Auf diesen Roman bin ich durch Besprechungen der Presse geraten. Das Thema und damit auch der historische Hintergrund des Romans „Die Verteidigung“ von Fridolin Schley, erschienen bei Hanser Berlin, sind mir durchaus bekannt, aber ich wusste nichts über die Geschichte der Familie von Weizsäcker.  Es geht um den Wilhemstraßenprozess 1947, in welchem Richard von Weizsäcker seinen Vater verteidigt. Von diesem Teil der Familiengeschichte hatte ich bisher noch nichts gehört und mich interessierte dieser Stoff. Beamte des Auswärtigen Amtes stehen vor Gericht, darunter Diplomat Ernst von Weizsäcker. Vertreten durch den eigenen Sohn zeigt diese Figurenkombination die Grenze zwischen dem neuen Deutschland und dem Blick in die Zukunft, sowie dem vergangenen Deutschland, repräsentiert durch die ungeheuerlichen Straftaten des NS-Regimes. Der Roman wirft einen Blick auf die Aufarbeitung der dunklen deutschen Geschichte und stellt die Frage nach Verantwortung und Schuld.

Kammerspiel nah an den Quellen

Fridolin Schley muss für diesen Roman umfassende Recherchen durchgeführt haben. Eng an den vorliegenden und einsehbaren Dokumenten berichtet der Roman in auktorialer Erzählweise von einem Vater-Sohn-Verhältnis was sich nicht in Offenheit ergeht. Dabei geht die mangelhafte Kommunikation von Beiden aus. Der Sohn möchte verstehen, ob seinem Vater eine Schuld zugesprochen werden kann, er ist sich unsicher, wie gut er ihn wirklich kennt. Der Vater verbleibt in der Rolle des staatstragenden Diplomaten und signalisiert in der Erfüllung seiner Pflicht internen Widerstand geleistet zu haben. Die deutsche Gesellschaft verfolgt die Prozesse mit großer Aufmerksamkeit, immer noch in einer Starre verhaftend, in der unklar ist, wer vom ganzen Ausmaß wie viel wusste. Die Verteidigungsstrategie greift diese Stimmung auf. Man erklärt, dass der Druck innerhalb des Systems auf die Diplomaten hoch gewesen sei, diese immer wieder Verbrechen verzögert hätten und doch wird auch dies immer wieder an Grenzen geführt. Der Ankläger kann mit Dokumenten aufwarten, wo man doch die Unterschrift der Angeklagten vermuten darf. Bestätigungen erfolgen hierzu seitens der Angeklagten nicht. Ernst von Weizsäcker behauptet von Bedenken geprägt zu sein und deshalb immer wieder sprachliche Änderungen vorgenommen zu haben. Verneinen kann er ein Wissen über den beispiellosen Judenmord jedoch nicht.

„Wieder ein unbehaglicher Schauer, als Hellmut die charakterliche Prägung des Vaters entwirft, ausgerechnet hier sträubt sich etwas in Richard, bei der Annäherung ans Innerste ihrer Verteidigungslinie. “

Schley, Fridolin: Die Verteidigung, S.48, Hanser Berlin 2021.

In diesem Zitat spiegelt sich das Wechselspiel der Gefühle des Sohnes wieder. Der Verlauf des Prozesses muss automatisch Zweifel hervorbringen und lässt die Frage aufscheinen: Wann wäre der Protest innerhalb des Systems begonnen worden? Der Vater hat nichts verhindert, wenn überhaupt nur verzögert. Wie soll man damit umgehen? Es geht nicht um Einzeltäter, sondern um Bestandteile eines Systems, welches Menschen in Massen zu Tätern werden ließ. Man wird nachdenklich wenn man dies liest und Zitate aus Diplomatenbriefen einordnen muss. Wie kann man einem System dienen, dass bekannterweise Massenmorde in Auftrag gab? War der Wunsch dieses System aus dem Inneren heraus zu zerstören wirklich so präsent, oder dominierte die Feigheit vor dem was stattdessen kommen könnte? All dies lässt der Roman aufscheinen, ohne Antworten darauf zu geben. Genau dies ist die Stärke des Buches, denn es sind Fragen, die wir sicherlich nie zufriedenstellend beantworten können. Schley geht ehrlich und vorsichtig mit seinen Figuren um, möchte ihnen nichts andichten, auch wenn er sich natürlich von den realen Fakten löst. Der nüchterne Stil zeigt jedoch, dass er keine Informationen über die Gedankenwelt der realen Figuren hat. Der Erzähler versucht sich einen Reim auf dieses Kammerspiel zu machen und deutet verschiedenste Emotionen an. Vor uns liegt aber aufgrund der Quellendichte ein Buch, dessen Bezeichnung Roman nur daraus schöpft, dass die Figuren fiktionalisiert werden. Das Buch setzt voraus, dass man sich mit der Deutschen Geschichte und ihrer Aufarbeitung auseinandergesetzt hat. Selbst ich, der durchaus viel darüber gelesen hat, musste das ein oder andere nachschlagen. Der nüchterne Stil lässt die Figuren nie nahbar werden. Dies kann ästhetisches Ziel gewesen sein, erschwert mir aber den Zugang zum Buch. Ich hätte mir, wenn auch einzig und allein fiktional interpretiert, eine stärkere Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn gewünscht.

Chronik eines Prozesses

Da der Roman den nüchternen Stil wählt, erleben wir keinen großen Plot, sondern vielmehr die Chronik dieses Prozesses. Es ist wieder einmal eine Auseinandersetzung mit unserer Geschichte, die offen legt, wie schwer die Aufarbeitung war und ist. Das sprachlich hohe Niveau entschädigt mich für die wenig nahbaren Figuren. Trotzdem hätte ich dem Stoff durchaus noch mehr Entfaltung gewünscht. Dies hätte jedoch zu einer Veränderung der Bilanzierung Realität und Fiktionalisierung geführt. Lesenswert ist dieses Buch für all jene, die sich mit diesem Abschnitt der Deutschen Geschichte auseinandersetzen möchten. Darüber gesprochen werden kann gerade auch in unseren Zeiten nie genügend.

Werbung aus Liebe zum Buch

Wertung: 🐧🐧🐧

Fridolin Schley:

Die Verteidigung

ISBN: 978-3446265929

Preis: 24,00€

Die Verteidigung – Bücher – Hanser Literaturverlage (hanser-literaturverlage.de)

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