Schmalz, Ferdinand: Mein Lieblingstier heißt Winter – Rezension

„Mein Lieblingstier heißt Winter“ von Ferdinand Schmalz bei S. Fischer, ist eine Kriminalgeschichte, die Sprachverliebtheit ausstrahlt. Der Tiefkühlkostvertreter Franz Schlicht soll einem ungewöhnlichen Kundenwunsch nachkommen. Gewünscht ist, dass er den gefrorenen Körper eines Kunden transportiert. Doch als er diesen Wunsch erfüllen will, fehlt die gefrorene Leiche und er begibt sich auf die Suche.

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Hermann, Judith: Daheim – Rezension

Melancholisch die Facetten des Lebens betrachten

Von Judith Hermann habe ich bisher nur zwei Geschichten aus ihrem bekannten Erzählungsband „Sommerhaus später“ gelesen, da mich die Themen ihrer Bücher nie besonders angesprochen haben. Mit ihrem neuen Roman „Daheim“ war sie für den diesjährigen Leipziger Buchpreis nominiert und auch aufgrund der vielen positiven Besprechungen hat dieses Buch den Weg zu mir gefunden. In diesem Werk erzählt Hermann in melancholischen Tönen von einer Frau, die im Norden versucht einen Neuanfang zu starten. Es geht um Erinnerungen und den Mut sich auf neue Dinge einzulassen und dies in einer Welt, die zu bruchstückhaft erscheint, um ein neues Heimatgefühl zu erzeugen. Meine erste längere Erfahrung mit Hermann hat mich zunächst aufgefordert, sich auf den Schreibstil einzulassen und sprachlich bietet das Buch durchaus besondere Highlights. Etwas unklarer blieb für mich die Frage, was ich mit dem Plot anfangen soll und so habe ich mir für diese Rezension auch ein Gespräch mit der Autorin im Deutschlandfunk angehört.

Mein Eindruck vom Buch:

Das Lob in den deutschen Feuilletons war groß und stellte immer auch die sprachliche Qualität heraus, aber auch, dass Hermann nun den passenden Stoff für ihren melancholischen Tonfall gefunden habe. Die Szenerie des Buches zeigt uns eine Frau, Mitte/Ende 40, die an der norddeutschen Küste einen Neuanfang wagt. Nach dem Auszug der Tochter trennt sie sich von ihrem Mann und fängt im Norden in der Gaststätte ihre Bruders als Kellnerin an. Die Figuren des Romans sind allesamt eigen, bleiben auch beim Lesen unnahbar. Es ist ihr Auftreten und Handeln, dass für sie spricht. Die Handlung verschränkt aus meiner Sicht verschiedene Aspekte. Zum einen die Erinnerungen an ein Leben, dass einer klassischen Familiensituation entspricht und die Erinnerungen an das Leben vor der Ehe und den Möglichkeiten sich zu entfalten. Zum anderen die neue Situation an der norddeutschen Küste und die Tochter, die sich meist nur über die Angabe von GPS Daten meldet und somit auch ein Freiheitsgefühl symbolisiert. Diese Aspekte werden ohne Wertungen nebeneinander gestellt und sind damit auch das Abbild eines Lebens und all seinen Facetten. Unterstützt wird jene Wirkung auch durch die Lücken in den Figurenbeziehungen, nicht alles wird auserzählt, sondern man muss sich als Leser*In mit diesen Lücken auseinandersetzen.

Begeisterung durch Sprache und Motive

Mich hat diese Auseinandersetzung nicht packen können, die Figuren blieben mir zu mysteriös, sodass ich mich nicht mit ihnen auseinandersetzen wollte. Sei es die Erzählerin, der Bauer Arild mit dem sie eine Affäre hat oder Nike, die Freundin des Bruders, alles bleibt vage. Da dies aus meiner Sicht Grundintention des Buches ist, kann und will ich dies der Machart des Romans nicht vorwerfen. Es ist sicherlich Geschmackssache, wenn ich mit dieser Art der Darstellung kein Lesevergnügen verbinde. Begeistert hat mich der Roman somit weniger mit seinem Plot und seinen Figuren sondern mit der sprachlichen Gestaltung und immer wiederkehrenden Motiven. Zu nennen wäre hier zunächst das Motiv der Kiste. Zunächst als Zauberkiste auftauchend, da sie als junge Frau von einem Zauberer als Assistenz angefragt wird, dann nochmals als Maderfalle und als Kindheitstrauma von Nike. In diesem Motiv zeigt sich für mich die oftmalige Beschränktheit des eigenen Lebens. In der Überlegung diese Stelle beim Zauberer anzunehmen zeigt sich auch die Wahl sein Leben zu führen. Entspricht sie dem Wunsch des Zauberers erhält sie die Möglichkeit die Welt zu bereisen, gleichzeitig assistiert sie beim Trick mit dem Zersägen einer Kiste und das Legen in diese Kiste ist zugleich wieder einschränkend. Das Abwägen zwischen Möglichkeiten durchziehen das Buch. Immer wieder erinnert sie sich an das vorherige Leben, in dem die klassischen Familienrollen eingenommen wurden. An der Küste sind es Arild und seine Schwester, welche die Erzählerin auffordern sich auf Neues einzulassen. Nie wird sprachlich der Erinnerung oder dem Jetzt der Vorteil zugesprochen.

