschen Küste einen Neuanfang wagt. Nach dem Auszug der Tochter trennt sie sich von ihrem Mann und fängt im Norden in der Gaststätte ihre Bruders als Kellnerin an. Die Figuren des Romans sind allesamt eigen, bleiben auch beim Lesen unnahbar. Es ist ihr Auftreten und Handeln, dass für sie spricht. Die Handlung verschränkt aus meiner Sicht verschiedene Aspekte. Zum einen die Erinnerungen an ein Leben, dass einer klassischen Familiensituation entspricht und die Erinnerungen an das Leben vor der Ehe und den Möglichkeiten sich zu entfalten. Zum anderen die neue Situation an der norddeutschen Küste und die Tochter, die sich meist nur über die Angabe von GPS Daten meldet und somit auch ein Freiheitsgefühl symbolisiert. Diese Aspekte werden ohne Wertungen nebeneinander gestellt und sind damit auch das Abbild eines Lebens und all seinen Facetten. Unterstützt wird jene Wirkung auch durch die Lücken in den Figurenbeziehungen, nicht alles wird auserzählt, sondern man muss sich als Leser*In mit diesen Lücken auseinandersetzen.

Begeisterung durch Sprache und Motive

Mich hat diese Auseinandersetzung nicht packen können, die Figuren blieben mir zu mysteriös, sodass ich mich nicht mit ihnen auseinandersetzen wollte. Sei es die Erzählerin, der Bauer Arild mit dem sie eine Affäre hat oder Nike, die Freundin des Bruders, alles bleibt vage. Da dies aus meiner Sicht Grundintention des Buches ist, kann und will ich dies der Machart des Romans nicht vorwerfen. Es ist sicherlich Geschmackssache, wenn ich mit dieser Art der Darstellung kein Lesevergnügen verbinde. Begeistert hat mich der Roman somit weniger mit seinem Plot und seinen Figuren sondern mit der sprachlichen Gestaltung und immer wiederkehrenden Motiven. Zu nennen wäre hier zunächst das Motiv der Kiste. Zunächst als Zauberkiste auftauchend, da sie als junge Frau von einem Zauberer als Assistenz angefragt wird, dann nochmals als Maderfalle und als Kindheitstrauma von Nike. In diesem Motiv zeigt sich für mich die oftmalige Beschränktheit des eigenen Lebens. In der Überlegung diese Stelle beim Zauberer anzunehmen zeigt sich auch die Wahl sein Leben zu führen. Entspricht sie dem Wunsch des Zauberers erhält sie die Möglichkeit die Welt zu bereisen, gleichzeitig assistiert sie beim Trick mit dem Zersägen einer Kiste und das Legen in diese Kiste ist zugleich wieder einschränkend. Das Abwägen zwischen Möglichkeiten durchziehen das Buch. Immer wieder erinnert sie sich an das vorherige Leben, in dem die klassischen Familienrollen eingenommen wurden. An der Küste sind es Arild und seine Schwester, welche die Erzählerin auffordern sich auf Neues einzulassen. Nie wird sprachlich der Erinnerung oder dem Jetzt der Vorteil zugesprochen.

Dieser Roman zeigt uns eigene Figuren auf dem Land, die trotz ihrer Eigenheiten zueinander finden und eine Gemeinschaft entstehen lassen. Jene funktioniert ganz anders als die der Erzählerin bekannte Familie. Die Stärke des Buches sind die sprachlichen Bilder, die in der zu schildernden einfachen Szenerie sprachliche Schönheit herausstellen.

Dann beuge ich mich vor, atme ein und mache die Falle auf.

Hermann, Judith: Daheim, S.189 S.Fischer Verlag 3. Auflage 2021.

So ähnlich wie dieses Zitat funktioniert der Roman, man muss sich auf ihn und seine Stimmung einlassen, die Lücken akzeptieren, die mysteriösen Figuren begreifen und so in die norddeutsche Landschaft eintauchen. Lässt man sich auf die Stilistik der Autorin ein, wird man sich an diesem Buch begeistern können. Ich kann nachvollziehen, warum dieser Roman gelobt wird, da er seine Themen mit sprachlicher Ästhetik verbindet und Hermann einen passenden melancholischen Tonfall anbietet.

Mein Fazit ist keine überschwängliche Leseempfehlung, denn auch bei mir haben nicht alle Aspekte des Romans Interesse geweckt. Herauszustellen ist die präzise Sprache, die wirklich ohne Wertungen auskommt. Die Szenen lassen Bilder im Kopf entstehen, die aber leider oftmals in Leerstellen laufen. Ich halte Hermann für eine tolle Autorin und so empfehle ich dieses Buch allen Leseratten, die sich an melancholischer Sprache und einem mysteriös daherkommenden Umfeld erfreuen und gehaltvolle Gegenwartsliteratur schätzen. Bei mir verbleibt ein durchwachsener Eindruck, der aber vielleicht auch ein Zweites Lesen notwendig macht.

