Veranstaltung Literaturm 28.06.2022: Philipp Winkler – Creep im Mousonturm

Vorneweg möchte ich die wunderbare Moderation von Björn Jager hervorheben, der mich zum wiederholten Male begeistert. Seine Moderation ermöglicht es in die Bücher einzudringen, ihre Tiefe zu erfassen, ohne dass dabei den Autor*Innen zu nahe getreten wird. Philipp Winkler ist entspannter Gesprächsgast, lässt die Zuhörerschaft aber durchaus nahe an sich heran

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Winkler, Philipp: Carnival – Rezension

Entführung in eine andere Kultur

„HOOL“ hatte mich förmlich umgehauen, mit seiner brachialen Sprache und wie Philipp Winkler mit seinem Sujet umgeht hat mich wirklich beeindruckt. Ganz einfach, weil man solche Texte in deutscher Sprache vielleicht sonst nur von Clemens Meyer kennt. Beim neueren Werk „Carnival“ ist dies nicht in gleichem Maße geschehen. Live erleben konnte ich Winkler inmitten der Corona-Pandemie beim Literaturfestival Stromern in Frankfurt. Hier wurde auch erläutert, aus welchem Anlass das Werk zustande kam. Der Aufbau Verlag feierte sein 75-jähriges Jubiläum und Winkler war einer der Autoren, der zu diesem Anlass um einen erzählerischen Text gebeten wurde.

Winkler versteht seinen Text selbst als eine Art Nachruf auf die Jahrmarktkultur, die uns in der Form vergangener Jahrzehnte heute schon fremd erscheinen. Und so entführt uns der Autor in die nicht mehr ganz so funkelnde Kirmeswelt.

Um was geht es ?

Philipp Winkler präsentiert uns eine eingeschworene „Kirmes-Gruppe“ und alle Facetten ihres Zusammenlebens, so wird eine Hochzeit und auch ein Todesfall geschildert. Grundsätzlich reflektiert der Roman dabei auch, dass es sich um eine bedrohte, ausgegrenzte Welt handelt, die ihren öffentlichen Raum in unserer Gesellschaft aufgrund ausbleibender Besucher*Innen immer schwieriger behaupten kann.

Mein Eindruck vom Buch

In verschiedenen Rezensionen wurde immer wieder negativ bemerkt, dass wir vermehrt klischeehafte Personen präsentiert bekommen. Ich bin ehrlich, dies stößt mir nicht auf. Grundsätzlich glaube ich, dass ich gar nicht in der Lage bin zu beurteilen, was an diesen Personen vielleicht nur Klischees betrifft, oder wo ich Figurentiefe erfassen kann. Letzteres ist zudem nicht der Ansatz dieses kurzen Erzählwerkes. Star der Geschichte ist definitiv die sprachliche Umsetzung und die Vielfalt der dargestellten Figuren. Mit Vielfalt meine ich in diesem Zusammenhang, dass man die Welt der „Grobiane“, als auch jene der Frauen kennenlernt, die sich innerhalb dieser fahrenden Gruppe um ihre Familie kümmern. Winkler versucht diese Welt nicht zu verklären, kann aber eine Romantisierung nicht gänzlich vermeiden. Mich fasziniert die dargestellte Welt vor allem, weil sie mir so fremd erscheint. Natürlich besucht man Jahrmärkte, betrachtet die dort arbeitenden Menschen aber einzig und allein in ihrer Funktion als Dienstleister. Erst die Corona-Pandemie hat mir gezeigt, dass auch diese Veranstaltungen etwas sind, dass fehlt. Winkler benötigt keine Handlung, er stellt dar, beleuchtet Absurdes und verleiht dem Ganzen durchaus eine magische Referenz, gleich den dargebotenen Kunststücken. Genutzt wird dabei eine ganz besondere Sprache, die Winkler „Kzirms“ nennt und die beim Lesen durchaus anstrengend wirken kann. Doch wie sonst, soll eine Welt beschrieben werden, die mit normalen Begrifflichkeiten noch mehr ausgegrenzt würde. Die Schilderungen der Hochzeit, sowie der Beerdigung haben mich tatsächlich aufgrund der dargestellten Tradition in ihren Bann gezogen. Es ist schon berührend wie Menschen, die sich teilweise auch auf der Flucht vor dem Gesetz befinden, sich in dieser aus der Gesellschaft ausgegrenzten Gruppe wieder einfinden möchten. Auch wenn natürlich genau in diesen Momenten die romantische Darstellung die Überhand gewinnt.

