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Sahin, Cemile: Taxi – Rezension

„Taxi“ ist ein phänomenaler Roman, der mich als Leser*In auf spannende Weise mit Kriegserlebnissen und ihren Auswirkungen konfrontiert. Mit dem Setting eines Drehbuchs werden Opferrollen abgewiesen. Auf tragische und manchmal grotesk anmutende Art werden Szenen anschaulich und nachfühlbar dargestellt. Mich hat das Buch mit seiner tollen Bauweise einfach umgehauen.

Den einzigen Roman den ich, vor dem Leseabend „Qualitätskontrolle“ in Frankfurt nicht auf dem Schirm hatte, war „Taxi“ von Cemile Sahin. Leider konnte die Autorin aus gesundheitlichen Gründen nicht nach Frankfurt reisen, doch dank der beiden Kolleginnen wurde Einblick in ihren Roman gewährt. Im Anschluss an diesen schönen Literaturabend ging es also mit zwei bestätigten Tipps und einem neuen Roman nach Hause. Schnellstmöglich wollte ich in den Roman von Sahin einsteigen und ich nehme es ganz klar vorweg, dieser Roman hat mich positiv umgehauen.

Um was geht es?

Der Roman entführt uns in ein Land, welches mit den Auswirkungen eines kriegerischen Konfliktes kämpft. Rose Kaplan muss ohne ihren Sohn Polat auskommen. Dieser ist weder tot noch lebendig aus dem Krieg heimgekehrt, wird aber solange vermisst, dass man ihm eine Beerdigung mit leerem Sarg verschafft hat. Rose will jedoch nicht trauern und sich der Situation ergeben. Stattdessen hat sie ein Drehbuch für seine Rückkehr verfasst. Die Mutter castet einen jungen Mann, der ihrem Sohn ähnlich sieht und möchte auf diesem Wege ein Stück Familienleben zurückgewinnen. Die Grenzen zwischen Drehbuch und Realität verschwimmen, bedrohen die Akzeptanz, der von der Mutter geplanten Fiktion und sorgen für Spannung zwischen den beiden Hauptfiguren.

Meine Einschätzung zum Buch

Die Idee des Romans ist etwas ganz besonderes und entfaltet bei mir als Leser*In eine herausragende Wirkung. Die Filmfiktion der Mutter greift das Thema Kriegsabgründe auf eine Art und Weise auf, die ich so noch nie gelesen habe. Damit gelingen Sahin viele Kunstgriffe auf einmal und mir schießen viele Assoziationen in den Kopf. Zum einen ist das Abwehren der Opferrolle zu nennen. Die Mutter wird selbst aktiv, statt sich in die passive Trauerrolle zu wenden und muss doch an diesem Vorhaben auch scheitern.

Der Roman gliedert sich in Episoden einer Serie und die Filmästhetik drückt sich auch in den Beschreibungen und den Dialogen aus. Beispielhaft sei hier der Beginn des Romans genannt, in dem wir eine Folterszenerie geschildert bekommen. Drastische Bilder und der Blick eines Beteiligten lassen einen wie eine Filmkamera die Szene begleiten. Sofort wird man als Leser*In in den Kriegshintergrund versetzt, ohne das erläuternde Einstiege braucht. Grotesk im Vergleich dazu kommt der Plan der Mutter im Roman. Tragik und Komik scheinen in diesem Zusammenhang in Opposition zu stehen, doch der Roman zeigt auch, wie nah diese Gegensätze in Ausnahmesituationen rücken.

Die Szenen des Romans wechseln zwischen jenen, in denen die Mutter deutlich die Regieoberhand hat und jenen, in denen der Kontrollverlust dominiert. Das Making of der Serie beginnt das Drehbuch zu überholen. Die Realität kann eben nicht gleich einem Film funktionieren und gerade diese Erkenntnis treibt die Leselust voran. Es sind die Unwägbarkeiten des menschlichen Verhaltens, die unser Leben vor Herausforderungen stellen und die im Leben und auch in diesem Roman für Spannung sorgen. Filmische Szenerien sind nur eine Nachahmung der Realität, können diese aber nicht genau abbilden und diese Erkenntnis verfestigt sich im Leser. So komme ich auch zu folgendem Gedanken: Krieg ist in meinem Leben ein abwesendes Thema. Kontakt erhalte ich einzig und allein über die mediale Berichterstattung und bin quasi nur Zuschauer eines Filmes. Nie laufe ich Gefahr bei dieser Art von Kontakt die Kontrolle zu verlieren, dies zeigt mir der Roman aber auf eindrückliche Art und Weise.

Der gecastete Sohn ist Ich-Erzähler des Romans und somit zielführend für unseren Blick auf den Kampf zwischen Realität und Fiktion. Von einem Außenstehenden wird er zum Protagonisten eines fremden Lebens. Er kämpft darum die Rolle als Sohn auszufüllen und dabei nicht die eigene Identität gänzlich zu verlieren. Authentisch gegenüber allen Wegbegleiter*Innen und Polats Familie zu bleiben ist eine nicht zu lösende Aufgabe. Diese Konflikte unterhalten mich spannend ohne dass ich das Gelesene zu schnell verdränge. Vieles bleibt zurück und dies ist der tollen Gestaltungsidee der Handlung zu verdanken. Dieses ästhetisch mutige und innovative Buch ist definitiv jetzt schon eines meiner Lesehighlights im Jahr 2020.

Cemile Sahin:

Taxi

Korbinian Verlag

ISBN: 978-3-9821220-1-4

Preis: 20,00€

http://www.korbinian-verlag.de/derkauf/dasbuch/taxi-cemile-sahin/

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