„Ein Mann seiner Klasse“ ist auch die Geschichte des Autors Christian Baron. Geschickt packt dieser seine eigenen Erfahrungen in einen Mix aus Autobiographie,, Milieustudie und Bericht, der sich damit auch Gattungsbezeichnungen entzieht. Der Titel des Buches ist Programm und stellt die Erinnerungen an die eigene Herkunft aus. Die Distanz des Erzählers ordnet Erfahrenes neu ein und liefert einen gefühlvollen Blick in ein sozial-schwaches Milieu.

Artikelserie „Erregungswelle“

Zorn, Wut, teils auch Beleidigungen sind heutzutage zu beobachtende Auswirkungen in gesellschaftlichen Debatten. Getrieben von Ungerechtigkeit oder Zurückweisungen eröffnet sich eine Empörungsspirale, welche die Debatte zu Problemen jedoch eher behindert, statt diese zu fördern. Zudem greifen rechts-gerichtete politische Parteien diese Grundstimmung gerne auf und beginnen Fakten gegen Meinungsmache auszuspielen. Die gefühlte gesellschaftliche „Erregungswelle“ spielt auch in Büchern eine wichtige Rolle. Christian Barons Roman „Ein Mann seiner Klasse“ wurde rege im deutschen Feuilleton besprochen und schnell mit dem Begriff Milieustudie verbunden. Baron schildert seine eigene Herkunftsgeschichte, ohne damit sozial schwächer von oben herab einzuordnen. Natürlich greift der Roman die Thematik „Soziale Klassen“ auf und kann als Beleg dafür herhalten, sich diesem Thema ohne polemische Erregungen zu widmen. Gerade deshalb möchte ich den Roman der Artikelserie zuweisen.

Um was geht es?

Der Erzähler des Romans schildert rückblickend Kindheit und Herkunft in sozial schwachen Verhältnissen. Der Vater arbeitet als Möbelpacker und die an Depressionen erkrankte Mutter versucht die Familie zu organisieren. Der Vater trinkt, prügelt und behandelt die Familie in einigen Situationen mehr als ungerecht. Grund des Erzählens ist die Frage nach dem Umgang mit der Herkunft. Beide Eltern sind gestorben und auch das Verhältnis zu ihnen soll bestimmt werden. Der Erzähler hat es aus diesem Milieu herausgeschafft, ohne dass ihm dies zugetraut wurde. Die Geschichte befragt die eigenen Erinnerungen und sucht nach der angemessenen Darstellung.

Mein Eindruck des Buches

Das Thema des Buches bringt der Autor mit seiner eigenen Lebensgeschichte mit. Das Buch hat keine Gattungsbezeichnung und entzieht sich denen auch durch seine Gestaltung. Baron liefert mit seinem Text eine Mischung aus Milieustudie, Autobiographie und Bericht, dem man aber auch romanhafte Aspekte zuordnen kann. Es gibt verschiedene Bücher, welche sich sozialen Milieus widmen. Baron beeindruckt mich damit, dass er den Titel zu seiner Programmatik macht. Viele der geschilderten Szenerien zeigen Brutalität und Vernachlässigung, trotzdem werden die Eltern, oder Großeltern nicht mit einem negativen Gesamteindruck überzogen. Natürlich werden sie auch nicht zu Heldenfiguren. Der trinkende Vater vernachlässigt die Familie und doch bleibt er während der Mandeloperation die ganze Nacht bei seinem Sohn. Zuneigung zeigt sich in ganz anderer Weise, als dies für viele von uns normal erscheint. Die prekären Verhältnisse lassen den Vater leichte Diebstähle begehen, denn der Stolz lässt es auch nicht zu Hilfe vom Staat zu erhalten. Geprägt von einem klassischen Männerbild, welches auch der Großvater repräsentiert, möchte sich der Vater keine Niederlagen eingestehen.

Der Erzähler schildert dies alles und weiß nicht genau, wie er mit der eigenen Rolle als Familienaufsteiger umzugehen hat. Die eigene Vergangenheit möchte er nicht leugnen, denn der Blick zurück liefert auch nicht nur Momente die wütend machen. Vielmehr wird das Erlebte mit Distanz neu eingeordnet. Das Fehlverhalten des Vaters wird diesem nicht nur vorgeworfen, sondern seine Handlungen werden auch in Bezug zu den Grenzen des eigenen Milieus gesetzt. Alle Handlungen der Eltern beruhen auch immer wieder auf deren eigenen Erfahrungen. Die eigene Erzählung zu ergründen wird somit zu einer Verfahrensweise des Umgangs mit Herkunft. Sprachlich verbleibt das Buch im Milieu und setzt dabei nicht auf Distanz.

Mich hat das Buch durch seine gesamte Darstellung beeindruckt und mir wieder mal aufgezeigt, dass man nicht über Milieus sprechen sollte, sondern vielmehr Erzählungen aus diesen heraus lauschen sollte.

Christian Baron:

Ein Mann seiner Klasse

Claassen Verlag

ISBN: 9783546100007

Preis: 20,00€

https://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/ein-mann-seiner-klasse-9783546100007.html

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