Ob es wirklich so ist, dass die heutigen Unterhaltungstechniken uns alle so sehr in Beschlag nehmen, dass wir deshalb immer weniger Jahrmärkte besuchen, will ich nicht beurteilen. Aber ich werde direkt angesprochen, als jemand der durch Abwesenheit die dargestellte Welt bedroht und diesen Kniff finde ich gelungen. Denn so bin ich gezwungen, darüber nachzudenken und schon lasse ich mich als Außenstehender in die dargestellte Welt hineinziehen.

Zusammenfassend kann ich diesen schmalen Band allen empfehlen, die gerne in eine fremd wirkende Welt eintauchen möchten und auch ihren Spaß am Absurden haben. Wer meine Rezensionen verfolgt weiß, dass ich definitiv zu diesem Leserkreis gehöre. Trotzdem gibt es von mir für dieses Buch keine ganz hohe Wertung, denn dafür fehlen mir einfach die besonderen Momente.

Wertung: 🐧🐧🐧🐧

Unbezahlte Werbung aus Liebe zum Buch

Philipp Winkler:

Carnival

Aufbau Verlag

ISBN: 978-3-351-03828-1

Preis: 14,00€

Carnival (aufbauverlag.de)

Ditlevsen, Tove: Kopenhagen-Trilogie – Rezension

Wunderbare Wiederentdeckung

Ich gebe zu, bisher habe ich Karl Ove Knausgard oder Annie Ernaux nicht gelesen und so beeindruckt mich Tove Ditlevsen vielleicht auch deshalb so stark. Erstmals liegt die Kopenhagen-Trilogie der dänischen Schriftstellerin komplett auf Deutsch vor. In diesen drei Büchern zeigt uns Ditlevsen das biographisch geprägte Aufwachsen in einer dänischen Arbeiterfamilie und wie die Sprache schon als Kind zu einem Ort der Sehnsucht wird. Über die Kindheit und Jugend bekommen wir erzählt, wie die junge Schriftstellerin versucht einen Platz zu finden, inmitten all der Erwartungshaltungen von ihr selbst und ihrem Umfeld.

Im ersten Band wird die Kindheit erzählt, das schwierige Verhältnis zur Mutter erhält Raum und der schon früh bestehende Wunsch Schriftstellerin zu werden. Dies wird jedoch seitens der Eltern nicht positiv aufgenommen, sondern auch für ein „Mädchen“ als ausweglos bezeichnet.

Im zweiten Band geht es um die Zeit nach ihrem Schulabschluss und beschreibt ihren Weg ins Arbeitsleben. Der Weg zur Schriftstellerin scheint zunächst verbaut, aber die junge Tove gibt diesen Traum nicht auf.

Der dritte Band liefert dann die Lebensphase, in welcher sich Tove Ditlevsen weiter in Abhängigkeit von ihren Männern begibt und dem Druck Ehefrau, Mutter und den Traum der Schriftstellerin nicht mehr gewachsen ist. Der Ausweg drückt sich in einer Medikamentenabhängigkeit aus. Allen drei Bänden bleibt eine wunderbare Sprache.

Mein Eindruck vom Buch:

Mich haben diese drei Bücher wirklich beeindruckt, denn diese Ich-Erzählung findet für das geschilderte Leben eine so feinfühlige und doch auch mit drastischer Wucht wirkende Sprache, dass es mir wirklich schwer fällt dies zu beschreiben. Trotz der Erzählhaltung aus der ersten Person ist die Erzählstimme in der Lage auch den distanzierten Blick auf das eigene Ich frei zu machen. An einigen Stellen spürt man die Last, die auf die Dichterin drückt und doch nimmt sie keine unreflektierte Opferrolle ein. In dieser Art des Erzählens drückt sich auch eine Kraft aus, die gegen die Schranken des Lebens aufbegehren möchte. Gleichzeitig sucht die Hauptfigur auch jede Spur von Lebensfreude und so erhalten wir ein Lebensporträt, dass für jeden greifbar ist, da sich Freud und Leid fast spielerisch abzuwechseln scheinen.

