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Autofiktionen bieten Subjektmodelle für bestimmte Klassen an

Veranstaltungsreihe: Vom Unbehagen in der Fiktion

Das Netzwerk der Literaturhäuser hat in Kooperation mit der Bundeszentrale für Politische Bildung eine Veranstaltungsreihe mit dem Titel „Vom Unbehagen in der Fiktion“ veranstaltet. Auch auf diesem Blog hat sich in diesem Jahr gezeigt, dass sich immer wieder Bücher finden, deren Stoff auch dokumentarisch Realitäten abbildet, die Distanz zwischen Fakt und Fiktion schrumpft. Gleichzeitig sorgen Debatten über Fake News und Präsidenten die Fakten beugen dafür, dass Bereiche, die man eigentlich klar getrennt wahrnehmen möchte verschwimmen.

Der Trend zu realistischen Romanen ist nicht neu und hat mich auch schon während meines Germanistikstudiums begleitet. In meiner Abschlussarbeit habe ich mich intensiv mit autofiktionaler Prosa beschäftigt. Dies alles greift die Veranstaltungsreihe auf. Für diesen Blog hat Stefan Katzenbach zwei Veranstaltungen digital verfolgt und darüber geschrieben. Stefan hat mit mir gemeinsam Germanistik studiert und ist bei vielen Lesungs-, Festival- und Messebesuchen mein Begleiter gewesen. Er wird den Blog in Zukunft bei Berichten aus dem Literaturbetrieb unterstützen und wir werden sicherlich auch einige Hintergründe aus Literatur- und Kulturwissenschaft im kommenden Jahr gemeinsam betrachten.

Zunächst aber nachfolgend der Bericht von Stefan zur Veranstaltung der Reihe in Berlin.

Die Diskussionsrunden sind auch unter dem Link

»Vom Unbehagen in der Fiktion«

zu finden.

Autofiktionen bieten Subjektmodelle für bestimmte Klassen an“

Am 26.11. fand im Literaturhaus Berlin eine Diskussion über das Verhältnis von Fakten und Fiktion in der deutschen Gegenwartsliteratur statt. Im Zentrum der Veranstaltung, die im Rahmen der von mehreren Literaturhäusern organisierten Reihe „Das Unbehagen in der Fiktion“, stattfand, stand die Frage warum es aktuell so viele Romane mit autobiographischen und autofiktionalen Elementen gibt.

Deniz Ohdes „Streulicht „und Christian Barons Buch „Ein Mann seiner Klasse“ sind nur zwei Beispiele dafür, dass es in der deutschen Gegenwartsliteratur aktuell eine Tendenz gibt, Bücher zu veröffentlichen, die einen Hintergrund in der Lebensgeschichte des Autors oder der Autorin haben. Doch ist es überhaupt sinnvoll eine strikte Trennung zwischen autobiographischem und fiktionalen Schreiben anzulegen? Diese Eingangsfrage stellte die Moderatorin Catherine Newmark zu Beginn der Diskussion. Für den Schriftsteller Deniz Utlu ist eine solche Trennung problematisch: „Es gibt keinen absolut autobiographischen Text“, zeigte er sich überzeugt. Jede Erzählung sei sofort Fiktion, der Unterschied zwischen Fakt und Fiktion somit eine Behauptung. Ähnlich sieht das der Literaturwissenschaftler und Literaturkritiker Christian Metz, eine solche Trennung sei „gekünstelt“, vielmehr existiere in jedem Text ein „Set aus Fakten und Fiktion“, eine Art „Pool“, in dem beide Formen miteinander interferieren würden. „Da ist es dann sehr gut beschreibbar, was in diesen Abstufungen passiert“, so Metz. Einen praktischen Aspekt in den aktuellen autofiktionalen Büchern sieht die Kulturwissenschaftlerin Hannah Engelmeier: „Autofiktionen dienen dem deutschen Publikum zur überprüfenden Lektüre“, glaubt sie, sie könnten überprüfen ob „Protagonist und Autor deckungsgleich“ seien. Sie selbst habe bei Karl Ove Knausgaards neuem Roman „Aus der Welt“ auch „allem hintergegooglet“. Dass diese Form des scheinbar authentischen Schreibens auch Gefahren birgt, darauf weist die Soziologin Silke van Dyk hin. So könne der Verweis auf die scheinbar authentische Geschichte das Argumentieren ersetzen, das Erzählte werde durch das Erlebte legitimiert. So immunisiere sich das Authentische und sei „nicht mehr kritisierbar“.

Interessante Geschichten und Erklärung der Welt

Doch warum ist diese Form des Schreibens auch aktuell beim Publikum scheinbar so beliebt? Für Christian Metz hat das, bezogen auf die Autoren, mit zwei Punkten zu tun: Zum einen gäbe es aktuell allem Anschein nach „eine hohe Kapazität des Erzählens“, besonders eine Generation junger Autoren habe die Möglichkeit biographisch gefärbte Erzählungen öffentlich zu machen und scheinbar auch „die Wut zu erzählen“ und fühle sich verpflichtet von den Widerständen, die ihnen bei ihrem Aufstieg begegnet sind, zu berichten. Dieses Berichten von Widerständen sei es auch, dass den Reiz ausmache, auch für das Publikum. Diese Stimmen von Leuten, die sonst wenig gehört würden, seien nun öffentlich und deren Geschichte selbst so interessant, dass es gar nicht nötig sei, da übermäßig zu fiktionalisieren. Silke van Dyk sieht die Situation auf dem Buchmarkt auch durch die aktuelle politische Lage bedingt: Die gesellschaftlichen Bedingungen seien interessant, um solche Bücher zu schreiben, in Verbindung mit „sozialen „Bewegungen entstünden auch „neue Emanzipationen“. Auf einen ähnlichen Punkt verwies Hanna Engelmeier: „Autofiktionen bieten Subjektmodelle für bestimmte Klassen an“. Bei dieser Vermittlung eines gesellschaftlichen Bildes der Identitätsfindung, das durch die Literatur vermittelt wird, gibt es allerdings auch Gefahren. Die reine inhaltliche Fokussierung auf Literatur verleite dazu die Erzählung als exemplarisch für eine bestimmte Klasse zu lesen und könne dadurch Stereotype reproduzieren. Ein ähnliches Problem sieht auch Deniz Utlu, für ihn sei die „ästhetische Frage entscheidend“. „Wenn ich einen Roman schreibe, dann habe ich den Anspruch politisch-ästhetisch zu reflektieren, um möglichst frei von Stereotypen zu sein“, sagte er.  Gelänge dies nicht, dann verlöre der Roman seine „literarische Kraft“.

Immunisierung gegen Kritik und Verfehlung der Autofiktion

In den Augen Silke van Dyks hätte eine solche Verkürzung von Literatur auch gefährliche politische Konsequenzen: Aktuell herrsche eine große Nachfrage nach Authentizität, da ehemals gängige Erklärungsmuster nicht mehr funktionieren würden, um gesellschaftliche Phänomene zu erfassen. Dem gegenüber schaffe dann scheinbare Authentizität eine „Richtigkeit“ in ihren Aussagen über die Welt. Die Verifizierung dieser Aussagen anhand der eigenen Erfahrung schaffe aber eine „Immunisierung“ gegenüber Kritik. Dies sei ernst zu nehmen, schließlich sei dies ein gängiges Verfahren populistischer Politiker.

Doch nicht nur aus literarischer und politischer Sicht ist eine rein inhaltlich geprägte Sicht auf autofiktionale Literatur problematisch. Schließlich gehe sie „an der Autofiktion vorbei“, in dieser werde nicht primär „über mich“ geredet, sondern es ginge im Gegenteil um die „Depotenzierung des starken Ichs“, dieses diene als „Erzählfilter“, der die „Abmischung“ der einzelnen literarischen Elemente transparent mache, so Hannah Engelmeier. Ähnlich sieht das Christian Metz: Die Unterscheidung zwischen Fakt und Fiktion sei „fad, davon können wir uns verabschieden. Interessante Texte arbeiten gegen das Ich und öffnen Räume“, sagte er.

Stefan Katzenbach

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Baron, Christian: Ein Mann seiner Klasse – Rezension

„Ein Mann seiner Klasse“ ist auch die Geschichte des Autors Christian Baron. Geschickt packt dieser seine eigenen Erfahrungen in einen Mix aus Autobiographie,, Milieustudie und Bericht, der sich damit auch Gattungsbezeichnungen entzieht. Der Titel des Buches ist Programm und stellt die Erinnerungen an die eigene Herkunft aus. Die Distanz des Erzählers ordnet Erfahrenes neu ein und liefert einen gefühlvollen Blick in ein sozial-schwaches Milieu.

