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Önder, Yade Yasemin: Wir wissen, wir könnten und fallen synchron – Rezension

„Wir wissen, wir könnten und fallen synchron“ von Yade Yasemin Önder erschienen bei Kiepenheuer und Witsch, erzählt uns die Geschichte einer jungen Frau, Tochter von binationalen Eltern, aus den Neunzigern. Nach dem Tod des Vaters entsteht eine schwierige Beziehung zu ihrer Mutter, die für die Protagonistin eine Essstörung mit sich bringt. Der Roman fragt nach Herkunft, Heimat, Selbstbestimmung und thematisiert dabei auch eine gesellschaftliche Kultur, in der auch Fremdenhass eine Rolle spielt.

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Despentes, Virginie: Das Leben des Vernon Subutex Vol. I – Rezension

Gelungenes collagenartiges Gesellschaftsgemälde

Das Leben ist oft ein Spiel in zwei Sätzen: Im ersten schläfert es dich ein und lässt dich glauben, dass du führst, und im zweiten, wenn du entspannt und wehrlos bist, serviert es dir seine Schmetterbälle und macht dich alle.

Despentes, Virginie: Das Leben des Vernon Subutex Teil 1, S.11 Kiepenheuer und Witsch 2017.

Der „weibliche Houellebecq“ so wird Virginie Despentes in Frankreich genannt und wer den ersten Band ihrer Trilogie „Das Leben des Vernon Subutex“ liest, bekommt einen Eindruck, warum man sie in diese Kategorie zählen möchte. Als großer Fan französischer Literatur stand für mich außer Frage, ob ich auch diesen Roman lesen werde. Zu positiv waren die Kritiken, welche in der Trilogie ein passendes gesellschaftliches Sittengemälde sehen. Während ich an dieser Rezension sitze läuft im Hintergrund Nirvana und sorgt für das passende Rezensionsgefühl. Despentes nimmt uns nämlich mit auf eine Tour des sozialen Abstieges, in welcher Musik und auch vor allem Rockmusik keine untergeordnete Rolle spielt. Warum dies so ist, zeigt sich relativ schnell an der Hauptfigur.

Um was geht es?

Vernon Subutex heißt die Hauptfigur und war Besitzer des Plattenladens „Revolver“, bis die technische Entwicklung das Plattengeschäft schwächeln ließ. Nach diesem Verlust beginnt der soziale Abstieg, verbunden mit nicht mehr vorhandenen Einnahmen. Zunächst noch unterstützt vom ehemaligen Musikstar Alex Bleach kann er seine Wohnung vorerst halten, doch nach dessen Tod folgt die Zwangsräumung. Der Roman folgt Vernon nun bei seiner Reise durch verschiedene Wohnungen von Personen aus der Vergangenheit, die ihm kurzzeitig eine Bleibe gewähren. Dabei wird der Abstieg schnell deutlich und auch, dass die Vergangenheit aus Sex, Drugs and Rock’n Roll ihm keine Zukunft gewähren kann. Einzige Chance könnten Videokassetten sein, die Bleach in seiner Wohnung aufgenommen hat und als sein Vermächtnis bezeichnete.

Mein Eindruck vom Buch

Ich liebe Popromane und so kann mich dieser Roman schon durch seine Hauptfigur, den ehemaligen Plattenverkäufer Vernon für sich gewinnen. Allerdings gelingt es Virginie Despentes mich noch auf ganz andere Weise zu begeistern. Collagenartig zeichnet sie ein äußerst genaues gesellschaftliches Bild. Mag manche Figur etwas überzeichnet wirken, so begeht sie doch nie den Fehler, ihre Figuren der Lächerlichkeit preis zu geben. Vernon erkennt ganz langsam über den Handlungsverlauf hinweg, dass er sein Leben in der gewohnten Form nicht mehr zurück erhalten wird und auch das Schwelgen in der Vergangenheit keine Lösung darstellt. Er ist das Bindeglied zwischen all den im Roman auftretenden Figuren. Despentes greift fast alle aktuell auftretenden gesellschaftlichen Bewegungen mit ihrem Figurenensemble auf.