Ein literarischer Glücksfall

Der erste Band hat mich dabei am stärksten emotional gepackt. Fast nüchtern wirken die Familienstrukturen, welche ihrem Bruder ganz andere Rechte einräumen und für das junge Mädchen doch so bedrückend sein müssen. Wie Ditlevsen die gesellschaftliche Akzeptanz dieses Rollenbildes markiert und gleichzeitig sich selbst als aufgeweckt darstellt, ist ein literarischer Glücksfall. Sprachlich werden dichte Bilder geschaffen, die lyrisch Emotionen hervorrufen, jedoch kunstvoll in die Romanprosa verwebt werden. Die Mutter stellt sich in einigen Szenen durchaus auch als Kämpferin für ihre Tochter, nur um in anderen Szenen wieder in die Rolle der Hausfrau zu wechseln, die nur schwerlich Nähe zur jungen Tove aufbaut. Der Vater scheint einen Zugang zu seiner Tochter über die Liebe zur Literatur zu finden und doch baut sich auch hier nie eine spürbare Nähe auf. Neben diesen familiären Beziehungen ist der erste Teil auch ein Blick in ein Dänemark vor Beginn des Zweiten Weltkrieges und herrschende soziale Verhältnisse. Das dies der Protagonistin und ihrer Entwicklung nicht den Platz streitig macht sondern in eine flüssige Wechselbeziehung aufgeht, ist ebenfalls ästhetisch wunderbar gelöst.

Ich lese in meinem Poesiealbum, während die Nacht an meinem Fenster vorbeiwandert, und ohne, dass ich es weiß, sinkt meine Kindheit leise auf den Grund der Erinnerungen, dieser Seelenbibliothek, aus der ich bis an mein Lebensende Wissen und Erfahrungen schöpfen werde.

Ditlevsen, Tove: Kindheit, S.115 Aufbau Verlag 1. Auflage 2021.

Ich weiß gar nicht, ob ich mehr schreiben muss, nach diesem großartigen Zitat. Nicht nur die Bilder die geschaffen werden beeindrucken mich, sondern das eine kindliche Perspektive spürbar ist, diese sich aber auch mit einer unglaublichen Weisheit verbindet. Diese Qualität durchzieht das gesamte Buch und lässt einen immer wieder Sätze lesen, die man einfach nur herausschreiben will und eigentlich an die eigenen vier Wände hängen muss.

Im zweiten Band ändert sich der Tonfall leicht. Angepasst an das Leben der Hauptfigur verschwindet das träumerisch Naive etwas aus dem Roman, ohne jedoch die Ziele des eigenen Lebens aufzugeben. Wir erleben eine Tove, die sich von zu Hause entfernen möchte, das Neue am Leben entdecken will und doch auch in diesem zweiten Band die Grenzen des weiblichen Lebens erfahren muss. Da ihr nicht alle Türen offen zu stehen scheinen, wünscht sie sich zumindest einen Job in einem Büro. Doch Stellen werden gewechselt, es kommt immer wieder auch zu sexistischen Kommentaren, die aber als normal erscheinen in diesem Kopenhagen der 1930er Jahre. Sie lernt neue Freunde kennen und taucht in die Welt der Bars und des Tanzens ein. Der Kontakt zum männlichen Geschlecht bleibt zaghaft, aber vor allem kontrollierend. In der Sprache ist immer wieder die Balance zwischen mangelndem Selbstvertrauen und einem negativen Blick auf den eigenen Körper und dieser Bestimmtheit, die Tove und ihre Ansprüche an das eigene Leben prägen. Meine Bindung an diese junge Frau nimmt über diesen Band weiter zu. Die kurzen Gedichte in denen der Wunsch Schriftstellerin zu werden zum Ausdruck kommt, verändern sich ebenfalls, sind aber genauso bezaubernd wie zuvor. Der Wille sich sprachlich auszudrücken und der Glaube daran, dass diese Worte die eigenen vier Wände verlassen ist unbeirrt Antriebsgedanke. Wir lesen trotz der immer wieder auftauchenden Umstände die Lebensgeschichte einer starken Frau.

Heute Abend möchte ich damit allein sein, denn es gibt niemanden, der wirklich versteht, was für ein Wunder es für mich ist.

Ditlevsen, Tove: Jugend, S.154 Aufbau Verlag 1. Auflage 2021.

In diesem Zitat zeigt sich aus meiner Sicht die Kraft der jungen Frau. Sie ist gerührt von der Chance Schriftstellerin werden zu können, weiß aber das dieses Gefühl nicht transportiert werden kann. Zu viel Unverständnis begleitet ihren Weg, bringt sie aber nie davon ab.