Artikelserie „Erregungswelle“

Zorn, Wut, teils auch Beleidigungen sind heutzutage zu beobachtende Auswirkungen in gesellschaftlichen Debatten. Getrieben von Ungerechtigkeit oder Zurückweisungen eröffnet sich eine Empörungsspirale, welche die Debatte zu Problemen jedoch eher behindert, statt diese zu fördern. Zudem greifen rechts-gerichtete politische Parteien diese Grundstimmung gerne auf und beginnen Fakten gegen Meinungsmache auszuspielen. Die gefühlte gesellschaftliche „Erregungswelle“ spielt auch in Büchern eine wichtige Rolle. Christian Barons Roman „Ein Mann seiner Klasse“ wurde rege im deutschen Feuilleton besprochen und schnell mit dem Begriff Milieustudie verbunden. Baron schildert seine eigene Herkunftsgeschichte, ohne damit sozial schwächer von oben herab einzuordnen. Natürlich greift der Roman die Thematik „Soziale Klassen“ auf und kann als Beleg dafür herhalten, sich diesem Thema ohne polemische Erregungen zu widmen. Gerade deshalb möchte ich den Roman der Artikelserie zuweisen.

Um was geht es?

Der Erzähler des Romans schildert rückblickend Kindheit und Herkunft in sozial schwachen Verhältnissen. Der Vater arbeitet als Möbelpacker und die an Depressionen erkrankte Mutter versucht die Familie zu organisieren. Der Vater trinkt, prügelt und behandelt die Familie in einigen Situationen mehr als ungerecht. Grund des Erzählens ist die Frage nach dem Umgang mit der Herkunft. Beide Eltern sind gestorben und auch das Verhältnis zu ihnen soll bestimmt werden. Der Erzähler hat es aus diesem Milieu herausgeschafft, ohne dass ihm dies zugetraut wurde. Die Geschichte befragt die eigenen Erinnerungen und sucht nach der angemessenen Darstellung.

Mein Eindruck des Buches

Das Thema des Buches bringt der Autor mit seiner eigenen Lebensgeschichte mit. Das Buch hat keine Gattungsbezeichnung und entzieht sich denen auch durch seine Gestaltung. Baron liefert mit seinem Text eine Mischung aus Milieustudie, Autobiographie und Bericht, dem man aber auch romanhafte Aspekte zuordnen kann. Es gibt verschiedene Bücher, welche sich sozialen Milieus widmen. Baron beeindruckt mich damit, dass er den Titel zu seiner Programmatik macht. Viele der geschilderten Szenerien zeigen Brutalität und Vernachlässigung, trotzdem werden die Eltern, oder Großeltern nicht mit einem negativen Gesamteindruck überzogen. Natürlich werden sie auch nicht zu Heldenfiguren. Der trinkende Vater vernachlässigt die Familie und doch bleibt er während der Mandeloperation die ganze Nacht bei seinem Sohn. Zuneigung zeigt sich in ganz anderer Weise, als dies für viele von uns normal erscheint. Die prekären Verhältnisse lassen den Vater leichte Diebstähle begehen, denn der Stolz lässt es auch nicht zu Hilfe vom Staat zu erhalten. Geprägt von einem klassischen Männerbild, welches auch der Großvater repräsentiert, möchte sich der Vater keine Niederlagen eingestehen.

Der Erzähler schildert dies alles und weiß nicht genau, wie er mit der eigenen Rolle als Familienaufsteiger umzugehen hat. Die eigene Vergangenheit möchte er nicht leugnen, denn der Blick zurück liefert auch nicht nur Momente die wütend machen. Vielmehr wird das Erlebte mit Distanz neu eingeordnet. Das Fehlverhalten des Vaters wird diesem nicht nur vorgeworfen, sondern seine Handlungen werden auch in Bezug zu den Grenzen des eigenen Milieus gesetzt. Alle Handlungen der Eltern beruhen auch immer wieder auf deren eigenen Erfahrungen. Die eigene Erzählung zu ergründen wird somit zu einer Verfahrensweise des Umgangs mit Herkunft. Sprachlich verbleibt das Buch im Milieu und setzt dabei nicht auf Distanz.

Mich hat das Buch durch seine gesamte Darstellung beeindruckt und mir wieder mal aufgezeigt, dass man nicht über Milieus sprechen sollte, sondern vielmehr Erzählungen aus diesen heraus lauschen sollte.

Christian Baron:

Ein Mann seiner Klasse

Claassen Verlag

ISBN: 9783546100007

Preis: 20,00€

https://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/ein-mann-seiner-klasse-9783546100007.html