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Filmkritik: Die Wannseekonferenz

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Heute vor 80 Jahren versammelten sich am Wannsee in Berlin, unter Vorsitz von Reinhard Heydrich fünfzehn hochrangige Nationalsozialisten um die Endlösung der Judenfrage zu bestimmen. Es ist heute noch unvorstellbar, wie Menschen eine solche Entscheidung treffen konnte und das historische Ereignis ist in seiner ganzen Kälte und Grausamkeit nie zu vergessen. Anlässlich dieses historischen Gedenkens hat sich das ZDF entschieden einen Spielfilm, sowie eine Dokumentation zu senden. Diese beiden Produktionen möchte ich in dieser Besprechung vorstellen.

Die Dokumentation beginnt mit der Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer und ihrem Blick auf den Ort dieser Konferenz und die Einladung, die klar benennt, dass es um die Endlösung gehen soll und es wird noch ein anschließendes Frühstück erwähnt. Vor wenigen Wochen ist Friedländer hundert Jahre alt geworden und doch will sie in ihrem Alter diese Reise auf sich nehmen. Wir alle sollten uns bewusst sein, dass wir den direkten Aussagen der Überlebenden dringend zuhören müssen, solange dies noch geht und wir ihre Aussagen weiter transportieren müssen.

Als Schlüsseldokument für die Beschäftigung mit dieser Konferenz gilt das einzig überlieferte Protokoll. Jörg Müllners Dokumentation nutzt neben Friedländer noch Historiker, um die Überlieferungen und vergangenen Geschehnisse einzuordnen. Deutlich wird hier, dass es eine stetige Eskalation im Vernichtungskrieg gegen die Juden gegeben hat und das alle aus Sicht der Nationalsozialisten notwendigen Verwaltungsorgane in die Endlösungsfrage einbezogen wurden. Auch untergeordnete Stellen können nie behaupten, dass man vom Ausmaß nichts gewusst hat. Am Beispiel der Familie Chotzen aus Berlin zeigt die Dokumentation, was sich aus der Konferenz und deren Entscheidung an Auswirkungen ergeben hat. Während der Konferenz wurde besprochen, was mit Personen geschehen soll die man, nach der arischen Rassenkultur, als Mischlinge einstuft. Man macht aus ihnen Gesinnungsjuden und entscheidet, dass man sie genauso der Endlösung zuschlagen muss. Diese Entscheidung hat auch Auswirkungen auf die Familie Chotzen. Die Dokumentation verknüpft so direkt die 15 Täter mit beispielhaften Opfern, ohne folgendes zu vergessen: Die Zielsetzung ist die Ermordung von über elf Millionen Menschen und das es bei über 6 Millionen gelingen wird.