Dieser Roman zeigt uns eigene Figuren auf dem Land, die trotz ihrer Eigenheiten zueinander finden und eine Gemeinschaft entstehen lassen. Jene funktioniert ganz anders als die der Erzählerin bekannte Familie. Die Stärke des Buches sind die sprachlichen Bilder, die in der zu schildernden einfachen Szenerie sprachliche Schönheit herausstellen.

Dann beuge ich mich vor, atme ein und mache die Falle auf.

Hermann, Judith: Daheim, S.189 S.Fischer Verlag 3. Auflage 2021.

So ähnlich wie dieses Zitat funktioniert der Roman, man muss sich auf ihn und seine Stimmung einlassen, die Lücken akzeptieren, die mysteriösen Figuren begreifen und so in die norddeutsche Landschaft eintauchen. Lässt man sich auf die Stilistik der Autorin ein, wird man sich an diesem Buch begeistern können. Ich kann nachvollziehen, warum dieser Roman gelobt wird, da er seine Themen mit sprachlicher Ästhetik verbindet und Hermann einen passenden melancholischen Tonfall anbietet.

Mein Fazit ist keine überschwängliche Leseempfehlung, denn auch bei mir haben nicht alle Aspekte des Romans Interesse geweckt. Herauszustellen ist die präzise Sprache, die wirklich ohne Wertungen auskommt. Die Szenen lassen Bilder im Kopf entstehen, die aber leider oftmals in Leerstellen laufen. Ich halte Hermann für eine tolle Autorin und so empfehle ich dieses Buch allen Leseratten, die sich an melancholischer Sprache und einem mysteriös daherkommenden Umfeld erfreuen und gehaltvolle Gegenwartsliteratur schätzen. Bei mir verbleibt ein durchwachsener Eindruck, der aber vielleicht auch ein Zweites Lesen notwendig macht.

Wertung: 🐧🐧🐧1/2🐧

Unbezahlte Werbung aus Liebe zum Buch

Judith Hermann:

Daheim

S. Fischer Verlag

ISBN: 978-3-10-397035-7

Preis: 21,00€

Daheim – Judith Hermann | S. Fischer Verlage

Louis, Edouard: Das Ende von Eddy + Im Herzen der Gewalt – Rezension

Edouard Louis greift in seinen Romanen „Das Ende von Eddy“ und „Im Herzen der Gewalt“ eigene Erlebnisse auf. Dabei gelingt ihm das Kunststück diese in wunderbare Poetik zu packen, sodass man den realen Hintergrund vergisst und sich auf die Schilderungen einlässt. Die Romane zeigen die Brutalität von Diskriminierung und was geschieht, wenn die gesellschaftliche Entwicklung nicht alle Schichten gleichmäßig beteiligt oder einbezieht. Auf diesem Wege erhalten die Figuren die angemessene Tiefe und man erhält als Leser einen nachdenklich machenden Einblick auf Teile unserer Welt.

Artikelserie „Erregungswelle“

Zorn, Wut, teils auch Beleidigungen sind heutzutage zu beobachtende Auswirkungen in gesellschaftlichen Debatten. Getrieben von Ungerechtigkeit oder Zurückweisungen eröffnet sich eine Empörungsspirale, welche die Debatte zu Problemen jedoch eher behindert, statt diese zu fördern. Zudem greifen rechts-gerichtete politische Parteien diese Grundstimmung gerne auf und beginnen Fakten gegen Meinungsmache auszuspielen. Die gefühlte gesellschaftliche „Erregungswelle“ spielt auch in Büchern eine wichtige Rolle. Der französische Autor Edouard Louis gilt als einer der Shootingstars der Gegenwartsliteratur. In seinen Romanen spürt er eigenen Erfahrungen nach und widmet sich den Themen Begehren, Homophobie,, Migration, Rassismus, sozialen Problemen und daraus resultierender Gewalt.

Seine Bücher zeigen den Einfluss von Herkunft auf die Ausgestaltung des eigenen Lebens. In seinem Debütroman „Das Ende von Eddy“ zeigt er uns eine Kindheit in der französischen Provinz und die Hintergründe eines gesellschaftlichen Abdriftens nach rechts. Schon dies macht den Autor für meine Artikelserie interessant.