Wir haben ehemalige Groupies, die sich nun nichts sehnlicher wie ein normales Leben wünschen, in dem Wissen, dass sie auch dieses niemals endgültig glücklich werden lassen wird. Vernon geht eine Liebesbeziehung ein, in welcher sich der Wunsch nach einem festen Partner nach gewünschtem Vorbild so entwickelt, dass er fast erdrückend wird. Wir lernen Xavier kennen, einen rassistisch veranlagten Drehbuchautor, dessen Aussagen man auch aus eigenen Erfahrungen von Stammtischen kennt. Zwei ehemalige Pornosternchen leben zusammen. Eine der Beiden möchte den glorreichen Hauch der Vergangenheit wiederbeleben, während ihre Freundin sich entscheidet zum Transmann zu werden und dies als Chance eines Neuanfangs sieht. Mit ihnen in Verbindung wird der Ex-Mann eines anderen Pornostars gesetzt, dessen Frau sich dann mit dem ehemaligen Musikstar Alex Bleach eingelassen hat. Er versucht bestmöglich seine Tochter groß zu ziehen, die sich jedoch über Islamstudien immer weiter von ihm entfernt. Dann gibt es noch Patrice einen Freund von Vernon, der Einblick in sein gescheitertes Leben gibt. Verlassen durch seine Frau, weil er sie geschlagen hat, betrinkt er sich an einem Abend mit Vernon.

Diese Aufzählung mag unübersichtlich wirken und auf einen chaotischen Roman hinweisen, doch genau das Gegenteil ist der Fall. Die collagenartige Zusammenstellung wird so elegant über Vernon und Bleach als Bindeglieder verknüpft, dass man dem Ganzen gerne über 400 Seiten folgt. Stärke des Romans ist dabei, dass er den Figuren den nötigen Raum lässt sich darzustellen und dabei keine Angst vor Tabubrüchen zeigt. Stärkste Szene ist für mich auf jeden Fall, wie Patrice sich seine Gewalt in der Ehe versucht zu erklären und in dieser relational daherkommenden Passage auch tiefen Einblick in seine Gefühlswelt gibt. Ich weiß nicht, wann ich dies in einer solch prägnanten Sprache schon einmal gelesen habe. Ebenso sind die Passagen der beiden Pornosternchen von einer solchen Klarheit, dass man dies nachvollziehen kann, auch wenn diese Milieus doch so weit weg erscheinen.

Den Roman zeichnet aus, dass er sich zwar in bestimmten Milieus bewegt, aber anhand dieser verschiedene gesellschaftliche Diskussionen durchspielt und nie in eine Verklärung kippt. Es wird beschrieben, nicht endgültig erklärt und genau dies liebe ich an guten Romanen. Auch der dargestellte soziale Abstieg nimmt seinen Lauf, ohne dass er zu dramatisch geschildert wird, vielmehr fast logisch erscheint. Es geht Despentes nicht darum, dass ihre Figuren sich auflehnen. Vielmehr zeigt sich, dass ein Abstieg jedem schnell passieren kann, auch wenn man es sich nie hätte vorstellen können.

Mich hat dieser Roman auf jeden Fall sehr fasziniert und ich hatte den ersten Band noch nicht fertiggelesen, als sich schon Band 2 und Band 3 auf den Weg zu mir befanden. Für mich schafft es Despentes schnörkellos Probleme unserer heutigen westlichen Gesellschaften zu schildern, ohne diese endgültig zu werten. Somit kann ich dieses Buch allen empfehlen, die gerne gesellschaftskritische Romane lesen und die sich nicht an etwas schräg wirkenden Milieus stören.

Wertung: 🐧🐧🐧🐧

Werbung aus Liebe zum Buch

Despentes, Virginie:

Das Leben des Vernon Subutex

Kiepenheuer und Witsch Verlag

ISBN: 978-3-462-05207-7

Preis: 11,00€

Das Leben des Vernon Subutex 1 – Virginie Despentes | Kiepenheuer & Witsch (kiwi-verlag.de)

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Uhlmann, Thees: Sophia, der Tod und ich – Rezension

Eine humorvolle Roadnovelle mit ernstem Thema

Die Vielschichtigkeit der Welt stellte der Sucht der Menschen, alles aufgrund ihrer ewigen Suche nach Harmonie und Klarheit in Gut und Böse einteilen zu wollen, ein schönes Bei und nahm mich in ihre diffusen Arme, hatte ich doch ohnehin schon immer das Gefühl gehabt, dass alles dasselbe war und sich nur darin unterschied, von welcher Seite der Tribüne man die Sache betrachtete.

Uhlmann, Thees: Sophie, der Tod und ich, S.185 Kiepenheuer und Witsch 2020.