Wertung: 🐧🐧🐧1/2🐧

Unbezahlte Werbung aus Liebe zum Buch

Judith Hermann:

Daheim

S. Fischer Verlag

ISBN: 978-3-10-397035-7

Preis: 21,00€

Daheim – Judith Hermann | S. Fischer Verlage

Halliday, Lisa: Asymmetrie – Rezension

Das Verweben von Erlebtem und Fiktion

Über dieses Buch ist nach seinem Erscheinen viel gesprochen worden. Die amerikanische Schriftstellerin Lisa Halliday verarbeitet in ihrem Roman „Asymmetrie“ ihre Beziehung zum großen amerikanischen Romancier Philip Roth. Dieser reale Hintergrund hat für einen Hype um dieses Buch gesorgt, welches in drei Teilen auch noch die Geschichte eines muslimischen Mannes erzählt, der mehrere Tage am Londoner Flughafen Heathrow festsitzt. Ich hatte mir das Buch in meiner Challenge #12für2021 vorgenommen und komme nun endlich dazu, es auch auf meinem Blog zu besprechen.

Mein Eindruck vom Buch:

Der Hype um diesen Roman hatte mich ein Werk erwarten lassen, dass in seiner sprachlichen Darstellung durchaus das ein oder andere Highlight setzt, doch dies habe ich nicht vorgefunden. In den meisten Rezensionen wird vor allem nach einem Schlüsselroman über Philip Roth gesorgt, doch auch dies leistet der Roman nicht. Wir bekommen die Geschichte der Mitzwanzigerin Alice erzählt, die in einer bekannten amerikanischen Literaturagentur arbeitet und in dieser Ezra Blazer betreut. Blazer ist klar als Roth erkennbar, da auch thematisiert wird, dass er immer wieder als Literaturnobelpreisträger gehandelt wird, ohne diesen Preis jemals zu erhalten. Doch Schwerpunkt des Romans ist die Frage nach der Darstellung von Literatur. Der erste Teil behandelt die Beziehung der jungen Frau zum älteren Schriftsteller, der auch als eine Art literarischer Mentor erscheint. Thematisiert werden aber auch entstehende Abhängigkeiten, die finanzielle zwischen dem reichen Schriftsteller und der nicht viel verdienenden Alice und jene des älteren Mannes, der mit Einkäufen versorgt wird. Blazer gefällt sich offensichtlich in der Rolle des Gönners und hier findet mir bei Alice zu wenig Reflektion statt, weshalb ich diese Figur nicht wirklich mögen will.

Woraus schöpft Fiktion ?

Mit der Frage nach den Erfahrungen, die man im Schreiben verarbeitet beschäftigen sich die Beiden aber auch. Es steht die Frage im Raum, ob sich eine junge Frau sich in die Erfahrungswelt eines muslimischen Mannes versetzen kann. Der erste Teil des Romans antwortet auf diese Frage mit seiner Geschichte und sieht die verarbeiteten Erfahrungen in einer Autofiktion, die reale Erlebnisse verarbeitet.

Der zweite Teil greift die Frage auf und erzählt uns genau das Geforderte. Ein junger Muslim wird auf dem Flughafen London Heathrow festgehalten und dies vor allem aufgrund seiner Herkunft. Es wird über die eigene Herkunft berichtet, Kriegserfahrungen und als Leser*In hat man doch im Kopf, dass man dies nur erzählt bekommt, weil Alice oder Ezra sich dieser Geschichte angenommen haben. Für mich zeigt sich hier auch die Asymmetrie von gesellschaftlichen Debatten, denn diese Geschichten, direkt erzählt von Migrant*Innen haben lange in der Literatur gefehlt. Durch die Einbindung in den mittleren Part wird aber auch der Kontrast zur Erfahrungswelt der weißen New Yorker Mittelschicht deutlich. Der Flughafen als Ort der Festsetzung zeigt sich als die Transferstation unserer Reisen und damit auch als Sinnbild für unsere gesellschaftliche Entwicklung. Mir persönlich hat dieser Teil des Romans am besten gefallen, da er wirklich viel miteinander verwebt.

Sind sie dabei?

Halliday, Lisa: Asymmetrie, S.310 Hanser Verlag 1. Auflage 2018.

Dieses Zitat vom Ende des Romans ist Teil einer Radiosendung, in der Ezra Blazer interviewt wird, nachdem er nun endlich den Literaturnobelpreis erhalten hat. Warum es diese Entwicklung braucht ist mir nicht ganz schlüssig, vielleicht ist es auch eine Hommage an Philip Roth, dem dies nicht vergönnt war. In diesem Interview wird deutlich, dass Blazer sich der Monogamie verweigern will und das ihn das Verlassen geliebter Frauen für kurze Momente depressiv mache. Die Frauen erscheinen hier als wichtiges Momentum für das Schreiben dieses Autors. Es wird deutlich, dass Blazer sein Schreiben im Aufeinandertreffen von Fiktion und Erlebtem sieht, was im gesamten Roman durch seine Komposition auch von Lisa Halliday gespiegelt wird.

Mein Fazit nach diesem Roman ist, dass ich den Hype für übertrieben halte. Das Buch greift die spannende Frage der Authentizität von Literatur auf, bleibt hier aber für mich zu oberflächlich, was in der Tratschradiosendung am Ende des Romans gipfelt. Ein Roman, den ich nicht gelesen hätte, wenn ich nicht nur nach Rezensionen gegangen, sondern zuvor darin gelesen hätte. Wer sich für das Liebesleben von Philip Roth, dessen Beschreiben von Liebesbeziehungen ich schon in seinen Romanen überdrüssig war, der wird hier natürlich seine Freude finden.

