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Auf der Website werden zukünftig längere Posts als auf meinen Social Media Kanälen erscheinen. Ich möchte bewusst zwischen den unterschiedlichen digitalen Zugängen unterscheiden und auf dem Blog mich intensiver mit Büchern, Theateraufführungen, Ausstellungen etc. beschäftigen. In den kommenden Tagen wird der Schwerpunkt auf Literatur und dem Anfang Juli zu Ende gegangenen Frankfurter Literaturfestival Literaturm liegen. Schon einmal spielte dieses Festival eine größere Rolle und so freue ich mich dem Festival auch 2022 etwas Raum einräumen zu dürfen. Es folgen Rezensionen und Berichte über Lesungen, die auch den Raum für Diskussionen bieten sollen.

Beginnen wir heute mit einem Buch, dass mich förmlich umgehauen hat, da es eine unglaubliche Wucht hat und ein wichtiges Thema aufgreift. Es geht um Mareike Fallwickl und ihren Roman „Die Wut, die bleibt“ erschienen im Rowohlt Verlag.

Um was geht es ?

Helene, Mutter dreier Kinder, verlässt das Familienessen und stürzt sich für ihre Familie vollkommen überraschend vom Balkon. Zurück bleibt eine Familie im Schockzustand und ein vollkommen überforderter Familienvater. Der zentrale Kern der Familie ist verschwunden. Sarah, Helenes beste Freundin, bietet der Familie ihre Hilfe an und wird einem Strudel gleich in die Mutterrolle hineingezogen, während der Vater sich wieder dem Familienleben entzieht. Gleichzeitig sucht das älteste Kind Lola nach ihrer eigenen Rolle als Frau in dieser Gesellschaft. Mit dieser Handlung verarbeitet Fallwickl den Belastungsdruck, der in unserer Gesellschaft auf Frauen lastet, da von ihnen wie selbstverständlich die Übernahme jeglicher Care-Arbeit erwartet wird.

Haben wir kein Salz, sagt Johannes beim Abendessen, sagt es genau so: Haben wir kein Salz, und nicht einmal in Helenes Richtung. Sie hört das Du in seiner Formulierung, hört: Hast du es vergessen, hört: Du hast doch gekocht, hört: Stehst du noch mal auf, und alle diese Dus schlagen ihr die Kraft aus dem Körper.

Fallwickl, Mareike: Die Wut, die bleibt, 2022, Rowohlt Verlag, S.9.

Schon diese ersten beiden Sätze fressen sich in meinem Kopf, ich sehe förmlich wie Helene diesen Satz ihres Mannes verarbeitet, wie die Stimmen in ihrem Kopf wirken und die Kraft aus ihrem Körper treiben. Der Ausgangspunkt dieses Romans erschlägt einen. Helene steht auf, verlässt den Familientisch und stürzt sich vom Balkon. Das angesprochene „Du“ der Textstellen reißt sich selbst aus dem Familienkörper. Schon diese sprachliche Gestaltung markiert, dass man dieses „Du“ als selbstverständlich verbuchte, die Funktion und die Arbeitsbelastung nicht erfasste. Folglich ist dieser Roman auch kein Buch über eine trauernde Familie und genau dies macht die Erzählung noch stärker. Sarah, Helenes beste Freundin, kann kaum fassen, was geschehen ist. Sie erinnert sich jedoch schnell an die gemeinsame Zeit und das gemeinsame Zusammenleben mit Helenes ältester Tochter. Damit festigt sich in ihr auch der Gedanke, dass sie mit der Tochter Lola eine engere Bindung verknüpft. Daraus entwickelt sich das Angebot die Familie zu unterstützen. Wie einem Sog gleich wird Sarah in die Funktionsrolle der abwesenden Mutter und Hausfrau hineingezogen. Sogar als Gesprächspartner für Witwer Johannes bei einem Glas Wein kann man den Gedanken der durchgehenden Care Arbeit nicht verwischen. Fallwickl schildert Sarah ambivalent. Zum einen erkennt sie, was mit ihr geschieht, sie imaginiert sich immer wieder Helene, die ihr einen Spiegel vorhält und zum anderen ist Sarah in einer Beziehung, die keinerlei Perspektive für ein eigenes Kind zu bieten scheint. Es werden in diesem Roman immer wieder Rollen getauscht und damit vor allem betont, dass man feststehende Erwartungen mit diesen Rollen verbindet. Es sind die Frauen, die diesen Roman prägen, doch dies ist keinesfalls störend für die Wucht des Textes. Es braucht keine Perspektive von Johannes, da dieser mit der Situation ersichtlich überfordert ist, mit seinem Verhalten keinen Plan verfolgt, sondern sich nur das Funktionieren des Familienbildes wünscht. Er steht damit aber für ein Familienbild, in dem er die klassische Rolle des Ernährers ausfüllt. Somit möchte auch dieser Mann in Fallwickls Roman eine Rolle ausfüllen und Erwartungen gerecht werden, ohne dass er dies im Gegensatz zu Sarah jedoch jemals reflektiert. Fallwickl schafft es Emotionen in kleinen Beobachtungen zu erzeugen, sei es die Hand des kleinen Jungen, die nach Sarah greift, sei es ein Blickkontakt, der ein Dankeschön auszudrücken scheint oder zwei streitende Kinder, die sofort Wut hervorrufen.

