Die beiden Frauen kamen sich nah. Ihre Begegnungen waren Spaziergänge im Gedächtnis der einen, die andere war Besucherin im Museum eines verschwindenden Lebens, Gast in einem fremden Schädel voller Geschichten, die ihren Weg bereitet hatten.

Fritsch, Valerie: Herzklappen von Johnson und Johnson, S.65 Suhrkamp 2020.

Dieser Roman hat mich richtig gepackt und hätte aus meiner Sicht auf jeden Fall einen Platz auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises im vergangenen Jahr verdient gehabt. Ein kurzer, aber sprachlich fesselnder Roman über eine Familiengeschichte, der mich lächeln ließ, aber auch traurige Momente lieferte. Die Verarbeitung von Kriegstraumata zeigen auf, wie Schicksale der Vergangenheit auch die weitere Familiengeschichte mitprägen. Dennoch unterläuft der Roman auch bekannte Muster von Familienromanen, indem keine großen Charakterausbreitungen geschildert werden, sondern vor allem die sozialen Funktionen der Familienmitglieder in den Vordergrund rücken. Außerdem zeigt auch das Zitat, dass in diesem Zusammenhang die Bedeutung des Erzählens thematisiert wird. Eine absolute Leseempfehlung!

Um was geht es?

Alma und Friedrich sind ein Paar, die sich stark mit ihrer Familiengeschichte auseinandersetzen. Zudem sind sie in Sorge um ihren Sohn Emil, der aufgrund eines genetischen Effektes keine körperlichen Schmerzen spüren kann. Unsichtbare Verletzungen sind damit eine Gefährdung für den Jungen und werden mit unsichtbaren psychischen Verletzungen aus der Familienhistorie verbunden. Die Kindheit der Eltern wird ebenso thematisiert, wobei Alma die Hauptfigur bleibt und dabei zeigt, dass jede nicht verarbeitete Verwundung ihre Spuren hinterlässt. Vielleicht auch in der Erkrankung des Sohnes?

Mein Eindruck vom Buch

Dieses Buch hat den Weg auf meinen Nachttisch durch einen Tipp des Literaturkritikers Dennis Scheck gefunden. Untypisch für mich, denn ich bin eigentlich kein Fan von Scheck, aber bei diesem Roman sind wir einer Meinung, ich bin wahrscheinlich sogar noch euphorischer. Nur schwer konnte ich das Buch weglegen, da es mir ganz viele schöne Lesemomente bot.

Hauptthema des Romans sind Verwundbarkeit und Schmerz in der jungen Familie und ihren Vorgängergenerationen. Die nicht vorhandene Schmerzempfindung des Sohnes wird im Laufe des Textes in ein Muster der Familiengeschichte hineinverwoben. Almas Großmutter ist, wie im Zitat genannt, eine wichtige Anlaufstelle zur Aufarbeitung. Sie gestaltet die Familiengeschichte durch ihre erinnernden Erzählungen und steht damit im Kontrast zum Großvater, der als Kriegsheimkehrer ins Schweigen verfällt. Somit können auch über seine physischen Verwundungen nur Vermutungen angestellt werden. Das Ungefähre dieses Schmerzes lässt Alma darüber nachdenken, wie sich dies auf die nachfolgenden Generationen auswirkt. Die Nähe zur Großmutter ist herzlich und Alma kann auf diesem Wege die Familiengeschichte weiter transportieren. Dies alles geschieht in einer verdichteten sprachlichen Metaphorik, die aus meiner Sicht fast immer genau den richtigen Ton trifft. Auch die Krankheit des Sohnes wird sprachlich gut ausgearbeitet. Schritt für Schritt folgen wir der Erzählstimme und bauen eine Nähe zu Alma auf.

Friedrichs Mutter wurde vor seinen Augen zu niemand anderem, aber nahm ab an sich selbst. Sie wusste nicht mehr, wie sie hieß, vergaß erst ihren Namen und dann die der Welt. Ganze Tage lang schwieg sie, bis eine Erinnerung aus ihr herausbrach, immer und immer wieder, die sie atemlos erzählte, und war die Geschichte zu Ende, begann sie ungeduldig von vorne. Freute er sich anfangs über diese Splitter des Lebens, wurde er der Wiederholung schnell müde. Die Sprache war funktionslos geworden und diente nicht mehr der Verständigung.

Fritsch, Valerie: Herzklappen von Johnson und Johnson, S.78 Suhrkamp 2020.

Mit diesem Zitat zeigt sich der Gegensatz, denn Friedrichs Mutter kann die Erinnerungsfunktion nicht mehr ausüben. Damit legt sich auch auf sein Leben ein Schleier, in den Fragen der Kindheit und Herkunft. Ich liebe diese Textstelle, würde sie als meine am liebsten gelesene überhaupt einstufen und sie ist für mich beispielhaft für die Stärke des Buches. Zugleich zeigt sie entwaffnend wie Demenz menschliche Beziehungen belastet und macht natürlich auch traurig. Jedoch bleibe ich nicht mit einem mitleidenden Blick zurück. Ich spüre die Hilflosigkeit gegenüber der Krankheit, sehe aber auch wie sich Friedrich damit auseinandersetzt, ohne das die familiäre Liebe daran zerbricht. Ich habe dies so noch nie gelesen und diese Klarheit hat der Roman an vielen weiteren Stellen und dies macht ihn so lesenswert. Für mich war es das erste Buch von Valerie Fritsch aber sicherlich nicht das letzte.

Ich empfehle dieses Buch allen, die sich gerne emotional auf Bücher einlassen!

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Valerie Fritsch:

Herzklappen von Johnson und Johnson

Suhrkamp Verlag

ISBN: 978-3-518-42917-4

Preis: 22,00€

Herzklappen von Johnson & Johnson: Roman von Valerie Fritsch – Suhrkamp Insel Bücher Buchdetail

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