Wertung: 🐧🐧1/2🐧

Unbezahlte Werbung aus Liebe zum Buch

Lisa Halliday:

Asymmetrie

btb Verlag

ISBN: 978-3-442-71958-7

Preis: 11,00€

Lisa Halliday: Asymmetrie. btb Verlag (Taschenbuch) (penguinrandomhouse.de)

Böhm, Anna: Die Tierpolizei Band 1 – Rezension

Humorvolle Detektivgeschichte

Heute ist Internationaler Kindertag und auch ich möchte an diesem Tag  teilnehmen, in dem ich heute zwei tolle Kinderbücher vorstelle. Beide wurden mir von ehemaligen Kolleginnen empfohlen und wie fast immer haben sie meinen Geschmack getroffen. Das mir die neue Reihe von Anna Böhm empfohlen würde, musste mir eigentlich nach der Begeisterung für „Emmi und Einschwein“ klar sein. Und ich habe richtig Spaß beim Lesen des ersten Bandes von „Die Tierpolizei“ gehabt. Katzenbärin Flopson muss ihren verschwundenen Freund den Streifentenrek Tjerk suchen und lernt dabei das Leben der Stadttiere kennen. Mit viel Humor bildet sich eine tierisch mutige Truppe und begibt sich auf ein spannendes Abenteuer.

Mein Eindruck vom Buch:

Die Katzenbärin Flopson und der Streifentenrek Tjerk leben bei Frau Huppenschuh und genießen ein bequemes Haustierleben. Flopson ist großer Krimifan und als der Freund verschwindet ist klar, dass sie etwas unternehmen muss. Erste Hinweise deuten auf eine Entführung hin und so verlässt sie die Wohnung, um die Suche zu beginnen. Bei diesem Weg trifft sie Stadttiere und muss feststellen, dass sich diese nur ungern helfen. Doch Flopson gelingt es aufzuzeigen, dass darin auch viele Vorteile bestehen.

Tierische Krimifans ermitteln

Zudem kann sie ihre Erfahrungen als Krimifan gut einbringen und hilft die Ermittlungsmethoden festzulegen. Ihr schließen sich Fridolin das Zwergpony, Melli die Blaumeise und Jack der Teddyhamster an. Gerade letzterer ist äußerst lustig, weil er gerne mürrisch Hilfe verweigert, man aber schnell erkennt, dass er sich über die neuen Freunde freut. Fridolin übernimmt die Rolle des naiven Tieres und insgesamt ergänzen sich die Tiere zu einer tollen Gemeinschaft. Viel Humor, aber auch Spannung bei der Suche machen das Buch aus meiner Sicht zu einem richtig schönen Lesevergnügen.

Die Covergestaltung des Buches ist ebenfalls toll und dies zieht sich über die Illustrationen weiter und sorgt für einen wunderbaren Gesamteindruck. Empfohlen wird das Buch zum Lesen für Kinder ab 8 Jahren, aber man kann es sicherlich auch davor vorlesen. Die Textmenge ist passend für die Altersklasse und die Sprache ist gut zu lesen. Toll sind auch die Wortneuschöpfungen von Anna Böhm, wie zum Beispiel das Wort „Fußabdrückler“, was die tierischen Fußspuren treffend beschreibt. Dieser Schreibstil macht Anna Böhm aus meiner Sicht zu einer der besten Autor*Innen die wir aktuell in diesem Alterssegment haben. Die unterschiedlichen Stärken der Tiere kommen in der Geschichte zur Geltung und unterstützen damit die Idee des gemeinschaftlichen Zusammenhalts. Die Hinweise auf den verschwundenen Tjerk werden häppchenweise präsentiert und so kann man auch wunderbar miträtseln. So verbinden sich lehrreiche Ansätze der Geschichte mit Spaß am Lesen und dieser Detektivgeschichte.

Und schon steckte die Tierpolizei mitten in ihrem nächsten Abenteuer.

Anna Böhm: Die Tierpolizei. Kommissare mit Fell und Feder, S.215, Oetinger Verlag 2020.

Über diesen letzten Satz habe ich mich gefreut, denn er macht deutlich, dass diese Reihe weiter gehen wird. Anna Böhm ist eine witzige-spannende Tiergeschichte gelungen, welche ihre Leserschaft mit tollen Tierfiguren begeistert. Neben der unterhaltsamen Gestaltung ist die Geschichte auch noch lehrreich, in dem die Vorzüge des gegenseitigen Helfens und von Freundschaft deutlich werden. Auch für ältere Vorleser wird dieses Buch eine Freude sein. Ebenfalls schön ist, dass dieses Buch geschlechtsneutral zu einem tollen Leseabenteuer wird. Ich mache auf jeden Fall fleißig Werbung, dass man sich den Abenteuern der Tierpolizei widmet.

Wertung: 🐧🐧🐧🐧1/2🐧

Unbezahlte Werbung aus Liebe zum Buch

Anna Böhm:

Die Tierpolizei. Kommissare mit Fell und Feder.

Oetinger Verlag

ISBN: 978-3-7891-2123-4

Preis: 13,00€

Die Tierpolizei 1 | Verlagsgruppe Oetinger

Ditlevsen, Tove: Kopenhagen-Trilogie – Rezension

Wunderbare Wiederentdeckung

Ich gebe zu, bisher habe ich Karl Ove Knausgard oder Annie Ernaux nicht gelesen und so beeindruckt mich Tove Ditlevsen vielleicht auch deshalb so stark. Erstmals liegt die Kopenhagen-Trilogie der dänischen Schriftstellerin komplett auf Deutsch vor. In diesen drei Büchern zeigt uns Ditlevsen das biographisch geprägte Aufwachsen in einer dänischen Arbeiterfamilie und wie die Sprache schon als Kind zu einem Ort der Sehnsucht wird. Über die Kindheit und Jugend bekommen wir erzählt, wie die junge Schriftstellerin versucht einen Platz zu finden, inmitten all der Erwartungshaltungen von ihr selbst und ihrem Umfeld.