Thees Uhlmann gehört zu meinen musikalischen Lieblingskünstlern und so musste sein Romandebüt „Sophia, der Tod und ich“ auch auf meinem Schreibtisch landen. Ich mag Bücher, die sich bestimmten Themen auf unkonventionellem Wege nähern und dies trifft auf Uhlmanns Debüt auf jeden Fall zu. Es geht um den Tod und das Buch beginnt sein Thema schon auf ungewöhnlichem Wege. Der Tod klingelt an der Haustür der Hauptfigur und ab diesem Zeitpunkt muss der Roman zwangsläufig die Aufmerksamkeit seiner Leserschaft wecken. Das gesamte Buch wählt unkonventionelle Mittel, schafft es aber auf diesem Wege das ernste Thema mit Lebensfreude aufzuladen. Uhlmann ist ein Geschichtenerzähler, auch in seinen Songs hat er mich damit zu einem Fan werden lassen. Nun stellte sich nur noch die Frage, ob er dies auch auf die Länge eines Romans strecken könnte und ob er dabei dem ihm eigenen Stil folgt.

Um was geht es?

Der Tod klingelt an der Tür unseres Erzählers und berichtet diesem, dass er nur noch drei Minuten zu leben habe. Für unsere Hauptfigur klingt dies absurd, doch es mehren sich die Zeichen, dass es sich bei dem Besucher wirklich um den Tod handelt. Kurz darauf klingelt Ex-Freundin Sophia und zur Verwunderung beider tritt diese nun zum Geschehen dazu. Nach einer Diskussion wünscht sich die Hauptfigur noch einmal seine Mutter und dann auch noch seinen Sohn zu sehen. Letzteren hat er über Jahre nicht treffen können. Und so beginnt eine turbulente Roadnovel über die Frage, was man vom eigenen Leben eigentlich erwartet und was einem wirklich wichtig ist.

Mein Eindruck vom Buch

Die doch kurios anmutende Handlung wird ihn diesem Roman eher zum Beiwerk. Thees Uhlmann gelingt es durch seine Dialoge und die Selbstreflexionen der Hauptfigur, die eigentliche Handlung zu überlagern und den Wortwitz und die klugen und knappen Sätze zum Fokus des Romans zu machen. Die Figurenkonstellation hilft, denn jede Figur bringt passende Eigenheiten in die Dialoge ein.

Die Hauptfigur ist lethargisch und wird durch das Auftreten des Todes aus dieser Situation erweckt. Zuvor scheint er ohne feste Ziele zu agieren und sich auch vieles an Problemen ohne Widerspruch gefallen zu lassen. Die feinen Dialoge mit dem Tod lassen ihn allerdings erkennen, dass er nun noch bestimmte Sachen zu erledigen hat. An seinen eigenen Sohn schreibt er täglich Postkarten ohne zu wissen, ob diese gelesen werden.

Der Tod ist erfreut darüber, dass er diese Reise mit antreten kann. Zum ersten Mal kann er sich frei wie ein normaler Mensch bewegen und hat sichtlich Spaß daran das menschliche Leben zu entdecken. In seinem Verhalten liegen viele lustige Lesemomente. Als einen bezeichne ich auf jeden Fall, dass er sich den niederländisch klingenden Namen Morten de Sarg gibt, als er zum ersten Mal auf die Mutter trifft. Die kleinen Dialoge mit der Hauptfigur haben zudem einen klugen Wortwitz und begeistern mich. Sophia bringt in die ganze Runde die Lebensfreude und deckt auch die Lethargie des Protagonisten schamlos auf. Durch diese Kombination zeigt der Roman auf einfache Weise auf, was unser Leben auszeichnet, die Familie, Freunde, die Lust an Neuem und die Liebe erhalten ihren passenden Auftritt. An einigen Stellen erinnerten mich Handlung und Tonfall an Tilmann Rammstedt und seinen Roman „Der Kaiser von China“. Schon deshalb gefiel mir der Roman. Allerdings kann er in die absolute Lieblingskategorie nicht aufsteigen. Dies liegt vor allem an der Nebenhandlung. Denn es tritt ein zweiter Anwärter auf die Stelle des Todes in den Roman und bedroht die Reisegruppe. Die daraus erwachsenden Actionszenen passen irgendwie nicht in die gesamte Handlung und sondern sich auch stilistisch vom Rest des Werkes ab. Sofern damit der Wunsch verbunden war, dass die Handlung etwas mehr Fahrt aufnimmt, so ist dies aus meiner Sicht nicht gelungen.

Trotzdem ist dieses Buch eine empfehlenswerte Lektüre. Gerade in diesen Zeiten, in denen uns immer wieder negative Nachrichten erreichen, schadet es nicht auch bei einem ernsten Thema den nötigen Humor zu bewahren. Genau dies gelingt bei der Lektüre des Romans. Zudem lernt man noch kluge Aussagen zum Leben und fängt schnell an darüber nachzudenken, was dies für einen selbst bedeutet. Thees Uhlmann kann somit nicht nur tolle Songtexte schreiben, sondern ihm ist auch das Talent gegeben worden, kluge Geschichten zu erzählen. Vielleicht bleibt es ja nicht nur bei diesem einen Roman.

Wertung: 🐧🐧🐧1/2🐧

Werbung aus Liebe zum Buch

Uhlmann, Thees:

Sophia, der Tod und ich

Kiepenheuer und Witsch Verlag

ISBN: 978-3-462-05061-5

Preis: 11,00€

Sophia, der Tod und ich – Thees Uhlmann | Kiepenheuer & Witsch (kiwi-verlag.de)

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Nam-Joo, Cho: Kim Jiyoung, geboren 1982 – Rezension

Dokument eines Lebens in Unfreiheit

Bei meinem letzten großen Hugendubel Einkauf konnten sich meine ehemaligen Kolleg*Innen vollends austoben und haben mich vollbepackt aus dem Laden gehen lassen. Einer der Tipps war das Buch „Kim Jiyoung, geboren 1982“, dass ein Bestseller in Südkorea war und im Anschluss die Welt erobert hat. Nam-Joo Cho war als Drehbuchautorin tätig, ihr Roman hat sich mittlerweile über 2 Millionen Mal verkauft und wurde verfilmt. Sie schildert darin das Leben der Mitdreißigerin Kim Jiyoung. Sie ist verheiratet und kümmert sich um ihre kleine Tochter als eine Psychose auftritt. In dieser nimmt sie verschiedenste Persönlichkeiten an. Sie beginnt eine Therapie und ihr Psychiater erzählt uns daraufhin ihre Lebensgeschichte, dominiert von Sexismus und starren Rollenbildern.

Mein Eindruck vom Buch:

Auch dieses Buch hat natürlich Erwartungen geweckt, doch da ich schon die ein oder andere Rezension gelesen hatte, konnte ich diese schon einordnenNam-Joo Cho hat einen dokumentarischen Stil für ihren Roman gewählt. Die Erzählung des Lebens wird durch den Psychiater unterstützt, der bestimmte Einschätzungen mit Fakten und Quellenangaben untermauert. In ihrer Heimat hat das Buch die „MeToo“ Debatten beeinflusst. Dabei ist das was wir hier zu lesen bekommen nichts, was wir einzig und allein einer südkoreanischen Gesellschaft zuordnen können. Kim Jiyoung wächst in einer Familie auf, in welcher der Bruder immer bevorzugt wird. Die Ausbildungssituation für Frauen ist deutlich schlechter als für Männer. Sexistische Bemerkungen begleiten den weiblichen Alltag, die Kindererziehung ist klar der Frau zugeordnet. All diese Dinge sind uns auch in Europa bekannt. Immer wieder kommt Ermutigung auf, wenn sich einer der Lebensgefährten als Unterstützer zu erweisen scheint. Diese Hoffnungsschimmer halten jedoch nie lange genug an, um Kim beim Überwinden der nächsten Barriere zu unterstützen. Auch in Südkorea soll offiziell Gleichberechtigung herrschen, doch der reale Alltag spiegelt dies nicht wieder.

Ich werde also darauf achten müssen, eine unverheiratete Frau einzustellen.

Nam-Joo, Cho: Kim Jiyoung, geboren 1982, S.207 Kiepenheuer und Witsch Verlag 2. Auflage 2021.

Dieses Zitat des Psychotherapeuten macht aus meiner Sicht einen gewichtigen Punkt in der Betrachtung der behandelten Themen aus. Der Therapeut wirkt über weite Teile des Romans als verständnisvoll, trotzdem möchte er in seiner eigenen Praxis darauf achten, dass der Mutterschutz sich nicht nachteilig auf ihn auswirkt. Genau diese Art des Umgangs ist aber ebenfalls eine Wurzel für das von Kim Jiyoung gelebte Leben. Kim selbst realisiert die Ungerechtigkeiten nicht immer. Doch es fehlt nicht an Deutlichkeit, dies geschieht seitens der Autorin durch Nennung einer faktenbasierten Quelle. Durch diese Darstellung drückt sich das Ausmaß aus und Kim wird so zu einem Beispielfall in dem sich allgemeine Zustände ausdrücken.

