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Varatharajah, Senthuran: Hunger – Rezension

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Aufgrund seiner Teilnahme am Literaturfestival Literaturm landete Senthuran Varatharajah mit seinem Roman „Hunger“, erschienen im Fischer Verlag auf meiner Leseliste. Nach der ersten Lektüre hat mich dieser Roman durchaus mit vielen Fragezeichen zurückgelassen und so gebe ich offen zu, dass ich die Rezension erst nach dem Besuch der Festivalveranstaltung schreiben konnte. Erst die Diskussion zum Buch ermöglichte mir eine analytische Betrachtung, mit der ich dem Werk aus meiner Sicht gerecht werden kann.

Um was geht es ?

Im Grunde genommen stellt dieser Roman die Frage, ob es für uns alle notwendig ist einen passenden menschlichen Gegenpart zu suchen? Er widmet sich dem menschlichen Begehren und markiert, dass sich dieses in Sprachbildern manifestiert, die eine Körperfixierung und einen Hang zum Kannibalismus haben. Der Roman verarbeitet dies, indem er zwei Geschichten miteinander verknüpft. Zum einen wird eine Trennungsgeschichte erzählt, in der es um die Kraft der Liebe und das daraus entstehende Begehren geht. Zum anderen wird die Geschichte des Kannibalen von Rothenburg erzählt. Es ist explizit keine Kriminalgeschichte, sondern dieser Text stellt mit den Mitteln der Sprache heraus, welch poetische Kraft im Geschilderten steckt. Es geht somit nicht um das Ausbuchstabieren von Motiven, sondern es werden die sprachlichen Mittel ausgestellt, mit welchen man vom Geschehen erzählen kann.

Ich muss alles vergessen. Ich wusste es noch nicht. Ich kannte den Abs

Tand, den wir einmal Abend nennen, und auch den zwischen meinem Z

Eige- und Mittelfinger, ich kannte das Geräusch von brennendem Papie

R, nachdem es leise geworden war […]

Varatharajah, Senthuran: Rot (Hunger), 2022, S. Fischer Verlag, S.14.

Durch Zitierung dieses Teils des ersten Absatzes möchte ich herausstellen, dass dieses Buch mit seiner Typographie arbeitet. Schon der Titel ist besonders, da er das Wort „Hunger“ in Klammern hinter dem Wort „Rot“ setzt. Schon dies markiert die Ebenen auf denen das Buch operiert. Es geht um die Doppeldeutigkeit der Sprache des Begehrens, die von ihrer Körperlichkeit zehrt. Durch das besondere Setzen des Textes wird die Materialität der Sprache ausgestellt. Ebenso zeigt sich in dieser Textpassage die hohe sprachliche Qualität, als Beispiel sei das Geräusch brennenden Papiers benannt. Die sprachliche Qualität kann man dem Text an keiner Stelle absprechen, aber aus meiner Sicht ist schon die Setztechnik kritisch zu werten. In der ausgestellten Materialität wird nie richtig Potential geschöpft. Inhaltlich lassen sich die beiden Handlungsebenen nur schwerlich miteinander verknüpfen, der Bindungspunkt ist tatsächlich auf der sprachlichen Ebene zu suchen.

Sprachspiel des Begehrens

Der Roman sieht in der Sprache des Begehrens und dem Wunsch miteinander zu verschmelzen einen Aspekt, der sich auch in den Taten des Kannibalen von Rothenburg ausdrückt. Es geht somit, wie es der eingangs zitierte Absatz markiert, um die Abstände zwischen zwei Menschen, die zueinander finden. Es mag verwirrend wirken, dass dieser Roman fast nüchtern die Rothenburg Geschichte erzählt. Es wird von der Kontaktaufnahme bis zum Wochenende der Vollendung, einem Protokoll ähnlich in hoher sprachlichen Qualität erzählt. Zwei Männer finden sich unter Pseudonym im Netz zusammen, um ihr gegenseitiges Begehren zu befriedigen. Ich sehe darin den Ausgangs des Textes, der sich zu einem ambitionierten sprachästhetischen Spiel weiterentwickelt. Mich kann der Text trotz der Thematik nie ganz abholen. Das Geschilderte wird für mich durch die poetische Kunst eher noch belastender.

Auch die Liebesgeschichte kann mich als Leser nie gänzlich packen, da die erzählende Stimme ebenfalls auf Distanz geht. Es liegt wenig Sympathie in diesem Text und der erzählten Liebesgeschichte. Trotz der hohen poetischen Intensität transportiert der Text wenig Emotionen, sondern betont die Materialität der Sprache. Zudem verbindet sich diese Erzählstimme auch mit dem Autoren. Es geht nun auch darum, wie man über Liebe schreiben kann und das die Faszination an der Geschichte des Kannibalen dabei zu helfen scheint. Das Buch lässt einen auf jeden Fall unbehaglich zurück, da man sich trotz der nachvollziehbaren sprachlichen Verknüpfungen, keine Nähe der beiden Geschichten vorstellen mag.

Wie bewerte ich das Buch ?

Stärke des Buches ist definitiv die sprachliche Qualität mit dieser ungeheuren poetischen Kraft. Reihenweise finden sich in diesem Werk Sätze, die einem neue aber doch passende Bilder in den Kopf setzen, was beim Lesen eine hohe Konzentration erfordert. Dieser anspruchsvolle Text lässt sich nicht schnell herunterlesen, vielmehr erfordert er, dass man ihn nach jedem Lektüreabschnitt sacken lässt. Mich hat dieses Buch angestrengt und nicht alle Motive des Textes konnten sich mir offenbaren. Ebenfalls konnte ich die sprachlichen Finessen nie in Gänze fassen. Die Grundidee des Textes und die sprachliche Verknüpfung der dargestellten Thematik über die Sprache des Begehrens leuchtet ein. Ich empfinde die Einzigartigkeit dieser Idee sogar als herausragendes Qualitätsmerkmal deutschsprachiger Literatur. Jedoch übertreibt der Text dies und die Grundidee kann nicht die gesamte Handlung tragen. Vielleicht ist ein Roman nicht die richtige Gattungswahl für dieses Thema und die poetische Dichte gewesen.

Infos zum Buch

Werbung aus Liebe zum Buch

Wertung: 🐧🐧1/2🐧

Senthuran Varatharajah:

Hunger

ISBN: 978-3103970753

Preis: 23,00€

https://www.fischerverlage.de/buch/senthuran-varatharajah-rot-hunger-9783103970753

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