Im ersten Band wird die Kindheit erzählt, das schwierige Verhältnis zur Mutter erhält Raum und der schon früh bestehende Wunsch Schriftstellerin zu werden. Dies wird jedoch seitens der Eltern nicht positiv aufgenommen, sondern auch für ein „Mädchen“ als ausweglos bezeichnet.

Im zweiten Band geht es um die Zeit nach ihrem Schulabschluss und beschreibt ihren Weg ins Arbeitsleben. Der Weg zur Schriftstellerin scheint zunächst verbaut, aber die junge Tove gibt diesen Traum nicht auf.

Der dritte Band liefert dann die Lebensphase, in welcher sich Tove Ditlevsen weiter in Abhängigkeit von ihren Männern begibt und dem Druck Ehefrau, Mutter und den Traum der Schriftstellerin nicht mehr gewachsen ist. Der Ausweg drückt sich in einer Medikamentenabhängigkeit aus. Allen drei Bänden bleibt eine wunderbare Sprache.

Mein Eindruck vom Buch:

Mich haben diese drei Bücher wirklich beeindruckt, denn diese Ich-Erzählung findet für das geschilderte Leben eine so feinfühlige und doch auch mit drastischer Wucht wirkende Sprache, dass es mir wirklich schwer fällt dies zu beschreiben. Trotz der Erzählhaltung aus der ersten Person ist die Erzählstimme in der Lage auch den distanzierten Blick auf das eigene Ich frei zu machen. An einigen Stellen spürt man die Last, die auf die Dichterin drückt und doch nimmt sie keine unreflektierte Opferrolle ein. In dieser Art des Erzählens drückt sich auch eine Kraft aus, die gegen die Schranken des Lebens aufbegehren möchte. Gleichzeitig sucht die Hauptfigur auch jede Spur von Lebensfreude und so erhalten wir ein Lebensporträt, dass für jeden greifbar ist, da sich Freud und Leid fast spielerisch abzuwechseln scheinen.

Ein literarischer Glücksfall

Der erste Band hat mich dabei am stärksten emotional gepackt. Fast nüchtern wirken die Familienstrukturen, welche ihrem Bruder ganz andere Rechte einräumen und für das junge Mädchen doch so bedrückend sein müssen. Wie Ditlevsen die gesellschaftliche Akzeptanz dieses Rollenbildes markiert und gleichzeitig sich selbst als aufgeweckt darstellt, ist ein literarischer Glücksfall. Sprachlich werden dichte Bilder geschaffen, die lyrisch Emotionen hervorrufen, jedoch kunstvoll in die Romanprosa verwebt werden. Die Mutter stellt sich in einigen Szenen durchaus auch als Kämpferin für ihre Tochter, nur um in anderen Szenen wieder in die Rolle der Hausfrau zu wechseln, die nur schwerlich Nähe zur jungen Tove aufbaut. Der Vater scheint einen Zugang zu seiner Tochter über die Liebe zur Literatur zu finden und doch baut sich auch hier nie eine spürbare Nähe auf. Neben diesen familiären Beziehungen ist der erste Teil auch ein Blick in ein Dänemark vor Beginn des Zweiten Weltkrieges und herrschende soziale Verhältnisse. Das dies der Protagonistin und ihrer Entwicklung nicht den Platz streitig macht sondern in eine flüssige Wechselbeziehung aufgeht, ist ebenfalls ästhetisch wunderbar gelöst.

Ich lese in meinem Poesiealbum, während die Nacht an meinem Fenster vorbeiwandert, und ohne, dass ich es weiß, sinkt meine Kindheit leise auf den Grund der Erinnerungen, dieser Seelenbibliothek, aus der ich bis an mein Lebensende Wissen und Erfahrungen schöpfen werde.

Ditlevsen, Tove: Kindheit, S.115 Aufbau Verlag 1. Auflage 2021.

Ich weiß gar nicht, ob ich mehr schreiben muss, nach diesem großartigen Zitat. Nicht nur die Bilder die geschaffen werden beeindrucken mich, sondern das eine kindliche Perspektive spürbar ist, diese sich aber auch mit einer unglaublichen Weisheit verbindet. Diese Qualität durchzieht das gesamte Buch und lässt einen immer wieder Sätze lesen, die man einfach nur herausschreiben will und eigentlich an die eigenen vier Wände hängen muss.