Um was geht es?

Das Ende von Eddy:

Der Roman spielt in einem Dorf in der Picardie Ende der 90er Jahre. In diesem wächst der Junge Eddy auf, dem man eine „weibliche Art“ zuschreibt. Sein Aussehen und seine Handlungen passen nicht zu den vorherrschenden Männlichkeitsbildern. Der Roman schildert wie der Junge immer wieder Mobbing ausgesetzt wird. Selbst die eigenen Eltern verleugnen ihn und missachten seine Neigungen. Eddie widersetzt sich diesen Herausforderungen und bemüht sich um eine stabile Identität.

Im Herzen der Gewalt:

In diesem Roman lernt der Ich-Erzähler in einer Winternacht einen Mann kennen. Dieser erklärt algerischer Migrant zu sein und die Gespräche führen dazu, dass die Beiden in die Wohnung des Erzählers fahren. In dieser kommt es zunächst zu einvernehmlichen Geschlechtsverkehr. Doch dann eskaliert die Begegnung, denn es kommt zum Diebstahlversuch. Der Erzähler wird bei seinem Wehren gewürgt, erniedrigt und vergewaltigt. Diese schlimmen Erlebnisse werden jedoch nicht nur durch den Ich-Erzähler geschildert, sondern ergeben sich einer Ermittlung gleich aus verschiedenen Berichten.

Mein Eindruck der Bücher

Beide Romane beeindrucken mit sprachlicher Qualität und den autobiographischen Bezügen. Die Erzählungen spüren den Gründen für gewaltvoller Handlungen physischer und psychischer Natur nach. Edouard Louis gelingt es dabei aus den Lebenssituationen heraus zu schreiben, sodass die geschilderte Situation für sich ohne auktoriale Einordnung sprechen können. Der Vergleich des Debüts „Das Ende von Eddy“ mit Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“ ist durchaus nachvollziehbar. Auch bei Louis erfährt man viel über soziale Ungleichheiten ohne das Statistiken präsentiert werden müssen. Schnörkellos werden die schlimmen Szenen geschildert und dies mit einer Distanz, welche die psychische Brutalität nur noch mehr unterstreicht. Die Peiniger des Kindes, beziehungsweise jungen Mannes, werden so beschrieben, dass man sich Gedanken über deren Gründe macht und auch ihre Ängste und Probleme aufnimmt. Die Eltern scheitern daran Liebe zu zeigen, da immer wieder auch Demütigungen auftreten. Trotzdem erhalten alle Figuren durch diese Art der Schilderungen eine angemessene Tiefe. Der Vater hofft sogar darauf, dass der Sohn sich aus den prekären Verhältnissen heraus verbessern wird. Im Roman „Das Ende von Eddy“ zeigt der Epilog, dass die Lösung im Abstoßen der Herkunft liegen kann. Die Dorfgesellschaft ist nicht in der Lage ihre Grenzen so auszweiten, dass auch für Eddy genügend Raum besteht.

Im Roman „Im Herzen der Gewalt“ erleben wir eine Hauptfigur, die sich nun im großstädtischen Paris befindet. Doch auch hier erlebt die erzählende Stimme Demütigung und Gewalt. Das Erlebte kann dieses Mal nicht nur von dieser Stimme erzählt werden, sondern es braucht Erläuterungen Dritter. Das Weltbild des Erzählers kann mit dem Ausbruch der Gewalt nur schwer umgehen, er ist mit seiner Sprache am Ende. Damit ist es ihm auch nicht möglich die Deutungshoheit zu erringen. In der Provinz deutete sich Rassismus an, nun wird das Fremde für den Erzähler in Form des gewalttätigen Migranten zur Bedrohung. An keiner Stelle lässt Louis Eindeutigkeiten zu, sondern versucht die Komplexität darzustellen. Auf diesem Wege wird eine poetische Kraft freigesetzt, die einen direkten Blick auf Problemlagen der Gesellschaft frei legt. Unabhängig der autobiographischen Bezüge, werden Bezüge zur Realität gesetzt und Literatur eine politische Relevanz zugewiesen.

Edouard Louis:

Das Ende von Eddy

S. Fischer Verlag

ISBN: 978-3-596-52212-5

Preis: 12,00€

https://www.fischerverlage.de/buch/edouard-louis-das-ende-von-eddy-9783596522125

Edouard Louis:

Im Herzen der Gewalt

S. Fischer Verlag

ISBN: 978-3-596-52269-9

Preis: 12,00€

https://www.fischerverlage.de/buch/edouard-louis-im-herzen-der-gewalt-9783596522699