Houellebecq, Michel: Serotonin – Rezension

Michel Houellebecq lässt in „Serotonin“ seinen Protagonisten aus einer Lebenskrise ausbrechen. Der Bruch mit Beruf und Beziehung verschlimmert aufgekommene Depressionen und lässt ihn seinen Frust über die Welt äußern. Sprachlich anspruchsvoll werden verschiedene Reflektionsebenen präsentiert und sich vergangener Liebesbeziehungen gefühlvoll erinnert.

Artikelserie „Erregungswelle“

Zorn, Wut, teils auch Beleidigungen sind heutzutage zu beobachtende Auswirkungen in gesellschaftlichen Debatten. Getrieben von Ungerechtigkeit oder Zurückweisungen eröffnet sich eine Empörungsspirale, welche die Debatte zu Problemen jedoch eher behindert, statt diese zu fördern. Zudem greifen rechts-gerichtete politische Parteien diese Grundstimmung gerne auf und beginnen Fakten gegen Meinungsmache auszuspielen. Die gefühlte gesellschaftliche „Erregungswelle“ spielt auch in Büchern eine wichtige Rolle. Michel Houellebecq ist einer der am meistdiskutierten Autoren unserer Tagen. Mit seinen Büchern zeichnet er meist das Bild einer narzisstischen Konsumgesellschaft, in der Sexismus eine zentrale Rolle spielt. Auf diesem Wege ist er zum Skandalautor geworden, wobei man vorsichtig mit solchen Zuschreibungen sein sollte.

In seinen Roman leiden die männlichen Hauptfiguren unter den Möglichkeiten zunehmender Liberalisierung. Mit diesem Weltbild fordert er meine eigenen Überzeugungen heraus, die jenen seiner Figuren entgegen stehen. Vielleicht ist gerade dies einer der Faktoren, warum ich diesen Autor immer wieder lese. Mit dem Liefern fremder Gedankengänge werden meine eigenen Überzeugungen gefordert und mein Weltblick erweitert. Aus diesem Grund war für mich klar, dass dieser Autor mit einem seiner Bücher in der Artikelserie „Gesellschaftliche Erregung“ vertreten sein muss. Mit seinem Roman „Serotonin“ präsentiert er uns eine Figur, die sich ähnlich der Gelbwestenbewegung über die Zustände in Europa und Frankreich echauffiert.

Um was geht es?

Florent-Claude Labrouste steckt als alternder Mann in einer Lebenskrise. Seine Betrachtungen der Welt sind von Wut durchzogen, die liberale Politik stößt ihn ab. In seinem Job muss er sich um Förderrichtlinien in der Landwirtschaft kümmern, die aus seiner Sicht verehrte Effekte erzielen. Die Einnahme eines Antidperessiva, um diesen Gefühlen entgegen zu wirken, sorgt zudem für eine Schwächung der Libido. Er entscheidet aus dem bisherigen Leben auszubrechen und sinniert über verpasste Chancen und seine Liebesverhältnisse. Dabei gerät er auch mit Vertretern von Bürgerdemonstrationen in Kontakt.

Mein Eindruck vom Buch

Auch mit diesem Roman beweist Houellebecq sein Können. Die verschiedenen Ebenen der Reflektion sind gekonnt arrangiert und greifen gesellschaftlich schwirrende Themen auf. Die Hauptfigur hadert mit dem eigenen Leben und ergeht sich daraus folgend in Frustration. Labrouste ist gebildet, sieht jedoch in der zunehmenden Liberalisierung der Gesellschaft keine reine Fortschrittsbewegung sondern auch die Bedrohung der von ihm gewohnten Lebenswelt. Bei seinen Ausführungen wechselt er zwischen dem Zitieren großer Philosophen, sowie den Vorzügen der Konsumgesellschaft und kulturpessimistischen Haltungen. Überraschend weisen einen Passagen des Selbstmitleids nicht ab, sondern man beobachtet eine Figur die darauf hofft Antworten im eigenen Weltbild zu finden.

Die Depression kann hierbei als Metapher für eine überforderte Gesellschaft fungieren, denn trotz all der EU-Kritik, des Sexismus und antiliberaler Äußerungen, überlagern diese nicht vorliegende gesellschaftliche Probleme. Bei mir kommen die Äußerungen der Figur nicht als zielbewusste Werkbotschaften an und ich setze auch den Autor nicht mit seinen Figuren gleich. Das Buch zeigt die erinnernde Suche seiner Hauptfigur an die Lieben des Lebens und glückliche Situationen und in dieser ist durchaus auch eine empathische Seite zu entdecken.

Damit gelingt es dem Roman auch eine Teilanalyse gesellschaftlicher Zustände abzugeben, Elemente der Gelbwestenbewegung werden mit einem scharfen Blick auf eigene Lebenskrisen kombiniert und sorgen für ein funktionierendes Gesamtbild. Sprachlich ist das Niveau hoch und man muss sich auf die Lektüre einlassen, ohne Provokationen des Textes nachzugeben, wenn man aus der Lektüre Eindrücke gesellschaftlicher Erregtheit als Analyse herausgreifen möchte. Insgesamt habe ich aber auch diesen Roman wieder gerne gelesen und glaube, dass mein Weltbild durch diese Lektüre nur gestärkt werden kann.

Michel Houellebecq:

Serotonin

Dumont Verlag

ISBN: 978-3-8321-8388-2

Preis: 24,00€

https://www.dumont-buchverlag.de/buch/houellebecq-serotonin-9783832183882/

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