Kunst ist ein Flüstern der Geschichte, das durch den Lärm der Zeit zu hören ist. Kunst existiert nicht um der Kunst willen, sie existiert um der Menschen willen.

Barnes, Julian: Der Lärm der Zeit, S.125 Kiepenheuer und Witsch 2016.

Der Roman „Der Lärm der Zeit“ von Julian Barnes erzählt aus dem Leben des berühmten russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch. In drei Stationen wird erzählt wie dieser sich mit den politischen Machtverhältnissen auseinandersetzen muss. Sein Leben wird zum Kampf um künstlerische Freiheiten und die Frage welche Opfer man für Kunst und Leben bringen möchte. Auch wenn der Ausgang des Protagonistenlebens bekannt ist, gelingt Barnes zu diesen Aspekt ein gelungener Spannungsaufbau. Dabei wird das Leben nicht überdramatisiert, sondern die Tragik wird kunstvoll passend arrangiert – ein wirklicher Lesegenuss!

Um was geht es?

Im Mai 1937 wartet der Komponist Dmitri Schostakowitsch neben dem Fahrstuhl seiner Wohnung auf die Verhaftung durch das Stalin-Regime. Er scheint zum Abschuss freigegeben, da der mächtige Herrscher nicht begeistert von seinem neuesten Werk war. Mit Glück entgeht er diesem Schicksal, wird jedoch zunehmend in politische Machtspiele verstrickt. Mit dem Ende des Stalin-Regimes enden dann die Probleme auch nicht. Für den Künstler stellt sich die Frage seines Verhältnisses zu den Machthabern. Kann es unter diesen Voraussetzungen überhaupt so etwas wie künstlerische Freiheit geben?

Mein Eindruck vom Buch

Es ist mein erster Roman von Julian Barnes und sogleich hat er mein Leserherz erobert und so wird es keinesfalls der letzte gewesen sein. Barnes ist ein richtig toller Künstlerroman gelungen, der zugleich auch noch sachlich über die Rolle der Kunst in unserer Gesellschaft nachdenkt. Dies gelingt Barnes, in dem in seinem Roman keine reine Biografie von Schostakowitsch verhandelt wird. In drei Schritten werden entscheidende Wegpunkte zum Ausgang eines Blickes in die Gedankenwelt des Komponisten. Die historische Figur wird als Grundlage genutzt, doch gekonnt ästhetisch verarbeitet. Wir werden auf diesem Weg in die Gedankenwelt mitgenommen und müssen uns ebenso fragen was ein Künstler bereit sein sollte zu opfern?

Immerhin war es gerade noch möglich, dass er aussah wie ein Mann der von seiner Frau Nacht für Nacht demütigend hinausgeworfen wurde, oder wie ein Mann der wankelmütig Nacht für Nacht seine Frau verließ und dann zurückkehrte. Wahrscheinlicher aber war, dass er genau so aussah wie das was er war, ein Mann der wie hundert andere in der Stadt Nacht für Nacht auf seine Verhaftung wartete.

Barnes, Julian: Der Lärm der Zeit, S.32 Kiepenheuer und Witsch 2016.

Mit diesem Zitat wird ein Kernelement des Romans aufgegriffen, die Reduzierung des Künstlers auf das Bild eines einfachen Mannes, der in einer Diktatur Entscheidungen treffen muss. Durch die Kritik Stalins am neuesten Werk gilt er als nicht regimetreuer Künstler. Somit ist der erste Teil des Romans geprägt von der Angst Teil von Säuberungsaktionen zu werden und auch seine Familie zu gefährden. Die Erzählweise aus der dritten Person heraus bietet Barnes die Möglichkeit, sowohl die Gedanken der Figur zu schildern, als auch immer wieder Hintergrundinformationen zu vermitteln.

Der zweite Teil des Romans zeigt ihn dann als Gehilfe des Regimes. Bei einer Friedenskonferenz in New York wird der Künstler als Friedensbotschafter instrumentalisiert und dies zu erkennen belastet ihn zunehmend. Die Angst vor den herrschenden Mächten kann die Erschütterung sich gebeugt zu haben nicht aufwiegen. Barnes seziert die Hauptfigur in ihren Gedanken, ohne das Emotionen das Geschilderte überlagern. Es ist spannend zu sehen, wie sich die Figur immer weiter verstricken muss und so auch noch Parteigänger wird. Oft bleibt beim Lesen des Romans nur die Schlussfolgerung, entweder keine Kunst zu ermöglichen oder sich als Künstler einschränken zu lassen.

Als es möglich wurde die Wahrheit auszusprechen – weil es den umgehenden Tod zur Folge hatte – musste sie verschleiert werden.

Barnes, Julian: Der Lärm der Zeit, S.126 Kiepenheuer und Witsch 2016.

Mit diesem Zitat ist alles zur Lage in der Diktatur gesagt. Dem Tod kann zweierlei Bedeutung zugesprochen werden, zum einen der Tod des Menschen und zum anderen jener des Künstlers. Für mich ist das Wunderbare an diesem Buch, dass sich zeigt wie Kunst auch Zeit überdauert und dabei nie nur sich selbst dient, sondern den Menschen. Genau deshalb sollte dieses Buch auch viel gelesen werden.

Unbezahlte Werbung aus Liebe zum Buch

Julian Barnes:

Der Lärm der Zeit

Kiepenheuer und Witsch

ISBN: 978-3-462-04888-9

Preis: 20,00€

https://www.kiwi-verlag.de/buch/julian-barnes-der-laerm-der-zeit-9783462048889

Written by 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert