Ein Heranwachsen in den siebziger Jahren in der Bundesrepublik – Gorkow, Alexander: Die Kinder hören Pink Floyd

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Über den heutigen Roman meiner Besprechung hatte ich einige positive Besprechungen gelesen und da mich Coming-of-Age Romane, oder Bücher mit Bezügen zur Popkultur reizen, habe ich mir den Roman ebenfalls gekauft. Er ist damit nach meinem Restart die erste Besprechung eines Titels der Gegenwartsliteratur und eröffnet damit auch diese Kategorie. Ihr werdet sicherlich Veränderungen im Vergleich zu meinen vorherigen Besprechungen finden, jedoch möchte ich meinen literaturwissenschaftlichen Blick dabei nicht gänzlich verlieren.

„Wenn es nach T.Rex und Pink Floyd geht, wird das Establishment ausradiert.“

Alexander Gorkow: Die Kinder hören Pink Floyd, 2021, Kiepenheuer und Witsch Verlag, S.43.

Ein kindlicher Blick, der Humor und Reflektion transportiert

Dieser Roman nimmt uns mit in eine Kindheit der 70er-Jahre. Von einem kindlichen Ich erhalten wir den Blick auf ein Familienleben und damit auch auf die kindliche Entwicklung. Der Roman erinnert nicht nur an die technischen Begebenheiten der 70er, sowie die damalige Popkultur, nein, er wirft damit gleichzeitig einen Blick auf unser heutiges Umfeld. Man muss eigentlich zweifeln, wenn man erkennt, welch rasante Entwicklung es seit dieser Jahre gegeben hat. Des Weiteren legt der Roman offen, welche gesellschaftlichen Spannungen hinsichtlich der Aufarbeitung der deutschen Kriegsgeschichte bestehen, ohne sich auf die sozialen Bewegungen fokussieren zu müssen. Der junge Erzähler lernt von seiner Schwester die Band Pink Floyd kennen und deren Musik durchzieht den Roman. Es ist für den jungen Mann der rote Faden seines Lebens. Insgesamt prägen den Roman popkulturelle Verweise, die sich deutlich als Motive für die Gestaltung der eigenen Identität anbieten. Gleichzeitig wird reflektiert, dass bestimmte Künstler für eine nationale Identität instrumentalisiert werden. Gorkow nutzt den kindlichen Blick, um die Reflexionsebenen doppeldeutig wirken zu lassen, zum einen nimmt man den kindlichen Blick wahr, zum anderen setzt beim Lesen eine eigene Reflexionsschleife ein, die auch den kindlichen Blick reflektiert. Ein anschauliches Beispiel ist eine Stelle, an der er über den Transport der Stimmen durch den Telefonhörer nachdenkt. Der pragmatische kindliche Blick bringt mich zum Lachen und doch markiert er damit die Komplexität unserer technischen Errungenschaften, die sich dem kindlichen Blick verschließen müssen. Die familiäre Situation ist nicht von Herzlichkeit geprägt, trotzdem herrscht ein liebevoller Umgang. Die Familienhierarchie ist weniger sichtbar, als man sie vermuten lässt. Wunderbar ist die Szene, als der Vater mit der Mutter über Rainer Barzel diskutiert. Ebenso wunderbar ist es zu lesen, wie der Vater den abendlichen Nachrichten lauscht und wie hoch die Bedeutung dieser Sendung für die Beschäftigung mit der Gesellschaft ist. Hochkomisch ist es, wenn der Vater seine Rosen gießt und dabei versucht, mit dem Nachbarn nur das Nötigste zu sprechen. Ich fühlte mich ganz stark an Loriot erinnert und musste herzhaft lachen.

Man kann einem Monster nicht  kündigen. Es entscheidet immer das Monster, wie es weitergeht.

Alexander Gorkow: Die Kinder hören Pink Floyd, 2021, Kiepenheuer und Witsch Verlag, S.184.

Ein belastendes Schweigen zur NS-Geschichte

Doch Popkultur und Familienleben sind nur ein gut eingebetteter Hintergrund. Ein wichtiger Erzählstrang zeigt die Schwester als rebellierenden Charakter, die mit Schweinemetaphorik in ihren Beiträgen die mangelnde Aufarbeitung des Nationalsozialismus markiert. Die Eltern nehmen dabei eine schweigende Mitläuferrolle ein, wollen keine politische Gesprächskultur zu dieser Thematik. Gepaart wird dies mit einer Monster-Metaphorik, welche den kindlichen Blick auf die noch immer gegenwärtigen Faschisten in der Gesellschaft mit einem klassischen Kindheitsbild verarbeitet – ein gutes Stilmittel. Das Thema scheint zwischen den Figuren zu schwingen und vielleicht ein herzlicheres Familienverhältnis zu verhindern. Auch der Sprachfehler des Erzählers kann in diesem Zusammenhang gedeutet werden und als eine Gegenreaktion auf das Schweigen der Eltern verweisen. Doch der Roman öffnet eine tiefere Ebene, in der ersichtlich wird, dass die Eltern sich ebenfalls von den alten gesellschaftlichen Strukturen lösen möchten, ohne damit offensiv umzugehen. Der Pfarrer gibt unserem Erzähler eine Ohrfeige und diese rächt der eigene Vater und verteidigt damit den Sohn. Offen bleibt, ob damit nur der Anspruch des Familienoberhauptes gewahrt werden soll oder sich darin eine verletzliche Vaterfigur zeigt, die ebenfalls mit den männlich dominierten Strukturen hadert, welche der Faschismus nochmals verstärkt hatte. Und dann durchziehen den Roman noch die Pink Floyd Bezüge. Da es um die Aufarbeitung der NS-Zeit geht, muss ein Roman, der mit Erinnerungen arbeitet, einen heutigen Blick auf Roger Waters werfen. Gekonnt bindet Gorkow dies ebenfalls in die Monster Metaphorik ein. Der Roman eröffnet damit einen Raum zum Nachdenken über den gegenwärtigen Umgang mit Israel.

Fazit

Dieser Roman hat mich zunächst enttäuscht, aber er gewinnt ungemein in der Bearbeitung des Gelesenen und offenbart unglaublich viele Bezugs- und Deutungsebenen und die Auseinandersetzung macht viel Spaß. Dabei strengt der Roman nicht an, lässt sich gerade wegen der kindlichen Perspektive flüssig lesen, da diese einen schönen Humor transportiert. Wer selbst in den Siebzigerjahren groß geworden ist, wird sich an diesem Roman ungemein erfreuen, alle anderen sollten sich auf die vielen Textebenen einlassen. Der Text ist handwerklich gut gearbeitet. Trotzdem möchte ich in meiner Bewertung berücksichtigen, dass dieser Text Arbeit macht und nicht jeden mitnehmen wird.

Werbung aus Liebe zum Buch

Wertung: 🐧🐧🐧1/2🐧

Alexander Gorkow: Die Kinder hören Pink Floyd

ISBN: 978-3-462-00358-1

https://www.kiwi-verlag.de/buch/alexander-gorkow-die-kinder-hoeren-pink-floyd-9783462003581

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