Pörksen, Bernhard: Die große Gereiztheit + Die Kunst des Miteinander-Redens – Rezension

Bernhard Pörksen liefert mit „Die große Gereiztheit“ eine treffende Analyse gesellschaftlicher Erregungszustände, die verständlich und klar formuliert auf den Vorschlag einer redaktionellen Gesellschaft zuläuft. Diese Idee wird gemeinsam mit Friedemann Schulz von Thun in „Die Kunst des Miteinander-Redens“ auf Kommunikationsstrukturen überprüft. Beide Bücher sind ein wichtiger Beitragt zur Funktionsweise von Diskussionen in demokratischen Gesellschaften.

Corona hat in der Kulturbranche verheerende Spuren hinterlasse und tut dies auch immer noch. Viele Veranstaltungen mussten oder werden noch abgesagt. Davon betroffen war auch das Literaturfestival „literaturm“ in Frankfurt. Seit meinem Studium bin ich immer wieder gerne Gast bei dem Festival gewesen, welches alle zwei Jahre mit Literatur die Bankentürme erobert. Das Team um die Leiterin Dr. Sonja Vandenrath bietet immer spannende Themen und ein abwechslungsreiches Programm und so hatte ich mich auch in diesem Jahr gefreut. Leider musste es abgesagt werden. Einige Beiträge wurden jedoch in abgeänderter Form auf digitalem Wege möglich gemacht. HR2 hat dies dankenswerterweise unterstützt und so sind unter http://www.literaturm.de/audio/ und http://www.literaturm.de/video/ Gespräche und Lesungen abrufbar.

Warum aber diese Informationen nun auf meinem Blog? Naja, das Literaturfestival hätte in diesem Jahr das aus meiner Sicht tolle und wichtige Thema „Erregung“ aufgegriffen und dies hat mich dazu inspiriert mich ausgehend von der Idee selbst auch damit zu beschäftigen. Somit wird es auf diesem Blog in der nächsten Zeit immer wieder Beiträge geben, die Bücher vorstellen, in denen gesellschaftliche Erregung eine Rolle spielt.

Artikelserie „Erregungswelle“

Zorn, Wut, teils auch Beleidigungen sind heutzutage zu beobachtende Auswirkungen in gesellschaftlichen Debatten. Getrieben von Ungerechtigkeit oder Zurückweisungen eröffnet sich eine Empörungsspirale, welche die Debatte zu Problemen jedoch eher behindert, statt diese zu fördern. Zudem greifen rechts-gerichtete politische Parteien diese Grundstimmung gerne auf und beginnen Fakten gegen Meinungsmache auszuspielen. Die gefühlte gesellschaftliche „Erregungswelle“ spielt auch in Büchern eine wichtige Rolle. Bücher dieser Art sollen in dieser Artikelserie präsentiert werden und wir beginnen zwei Büchern des Medienwissenschaftlers Bernhard Pörksen, der ebenfalls bei „literaturm“ zu Gast gewesen wäre.

Um was geht es?

Mit seinem Buch „Die große Gereiztheit“ blickt der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen auf die zunehmende kollektive Erregung in unserer Gesellschaft und wie diese Entwicklung von den Digitalen und Sozialen Medien beeinflusst wird. Seine Analyse präsentiert den Leser*Innen eine Wahrheits-, Diskurs-, Autoritäts- Behaglichkeits- und eine Reputationskrise. Daraus leitet er ab, wie eine Gesellschaft aus seiner Sicht auf diese Herausforderungen verantwortungsvoll zu reagieren hätte. Im darauf folgend erschienenen Buch „Die Kunst des Miteinander-Redens“ versucht er seine möglichen Lösungsansätze dann mit dem Kommunikationswissenschaftler Friedemann Schulz von Thun zu besprechen. In einem geführten Dialog stecken die Beiden bestimmte Regularien ab, die aus ihrer Sicht notwendig für eine gute Diskussionskultur sind.

Mein Eindrück der Bücher

Die gesellschaftliche Gereiztheit ist glaube ich für jeden von uns auch im Alltag spürbar und so empfinde ich dies als Grundlage der beiden Bücher als spannendes Thema. Die stetige Gereiztheit ergibt sich für Pörksen auch dadurch, dass die Sozialen Medien uns bisher bekannte Muster auflösen und wird aufgrund der Vielzahl an verfügbaren Informationen den Kompass verlieren. Es wird immer schwerer herauszufinden, welche Quelle verlässlich ist. Daraus entsteht Nervosität und Unzufriedenheit, die sich dann auch in uns bekannten Empörungsspiralen zeigen. Vorher prägende Medien hatten eine klare Sender-Empfänger Struktur, in welcher der journalistische Sender aufgrund seiner beruflichen Qualifikation auch eine gewisse Autorität genoss. Heute kann die Senderrolle von jedem eingenommen werden, ohne dabei Standards zu berücksichtigen. Auch bei Literaturblogs gibt es diese Debatten, wenn man diese mit dem Feuilleton vergleicht.

Diese Analysen sind nachvollziehbar und treffend dargestellt. Es bleibt jedoch die Frage ob und was man dieser Entwicklung entgegensetzen sollte?

Pörksens Vorschlag ist die Idee einer „Redaktionelle Gesellschaft“. Es muss darum gehen kritische Öffentlichkeit zu schaffen, die auf relevante und faktenorientierte Argumentation abzielt. Dieser Zustand mag für einige als schwer erreichbar erscheinen, doch geht es nie darum einen solchen Zustand komplett zu erreichen, doch schon die Zielsetzung würde sicherlich dabei helfen, demokratische Debattenkultur zu stärken. Wie eine solche Debattenkultur in der Kommunikation gestaltet werden kann, darüber verständigt sich Pörksen dann mit dem Kommunikationswissenschaftler Friedemann Schulz von Thun.

In einem Dialog werden die Ansätze von Pörksen durch ein Gegenüber kommentiert und ergänzt. Es erfolgt Unterstützung, denn auch von Thun sieht in einer neuen Kommunikationskultur die Chance. Hierfür wäre eine Rhetorik der Balance notwendig. Dies bedeutet aber auch, dass es nicht zu schnellen Vorverurteilungen auch bei aufkommender Kritik an unserem Gesellschaftssystem kommen darf. Es ist in vielen Debatten eben nicht das „Entweder oder“ gefragt, sondern das „Sowohl-als-auch“. Debatten zu verweigern darf nur bei einer Verletzung eines Grundrahmens geschehen und dieser ist weit gefasst. Allerdings muss dieser Rahmen als Basis immer die Wahrheitsorientierung haben.

Die Stärke der beiden Bücher liegt für mich in der Ergänzung gesellschaftlicher Analyse mit Kommunikationswissenschaft. Da die beiden Theoretiker dies anhand von Beispielen veranschaulichen, sind die Bücher gut verständlich und lesenswert. Wer jedoch klare Handlungsanweisungen erwartet muss enttäuscht werden, denn schon allein aufgrund der vorgestellten Theorie darf es keine strikte Vorgabe geben. Wer sich jedoch bereit erklärt den Weg der Annäherung zu gehen, der kann mit der Lektüre dieser beiden Bücher beginnen.

Bernhard Pörksen:

Die große Gereiztheit

Hanser

ISBN: 978-3446258440

Preis: 22,00€

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-grosse-gereiztheit/978-3-446-25844-0/

Bernhard Pörksen und Friedemann Schulz von Thun:

Die Kunst des Miteinander-Redens

Hanser

ISBN: 978-3446265905

Preis: 20,00€

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-kunst-des-miteinander-redens/978-3-446-26590-5/

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