Kästner, Erich: Fabian. Die Geschichte eines Moralisten – Rezension

Ein wirklich toller Klassiker

Hatte er immer nur die Lüge gespürt, die hier umging, und die böse heimliche Gewalt, die aus ganzen Kindergenerationen gehorsame Staatsbeamte und bornierte Bürger machte? Es war manchmal schön gewesen, aber nur trotzdem.

Kästner, Erich: Fabian. Die Geschichte eines Moralisten, S.248 Atrium Verlag 2017.

Über eine Theaterbesprechung wurde ich auf den Klassiker „Fabian – Die Geschichte eines Moralisten“ von Erich Kästner aufmerksam. Ich habe die Jugendromane von Kästner immer gerne gelesen und habe mich nun auf dieses Lesevergnügen gefreut. Vorweg kann ich gleich angeben, dass meine Erwartungshaltung erfüllt wurde. Kästner blickt in diesem Roman mit einem ironischen Blick auf die beginnenden 30er Jahre. Jedoch ist der Roman für mich kein historischer, sondern das Dargestellte lässt durchaus die Möglichkeit, dass man Bezüge bis in unsere heutige Gegenwart zieht. Doch wie gelingt es Kästner diesen Klassiker so zu gestalten?

Um was geht es?

Erich Kästner erzählt die Geschichte von Fabian, einem charakteristisch pessimistischen Moralisten, der sich mit verschiedenen Jobs versucht über Wasser zu halten. Grundsätzlich lässt er sich jedoch durch Berlin treiben und bleibt dabei relativ ziellos. Ihm zur Seite wird als Freund, Labude, gestellt, der durchaus versucht sich verantwortungsbewusst in die Entwicklung der Gesellschaft einzubringen. Erst die Bekanntschaft mit Cornelia stellt die Lebenseinstellung von Fabian infrage, denn er scheint zum ersten Mal einen Sinn des Lebens in dieser Liebesbeziehung zu finden.

Mein Eindruck vom Buch

„Fabian oder die Geschichte eines Moralisten“ ist kein Kinderbuch Kästners und war schon bei Erscheinen für den Nationalsozialismus ein Problem. Als nicht würdig genug für die Deutsche Kultur wurde der Roman eingestuft.
Nach Lektüre dieses Romans ist mir wieder bewusst geworden, wie wichtig Kästner mit seinen Werken für die bundesrepublikanische Literaturgeschichte ist. Anders als die aufkommenden politischen Machthaber sah dies wohl auch die Bevölkerung, denn Kästners Roman wurde schnell vielfach verkauft.
Ich kann dies durchaus nachvollziehen, da dieser Roman für mich wie eine Schatzkiste funktioniert.
Wir begleiten die Hauptfigur durch das turbulente Nachtleben Berlins. Fabian wirkt an einigen Stellen absolut desinteressiert und lässt das Geschehen über sich ergehen. Der Tonfall des Romans greift die Ambivalenz der dargestellten Situationen auf. Wir erleben ihn inmitten von Nachtklubs, bei denen ihm Frauen ihre Dienste anbieten, denen er sich gerne verweigert. Andererseits lässt er sich durch diese Situationen gerne treiben und erkennt durchaus die Reize des Nachtlebens. Labude ist politisch engagiert und agiert Mitfinanzier von seinem Freund Fabian. Für letzteren stellt dies überhaupt kein Problem dar, er erträgt das Leben um ihn herum eigentlich nur. Man merkt an, dass er desillusioniert von dem Geschehen um ihn ist. Er kann den Optimismus von Labude nicht teilen und glaubt nicht mehr an den Veränderungswillen. Im Wissen um den politischen Hintergrund spürt man in seiner Figur die Verzweiflung darüber, dass dies geschehen kann. Der Roman verfällt jedoch nicht in das Hoffnungslose, sondern Kästner gelingt es über Sprachwitz und Ironie die Situation nicht als ausweglos erscheinen zu lassen. Für mich steckt darin auch eine Feier der Kunst in Form dieses Romans.

Die Szenen in den Klubs werden nicht obszön beschrieben, sodass der Roman sich auch flüssig und unterhaltsam liest. Kästner gelingt es das seine prägnante Sprache sich nicht zwischen Ironie und Handlung dringt und daran erkennt man seine literarische Klasse.

Fabian blüht als Figur erst in seiner Liebe zu Cornelia etwas auf. Auf den Seiten des Romans beginnt Hoffnung durchzuschimmern und doch springt der Funke nie endgültig auf ihn über. Für mich drückt sich dies auch im eingangs erwähnten Zitat aus. Der Pessimismus im Vorgriff auf eine der schlimmsten Katastrophen der Menschheit ist spürbar, auch wenn man ihm nicht erliegen will.

Nach diesen Eindrücken mag man sich fragen, was für mich diesen Roman so liebenswert macht und wo ich die Bezüge bis in unsere heutige Zeit sehe. Für mich ergeben sich Bezüge, weil die moralischen Debatten keine anderen sind. Fabian reflektiert durchaus die Geschehnisse, weiß manchmal um sein Verlorensein. Das mangelnde Vertrauen in gesellschaftliche Entwicklung angesichts von Krisen spiegelt sich aber bis in unsere heutige Zeit. Bestimmten Geschehnissen ist nur mit Ironie zu begegnen und doch stellt sich nie ein Gefühl ein, in dem man an die Solidarität als Hoffnung der Zukunft glauben kann. Die Liebesgeschichte des Romans ist trotzdem der Hoffnungsschimmer, der aber durch Rationalität bedroht wird. All dies ist bis in unsere heutige Zeit aktuell und dies macht den Klassiker für mich aus.

Ich bin froh auf diesen Roman gestoßen zu sein und konnte mich an dieser Kästner-Lektüre erfreuen, auch wenn sie kein lebensfroher Roman ist. Die Stärke ist die Kunstfertigkeit, der gelungene Mix aus drohenden Schatten, Melancholie, Wortwitz und Hoffnung, der das Buch die Jahre überdauern lassen wird.

Wertung: 🐧🐧🐧🐧 🐧

Werbung aus Liebe zum Buch

Kästner, Erich:

Fabian. Die Geschichte eines Moralisten

Atrium Verlag

ISBN: 978-3-03882-008-6

Preis: 12,00€

Fabian. Die Geschichte eines Moralisten – W1-Media


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