Im zweiten Band ändert sich der Tonfall leicht. Angepasst an das Leben der Hauptfigur verschwindet das träumerisch Naive etwas aus dem Roman, ohne jedoch die Ziele des eigenen Lebens aufzugeben. Wir erleben eine Tove, die sich von zu Hause entfernen möchte, das Neue am Leben entdecken will und doch auch in diesem zweiten Band die Grenzen des weiblichen Lebens erfahren muss. Da ihr nicht alle Türen offen zu stehen scheinen, wünscht sie sich zumindest einen Job in einem Büro. Doch Stellen werden gewechselt, es kommt immer wieder auch zu sexistischen Kommentaren, die aber als normal erscheinen in diesem Kopenhagen der 1930er Jahre. Sie lernt neue Freunde kennen und taucht in die Welt der Bars und des Tanzens ein. Der Kontakt zum männlichen Geschlecht bleibt zaghaft, aber vor allem kontrollierend. In der Sprache ist immer wieder die Balance zwischen mangelndem Selbstvertrauen und einem negativen Blick auf den eigenen Körper und dieser Bestimmtheit, die Tove und ihre Ansprüche an das eigene Leben prägen. Meine Bindung an diese junge Frau nimmt über diesen Band weiter zu. Die kurzen Gedichte in denen der Wunsch Schriftstellerin zu werden zum Ausdruck kommt, verändern sich ebenfalls, sind aber genauso bezaubernd wie zuvor. Der Wille sich sprachlich auszudrücken und der Glaube daran, dass diese Worte die eigenen vier Wände verlassen ist unbeirrt Antriebsgedanke. Wir lesen trotz der immer wieder auftauchenden Umstände die Lebensgeschichte einer starken Frau.

Heute Abend möchte ich damit allein sein, denn es gibt niemanden, der wirklich versteht, was für ein Wunder es für mich ist.

Ditlevsen, Tove: Jugend, S.154 Aufbau Verlag 1. Auflage 2021.

In diesem Zitat zeigt sich aus meiner Sicht die Kraft der jungen Frau. Sie ist gerührt von der Chance Schriftstellerin werden zu können, weiß aber das dieses Gefühl nicht transportiert werden kann. Zu viel Unverständnis begleitet ihren Weg, bringt sie aber nie davon ab.

Nochmals emotional mitgenommen hat mich dann Band drei mit dem Titel „Abhängigkeit“. Natürlich konzentriert sich der Text auf die entstehende Medikamentenabhängigkeit, jedoch finde ich auch, dass er sogleich die Abhängigkeit von den Männern im Leben der Protagonistin bezeichnet. Versuchte Tove in den beiden Vorgängerbüchern den Rollenbildern zu entfliehen und ihren Traum zu verwirklichen, scheint dieser im letzten Teil Realität zu werden. Sie kann veröffentlichen, erhält Lob für ihr Werk und doch ist da dieser gesellschaftliche Druck, auch die Rolle als Ehefrau und Mutter zu bewältigen. Die Trennung von ihren Ehemännern erfolgt immer sachlich und sie zeigt keinen Groll. Im Nachgang folgen aber auch immer wieder Momente der Erinnerung und des Vergleichs. Ehemann Carl ist es dann, der ihr erstmals Medikamente gibt und schnell ist sie vom berauschenden Gefühl begeistert. Die Heirat ist auch ihr Weg stetig an Medikamente zu kommen, die Abhängigkeit zu diesem Mann kulminiert im doppelten Verhältnis als Beschaffer und Verstärker der Medikamentenabhängigkeit. Ditlevsen findet für die Momente des Rausches und des Wunsches nach Nachschub bedrückende Worte, die trotzdem nüchtern die Situation der Abhängigkeit darstellen.

Sie stirbt nie ganz, solange ich lebe.

Ditlevsen, Tove: Abhängigkeit, S.176 Aufbau Verlag 1. Auflage 2021.

Mit diesem Zitat zeigt sich wie stark die Abhängigkeit an ihrem Inneren reißt und so schafft sie es diese Zerrissenheit über das Wissen der Abhängigkeit sich immer wieder mit dem Rausch und auch damit verbundenem künstlerischen Glück herzustellen. Tief lässt diese Autorin in ihre dunkelsten Momente blicken. Der letzte Teil beschließt die eingangs aufgezeigten Grenzen eines weiblichen Lebens und lässt sie in Verhältnissen der Abhängigkeit aufgehen.

Wow, einfach nur wow, muss ich nach der Lektüre dieser drei Bücher festhalten. Mich hat diese Trilogie umgeworfen, da die Bücher sprachlich so fein gearbeitet sind, dass es der Autorin gelingt viele Gefühle in wenigen Worten abzubilden. Drei schmale Bände, die mit ihrer dichten Sprache glänzen und ein Leben so sichtbar machen, dass man emotional gepackt wird. Man kann dem Aufbau Verlag nur danken, dass dieses Werk wiederentdeckt wurde. Tove Ditlevsen hat die Gabe komplexe Geschehnisse so in Sprache zu packen, dass sie eine breite Leserschaft anspricht und ästhetisch brilliert. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt etwas autobiographisches mit einer solchen Qualität gelesen habe. Lesen, einfach nur lesen !

Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧

Unbezahlte Werbung aus Liebe zum Buch

Tove Ditlevsen:

Kindheit

Aufbau Verlag

ISBN: 978-3-351-03868-7

Preis: 18,00€

Tove Ditlevsen:

Jugend

Aufbau Verlag

ISBN: 978-3-351-03869-4

Preis: 18,00€

Tove Ditlevsen:

Abhängigkeit

Aufbau Verlag

ISBN: 978-3-351-03870-0

Preis: 18,00€

Tove Ditlevsen ‒ Frauen erzählen Geschichten anders (aufbau-verlag.de)