Der Roman erzählt dieses Leben in Zeitabschnitten und stellt uns in diesem Zeitraum auch die Veränderungen Südkoreas hin zu einer kapitalistischen Gesellschaft vor.

Kein Weg für Einzelkämpfer*Innen

Der Roman zeigt auf, dass unsere Strukturen in der Arbeitswelt und der Familie Frauen immer noch strukturell benachteiligen. Männerphantasien werden im Roman deutlich, drücken sich aber nie explizit aus. Dies kann man dem Roman nachteilig auslegen, doch ich sehe gerade darin die Stärke. Es muss nicht immer erst das Äußerste geschehen, schon die Hintergründe sind entscheidend, um Benachteiligungen deutlich zu machen. In den Darstellungen der Arbeitswelt wird sichtbar, dass auch einzelne handelnde Personen es nicht schaffen werden, dieses Umfeld zu ändern. Es braucht größere Anstrengungen. Das den Roman durchziehende Gefühl der Unfreiheit ist gleichzeitig der kausale Grund für die psychischen Probleme der Hauptfigur. Dabei deutet die Darstellung des Psychotherapeuten nicht daraufhin, dass diese Therapie ihr schlussendlich helfen könnte.

Mein Fazit dieses Werkes ist, dass es viele dieser Romane braucht, die einem immer wieder den Spiegel vorhalten. Natürlich lernen wir aus dieser Lektüre nichts, was uns nicht schon bekannt sein sollte. Festzuhalten ist jedoch, dass sich noch nichts geändert hat. Der dokumentarische Stil und der Plot der Psychotherapie sind mir bisher unbekannte Umgangsweisen mit diesem Thema. Der Roman kombiniert sein Thema kunstvoll mit dieser Konstruktion und wird auf diesem Wege zu einem Dokument eines Lebens in gelebter Unfreiheit. Mir hat das Buch auf jeden Fall gefallen. Dem Buch gelingt es aufgrund seiner Stilistik aber nicht mich emotional zu packen, weshalb ich in meiner Gesamteinschätzung hinter höchsten Werten zurückbleibe. Trotzdem ist es ein wichtiges Buch zum Thema Gleichberechtigung und Benachteiligung von Frauen und findet zurecht eine große Leserschaft.

Wertung: 🐧🐧🐧1/2🐧

Unbezahlte Werbung aus Liebe zum Buch

Nam-Joo Cho:

Kim Jiyoung, geboren 1982

Kiepenheuer und Witsch

ISBN: 978-3-462-05328-9

Preis: 18,00€

Kim Jiyoung, geboren 1982 – Nam-Joo Cho | Kiepenheuer & Witsch (kiwi-verlag.de)

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Barnes, Julian: Der Lärm der Zeit

Kunst ist ein Flüstern der Geschichte, das durch den Lärm der Zeit zu hören ist. Kunst existiert nicht um der Kunst willen, sie existiert um der Menschen willen.

Barnes, Julian: Der Lärm der Zeit, S.125 Kiepenheuer und Witsch 2016.

Der Roman „Der Lärm der Zeit“ von Julian Barnes erzählt aus dem Leben des berühmten russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch. In drei Stationen wird erzählt wie dieser sich mit den politischen Machtverhältnissen auseinandersetzen muss. Sein Leben wird zum Kampf um künstlerische Freiheiten und die Frage welche Opfer man für Kunst und Leben bringen möchte. Auch wenn der Ausgang des Protagonistenlebens bekannt ist, gelingt Barnes zu diesen Aspekt ein gelungener Spannungsaufbau. Dabei wird das Leben nicht überdramatisiert, sondern die Tragik wird kunstvoll passend arrangiert – ein wirklicher Lesegenuss!

Um was geht es?

Im Mai 1937 wartet der Komponist Dmitri Schostakowitsch neben dem Fahrstuhl seiner Wohnung auf die Verhaftung durch das Stalin-Regime. Er scheint zum Abschuss freigegeben, da der mächtige Herrscher nicht begeistert von seinem neuesten Werk war. Mit Glück entgeht er diesem Schicksal, wird jedoch zunehmend in politische Machtspiele verstrickt. Mit dem Ende des Stalin-Regimes enden dann die Probleme auch nicht. Für den Künstler stellt sich die Frage seines Verhältnisses zu den Machthabern. Kann es unter diesen Voraussetzungen überhaupt so etwas wie künstlerische Freiheit geben?

