Waldman, Amy: Das ferne Feuer – Rezension

War Idealismus ein Experiment, dessen Variablen sich nicht kontrollieren ließen? Sie hatte darüber nachgedacht, welche Veränderungen das Dorf in ihr bewirken könnte, aber keinen Gedanken daran verschwendet, ob umgekehrt sie das Dorf verändern würde.“

Waldman, Amy: Das ferne Feuer, S.118 Schöffling und Co. 2021.

Amy Waldman zeigt in ihrem Roman, wie die Einflussnahme westlicher Länder die Situationen in Ländern, wie Afghanistan verändert. Es werden unterschiedliche Bilder des Landes auch über die Medien transportiert, die jedoch nie eigene Erfahrungen ersetzen können. Mich hat das Buch durch seine Landschaftsschilderungen und die Darstellung der afghanischen Frauen für sich gewinnen können. Trotz einer naiv agierenden Hauptfigur wird dies nicht geschwächt. Den Roman habe ich über meine erste Lovelybooks Leserunde erhalten, die seitens des Verlages wirklich richtig gut moderiert wurde. Es ergab sich ein spannender Austausch. Wer sich für Afghanistan und die Auswirkungen amerikanischer Einflussnahmen interessiert, dem sei dieses Buch empfohlen.

Um was geht es?

Die Studentin Parvin steht vor der Entscheidung ihren weiteren Lebensweg festzulegen und weiß nicht so recht, wohin sie dies führen soll. Der Erlebnisbericht eines Arztes lässt sie auf die Idee kommen in das Land ihrer Herkunft nach Afghanistan zu reisen. Sie möchte diesem Vorbild nacheifern und den afghanischen Frauen helfen. Schnell muss sie vor Ort feststellen, dass die Schilderungen des Arztes nicht ganz der Wahrheit entsprechen. Es entsteht in Parvin ein Konflikt wie sie damit umgehen soll, dass die medialen Darstellungen nicht der Realität entsprechen und nicht jedes amerikanische Handeln für Verbesserungen sorgt.

Mein Eindruck vom Buch

Der Roman war meine erste Lovelybooks Leserunde und schon deshalb eine angenehme Erfahrung. Seitens des Schöffling-Verlages wurde die Leserunde toll moderiert. Waldmans Buch zeigt auf, dass nicht jede westliche Einflussnahme nur positive Auswirkungen hat und auch die Darstellungen der fremden Länder nicht immer der Situation vor Ort entsprechen. Als Hauptfigur wählt sie eine junge, naiv agierende Studentin, die als Migrantin in den USA lebt. Die Probleme eines afghanischen Dorfes sind für sie deshalb komplett fremd und sie hat teilweise schon den westlich geprägten Blick auf das Herkunftsland ihrer Eltern. Mit ihrem Entschluss nach Afghanistan zu reisen; entsteht nun ein neuer Erlebnisbericht und zwar ihr eigener. Dieser stellt sich in den Kontrast zu jenen des Arztes Dr. Gideon Crane. Parvin schockiert es, wie sie schrittweise die Äußerungen des Arztes entlarvt. Entgegen seiner Darstellungen hat er nicht viel für die medizinische Situation afghanischer Frauen erreicht und sie trifft auch nicht auf ein Talibandorf. Parvin wird unsicher, weiß nicht wie sie sich verhalten soll.

Schon damals ging ihr auf, dass es kein eigenständiges, nicht von anderen geformtes Ich gab, dass man von dem Augenblick an, in dem einen bewusst wird, dass andere einen sehen, geprägt wird.

Waldman, Amy: Das ferne Feuer, S.125 Schöffling und Co. 2021.

Die Unsicherheit Parvins zeigt sich auch in diesem Zitat, denn es belastet auch ihre Identitätsentwicklung. Die erlebte Realität verstärkt dies, da ihr auch ein Vorbild entzogen wird. Man erfährt viel über die afghanischen Frauen und dies ist der stärkste Part des Romans. Den Frauen wird eine Stimme gegeben und dies macht Waldman durch eine gute Dialogführung.

Ebenfalls gelingt es dem Roman gut die Diskrepanz zwischen medialer und erlebter Realität auszustellen. Auch die amerikanischen Soldaten reflektieren dies. Nie wählt der Roman dabei eine Seite, um die anderen Darstellungen komplett ins Abseits zu stellen. Sprachlich ist das Buch kein herausragendes Werk, was aber auch daran liegt, dass es sich auf seine Geschichte konzentriert. Aus meiner Sicht verschenkt die zu naive Darstellung der Hauptfigur einiges an Potenzial und bestimmte Textstellen könnten komprimierter sein. Mir hat der Roman insgesamt aber gut gefallen, eben wegen der Situation afghanischer Frauen, über die man viel erfährt und die Diskrepanzdarstellung medialer und erlebter Realität. Die Einblicke in das fremde Land sind spannend und lesenswert.

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Amy Waldman:

Das ferne Feuer

Schöffling und Co.

ISBN: 978-3-89561-168-1

Preis: 26,00€

Amy Waldman: Das ferne Feuer – Schöffling & Co. Verlag (schoeffling.de)

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