Kuhn, Christian: Nordseedunkel – Rezension

Kurzweiliger Ausflug nach Norderney

Ich mag Lovelybooks Leserunden, weil man ganz schnell verschiedenste Lesermeinungen erhält und sich auch austauschen kann. Meine letzte Leserunde war dann doppelt passend, denn ich habe die Möglichkeit erhalten „Nordseedunkel“ von Christian Kuhn zu lesen. Dies ist der zweite Teil einer Reihe, deren ersten Band Nordseedämmerung ich schon auf dem Blog besprochen habe. Kuhn hat einen Faible für die Nordsee und so darf man sich bei seinen Romanen auf tolle Beschreibungen der Handlungsorte freuen. Dieses Mal wird Ermittler Tobias Velten als privater Ermittler tätig. Kümmerte er sich im ersten Band noch um einen Maulwurf, geht es nun um einen Entführungsfall. Felicitas Toben, Tochter einer reichen Unternehmerfamilie, wurde entführt und Velten soll den Fall lösen. Dabei stellen sich viele Geheimnisse in seinen Weg und er muss auch Fragen nach Schein und Wirklichkeit nachspüren.

Mein Eindruck vom Buch:

Wie schon beim ersten Roman von Christian Kuhn erwartet die Leserschaft solide Krimiunterhaltung. Mir gefällt es, dass er auch in diesem Teil an Tobias Velten und seinem Charakter als eigenwilliger Ermittler festhält. Habe ich im ersten Teil noch die Tiefe bei der Figur Velten vermisst, erhält dessen rätselhafter Lebensweg nun weitere Andeutungen und dies steigert die Spannung auf den nächsten Teil der Reihe. Man wird äußerst schnell in die Handlung hineingezogen und diese baut sich konsequent auf. Hilfreich ist hierbei die Beobachtungsgabe des Autors, sodass wir als Leser dem Ermittler folgen und auch beginnen seine Hinweise zu deuten. Ich stelle selbst gerne Vermutungen an und dieser Krimi lässt mir hierfür die nötige Gelegenheit.

Es war schwierig, einen klaren Gedanken zu fassen.

Kuhn, Christian: Nordseedunkel, S.319 Heyne Verlag 1. Auflage 2021.

Ich würde mir an einigen Stellen etwas mehr Tiefe auch in den Dialogen wünschen, so könnten die Figuren sich einander noch mehr Raum geben und auch die Themen des Romans würden sich besser entfalten. Ein Vorteil der knappen Darstellungsweise ist allerdings, dass die privaten Ermittleraspekte nicht die Handlung überlagern, sondern sich der Roman auf die Handlung konzentriert. Der knappe Stil sorgt auch dafür, dass Hinweise und mögliche Motive knapp präsentiert werden. Zudem werden auch Perspektivwechsel mit dem Opfer genutzt, um die Dramatik der Entführung zu unterstützen. Neben dem flüssigen Schreibstil machen auch die Beschreibungen von Norderney Spaß. Wie schon beim ersten Teil hätte das Buch noch die ein oder andere Seite mehr vertragen.

Als Fazit halte ich fest, dass ich auch den zweiten Teil der Reihe um Tobias Velten gerne gelesen habe. Es ist eine entspannte und kurzweilige Lektüre. Ich würde mich freuen, wenn die Reihe weiter fortgesetzt werden würde. Die Ermittlerfigur von Tobias Velten bietet auf jeden Fall noch einiges an Potenzial. Mit diesem Krimi kann man einige Tage auf der Lesecouch verbringen und dank der tollen Beschreibungen macht man dabei auch noch Urlaub in Norderney.

Wertung: 🐧🐧🐧1/2🐧

Unbezahlte Werbung mit Rezensionsexemplar (Lovelybooks Leserunde)

Christian Kuhn:

Nordseedunkel

Heyne Verlag

ISBN: 978-3-453-44117-0

Preis: 10,99€

Christian Kuhn: North Sea Darkness. Heyne Verlag (Paperback, Thriller & Crime) (randomhouse.de)

Nam-Joo, Cho: Kim Jiyoung, geboren 1982 – Rezension

Dokument eines Lebens in Unfreiheit

Bei meinem letzten großen Hugendubel Einkauf konnten sich meine ehemaligen Kolleg*Innen vollends austoben und haben mich vollbepackt aus dem Laden gehen lassen. Einer der Tipps war das Buch „Kim Jiyoung, geboren 1982“, dass ein Bestseller in Südkorea war und im Anschluss die Welt erobert hat. Nam-Joo Cho war als Drehbuchautorin tätig, ihr Roman hat sich mittlerweile über 2 Millionen Mal verkauft und wurde verfilmt. Sie schildert darin das Leben der Mitdreißigerin Kim Jiyoung. Sie ist verheiratet und kümmert sich um ihre kleine Tochter als eine Psychose auftritt. In dieser nimmt sie verschiedenste Persönlichkeiten an. Sie beginnt eine Therapie und ihr Psychiater erzählt uns daraufhin ihre Lebensgeschichte, dominiert von Sexismus und starren Rollenbildern.