Nochmals emotional mitgenommen hat mich dann Band drei mit dem Titel „Abhängigkeit“. Natürlich konzentriert sich der Text auf die entstehende Medikamentenabhängigkeit, jedoch finde ich auch, dass er sogleich die Abhängigkeit von den Männern im Leben der Protagonistin bezeichnet. Versuchte Tove in den beiden Vorgängerbüchern den Rollenbildern zu entfliehen und ihren Traum zu verwirklichen, scheint dieser im letzten Teil Realität zu werden. Sie kann veröffentlichen, erhält Lob für ihr Werk und doch ist da dieser gesellschaftliche Druck, auch die Rolle als Ehefrau und Mutter zu bewältigen. Die Trennung von ihren Ehemännern erfolgt immer sachlich und sie zeigt keinen Groll. Im Nachgang folgen aber auch immer wieder Momente der Erinnerung und des Vergleichs. Ehemann Carl ist es dann, der ihr erstmals Medikamente gibt und schnell ist sie vom berauschenden Gefühl begeistert. Die Heirat ist auch ihr Weg stetig an Medikamente zu kommen, die Abhängigkeit zu diesem Mann kulminiert im doppelten Verhältnis als Beschaffer und Verstärker der Medikamentenabhängigkeit. Ditlevsen findet für die Momente des Rausches und des Wunsches nach Nachschub bedrückende Worte, die trotzdem nüchtern die Situation der Abhängigkeit darstellen.

Sie stirbt nie ganz, solange ich lebe.

Ditlevsen, Tove: Abhängigkeit, S.176 Aufbau Verlag 1. Auflage 2021.

Mit diesem Zitat zeigt sich wie stark die Abhängigkeit an ihrem Inneren reißt und so schafft sie es diese Zerrissenheit über das Wissen der Abhängigkeit sich immer wieder mit dem Rausch und auch damit verbundenem künstlerischen Glück herzustellen. Tief lässt diese Autorin in ihre dunkelsten Momente blicken. Der letzte Teil beschließt die eingangs aufgezeigten Grenzen eines weiblichen Lebens und lässt sie in Verhältnissen der Abhängigkeit aufgehen.

Wow, einfach nur wow, muss ich nach der Lektüre dieser drei Bücher festhalten. Mich hat diese Trilogie umgeworfen, da die Bücher sprachlich so fein gearbeitet sind, dass es der Autorin gelingt viele Gefühle in wenigen Worten abzubilden. Drei schmale Bände, die mit ihrer dichten Sprache glänzen und ein Leben so sichtbar machen, dass man emotional gepackt wird. Man kann dem Aufbau Verlag nur danken, dass dieses Werk wiederentdeckt wurde. Tove Ditlevsen hat die Gabe komplexe Geschehnisse so in Sprache zu packen, dass sie eine breite Leserschaft anspricht und ästhetisch brilliert. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt etwas autobiographisches mit einer solchen Qualität gelesen habe. Lesen, einfach nur lesen !

Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧

Unbezahlte Werbung aus Liebe zum Buch

Tove Ditlevsen:

Kindheit

Aufbau Verlag

ISBN: 978-3-351-03868-7

Preis: 18,00€

Tove Ditlevsen:

Jugend

Aufbau Verlag

ISBN: 978-3-351-03869-4

Preis: 18,00€

Tove Ditlevsen:

Abhängigkeit

Aufbau Verlag

ISBN: 978-3-351-03870-0

Preis: 18,00€

Tove Ditlevsen ‒ Frauen erzählen Geschichten anders (aufbau-verlag.de)

Sahin, Cemile: Alle Hunde sterben – Rezension

Seitdem ich auf der Welt bin, gibt es Soldaten. Natürlich kamen sie nicht mit mir auf die Welt. Es gab sie schon davor. Aber seitdem ich denken kann, sind sie nicht wegzudenken.

Sahin, Cemile: Alle Hunde sterben, S.220 Aufbau Verlag 2020.

Cemile Sahin erzählt in ihrem zweiten Roman in neun Episoden von Menschen, die Opfer eines Krieges sind. „Alle Hunde sterben“ ist ein Mix aus Reportage, biografischen Erinnerungen und filmischen Sequenzen, die uns die Tragik eines Krieges vor Augen führen. Verbindendes Element des Geschilderten sind Angst und Verlust. Jedoch lässt der Text Raum zur Entfaltung von einzelnen Schicksalen, die gebündelt jedoch stellvertretend für Kriegsopfer stehen. Für mich als jemanden dem Krieg nur aus den Nachrichten bekannt ist, eine teils beklemmende Lektüre. Doch die Art der Darstellung sorgt dafür, dass man sich durch diese Schicksale gerne führen lässt.