Kein einfach zu verfilmender Stoff, dem sich Matti Geschonneck als Regisseur des Spielfilms widmet. Wie sind Menschen darzustellen, die in einer Konferenz eine Entscheidung solcher Grausamkeit mit verwaltungstechnischer Genauigkeit treffen. Den Schauspielern wurde klar gemacht, dass sie Männer spielen, die nach einer Lösung suchen, es hier nicht um eine politische Auseinandersetzung ging. Der Spielfilm orientiert sich an einem Protokoll Adolf Eichmanns. Etwa 90 Minuten soll die Besprechung gedauert haben und eine ähnliche Länge hat auch dieser Film. Es gibt keine langen Vorgespräche oder Zwischendialoge, sondern ins Zentrum wird die Besprechung der 15 Männer gestellt, nur noch begleitet von einer Sekretärin. Mit Ruhe beschäftigen sich diese Männer mit dem ihnen gestellten Problem, dem Wunsch des Führers, nach einer endgültigen Lösung für die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa nachzukommen. Reinhard Heydrich (gespielt von Philipp Hochmair) ist Leiter des Treffens und wird von Beginn an als zufrieden und optimistisch gezeigt und zwar in Bezug auf ein positives Ergebnis dieses Treffens. Er strukturiert die Diskussion und weiß, dass er sich auf Adolf Eichmann (Johannes Allmayer) und seine Ansätze zur Auslöschung der Juden verlassen kann. Der Film lässt nur an einer Stelle kurz die Möglichkeit aufscheinen, dass hier auch Moral eine Rolle spielt. Doch es geht nicht um Moral, sondern darum, wie schafft man dies, ohne das Ausland zu erregen und wie kann man die Ermordung der Juden so gestalten, dass die deutschen Soldaten wenig emotionale Belastung erleben. Ministerialdirektor Kritzinger (Thomas Loibl) gibt dieser Debatte ein nachdenkliches Gesicht, dass sich jedoch nur Gedanken um das Erreichen des Ziels macht. Gerade die Debatte um den Umgang mit „Mischlingen“ nach der arischen Rassentheorie zeigt die Kälte und das preußische Vorgehen der Runde. Es geht nicht um die Todesopfer der Juden, sondern darum, verlieren wir vielleicht Soldaten oder zu viele Arbeitskräfte. Hier wird nüchtern analysiert und wenn überhaupt um Zuständigkeiten gerungen, drücken wird sich hier niemand. Das Ganze findet in einem nüchtern gestalteten Konferenzraum statt. Der Film wählt keine hellen Farben, anders wäre das Gezeigte auch schwer zu ertragen. Es ist durchaus festzuhalten, dass wir hier ein Kunstwerk sehen. Die Schauspieler zeigen die Nüchternheit, aber auch den klar vorhandenen Judenhass. Es ist nichts sympathisches an ihnen, ohne dass man ihr böses Gesicht durchgehend zeigen muss. Dieser Film zeigt wie eine Diktatur funktioniert. An ihrem Bestehen und auch an dieser Massenvernichtung können nie nur Befehlskräfte als Stütze tätig gewesen sein, es braucht viel mehr handelnde Personen. Man muss von einem durchgehenden System sprechen. Dies nochmal zu zeigen und die Skrupellosigkeit herauszustellen ist ein Verdienst des Filmes und der Darsteller. Dieser Film ist kein Genuss, aber er ist als Kunstwerk wichtig und gut gemacht und deshalb sollte man sich Film und Dokumentation anschauen.

Es sei an dieser Stelle noch kurz auf Debatten, die ich in den letzten Wochen an der ein oder anderen Stelle gehört habe eingegangen. Darf man Nationalsozialisten als Menschen zeigen, die sich als Täter untereinander auch zwischenmenschlich zeigen? Ich schreibe hier bewusst ja, denn ich empfinde es als deutlich schlimmer, wenn man in der Nachbetrachtung immer klar markiert, dass waren „böse Menschen“. Nein dies waren Menschen, die sich einer Ideologie verschrieben haben und bewusste grausame Entscheidungen mit Wissen um ihre Auswirkungen getroffen haben. Nie darf man dies nur mit einem bösen Menschenbild begründen, sondern muss sich der Gefahr bewusst sein, dass Menschen einander so etwas angetan haben. Kritisieren möchte ich das ZDF allerdings dafür, dass man diesem Film nicht am heutigen Tag ausstrahlt und stattdessen am Standardprogramm „Der Bergdoktor“ festhält. Dies ist aus meiner Sicht keine nachvollziehbare Entscheidung.

Nach diesem Film und dies muss ich an dieser Stelle nochmals sagen, ist es noch unverständlicher, wenn sich heute Menschen mit der Situation von Juden während des Nationalsozialismus gleichsetzen. Wer diesen Vergleich zieht, der, und dies will ich in aller Deutlichkeit sagen, hat nichts verstanden und kann keine Diskussion erwarten. Das Ausmaß der damaligen Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist einzigartig und auch die gewählten Verfahren müssen jeden Menschen erschaudern. Wer die Folgen der Judenverfolgung leugnet, oder glaubt, dass man ihn ähnlich behandelt, der hat in dieser Bundesrepublik keinen Platz in der sozialen Gemeinschaft. Die vielen Toten, die diese dunkle Zeit der Deutschen Geschichte hervorgebracht haben, dürfen nie vergessen werden. Dieses Vergessen darf auch nicht unter dem Mantel einer scheinheiligen Meinungsfreiheit versteckt werden, sondern muss in aller Deutlichkeit angeprangert werden. Niemals wieder muss immer die Botschaft sein!

Wertung: 🐧🐧🐧🐧

Der Film und die Dokumentation sind vorab in der ZDF Mediathek bis 17.01.2024 abrufbar und werden am 24.01.2022 im Fernsehen ausgestrahlt.

https://www.zdf.de/filme/die-wannseekonferenz/die-wannseekonferenz-104.html

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