Mein Eindruck vom Buch:

Auch dieses Buch hat natürlich Erwartungen geweckt, doch da ich schon die ein oder andere Rezension gelesen hatte, konnte ich diese schon einordnenNam-Joo Cho hat einen dokumentarischen Stil für ihren Roman gewählt. Die Erzählung des Lebens wird durch den Psychiater unterstützt, der bestimmte Einschätzungen mit Fakten und Quellenangaben untermauert. In ihrer Heimat hat das Buch die „MeToo“ Debatten beeinflusst. Dabei ist das was wir hier zu lesen bekommen nichts, was wir einzig und allein einer südkoreanischen Gesellschaft zuordnen können. Kim Jiyoung wächst in einer Familie auf, in welcher der Bruder immer bevorzugt wird. Die Ausbildungssituation für Frauen ist deutlich schlechter als für Männer. Sexistische Bemerkungen begleiten den weiblichen Alltag, die Kindererziehung ist klar der Frau zugeordnet. All diese Dinge sind uns auch in Europa bekannt. Immer wieder kommt Ermutigung auf, wenn sich einer der Lebensgefährten als Unterstützer zu erweisen scheint. Diese Hoffnungsschimmer halten jedoch nie lange genug an, um Kim beim Überwinden der nächsten Barriere zu unterstützen. Auch in Südkorea soll offiziell Gleichberechtigung herrschen, doch der reale Alltag spiegelt dies nicht wieder.

Ich werde also darauf achten müssen, eine unverheiratete Frau einzustellen.

Nam-Joo, Cho: Kim Jiyoung, geboren 1982, S.207 Kiepenheuer und Witsch Verlag 2. Auflage 2021.

Dieses Zitat des Psychotherapeuten macht aus meiner Sicht einen gewichtigen Punkt in der Betrachtung der behandelten Themen aus. Der Therapeut wirkt über weite Teile des Romans als verständnisvoll, trotzdem möchte er in seiner eigenen Praxis darauf achten, dass der Mutterschutz sich nicht nachteilig auf ihn auswirkt. Genau diese Art des Umgangs ist aber ebenfalls eine Wurzel für das von Kim Jiyoung gelebte Leben. Kim selbst realisiert die Ungerechtigkeiten nicht immer. Doch es fehlt nicht an Deutlichkeit, dies geschieht seitens der Autorin durch Nennung einer faktenbasierten Quelle. Durch diese Darstellung drückt sich das Ausmaß aus und Kim wird so zu einem Beispielfall in dem sich allgemeine Zustände ausdrücken.

Der Roman erzählt dieses Leben in Zeitabschnitten und stellt uns in diesem Zeitraum auch die Veränderungen Südkoreas hin zu einer kapitalistischen Gesellschaft vor.

Kein Weg für Einzelkämpfer*Innen

Der Roman zeigt auf, dass unsere Strukturen in der Arbeitswelt und der Familie Frauen immer noch strukturell benachteiligen. Männerphantasien werden im Roman deutlich, drücken sich aber nie explizit aus. Dies kann man dem Roman nachteilig auslegen, doch ich sehe gerade darin die Stärke. Es muss nicht immer erst das Äußerste geschehen, schon die Hintergründe sind entscheidend, um Benachteiligungen deutlich zu machen. In den Darstellungen der Arbeitswelt wird sichtbar, dass auch einzelne handelnde Personen es nicht schaffen werden, dieses Umfeld zu ändern. Es braucht größere Anstrengungen. Das den Roman durchziehende Gefühl der Unfreiheit ist gleichzeitig der kausale Grund für die psychischen Probleme der Hauptfigur. Dabei deutet die Darstellung des Psychotherapeuten nicht daraufhin, dass diese Therapie ihr schlussendlich helfen könnte.

Mein Fazit dieses Werkes ist, dass es viele dieser Romane braucht, die einem immer wieder den Spiegel vorhalten. Natürlich lernen wir aus dieser Lektüre nichts, was uns nicht schon bekannt sein sollte. Festzuhalten ist jedoch, dass sich noch nichts geändert hat. Der dokumentarische Stil und der Plot der Psychotherapie sind mir bisher unbekannte Umgangsweisen mit diesem Thema. Der Roman kombiniert sein Thema kunstvoll mit dieser Konstruktion und wird auf diesem Wege zu einem Dokument eines Lebens in gelebter Unfreiheit. Mir hat das Buch auf jeden Fall gefallen. Dem Buch gelingt es aufgrund seiner Stilistik aber nicht mich emotional zu packen, weshalb ich in meiner Gesamteinschätzung hinter höchsten Werten zurückbleibe. Trotzdem ist es ein wichtiges Buch zum Thema Gleichberechtigung und Benachteiligung von Frauen und findet zurecht eine große Leserschaft.

Wertung: 🐧🐧🐧1/2🐧

Unbezahlte Werbung aus Liebe zum Buch

Nam-Joo Cho:

Kim Jiyoung, geboren 1982

Kiepenheuer und Witsch

ISBN: 978-3-462-05328-9

Preis: 18,00€

Kim Jiyoung, geboren 1982 – Nam-Joo Cho | Kiepenheuer & Witsch (kiwi-verlag.de)

Hall, Sarah: Die Töchter des Nordens – Rezension

In der Hoffnung auf ein anderes Leben …

In der Verlagsvorschau des Penguin Verlages bin ich auf meinen heutigen Buchtipp aufmerksam geworden. Ein Roman, der an Margaret Atwood erinnert und von der Times als einer der 100 besten Bücher des Jahrzehnts im Erscheinungsjahr 2007 bezeichnet wurde. Die britische Schriftstellerin Sarah Hall verbindet in ihrem Werk feministische Themen mit Naturbeschreibungen. Nach einer Umweltkatastrophe und einer damit verbundenen Wirtschaftskrise hat Großbritannien kein demokratisches politisches System mehr. Diktatorisch wird versucht den Herausforderungen zu begegnen. Eine Maßnahme ist, dass Frauen nur noch in Ausnahmefällen Kinder kriegen sollen. Dieser Gesellschaft und ihren Doktrinen entflieht eine junge Frau und macht sich auf den Weg zu einer Farm, die als Aussteigersiedlung von Frauen betrieben wird. Auf dieser Farm geht es darum, sich gegenüber der Außenwelt zu behaupten, sich aber auch im dortigen Machtgefüge zu beweisen.