Feministischer Generationenbruch ?

Wut ist ein gutes Stichwort, den Wut steckt nicht nur im Titel dieses Romans, sondern ist zentrale Antriebskraft für die Figuren. Sarah verspürt Wut über ihre nicht wirklich erfüllende Beziehung, dann Wut gegenüber Johannes, den anspruchsvollen Kindern und dann wieder gegenüber sich selbst, da sie keine Entscheidungen trifft. In ihrem Verhalten drückt sich ein Zaudern aus, welches bei Lola Wut hervorruft. Mit der Verknüpfung zweier Generationen markiert Fallwickl auch, dass junge Frauen ihre Rolle neu definieren wollen. Mutig wählt sie eine Clique junger Frauen als Nebenstrang, deren Wut sich in Gewalt ausdrückt, eine Gewalt, die Rache üben will. Für die jungen Frauen um Lola herum geht es nicht um Care Arbeit. Gekonnt arbeitet der Roman noch eine andere Erwartungshaltung ein. Frauen werden nicht nur wegen der Care Arbeit einer dauerhaften körperlichen Inanspruchnahme unterzogen, sondern man erwartet diese auch immer noch sexuell. Übergriffe und Vergewaltigungen sind hier nur das dunkle Ausmaß, doch auch von Sarahs Lebensgefährten wird die körperliche Bereitschaft zu Sex erwartet. Junge Frauen, die sich wehren, Mittel wählen, die eigentlich männlichen Protagonisten motivhaft traditionell zugestanden werden, auch dies ist ein spannender Rollentausch. Dies markiert zudem einen Generationenbruch in der feministischen Bewegung. Als männlicher Leser gibt mir dieser Roman ganz andere Perspektive, vielleicht nehme ich die Wucht auch deshalb noch intensiver war.

Diese Ebenen des Romans werden von Fallwickl gekonnt miteinander verwoben, ohne dass dieses Konstrukt offensichtlich erscheint. Die Sprache begeistert mit einem schnörkellosen Ton, der aber nie die erforderliche Drastik in seinen Beschreibungen vermissen lässt. Die Sprache der Figuren ist nahbar, macht alle Szenerien sofort greifbar. Szenen, die mit Ironie spielen, markieren sofort auch den Schmerz, der darin besteht, dass hier irgendetwas nicht richtig funktioniert. Die sprachliche Gestaltung setzt trotzdem ästhetische Highlights in Sprachbildern, verwendet die Orthografie stimmig, um Tonfolgen beim Lesen zu betonen.

Wie bewerte ich das Buch?

Dieses Buch ist eines meiner Jahreshighlights und sollte viel Aufmerksamkeit erhalten. Durch die ästhetische Gestaltung und die wunderbare Handlungskomposition wird die Thematik des Romans greifbar. Die Figuren sind dank des Tons nah an ihrer Leserschaft und so überträgt sich deren Wut beim Lesen auch auf mich. Ich möchte gerne einschreiten an der ein oder anderen Stelle, verbleibe geschockt zurück angesichts bestimmter Szenen. Dieser Roman funktioniert darüber, dass er mich emotional erfasst. Zugleich eröffnet er damit für mich Perspektiven, über die ich nachdenken muss und auch eigene männliche Verhaltensmuster im Roman wiederfinde. Fallwickl schafft es wunderbar die weibliche Verfügbarkeit in den Vordergrund zu stellen und der Wut Raum zu geben, die sich schnell mit Erschöpfung verknüpfen kann. Von mir gibt es ein Must Read für dieses Buch und ich hoffe, ihr werdet alle ebenfalls einen solchen Lesegenuss erleben.

Infos zum Buch

Werbung aus Liebe zum Buch

Wertung: 🐧🐧🐧🐧🐧

Mareike Fallwickl:

Die Wut, die bleibt

ISBN: 978-3498002961

Preis: 22,00€

https://www.rowohlt.de/buch/mareike-fallwickl-die-wut-die-bleibt-9783498002961

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