Mein Eindruck vom Buch

Es ist mein erster Roman von Julian Barnes und sogleich hat er mein Leserherz erobert und so wird es keinesfalls der letzte gewesen sein. Barnes ist ein richtig toller Künstlerroman gelungen, der zugleich auch noch sachlich über die Rolle der Kunst in unserer Gesellschaft nachdenkt. Dies gelingt Barnes, in dem in seinem Roman keine reine Biografie von Schostakowitsch verhandelt wird. In drei Schritten werden entscheidende Wegpunkte zum Ausgang eines Blickes in die Gedankenwelt des Komponisten. Die historische Figur wird als Grundlage genutzt, doch gekonnt ästhetisch verarbeitet. Wir werden auf diesem Weg in die Gedankenwelt mitgenommen und müssen uns ebenso fragen was ein Künstler bereit sein sollte zu opfern?

Immerhin war es gerade noch möglich, dass er aussah wie ein Mann der von seiner Frau Nacht für Nacht demütigend hinausgeworfen wurde, oder wie ein Mann der wankelmütig Nacht für Nacht seine Frau verließ und dann zurückkehrte. Wahrscheinlicher aber war, dass er genau so aussah wie das was er war, ein Mann der wie hundert andere in der Stadt Nacht für Nacht auf seine Verhaftung wartete.

Barnes, Julian: Der Lärm der Zeit, S.32 Kiepenheuer und Witsch 2016.

Mit diesem Zitat wird ein Kernelement des Romans aufgegriffen, die Reduzierung des Künstlers auf das Bild eines einfachen Mannes, der in einer Diktatur Entscheidungen treffen muss. Durch die Kritik Stalins am neuesten Werk gilt er als nicht regimetreuer Künstler. Somit ist der erste Teil des Romans geprägt von der Angst Teil von Säuberungsaktionen zu werden und auch seine Familie zu gefährden. Die Erzählweise aus der dritten Person heraus bietet Barnes die Möglichkeit, sowohl die Gedanken der Figur zu schildern, als auch immer wieder Hintergrundinformationen zu vermitteln.

Der zweite Teil des Romans zeigt ihn dann als Gehilfe des Regimes. Bei einer Friedenskonferenz in New York wird der Künstler als Friedensbotschafter instrumentalisiert und dies zu erkennen belastet ihn zunehmend. Die Angst vor den herrschenden Mächten kann die Erschütterung sich gebeugt zu haben nicht aufwiegen. Barnes seziert die Hauptfigur in ihren Gedanken, ohne das Emotionen das Geschilderte überlagern. Es ist spannend zu sehen, wie sich die Figur immer weiter verstricken muss und so auch noch Parteigänger wird. Oft bleibt beim Lesen des Romans nur die Schlussfolgerung, entweder keine Kunst zu ermöglichen oder sich als Künstler einschränken zu lassen.

Als es möglich wurde die Wahrheit auszusprechen – weil es den umgehenden Tod zur Folge hatte – musste sie verschleiert werden.

Barnes, Julian: Der Lärm der Zeit, S.126 Kiepenheuer und Witsch 2016.

Mit diesem Zitat ist alles zur Lage in der Diktatur gesagt. Dem Tod kann zweierlei Bedeutung zugesprochen werden, zum einen der Tod des Menschen und zum anderen jener des Künstlers. Für mich ist das Wunderbare an diesem Buch, dass sich zeigt wie Kunst auch Zeit überdauert und dabei nie nur sich selbst dient, sondern den Menschen. Genau deshalb sollte dieses Buch auch viel gelesen werden.

Unbezahlte Werbung aus Liebe zum Buch

Julian Barnes:

Der Lärm der Zeit

Kiepenheuer und Witsch

ISBN: 978-3-462-04888-9

Preis: 20,00€

https://www.kiwi-verlag.de/buch/julian-barnes-der-laerm-der-zeit-9783462048889

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DeLillo, Don: Die Stille – Rezension

Waren sie einander ein Rätsel, wie eng sie auch immer miteinander zu tun hatten, jede Person so selbstverständlich abgekapselt, dass sich er oder sie einer endgültigen Festlegung einer festen Einschätzung durch die anderen Anwesenden entzog. DeLillo, Don: Die Stille, S.70 Kiepenheuer und Witsch 2020. Don DeLillo legt eine knappe Erzählung vor, welche vieles an zeitgemäßen …

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Hettche, Thomas: Herzfaden – Rezension

Viele würden ihn fragen, beginnt er, weshalb er kein richtiges Theater mehr machen wolle. Aber ihm sei klar geworden, dass Puppentheater noch mehr Theater sei als Menschentheater. Marionetten seien die ehrlicheren Schauspieler. Sie ließen sich nicht verführen, und die Freude sei eine nahere, unschuldigere Freude.

