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Wortmann, Sönke: Es gilt das gesprochene Wort – Rezension

Während meines Besuches bei der Frankfurter Buchmesse habe ich den ein oder anderen Autor live erleben dürfen. Wie bei jedem Messebesuch nutze ich diese Tage auch dafür, mir den ein oder anderen Buchtipp zu holen. Live erleben durfte ich während der Messe auch den bekannten Regisseur Sönke Wortmann, der seinen ersten Roman „Es gilt das gesprochene Wort“, erschienen im Ullstein Verlag, vorstellte. Als Künstler begleitete Wortmann bundesdeutsche Delegationen ins Ausland und die Welt der Diplomaten faszinierte ihn. So darf es nicht verwundern, wenn in seinem ersten Roman nun genau diese Welt die Hauptrolle spielt. Mit seinem Buch rückt er Menschen in den Vordergrund, die sonst immer hinter den handelnden Politikern stehen. Wortmann stellt in den Mittelpunkt den Redenschreiber Frank-Josef Klenke und schon hier wird deutlich, dass der Roman sich auch mit der Kraft von Worten beschäftigt. Wortmann faszinieren diese Schreiber großer Worte und wie damit politische Entwicklungen beeinflusst werden.

Im Roman begleiten wir zum einen den Redenschreiber Klenke, der für den Deutschen Außenminister tätig ist. Zum anderen und ihm gegenüber gestellt ist Diplomat Cornelius von Schröder, welche als Mitarbeiter in der marokkanischen Botschaft tätig ist. Neben ihrem beruflichen Alltag werden in zwei separat nebeneinander verlaufenden Handlungen auch ihre Privatleben geschildert. Klenke lebt mit der stummem Maria zusammen, womit das Romanthema Kommunikation nochmals eine weitere Ebene erhält. Von Schröder befindet sich beruflich und privat in einer Sackgasse. Schnell wird deutlich, dass die beiden Hauptfiguren zudem aus unterschiedlichen politischen Richtungen kommen. Bei einem Besuch des Deutschen Außenministers in Marokko sollen die beiden Figuren nun aufeinander treffen…

Sprache als Weltzugang und Kommunikation

Grundsätzlich empfinde ich das Thema als spannend. Sprache als wichtiges Kommunikationsmittel, aber auch als Weltzugang drücken sich im Roman an verschiedenen Stellen aus. Wir haben Maria, deren selektiver Mutismus die Angst vor öffentlicher Kommunikation mit anderen Menschen aufgreift und gleichzeitig die Ebene eröffnet, dass es andere Kommunikationswege gibt. Ich empfinde Maria, deshalb als wichtigste Figur neben den beiden Männern, die im politischen Dienst stehen. Klenke weiß um die Bedeutung von Worten, kennt berühmte Reden, träumt davon in ähnliche Sphären vorzudringen und feilt deshalb am zu Äußernden. Dies verdeutlicht die Macht von Worten, gerade auch im politischen Bereich. Die Schilderungen der Überlegungen und Besprechungen der Mitarbeiter*Innen des Außenministers erscheinen mir als Außenstehender gut recherchiert und bringen mich direkt hinein. Exemplarisch wird dies an einer Rede in einer Prager Kirche, welche im Gesamten im Roman abgedruckt ist. Wortmann eignet sich die politische Sprache an und schafft Realitätseffekte indem reale politische Geschehnisse wie Trump eingearbeitet werden. Cornelius von Schröder sitzt in Marokko auf einem Posten, der ihm nicht behagt, wird von seiner Frau verlassen und beginnt sich mit den Herausforderungen der Migration zu beschäftigen. Die Anwesenheit in Marokko wirkt auf ihn als treibender Punkt, dass er keine Vereinbarung der europäischen Kultur mit der arabischen sieht. Die Isolation, auch ohne Möglichkeit der politischen Auseinandersetzung, treibt ihn in eine radikalisierte Lektüre von Quellen, die man durchaus als nicht seriös einstufen kann. Klenke wird auf diese Weise ohne Aufeinandertreffen zum Gegenbild. Ihm gelingt es die Beziehungsherausforderungen mit Maria zu meistern. Er wirkt glücklich in seinem Job und festigt damit seine Überzeugungen, bei von Schröder festigt sich die Radikalität zum Thema Migration.

„Wer immer nur spricht, kann nichts dazulernen, dachte Maria.“

Wortmann, Sönke: Es gilt das gesprochene Wort, S.90, Ullstein Verlag 2021.

Dieses Zitat von Maria macht für mich deutlich, dass es nicht die Masse an Worten ist, welche die Kommunikation sichert, sondern es geht um die richtigen Worte. Zudem muss man sich die Welt auf die eigene Art und Weise anordnen. Diese Perspektive bringt Maria ein und ist damit die letzte Ecke des Hauptpersonendreiecks. Wortmann zeigt in seinen Schilderungen eine tolle Auffassungsgabe, nimmt sich Zeit bestimmte kleinen Szenen fein herauszuarbeiten, auch wenn sie nicht der große Handlungstreiber sind. Dadurch wirken die bearbeiteten Themen als nicht zu schwer. Für mich besteht jedoch die Gefahr, dass man durch diese Stilistik und der daraus entstehenden leichten Lektüre, dass aufbereitete Thema nicht in der ganzen Komplexität erfasst. Erst mit etwas Abstand konnte ich mir Gedanken um das Gelesene machen. Direkt im Lesesog sind mir viele nachdenkliche Momente verlorengegangen. Carsten von Schröder und sein Weg in die Radikalität ist mir zu pauschal geschildert. Die Darstellung des Sogs alternativer medialer Quellen ist verkürzt erzählt und ich habe dies schon an einigen Stellen besser gelesen. Hier vermisse ich die Feinheit, die das Buch an anderen Stellen kennzeichnen. Dies soll nicht heißen, dass es aus meiner Sicht eine tiefenpsychologische Analyse braucht, sondern man dieser Entwicklung etwas mehr Raum hätte geben sollen. Was Wortmann jedoch beherrscht ist die Dialogführung und so findet er in fast allen Fällen genau den richtigen Ton für seine Figuren. Die Handlungszusammenführung gelingt ebenfalls, wirkt aber auch verknappt.

Unterhaltsames Debüt

Sönke Wortmann hat mit seinem Debütroman gezeigt, dass er weiß, wie man gute unterhaltsame Texte schreibt. Jedoch sind mir die Themen der Handlung an der ein oder anderen Stelle etwas zu unterkomplex dargestellt. Die Figur Marie hat mir am meisten Spaß gemacht und natürlich dieser feine Sinn für die politische Sprache. Wer einen unterhaltsamen Roman über die Bedeutung von Sprache, vor allem im politischen Bereich, lesen möchte, ist jedenfalls an einer guten Adresse. Ich kann auf jeden Fall nicht sagen, dass mir dieser Roman nicht gefallen hat, sondern fühlte mich gut unterhalten. Sönke Wortmann darf durchaus neben seinen Filmen auch weitere Versuche in der literarischen Welt unternehmen.

Werbung aus Liebe zum Buch

Wertung: 🐧🐧🐧

Sönke Wortmann:

Es gilt das gesprochene Wort

ISBN: 978-3550200595

Preis: 24,00€

Es gilt das gesprochene Wort – Hardcover | ULLSTEIN (ullstein-buchverlage.de)

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