Um was geht es?

Der Roman „Alle Hunde sterben“ erzählt in neun Episoden von Menschen, deren Leben durch Krieg geprägt ist. Sie haben Gewalt, Folter und Verschleppungen erlebt, mussten Verrat und Verluste verarbeiten und schildern diese prägenden Schicksale bis hin zu Folterszenen. Die Geschehnisse dienen als Ausgangspunkt für die Reflektionen der Figuren. Gelandet sind alle in einem Hochhaus, dass wie ein Querschnitt diese Schicksale präsentiert und durch die räumliche Grenze auch zusammenführt.

Mein Eindruck vom Buch

Cemile Sahin war mit ihrem Roman „Taxi“ eine meiner Entdeckungen meines letzten Lesejahres. Nicht ohne Grund landete so auch ihr zweiter Roman auf meinem Lesestapel. Wie in ihrem ersten Roman verwendet Sahin auch in diesem filmische Elemente als literarische Gestaltungsmittel. Zudem hat sie sich erneut nicht für die klassische Romanstruktur entschieden. Ort der Handlung ist ein Hochhaus in der Türkei. Allerdings empfinde ich diese Ortsangabe als nicht entscheidend. Cemile Sahin bearbeitet keinen türkischen Konflikt, sondern der Roman gibt Opfern eine Stimme, die jedwede kriegerische Auseinandersetzung mit sich bringt.

Wer die Ereignisse nicht ohne Fiktion erzählen kann hat sie nicht erlebt meint es nicht aufrichtig mit uns es gibt keine andere Erklärung für diese Bilder mehr.

Sahin, Cemile: Alle Hunde sterben, S.137 Aufbau Verlag 2020.

Mit diesem Zitat wird das ästhetische Grundprinzip des Textes ausgestellt. Die Schicksale wirken auf alle Außenstehenden so weit weg, dass man sie nur als Fiktion wahrzunehmen versteht. Wir bekommen Folter als Verletzung von Körper und Seele geschildert. Bestimmte Textstellen machen so betroffen, dass man inne halten muss bevor man weiterliest. Die Täter bleiben im Gegensatz zu den Opfern namenlos, werden aber in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen dargestellt. Dabei reflektiert der Roman auch, dass sich bei einem Bürgerkrieg das äußere Erscheinungsbild verändert. Die Täter müssen nicht äußerlich in Uniform erkennbar sein. Im Hochhaus kommen die Opfer auf engem Raum zusammen, beobachten die Straße, versuchen Verlust zu verarbeiten und auch die Angst das Peiniger wiederkehren.

Selbst wenn es regnet, reicht es nicht aus, und aus den Gefangenen werden keine Menschen mehr. Ich will besonnen sein, aber wenn du über diese Dinge Bescheid weißt, dann weißt du auch nicht mehr, was die Zukunft bringt. Irgendwie hat die Zukunft dann keinen Sinn. Damit meine ich: Die Zukunft ist klein, und das Gefängnis ist groß.

Sahin, Cemile: Alle Hunde sterben, S.84 Aufbau Verlag 2020.

Dieses Zitat bündelt die Reflektionen in der Feststellung, dass der Krieg und seine Auswirkungen die Träume nehmen und die Bereiche des Lebens minimieren. Nur die Realität des Krieges hier im Bild des Gefängnis dominiert die Figurenwahrnehmungen. Zutreffend und nüchtern formuliert dringt die Sprache in den Kopf der Leser*In. Als Glücklicher, der nie einen Krieg erleben musste, hinterlassen diese Worte Bilder und schaffen einen neuen Blick auf die Geschehnisse aus den Nachrichten. Krieg bedeutet vor allem eines, und das ist Verlust. Cemile Sahin gelingt es mit ihrem Buch ohne zu hohe Dramatik den Opfern eines Krieges Stimmen zu geben und sich damit nicht auf die Täter zu fokussieren. Für mich ist diese junge Autorin eine der spannendsten Stimmen der Deutschen Gegenwartsliteratur.

Unbezahlte Werbung aus Liebe zum Buch

Cemile Sahin:

Alle Hunde sterben

Aufbau Verlag

ISBN: 978-3-351-03827-4

Preis: 20,00€

https://www.aufbau-verlag.de/index.php/alle-hunde-sterben.html