Allgemein

Nisi, Sarah: Ich will dir nah sein – Rezension

Neugierde prägt uns als Menschen, denn sie ist unsere Antriebskraft neue Dinge auszuprobieren oder zu entwickeln. Doch natürlich gibt es auch Neugierde, die sich krankhaft entwickelt. Getrieben von der Lust sich am Leben des Anderen zu ergötzen füllen diese Geschichten ganze Psychothriller. Einen solchen möchte ich nun vorstellen. „Ich will dir nah sein“ von Sarah Nisi, erschienen im btb Verlag, ist ein Psychothriller, der sich einem Stalker widmet.

Lester arbeitet in einem Londoner Fundbüro. Der Job ist wie gemacht für ihn. Die Fundsachen sind für ihn Zugang zum Leben Anderer. Als die Balletttänzerin Erin in seine Nachbarschaft zieht, verspürt er sofort den Drang in ihr Leben einzutauchen und ihr nah zu sein. Er kann jedes Wort hören, dass etwas lauter in ihrer Wohnung gesprochen wird. Durch Zufall ist er zudem schon bei ihrem Vorgänger an einen Schlüssel der Wohnung gekommen. Immer wieder nutzt er diesen, um Gegenstände anzufassen oder Musik in der Nachbarwohnung zu hören. Erin scheint zunächst nichts zu merken, aber der Immobilienmakler Rhys hegt einen Verdacht. Wer wird dieses Spiel gewinnen?

Der Beobachter des Beobachters

Dieser Psychothriller bietet einen bekannten Plot, in dem wir einen Stalker haben, der einer jüngeren Frau auflauert. Allerdings wird der Plot dadurch angereichert, dass es zu diesem Stalker noch eine Vorgeschichte gibt und ein Dritter Verdachtsmomente hegt. Die Figur des Lester ist aufgrund seines Jobs im Fundbüro gut durchdacht. Wir haben es mit einer Person zu tun, die es liebt in das Leben anderer Menschen einzutauchen. Er beobachtet nicht nur Erin, sondern auch andere Bewohner*Innen des Hauses, doch nur bei Erin besteht eine sexuelle Anziehungskraft. Er betritt ihre Wohnung, verändert Gegenstände, fasst Dinge an, oder legt sich auch in ihr Bett. Zudem versucht er ihren Lebensalltag zu erfassen. Es wird deutlich, dass er auch nicht in der Lage ist, zwischenmenschliche Zeichen zu erfassen, sondern er ist besessen von Erin. Der Immobilienmakler Rhys tritt als dritte Person in die Figurenkonstruktion. Er hat Erin die Wohnung vermittelt und dann in den Unterlagen festgestellt, dass es eine erhöhte Fluktuation ohne Angabe von Gründen gibt. Er hegt einen Verdacht und will diesem nachgehen, vor allem auch, weil ihm Erin gefällt. Alle drei Figuren werden in ihrer Tiefe dargestellt. Rhys ist unstetig und versucht sein Leben neu zu ordnen. Erin leidet unter den physischen Auswirkungen ihrer Tänzerinnenkarriere und wirkt gerade auch deshalb besonders zerbrechlich. Lester scheint die Fäden in der Hand zu halten. Er ist in der Lage die verschiedenen Sphären der Privatsphäre zu durchbrechen. Doch auch bei ihm gibt es eine Belastung aus der Vergangenheit, die auf psychologische Betreuung und eine Straftat hinweisen. Diese Handlungsebene wird über Rückblenden in die Geschichte eingearbeitet.

„Als könnte sie Gedanken lesen und wollte ihm eine Lektion erteilen, sagte sie für eine Weile nichts mehr.“

Nisi, Sarah: Ich will dir nah sein, S.49, btb Verlag 2021.

Es beginnt ein Spiel zwischen diesen drei Figuren, in dem es darum geht, die Oberhand zu behalten. Jeder beobachtet jeden mit einer gewissen Skepsis. An manchen Stellen weiß man nicht, wer hier nun wen manipuliert, ganz ähnlich wie im Zitat. Dies gelingt dem Text, in dem er immer wieder verschiedene Figurenperspektiven einnimmt. Es geht nicht um eine Täterjagd im klassischen Sinne, sondern darum, wer die Macht über seine Mitfiguren hat. Hier empfinde ich allerdings, dass der Roman relativ früh Hinweise macht, die mir das Ende andeuten. Somit hätte das Spannungsmomentum für mich etwas größer sein können. Bei mir kam aber auch hinzu, dass ich dieses Buch vorher von einem ehemaligen Kollegen empfohlen bekam und ich nicht mehr genau weiß, was er mir schon angedeutet hatte.

Lester ist keine furchteinflößende Figur, vielmehr empfindet man bei bestimmten Handlungen vor allem etwas Ekel. Die Rückblenden zeigen dann, dass er sich in der Vergangenheit verletzt fühlte aber sich auch schon als beziehungsunfähig erwiesen hat. Erin mit ihren körperlichen Beschwerden ist ebenfalls eine spannende Figur und ihre Schmerzmittelsucht fungiert als Nebenhandlung. Es wird deutlich, dass sie Lester in keinster Weise provoziert, sie somit absolut unschuldig daran ist, zum Opfer zu werden. Dies macht auch nochmals deutlich, dass es nicht die Opfer sind, welche Provokationsimpulse auslösen, sondern alles durchgängig vom Täter ausgeht. Der Roman ist konsequent aufgebaut und gipfelt in einem Showdown. In dieser Endphase kommt es neben der entscheidenden Wendung auch noch zu einer weiteren Überraschung. Das gewählte Ende entspricht auf jedem Fall keinem Genreklischee.

Spannendes Jagdspiel

Dieser Psychothriller ist konsequent aufgebaut und bietet spannende Figuren. An manchen Stellen hat der Text für mich zu wenig Fahrt und verschenkt somit die Spannung deutlich höher zu treiben. Highlight sind wirklich die drei Figuren, die sich ein spannendes Jagdspiel liefern. Sprachlich prägnant und mit guten Markierungen zur jeweils eingenommenen Perspektive lässt sich der Roman gut lesen. Sarah Nisi ist ein gutes Debüt gelungen, welches sich ins Genre einfügt und mit der ein oder anderen Idee punktet. Dieses Buch eignet sich als spannende Unterhaltungslektüre und gewinnt auch dadurch, dass es sich nicht an Brutalität ergötzt, sondern klar strukturiert das Psychospiel in den Vordergrund stellt.

Werbung aus Liebe zum Buch

Wertung: 🐧🐧🐧

Sarah Nisi:

Ich will dir nah sein

ISBN: 978-3442718917

Preis: 13,00€

Sarah Nisi: Ich will dir nah sein – Paperback – btb Verlag (penguinrandomhouse.de)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.