Hettche, Thomas: Herzfaden, S.158 Kiepenheuer und Witsch 2020

Mit diesem Zitat ist das Thema von Thomas Hettches Roman „Herzfaden“ benannt, es geht um Marionettentheater. Genauer gesagt erzählt der Roman die Geschichte der Augsburger Puppenkiste, dem bekanntesten Puppentheater Deutschlands. Auch ich habe als Kind „Urmel aus dem Eis“ oder „Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“ im Fernsehen gesehen und habe mich daran erfreut. Diese Erinnerungen ruft der Roman hervor und allein weil die Geschichte jenes Theaters erzählt wird, dass ich in der Kindheit so gerne gesehen habe, musste ich den Roman lesen.

Um was geht es?

Hannelore Oehmichen (Spitzname Hatü) erzählt ihre Familiengeschichte einem jungen Mädchen. Die Geschichte ist geprägt von der Gründung des Marionettentheaters Augsburger Puppenkiste und der damit verbundenen leidenschaftlichen Arbeit. Inmitten der Kriegswirren zunächst als Familientheater gestartet, entwickelt sich das Puppentheater zu einem Ort der Hoffnung. Vater und Tochter bringen eine gemeinsame Leidenschaft ein, wobei Hatü unterstützt von jungen Kolleg*Innen eine mutige Ausrichtung bei den dargebotenen Stoffen fordert. Das Setting des Romans sorgt dafür, dass wir die Entwicklung des Theaters erzählt bekommen und dies vor dem Hintergrund der schwierigen Verhältnisse der Nachkriegszeit.

Mein Eindruck vom Buch

Die Idee zum Roman entstand bei Thomas Hettche mit der Frage, wie wohl eine Kindheit im Nationalsozialismus ausgesehen habe. Hannelore Oehmichen und ihre Familiengeschichte sind interessanter Stoff zu diesem thematischen Aspekt. Hatü, wie sie genannt wird, wächst inmitten der NS-Zeit und den Nachkriegsjahren heran, übernimmt früh Verantwortung und teilt die Puppenleidenschaft des Vaters.

Mit dem eingangs erwähnten Zitat zeigt sich für mich, was Hettche am Puppentheater fasziniert. Es geht um die Besonderheit des Puppentheaters in einer Zeit der Schuld. Dies wird auch in den Aufbau des Romans integriert. Ein Mädchen reist mit ihrem Vater zur Augsburger Puppenkiste. Sie hält sich für zu alt solchen Kinderkram, bis sie auf magische Weise die Marionetten und ihre Erfinderin Hatü trifft. Märchenhaft fügt sich die kindliche Naivität in den Text, ohne dabei verklärend zu wirken. Das Reinheitsmotiv der Kindheit ist Triebmotor der Erzählung. Denn es sind die idealisierten Ziele der jungen Theatermacherin Hatü und ihrer Freunde, welche die Stückauswahl stark beeinflussen. Die Grausamkeiten der Diktatur sind schließlich mit Kriegsende nicht einfach verschwunden und Transparenz über Täterstrukturen fehlt. Auch deshalb ist das Textzitat zentral, denn Puppen können nicht verführt werden. Walter Oehmichen glaubt sogar, dass sie die besseren Schauspieler sind, denn sie besitzen den Herzfaden. Jener unsichtbare Faden weist, losgelöst vom Puppenspieler, von der Marionette ins Publikum hinein.

Über zwei Jahrzehnte wird uns die Familiengeschichte und damit auch die Geschichte des Theaters erzählt. Wir erfahren von den künstlerischen Diskussionen und der Erfolgsgeschichte der Fernsehstücke. Und genau an diese erinnere natürlich auch ich mich. Deshalb sind die berühmten Figuren Urmel und Jim Knopf schnell vor meinem lesenden Auge und dies nicht nur weil es tolle Illustrationen im Buch gibt. Aus heutiger Sicht scheint es schier unvorstellbar, wie eine solche Erfolgsgeschichte mitten aus den Kriegswirren heraus entstehen konnte. Dieser Ausnahmesituation stellt der Roman auf wunderschöne Art und Weise die Leidenschaft der Theatermacher und die märchenhafte Kraft des Puppentheaters entgegen. Man lernt viel über die Art des Puppenschnitzens und des Puppenspiels.