Mein Eindruck vom Buch:

Durch die Ankündigung in der Verlagsvorschau hat dieses Buch natürlich auch Erwartungen geweckt. Nach meiner Lektüre muss ich leider sagen, dass diese nicht erfüllt werden konnten. Der Roman entführt uns in eine dystopische Welt nach einer Umweltkatastrophe. Großbritannien hat keine demokratische Regierung mehr, die Reorganisation ist nicht gelungen. Die Protagonistin, nur Schwester genannt, muss in einer Fabrik für Turbinen arbeiten und zu Hause wartet eine Ehe, die nicht mehr von der anfänglichen Liebe getragen wird. Um die Geburten zu kontrollieren, bekommen Frauen Spiralen eingesetzt, jeglicher Kritik oder aufkommendem Widerstand wird mit Gewalt entgegen getreten. Die Protagonistin kann dies nicht mehr aushalten und flüchtet auf eine Farm. Dort hat sich eine Gruppe von Frauen niedergelassen und lebt abgeschieden vom mächtigen System.

Ich erkenne diese Regierung nicht als die rechtmäßige an.

Hall, Sarah: Die Töchter des Nordens, S.252 Penguin Verlag 1. Auflage 2021.

Der Roman wird in Passagen aus einer Strafakte erzählt, welche das Geständnis der Protagonistin darstellen. Die Akte wird als nicht vollständig dargestellt, wobei die Zuschreibungen wie „vollständig wiederhergestellt“ aus meiner Sicht auch immer zum jeweiligen körperlichen und seelischen Zustand der Hauptfigur passen könnten. Ihre Flucht ist mit der Hoffnung auf ein besseres und vor allem auch anderes Leben verbunden. Während ihr das System keine Entfaltung zu bieten scheint, hofft sie diese in der Frauengesellschaft zu bekommen. Die sprachliche Gestaltung des Textes setzt auf eine Metaphorik, die Gewalt, Krieg und Machtkämpfe transportiert. Die Flucht wird mit der nötigen Drastik dargestellt. Die Frauen haben sich auf der Farm jedoch ebenfalls in einem System organisiert, welches von Machtstrukturen gezeichnet ist. Die ersten Tage wird die Protagonistin auch dort Opfer von Gewalt und Folter. Nach den Regeln dient dies dazu, herauszufinden, ob sie eine Gefahr darstellt und dem harten Leben auf der Farm gewachsen ist. Für mich machen sich in dieser Darstellung leider keine richtigen Gegensätze zum System in den Städten deutlich. Natürlich versorgen sich die Frauen autark, das Leben ist stärker an den natürlichen Ressourcen orientiert, aber es wird nicht deutlich worin die Alternative besteht. Frauen haben auch in dieser organisierten Struktur kein gänzliches Recht auf Selbstbestimmung. Einige führen Liebesbeziehungen mit einer Männeraussteigerkommune, dürfen diese aber nicht mit auf die Farm bringen.

…basiert schlussendlich auch der Wunsch nach Konflikt

Die Machtspiele werden seitens Sarah Hall gut dargestellt, ergeben aus meiner Sicht aber auch nicht an allen Stellen Sinn. Leerstellen kann der Roman durch seine Erzählstruktur in unvollständigen Akten übergehen, trotzdem fehlte mir an der ein oder anderen Stelle der Hintergrund bestimmter Verhaltensweisen. Die Botschaft des Buches ist, dass in den Bemühungen um ein besseres oder anderes Leben, natürlich auch immer Konflikte bestehen. Auch in alternativen Gesellschaftsformen werden sich Machtstrukturen herausbilden. Auch die als Utopie herbeigesehnte Farm kann brutal und schroff sein. Zielgerichtet verläuft der Roman auf ein Ende zu, welches Entscheidungen herbeiführen soll.

Mein Fazit nach diesem Roman ist, dass so mancher Werbespruch auf einem Buchcover, dem Werk mehr aufbürdet, als das es ihm marketingtechnisch hilft. Die Protagonistin ist durchaus mit der nötigen Tiefe versehen und das Setting des Romans beeindruckt. Allerdings kann die erzählte Handlung damit nicht mithalten, zu viele Handlungsweisen bleiben für mich in ihrer Motivation unklar. Das Buch macht dystopisch deutlich, dass die Selbstbestimmung über den eigenen Körper eines der wichtigsten Grundrechte ist. Weiteres Potenzial über Gleichberechtigung und Freiheit nachzudenken, wird aus meiner Sicht verschenkt. Einem Vergleich mit Margaret Atwood kann der Roman aus meiner Sicht nicht standhalten. Wer solche Bücher jedoch mag, wird auch bei Sarah Hall sicherlich nicht enttäuscht werden.

Wertung: 🐧🐧🐧

Unbezahlte Werbung aus Liebe zum Buch

Sarah Hall:

Die Töchter des Nordens

Penguin Verlag

ISBN: 978-3-328-60101-2

Preis: 20,00€

Die Töchter des Nordens | Presseportal (penguinrandomhouse.de)