Thomas Hettche ist als Autor selbst Theatermacher, indem er die Erzählsituation marionettengleich arrangiert. Er hält die Fäden in der Hand und lässt den Roman lautstark Werbung für das Schaffen von Illusionen machen. Als positives Beispiel für die Notwendigkeit, gibt Hettche den eigenen Romanstoff an: Die Geschichte der Augsburger Puppenkiste. Nicht nur für Nostalgiker ein toller Lesetipp!

Thomas Hettche:

Herzfaden

Kiepenheuer und Witsch

ISBN: 978-3-462-05256-5

Preis: 24,00€

https://www.kiwi-verlag.de/buch/thomas-hettche-herzfaden-9783462052565

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Schorlau, Wolfgang: Der freie Hund – Rezension

„Der freie Hund“ ist ein unterhaltsamer Venedig-Krimi mit einem willensstarken Kommissar. Dieser und die weiteren Figuren tragen die Geschichte und sorgen für die Auflösung des Kriminalfalles. Die Stadt Venedig mit ihren Problemen als Tourismushotspot wird gekonnt als Hintergrund hinein verwoben.

Wolfgang Schorlau ist dank seiner Dengler-Romane ein Schwergewicht der deutschen Krimiszene. Umso gespannter war ich auf seinen neuen Roman, der nicht zu dieser Reihe gehört. Gemeinsam mit Claudio Caiolo hat Schorlau einen Venedig-Krimi geschrieben, der mich auch an die Stadt erinnerte, in der ich einen meiner schönsten Urlaube verbracht habe.

Um was geht es?

Commissario Antonio Morello ist erfolgreicher Ermittler in Sizilien und hat dort der Mafia den Kampf angesagt. Nach einem tragischen Unfall wird Morello zu seinem eigenen Schutz nach Venedig versetzt. Der neue Arbeitsplatz löst nicht gerade Begeisterung aus, nur die schnell aufkommende Arbeit motiviert ihn seine neue Lebenssituation anzunehmen. Der Mord am Sohn einer einflussreichen Familie zeigt Morello schnell auf, dass der Arm der Mafia auch bis nach Venedig reicht. Morello nimmt den Kampf gegen die Verstrickungen von Politik und Wirtschaft auf.

Mein Eindruck vom Buch

Der Krimi „Der freie Hund“ lebt von seiner starken und gut konstruierten Titelfigur. Antonio Morellos Spitzname ist der „freie Hund“ und bezieht sich auf seine Ermittlungserfolge in Sizilien. Dort gelang es ihm Politiker zu verhaften, die in direkter Verbindung zur Mafia standen. Als Reaktion darauf wurde seine Frau bei einem missglückten Anschlag getötet und so musste auch Morello sich verstecken. Die Versetzung nach Venedig ist der nächste Schritt, da die Mafia nie außerhalb ihres Distrikts mordet.

Morello lehnt die neue Heimat ab, vermisst Sizilien und dies passt auch zu seinen neuen Kollegen, die ihm ebenfalls mit viel Ablehnung begegnen. Trotzdem gelingt es ihm durch seine gute Arbeit den Kriminalfall voranzubringen und auch bei seinem Team die Mauern Stück für Stück einzureißen. Als er auf mafiöse Verbindungen stößt, stellt er schnell die richtigen Vermutungen an. Venedig als Kriminalschauplatz ist geprägt von den Büchern von Donna Leon. Schorlau fügt eine weitere Ebene hinzu. Ähnlich wie in den Dengler-Romanen arbeitet er auch in diesen Roman reale Hintergründe ein und berichtet von den Tourismusproblemen der Stadt. Leider schwächelt der Roman gerade in der Darstellung des Handlungsortes und auch die Mafiastrukturen wirken an mancher Stelle zu konstruiert.

Aber selbst wenn der Roman diese Schwächen mit sich bringt, so ist den beiden Autoren trotzdem ein guter Krimi gelungen. Über die Flirts des Kommissars liest man ebenso hinweg, ohne dass dies dem Lesevergnügen Abbruch tut. Die gut konstruierten Romancharaktere tragen die Story und der Fall wird zielgerichtet aufgelöst. Die Probleme des Massentourismus erhalten angemessen Raum und liefern den Leser*Innen interessante Informationen. Wer sich für die Stadt und einen gut gemachten Kriminalfall interessiert, sollte auch zu diesem Roman von Wolfgang Schorlau greifen.

Claudio Caiolo und Wolfgang Schorlau:

Der freie Hund

Kiepenheuer und Witsch

ISBN: 978-3-462-05245-9

Preis: 16,00€

https://www.kiwi-verlag.de/buch/wolfgang-schorlau-claudio-caiolo-der-freie-hund-9783462052459